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Kanzlerin Merkel in China: Deutschlands devote Chefs

Wirtschaftsforum in Tianjin während der China-Reise von Merkel: Für Deutschlands Topmanager wäre es der Ort gewesen, um die Stimme zu erheben. Doch ihre Zurückhaltung irritierte selbst Wen Jiabao.

Ein Kommentar von Ruth Fend

In Sachen Interessenvertretung waren es beim deutsch-chinesischen Wirtschaftsforum in Tianjin Wen Jiabao und Angela Merkel, die Peter Löscher und anderen ein paar Lektionen erteilten. "Gibt es in China denn auch Mängel in Sachen Gleichbehandlung für ausländische Unternehmen?", hakte Wen nach Löschers vagem Eingangsstatement nach. Woraufhin der Siemens-Vorstandschef nur artig sagte: "Ich sehe es als Zeichen des Vertrauens, dass wir diese Themen bei Ihnen persönlich vorbringen können."

Es war nicht der einzige Moment, in dem Wen oder Merkel die Topmanager aktiv zu Klagen ermutigen mussten. Kurz darauf legte Wen nach: "Sie haben die Probleme ja nicht so direkt angesprochen, aber wir sind sicher, dass wir schon Mängel zu überwinden haben. Da können Sie gern an mich schreiben, das werden wir korrigieren." Mit konkreten Beispielen sprang Merkel dann bei. Man habe doch etwa auf der Hinfahrt Probleme mit Ausschreibungen beim Ausbau des Nahverkehrs besprochen.

Der schleppende Beginn des Wirtschaftsforums ist symptomatisch für den Auftritt deutscher Unternehmen in China. Sicher, irgendwann kamen sie dann doch, die Beispiele für behinderten Marktzugang, für zähe bürokratische Prozesse oder Patentärger. Doch noch vor zwei Jahren hatte der damalige BASF-Chef Hambrecht bei gleicher Gelegenheit ganz andere Töne angeschlagen. "So stelle ich mir eine Partnerschaft nicht vor", polterte er da. Löscher dagegen duckte sich dieses Jahr sogar nach ausdrücklicher chinesischer Bitte um Kritik weg.

Chinesen zunehmend herablassend

Der veränderte Tonfall hat nicht etwa damit zu tun, dass sich das Geschäftsklima für deutsche Unternehmen in China so gewaltig gebessert hätte. Im Gegenteil. Unter der Hand erfährt man, dass sich die Konzernchefs nach (nicht öffentlichen) Gesprächen mit chinesischen Unternehmern und Politikern zunehmend frustriert über ihre immer herablassender auftretenden chinesischen Partner äußern. Auch in anonymen Umfragen der Handelskammern in Peking tauchen Probleme wie Ungleichbehandlung und bürokratische Hürden regelmäßig nahezu unverändert auf. Die CEOs haben sich offenbar entschieden, in der Öffentlichkeit zu schweigen.

Die Angst, im Gastland irgendwie unangenehm auffallen zu können, ist omnipräsent. Das gilt nicht nur für Spitzenbegegnungen wie die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen. Es gibt auch kaum einen Ort, wo ausländische Unternehmen sich gegenüber der Presse so schmallippig geben wie in China. Bloß nichts sagen, was nach Regierungskritik klingen könnte - schließlich hofft man auf die Lizenz für das nächste Produktionswerk.

Airbus-Auftrag für Merkel-Versprechen

Die deutsche Politik findet gegenüber dem aufstrebenden Land derzeit klarere Worte als die deutsche Wirtschaft. In der Sache allerdings kommt auch Berlin China stark entgegen - selbst wenn fraglich ist, ob Peking das mit gleicher Währung zurückzahlt.

Von Merkels Versprechen, eine Anti-Dumping-Klage der EU gegen chinesische Solarunternehmen verhindern zu wollen, waren die chinesischen Unternehmen geradezu euphorisiert. Dafür bekam zwar Airbus seinen Auftrag für den Bau von 50 Flugzeugen, die im Werk von Tianjin zusammengeschraubt werden - der in Peking so verhassten Emissionsabgabe für Airlines zum Trotz. Für ihren Widerstand gegen eine Anti-Dumping-Klage hätte Merkel aber eigentlich noch mehr verdient: dass die Chinesen ihren Widerstand gegen die Emissionsabgabe aufgeben. Doch darauf deutet noch gar nichts hin.

FTD