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Heidenau ist nicht Deutschland: Meine neuen Nachbarn, die Flüchtlinge

Mitten in der Hamburger Innenstadt sind kurzfristig 1200 Flüchtlinge untergekommen. Während in anderen Ecken Deutschlands der Hass seine hässliche Fratze zeigt, treffen sich hier Anwohner und Asylsuchende zum Grillen. Ein Gänsehaut-Moment, der Mut macht. 

Anwohner und Flüchtlinge feiern ein Grillfest an den Hamburger Messehallen.

Anwohner und Flüchtlinge feiern ein Grillfest an den Hamburger Messehallen.

Die Bilder machen Angst: Im sächsischen Heidenau entlädt sich der Hass rechter Hetzer auf der Straße. Parolen und Flaschen werden geschleudert. Polizisten müssen sich zurückziehen, dieser Gewaltorgie haben sie nichts entgegenzusetzen. Explosionen. Rauchschwaden. So widerlich kann Deutschland sein, man möchte sich schämen. 

Ortswechsel. Auch hier vernebelt Qualm die Sicht. Die Lammkoteletts auf dem Grill räuchern den Platz vor der Gnadenkirche unweit der Hamburger ein. Die Männer am Feuer kommen aus Syrien oder Norddeutschland - wer weiß das schon? Und eigentlich interessiert es auch niemanden. Denn das, was dort auf dem Rost brutzelt, lockt nicht "Anwohner" oder "Flüchtling" an - sondern nur hungrige Menschen. Denn Essen verbindet, Essen ist universell, eine gemeinsame Handlung und Sprache zugleich. 

Anwohner helfen Flüchtlingen - und der Behörde

Seit einigen Tagen sind in den Hamburger Messehallen rund 1200 Flüchtlinge untergekommen. Dort haben sie ein Dach über dem Kopf und werden verpflegt - mehr kann die Behörde nicht bieten, zu überfordert scheinen Bezirk und Stadt von der Masse der Hilfesuchenden.

Flüchtlinge: Wenn aus Fremden Freunde werden
Völkerverständigung

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Also haben Bewohner des Stadtteils selbst die Initiative ergriffen. Sie sammeln Spenden, karren kistenweise Klamotten und Spielzeug zur Messe. Und haben alle eingeladen, gemeinsam auf dem Platz vor der Kirche zu grillen. 

Noch bevor man die Menschen sieht, riecht man das Essen. Und hört die Musik. Syrische Klänge schallen über den Platz, einige tanzen im Kreis, umringt von einer Menschenmenge, die klatscht und die Tänzer anfeuert. Direkt daneben krabbeln Kinder und bemalen den Boden mit Kreide. Auf Bänken und Tischen stehen Salate, Fladenbrot, Kuchen und frisches Obst. Eine Gruppe Frauen unterhält sich auf Englisch und mit Händen und Füßen. Auf der Autowippe toben Kinder und Jugendliche.

Flüchtlinge machen Mut

Hier, im spätsommerlichen Hamburg, findet eine Blaupause für den Umgang mit Flüchtlingen statt. Denn trotz des Sonnenscheins, der Musik, der ausgelassenen Stimmung hat jeder der Anwohner den einen Moment, wenn sich der Gedanke einschleicht: Was diese Menschen schon durchgemacht haben ... 

Und dann sieht man die lachenden Frauen. Die tanzenden Männer. Egal, was Menschen trennt, hier sucht niemand Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten. Die Welt in einer heilen, kleinen Nussschale. Da bittet das kleine Mädchen, das kein Wort Deutsch oder Englisch spricht, mit Kulleraugen um ein Stückchen Kuchen. Und die Anwohner? Sie stehen da, mit einer Schüssel Salat oder einem mitgebrachten Kuchen. Und spüren, wie all das die Kehle zuschnürt, der Kloß im Hals sich nicht mehr wegschlucken lässt, Tränen drücken. Nicht aus Trauer oder Wut oder bloßer Scham, die einem den Atmen rauben. Sondern aus Dankbarkeit. Die Begegnungen an diesem Nachmittag zeigen: Deutschland kann geben, Deutschland kann helfen. Es kostet uns wenig und gibt uns ganz viel. Es verändert uns, aber Angst brauchen wir nicht zu haben.

Und das macht Mut. ist nicht Heidenau.