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Körperscanner: Nackt, und doch nicht nackt

Bis Mitte des Jahres will die Bundesregierung entscheiden, wie Passagierkontrollen sicherer werden sollen. Herstellern von Körperscannern winken Milliardenaufträge. Ein Institut aus Jena rechnet sich besondere Chancen aus.

Von Jens Brambusch

Als Jürgen Popp am ersten Weihnachtsfeiertag von dem versuchten Anschlag auf den Northwest-Flug 253 nach Detroit hörte, ahnte er nicht, wie sehr das Ereignis sein Leben und seine Arbeit beeinflussen wird. "Mein erster Gedanke war: Oh, da sind ja irgendwo große Sicherheitslücken. Aber da wusste ich noch nicht, dass der Sprengstoff einfach durch die Sicherheitskontrolle geschmuggelt worden war", sagt er. Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und lächelt verschmitzt: "Als das bekannt wurde, war klar: Jetzt wird es interessant. Auch hier."

Hier, das ist das Institut für Photonische Technologien (IPHT) in Jena, Popp ist der Direktor. Rund 60 Wissenschaftler arbeiten hier, sechs von ihnen tüfteln seit fünf Jahren an der sogenannten Terahertztechnik als bildgebendem Verfahren. Körperscanner heißen die Geräte eigentlich. In der Debatte, die gerade um sie tobt, kennt man sie vor allem als Nacktscanner.

Bausatz aus dem Hause Daniel Düsentrieb

Popp führt den Apparat gern vor. Futuristisch mutet er an, kompliziert, ein wenig wie ein Bausatz aus dem Hause Daniel Düsentrieb. Kaum stellt Popp sich vor die Linse, erscheint sein Umriss auf einem Monitor, unscharf und schillernd bunt. Wenn Popp sich bewegt, bewegt sich auch die Kontur auf dem Computer. Keine Frage, das ist der Direktor. Und er hat eine Pistolenattrappe unter seinem Shirt versteckt - die Kamera verrät es jetzt. Wäre ein solcher Scanner am Amsterdamer Flughafen Schiphol zum Einsatz gekommen, der 23-jährige mutmaßliche Al-Kaida-Terrorist Umar Faruk Abdulmuttalab wäre beim Einchecken auf- und nicht mit den 290 Passagieren davongeflogen.

Ob, und wenn, wann deutsche Flughäfen mit dieser neuen Sicherheitstechnologie ausgerüstet werden, soll bis Mitte des Jahres entschieden sein. Das hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Sonntagabend gesagt - und drei Bedingungen genannt: Die Scanner müssten leistungsfähig sein, dürften nicht die Gesundheit gefährden und nicht die Persönlichkeitsrechte verletzen. "Wenn die drei Voraussetzungen vorliegen, dann können wir über den Einsatz entscheiden, möglichst europaweit", so de Maizière.

"Das ist jetzt endlich mal was zum Anfassen"

Europaweit! Das klingt nach einem riesigen Geschäft. Nach Aussage von Popp gibt es eigentlich nur ein System, das alle diese Anforderungen erfüllt: seins! Es basiert auf Terahertzstrahlen, Strahlen die jeder Körper abgibt. Nur in Finnland gebe es ein Institut, das auch auf diesem Gebiet forscht. "Aber die sind noch lange nicht so weit wie wir." Popp ist glücklich, dass sein Institut etwas hervorbringen könnte, für das es eine konkrete Nachfrage gibt. "Das ist jetzt endlich mal was zum Anfassen", sagt er. "Nicht wie so oft in der Grundlagenforschung. Man entwickelt ein Verfahren, schreibt ein Paper, und gut ist." Es gebe viele tolle Erfindungen in Deutschland. "Aber oft fehlt der letzte Schritt in den Markt."

Sichere Zahlen, wie groß der Markt für Körperscanner ist, gibt es nicht, aber manche Schätzung, die im Umlauf ist, klingt verheißungsvoll. Auf 9 Mrd. Euro kommt eine, die den Bedarf für Sicherheitsprodukte allein in Europa zusammenfasst. Nicht nur in Jena verspricht man sich lukrative Aufträge, auch das Fraunhofer-Institut für Angewandte Festkörperphysik in Freiburg entwickelt einen Detektor, der Sprengstoffspuren entdeckt. Die Wiesbadener Firma Smith Heimann, die bereits Erfahrungen bei der Produktion von Gepäckscannern hat, will ebenfalls ein Gerät zur Überprüfung von Passagieren ins Sortiment nehmen. Die Polizei teste den Scanner gerade, heißt es bei dem Unternehmen, eine öffentliche Präsentation sei derzeit nicht möglich.

Terahertzkamera gesundheitlich unbedenklich

Vor zwei bis drei Jahren, so genau kann Popp es gar nicht datieren, entstand in Jena die Idee, die Terahertztechnik auch für die Durchleuchtung von Flugpassagieren zu nutzen. Das Prinzip ist relativ einfach: Jeder Körper strahlt Wärme ab - auch im Terahertzbereich. Textilien lassen diese Strahlen, deren Wellenlänge zwischen Infrarotlicht und Mikrowellen liegt, ungefiltert durch. Die Jenaer Forscher entwickelten daraufhin eine Methode, wie die aufgefangenen Strahlen in Bilder umgesetzt werden können. Anders als auf Geräten, die bereits in den USA eingesetzt werden, sieht man bei diesem Verfahren keine Tiefenschärfe, keine Schatten, nur eine Kontur. Am Körper versteckte Gegenstände wie etwa Waffen, aber auch Sprengstoffpäckchen oder ein Pulver werden auf dem Monitor als Umrisse dargestellt.

Gesundheitlich sei die Terahertzkamera völlig unbedenklich, sagt Popp. Schließlich werde nur die vom Körper ausgehende Strahlung gemessen. Bei den bislang eingesetzten Geräten der US-amerikanischen Hersteller werden die Passagiere äußerer Strahlung ausgesetzt, ähnlich wie in einem Röntgenapparat. Doch dieser Unterschied ist für den Wissenschaftler nicht der entscheidende.

Kein Hüftspeck zu sehen

Viel höher schätzt er den Vorteil, dass beim Jenaer Verfahren die Passagiere auf dem Bildschirm nicht mehr von sich preisgeben als unbedingt erforderlich. Beim klassischen Nacktscanner sieht der Betrachter den Hüftspeck wie Gardinen über den Gürtel schwappen, die Reiterhosen, den künstlichen Darmausgang. Dabei geht es um weit mehr als um Eitelkeiten. Vor allem muslimische Reisende, die besonders große Scheu davor haben, sich ohne Verhüllung zu zeigen, könnten eine Überprüfung per Wärmebild eher akzeptieren als eine Durchleuchtung, bei der die Körpersilhouette sichtbar wird.

Unter Testbedingungen hat sich die Terahertzkamera bereits bewährt. Es gibt nur einen Haken. Bislang kann der hochsensible Chip, das Herzstück der Kamera, nur im Labor des Instituts hergestellt werden. Eine Massenproduktion sei allerdings erst in zwei Jahren möglich, sagt Popp. Partner in der Region hat der Institutsdirektor bereits gefunden. Der Hightech-Konzern Jenoptik soll die Kamera herstellen, Supracon, ein Spin-off des Instituts, die Technik. Ein Gerät soll zwischen 100.000 Euro und 150.000 Euro kosten.

Joker im Ärmel: Weitfeldüberwachung

Doch werden die Politiker in Berlin mit dem Entschluss für ein verbindliches Verfahren so lange warten? Fällt die Entscheidung zugunsten der Technologie eines Wettbewerbers, dann ist der Markt für viele Jahre verloren. Aber Popp hat noch einen Joker im Ärmel, der die Entscheider in den Gremien überzeugen soll. Bei dem in seinem Institut entwickelten Verfahren müssen die Fluggäste nicht einzeln überprüft werden. Stattdessen gehen sie durch ein sogenanntes Sicherheitsgate - einen Bereich, der etliche Meter lang und breit ist und in dem mehrere Kameras die Passagiere auf dem Weg zu ihrem Flug scannen. Keine Verzögerung. Keine Belästigung. Keine Röntgenkabine. "Weitfeldüberwachung" nennt Popp das Prinzip.

Das Jenaer Verfahren könnte zudem auch mit anderen Techniken ergänzt werden, zum Beispiel biometrischen Kameras, die die Gesichter der Fluggäste erfassen und mit Registern vergleichen. Eine Terahertzkamera würde einen Blick unter die Kleidung werfen, eine Wärmekamera feststellen, ob der Passagier an neuralgischen Stellen der Sicherheitskontrolle nervös wird. Dann steigt die Körpertemperatur, zwar minimal, aber mit der entsprechenden Technik messbar. Zukunftsmusik, die Popp in Teilen auch nicht ganz geheuer ist, an der er aber mitkomponieren will. Am Erfurter Flughafen wird die Terahertzkamera demnächst getestet, auch der Airport Leipzig-Altenburg hat Interesse angemeldet. Bundeswehr und Bundespolizei haben das Gerät bereits erprobt - vor dem versuchten Anschlag an Weihnachten.

Popp macht der Zeitdruck zu schaffen. Ausgerechnet jetzt, wo es auf jede Minute ankommt, müssen seine Forscher dauernd Anfragen zur Technologie beantworten, statt den Prototyp voranzutreiben, die Pixelzahl zu verbessern, die Aufnahmegeschwindigkeit zu erhöhen. Andererseits freut er sich über das Interesse an seinem Projekt. Und wer weiß, vielleicht ist irgendwann auch der Anruf der entscheidenden Behörden und Ministerien dabei.

FTD