Karstadt-Krise Niemand blickt mehr durch bei Arcandor


Wirrwarr um den Zustand von Arcandor: Laut einem Gutachten im Auftrag des Bundes soll die Lage der Karstadt-Mutter deutlich kritischer sein als bisher gedacht. Von den Gläubigerbanken beauftragte Wirtschaftsprüfer bescheinigen dem Konzern dagegen Sanierungsfähigkeit. Arcandor hat derweil staatliche Rettungsbeihilfe beantragt.

Über die Lage beim Handels- und Touristikkonzern Arcandor gibt es offenbar widersprüchliche Einschätzungen: Nach einem Bericht des "Handelsblatts" geht es dem Essener Unternehmen deutlich schlechter als bisher angenommen. Ein Gutachten, das die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse-Coopers (PwC) im Auftrag der Bundesregierung angefertigt hätten, bescheinige dem ehemals unter Karstadt-Quelle firmierenden Unternehmen nur noch eine geringe Überlebensfähigkeit. "Von dem kreditgebenden Konsortium wurde uns für Arcandor eine Ein-Jahres-Ausfallwahrscheinlichkeit von 20 Prozent mitgeteilt", zitiert das Blatt aus dem Papier. Entsprechend hoch wäre im Falle einer Staatsbürgschaft die Gefahr, dass der Steuerzahler bereits in den ersten zwölf Monaten zur Kasse gebeten würde.

Anders als am Mittwoch von Arcandor-Finanzvorstand Rüdiger Günther dargestellt, besitze Arcandor offenbar keineswegs mehr ein Eigenkapital von rund 1,2 Milliarden Euro. Denn seit dem letzten Konzernabschluss im September 2008 habe sich der Bestand laut PwC-Gutachten auf 177 Millionen Euro reduziert. Dem Konzern droht der Zeitung zufolge damit neben der Zahlungsunfähigkeit auch die Überschuldung, sollte der Konsortialkredit bis zum 12. Juni nicht wunschgemäß verlängert werden.

Dagegen berichtet die "Welt", Arcandor sei nach Ansicht von Wirtschaftsprüfern zu retten. "Nach unserer Auffassung ist das uns vorgelegte Konzept schlüssig und nachvollziehbar. Das Unternehmen ist unter den im Konzept genannten Bedingungen sanierungsfähig", zitiert das Blatt aus einem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Die kreditgebenden Banken hatten das Gutachten dem Bericht zufolge in Auftrag gegeben. Damit solle überprüft werden, ob das von der Beratungsgesellschaft Roland Berger ausgearbeitete und von Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick vorgestellte Sanierungskonzept erfolgversprechend ist.

Voraussetzung für eine dauerhafte Sanierung seien laut KPMG beispielsweise "Beiträge Dritter", also vor allem der Verzicht von Lieferanten oder Vermietern auf Teile von Zahlungen. Auch Projekte wie der Verkauf der drei Premium-Warenhäuser KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger innerhalb von drei Jahren seien notwendig.

Staatliche Rettungsbeihilfe soll Liquidität sichern

Arcandor hat unterdessen Antrag auf 437 Millionen Euro staatliche Rettungsbeihilfe gestellt. Das Schreiben sei in der Nacht an die Bundesregierung in Berlin und die EU-Kommission in Brüssel verschickt worden, teilte ein Konzernsprecher am Freitag mit. Der Kredit soll die notwendige Liquidität für die nächsten sechs Monate sichern. "Nach den Regularien der Rettungsbeihilfe kann dieser Kredit von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sehr kurzfristig genehmigt und auch ausgezahlt werden", heißt es in der Mitteilung. Eine Rettungsbeihilfe muss von der EU-Kommission genehmigt werden und ist an strenge Auflagen geknüpft.

Parallel will Arcandor weiterhin mit dem Metro-Konzern über eine Zukunft für das Warenhausgeschäft verhandeln. "Die finanzielle Stabilisierung des Konzerns ist Voraussetzung dafür, in gemeinsamen Gesprächen mit der Metro AG ein betriebswirtschaftlich sinnvolles Konzept zu erarbeiten und konstruktiv zu gestalten", erklärte Arcandor.

Unabhängig vom aktuellen Kreditantrag bemüht sich das Unternehmen beim Bund um eine Staatsbürgschaft in Höhe von 650 Millionen Euro. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick betonte, Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier hätten dem Unternehmen "in persönlichen Gesprächen die Hand gereicht und uns diese Lösung empfohlen".

DPA/Reuters DPA Reuters

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