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Kommentar zur Flüchtlings-Rede: Gauck schürt Ängste - eine Ohrfeige für alle Helfer

Bundespräsident Joachim Gauck betont bei einer Rede die drohenden Belastungen durch Flüchtlinge. Damit will er wohl Stammtisch-Publikum ansprechen. Doch er dürfte dabei die verlieren, die wirklich anpacken.

Ein Kommentar von Lara Wiedeking

Joachim Gauck spricht mit einer Syrerin

Joachim Gauck wendet sich in seiner Rede auch an die Flüchtlinge: "Nach den Mühen Ihrer Odyssee will ich Ihnen sagen: Sie sind hier sicher." Trotzdem scheint der Sommer der Willkommens-Kultur vorbei zu sein. 

Vielleicht war es ja auch einfach nur gut gemeint. Ein gut gemeinter Rat unseres Bundespräsidenten, der bekanntlich kein Blatt vor den Mund nimmt. Bei seiner Rede zum Auftakt der interkulturellen Woche in Mainz hat Joachim Gauck Deutschland als "Land der Zuversicht" bezeichnet – und während freiwillige Helfer ihr Wochenende opfern und leisten, was der Staat nicht schafft, fehlt Gauck selbst diese Zuversicht. Mit dem Sommer neigt sich offensichtlich auch die Willkommens-Kultur der deutschen Politik dem Ende zu. Warum nur muss ausgerechnet Gauck jetzt so etwas sagen wie: "Unsere Aufnahmekapazität ist begrenzt"?

Gauck nimmt sich seine Rede zum Anlass um über die Flüchtlingsdebatte zu sprechen, und das deutsche Volk auf die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinzuweisen. "Eine Graswurzelbewegung der Menschlichkeit ist eingesprungen, wo der Staat anfangs so schnell nicht reagieren konnte", erkennt Gauck ja auch ganz richtig. Doch mit den Flüchtlingen kämen auch Probleme. Behörden seien überlastet, Integration ein langwieriger Prozess und unter den Schutzsuchenden seien sicherlich auf Fundamentalisten.

Mehr Wertschätzung für die Helden der Flüchtlingskrise

Klar, es sind Fragen, die gestellt werden müssen: Wo werden Flüchtlinge untergebracht? Wie können sie integriert werden? Jobs bekommen, Kita-Plätze und Deutsch lernen? Das Timing des Bundespräsidenten aber, es könnte schlechter nicht sein. Der erste Unmut regt sich wieder an dunkel-beholzten Kneipentresen, unter Geweihen, hinter weißen Spitzengardinen.

Die freiwilligen Helfer, jene Graswurzelbewegung, die jedes Wochenende und nach Feierabend in Unterkünften Regale aufbauen und palettenweise Sachspenden vorbei bringen, sind auf Zuspruch aus der Politik angewiesen. Sie sind schnell und unbürokratisch eingesprungen, als Deutschland noch bewegungslos wie das Reh im Scheinwerferlicht stand. "Die Profis und Ehrenamtler können nicht mehr. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand", zitiert Gauck selber einen Vertreter der nordrhein-westfälischen Kommunen. Umso wichtiger ist Rückhalt in der Gesellschaft und der Politik. Wer sich permanent körperlich für Flüchtlinge einsetzt, Klamotten faltet, und noch gegen die Vorurteile seiner Nachbarn und Freunde anreden muss, ist zu Recht erschöpft.

Wo bleibt die Zuversicht?

Dabei bleibt Gaucks Kritik verhalten. Scheinbar will er trotz allem deutlich ausbalanciert sein. Schön vorsichtig in der Grauzone, damit kein Gefühl von "Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen" aufkommt. Gauck appelliert an Flüchtlinge, sie sollen sich bewusst machen, in einem Land der Menschenrechte und Gleichberechtigung zu sein. Unser Rechtsstaat dulde keine fundamentalistische Gewalt. Es sind die üblichen Stammtisch-Ängste, die Gauck anspricht.

"Inzwischen trauen wir uns, das fundamentale Dilemma dieser Tage offen anzusprechen: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich", betont Gauck in seiner Rede. Endlich, ja. Aber unsere Möglichkeiten sind noch lange nicht erschöpft. 

Gauck sprach auch davon, erlebt zu haben, "wie eine sehr verständliche, menschliche Entscheidung der Bundesregierung auf begeisterte Zustimmung, aber auch auf deutliche Reserve, ja sogar Ablehnung stieß." Aber genau diese Ablehnung gilt es, zu entkräften. Mit klaren Forderungen an die Politik, mit schnellen Entscheidung und mit der Ermutigung der Bürger. Stattdessen betonte Gauck zaghaft Ängste und Grenzen.

Der Bundespräsident scheint nicht an die Bürger, ihre Ausdauer und Hilfsbereitschaft zu glauben. Wenn nicht einmal er für bessere Unterstützung trommelt, wer soll es dann eigentlich dann tun?