HOME

Kommentar zur Gewalt in Heidenau: "Ich will nicht mehr mit euch Nazis reden!"

"Weg mit dem Dreck!": Die Hassparolen des rechten Mobs gegen die Flüchtlinge im sächsischen Heidenau erzeugen ein Gefühl in mir, das ich bisher noch nicht kannte: Menschenekel.

Ein persönlicher Kommentar von stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen

Proteste gegen Flüchtlinge in Heidenau: Nazis versammelten sich am Wochenende vor dem Flüchtlingsheim und griffen Polizeibeamte an.

Proteste gegen Flüchtlinge in Heidenau: Nazis versammelten sich am Wochenende vor dem Flüchtlingsheim und griffen Polizeibeamte an.

Vor ein paar Jahren habe ich den Text zu der Kampagne "Du bist Deutschland" geschrieben. "Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen", vielleicht erinnern sich einige. Ich war jung. Brauchte Geld. Aber es war keine Söldnerarbeit. Der Text hat mir etwas bedeutet. Genau wie mir Deutschland etwas bedeutet.

Ich mochte dieses Land immer. Meine Eltern wunderten sich, wenn ich als 10-Jähriger das Bedürfnis hatte, bei der Nationalhymne aufzustehen. Ich tat es. Auch wenn die Freunde meiner Eltern beim gemeinsamen Fußballgucken irritiert waren. Einige sogar protestierten. Heute stehe ich nicht mehr auf, wenn unsere Hymne gespielt wird. Die schlimmen Bilder aus Heidenau zementieren mich auf meinen Stuhl. Auch die Zeilen zu "Du bist Deutschland“ könnte ich heute nicht mehr schreiben.

"Jeder Flüchtling hat mehr Mut und Ehre als alle Nazis"

In Heidenau demonstrieren Menschen gegen Flüchtlinge. Es sind Rassisten. Allesamt. Keine "besorgten Bürger". Keine "Asylgegner". Ein Flüchtlingsheim wurde besetzt. Diese Leute haben aktiv versucht, Busse zu stoppen. Haben mit Steinen auf Menschen geworfen. Haben Polizisten angegriffen und verletzt. Sie haben menschenverachtende Parolen gegrölt. Der Menschenekel, der mich beim Betrachten dieser Bilder überkommt, ist ein neues Gefühl für mich. 

Die Demonstranten skandierten unter anderem "Weg mit dem Dreck!". Bisher war ich der Überzeugung, dass es menschlichen Dreck gar nicht geben kann. Seit dem Wochenende bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wenn Nazis oder mitmarschierende "Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen"-Bürger-Hooligans in den Spiegel schauen – dann sehen sie verschmutzte Seelen. 

Jeder Flüchtling, der die Entscheidung gefällt hat, vor Diskriminierung, Gewalt, Krieg und auch Armut zu fliehen, sein ganzes Leben zurücklässt in der Hoffnung, für sich und seine Kinder ein besseres zu erreichen, der seine Kinder bis zur totalen Erschöpfung kilometerweit getragen hat, hat mehr Schneid, Mut und Ehre als alle Nazis zusammen.

Es beschämt mich zutiefst, dass Menschen zu uns kommen, um Hilfe zu suchen. Eltern ihren Kindern erzählen, dass nach ihrer Ankunft in dem schönen Land Deutschland alles besser wird. Und sie dann von einem grölenden Mob empfangen werden. Die Angst, die Tränen dieser Kinder sind eine Schande. Für Deutschland.

"Ich will wieder Deutschland sein"

Es ist auch müßig, euch Nazis mit Fakten zu kommen. Dass Ausländer im Durchschnitt mehr einzahlen, als sie aus der Staatskasse herausnehmen. Dass Deutschland aufgrund der demographischen Entwicklung Ausländer braucht. Diese Argumente prallen an euch ab. Denn diese Argumente sind von dem naiven Glauben geleitet, dass ihr euch von Fakten beeinflussen lasst. Aber genau das lasst ihr eben nicht. Weil ihr schlechte Menschen seid. Das Gute könnt ihr nicht sehen. Ihr seht nur den Hass.

Und darum will ich mit euch nicht reden.

Ich will euch nicht abholen.

Ich will euch auch nicht mehr verstehen.

Ich will nicht auf euch zugehen.

Ich will nicht, dass demokratische Parteien rechte Sprüche raushauen, um euch einzufangen.

Ich will, dass ihr euren Mund haltet.

Ich will, dass Frau Merkel ihren Mund aufmacht.

Ich will, dass gegen euch vorgegangen wird.

Ich will, dass ihr eine Minderheit bleibt.

Ich will, dass man über euch lacht.

Ich will, dass ihr die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommt.

Ich will, dass ihr nach Hause geht.

Ich will, dass ihr euch schämt.

Ich will wieder Deutschland sein.

Ich will bei der Nationalhymne wieder aufstehen können.

Ich will, dass ihr diese armen Menschen endlich achtet.