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Interessensverband-Studie: "2020 sind Atomkraftwerke überflüssig"

Wenn es beim Atomausstieg bleibt, wird Deutschland im Jahr 2020 ohne Kernenergie auskommen müssen. Alles kein Problem, rechnet eine neue Studie des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) vor. Sogar die Preise für den Strom aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasser sollen sinken.

Von Christoph M. Schwarzer

Knapp 640 Milliarden Kilowattstunden Strom haben die Deutschen 2007 verbraucht. Zum Essen kochen, Haare föhnen und Fernsehen. Diese gigantische Menge würde ausreichen, um für jeden Menschen auf der Welt ein Jahr lang einen modernen Kühlschrank zu betreiben. Und sie entspricht der Energie von mehr als einer Milliarde Tankfüllungen eines VW Golf.

Bisher kommen nur 15,3 Prozent des deutschen Stroms aus regenerativen Quellen und davon fast die Hälfte aus Windkraftanlagen. Das Gros liefern immer noch konventionelle Kohle- und Gaskraftwerke (zusammen knapp 60 Prozent). 22 Prozent stammen aus Kernkraftwerken. Was ist, wenn es beim Atomausstieg bleibt, den die rot-grüne Bundesregierung beschlossenen hatte? Gehen dann bald die Lichter aus? Nein, sagt Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Er legt heute in Berlin eine Studie vor. Tenor: "Im Jahr 2020 sind AKW überflüssig". Der BEE ist eine Lobbyorganisation der Unternehmen, die ihr Geld mit grünem Strom machen.

Nur noch ein AKW im Jahr 2020

Wenn der Atomausstieg bestehen bleibt und eine möglicherweise schwarz-gelbe Regierung nicht daran wackelt, läuft 2020 nur noch ein Kernkraftwerk. Wahrscheinlich wird das Neckar-Westheim II sein, vielleicht aber auch Isar II oder Emsland. Dessen Jahresproduktion von neun Milliarden Kilowattstunden würde nicht mal reichen, um eine Stadt wie Hamburg (Jahresverbrauch: 12 Milliarden Kilowattstunden) mit 1,7 Millionen Einwohnern zu versorgen. In der Republik leben aber über 80 Millionen Menschen.

Nach den Prognosen des BEE ist der Wegfall der Kernenergie trotzdem kein Problem. Der Ausbau der Stromproduktion aus Wind, Sonne, Biomasse, Wasser und Geothermie mache das locker wett: 47 Prozent des gesamten Stroms sollen 2020 durch sie gedeckt werden. Allein der Zuwachs der Windenergie von 2007 auf 2008 hat den Wegfall eines ganzen AKW ermöglicht.

Die Lobbyorganisation der Kernenergie, das "Deutsche Atomforum", wollte sich gegenüber stern.de nicht zur Studie äußern, solange diese dort nicht vorlag. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) springt ein: "Die Energiewirtschaft wäre mit einer Laufzeitverlängerung [der AKW] schon sehr zufrieden." Und: "Im übrigen steigt nach Ansicht des BDEW in der Bevölkerung die Akzeptanz für die Kernenergie. Wir erkennen einen Bewusstseinswandel."

Umfrage: 75 Prozent pro Erneuerbare

Einen Bewusstseinswandel sieht auch BEE-Präsident Dietmar Schütz. Allerdings einen zu Gunsten der Erneuerbaren Energien. Dabei beruft er sich auf eine forsa-Studie: "Mehr als drei Viertel der Deutschen wollen eine vollständige Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien. Eine breite Mehrheit will demnach weg von endlichen oder gefährlichen Energieträgern. Die tatsächliche Akzeptanz für die Kernenergie zeigt sich doch ohnehin erst, wenn die Suche nach einem Endlager thematisiert wird."

Wenn 2020 erst 47 Prozent des Stroms aus grünen Quellen kommen und die AKWs fast alle abgeschaltet sein sollen, müssen die restlichen 53 Prozent irgendwo herkommen, um die Energieversorgung zu sichern. Aber woher? "Die Lichter werden in Deutschland nicht ausgehen", sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der staatseigenen Deutschen Energie-Agentur (dena). Die viel zitierte Stromlücke werde es nicht geben. "Um die Versorgung sicher zu machen, brauchen wir als Industriestandort Strom aus Kraftwerken, die gesicherte Leistung liefern, zum Beispiel aus modernen, effizienten Kohlekraftwerken. Dazu muss der Strom zu konkurrenzfähigen Preisen produziert werden." Atomkraft sei tatsächlich verzichtbar, so Kohler, aber das Jahr habe eben 8760 Stunden, während die Sonne nur 1000 Stunden scheine und der Wind nur 1700 Stunden wehe. Bei aller Liebe für die erneuerbaren Energien komme man an der konventioneller Stromerzeugung nicht vorbei.

Stromspeicher müssen ausgebaut werden

Um die Energieversorgung auch an einem kalten Winterabend, also zum Zeitpunkt des größten Stromverbrauchs, im Jahr 2020 sicherzustellen, müssten "die herkömmlichen Kraftwerke mit den Kapazitäten der Pumpspeicherkraftwerke kombiniert werden", erklärt Dietmar Schütz vom BEE. Überhaupt, die Speicher für ungleichmäßig anfallenden Strom aus Wind und Sonne: Sie sind heute schon in großen Mengen vorhanden, nehmen aber zurzeit vor allem überschüssige Energie auf, die nachts in konventionellen Großkraftwerken produziert wird. Und möglicherweise sind in elf Jahren ja auch schon viele Tausend Elektroautos auf den Straßen unterwegs, die quasi als rollende Energiesparlampen Energie aufnehmen und wieder aus ihren Batterien abgeben, wenn sie gebraucht wird.

Subventionen sinken ständig

Der Zuschuss, den jeder Stromkunde heute als Subvention für den Ausbau der erneuerbaren Energie bezahlt, wird immer weiter sinken. Heute zahlt der Verbraucher etwa 0,8 Cent pro Kilowattstunde für die Förderung von Windkraft & Co. Das entspricht etwa fünf Prozent des Preises. 2020 sollen es nur noch zwei Prozent sein, weil der Strom aus den "Renewables" immer billiger wird, während Uran, Öl und Kohle immer teurer werden. Bei der Preissteigerung für die fossilen Rohstoffe war der Bundesverband Erneuerbare Energie erstaunlich zurückhaltend: Als Berechnungsgrundlage für die Zukunftsprognose wird ein Ölpreis von nur 200 US-Dollar pro Fass geschätzt. Zwar liegt dieser aktuell bei 42,60 Dollar. Aber 200 Dollar sind dennoch eine zurückhaltende Schätzung.