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Kommentar: Sat.1 - nicht mal Doping hilft

Selbst im größten Desaster findet einer noch schöne Worte: Nicht immer zähle nur die Quote, gibt der Chef der Senderkette ProSieben-Sat.1, Guillaume de Posch via "Spiegel"-Interview zu bedenken. Nein, "es gibt auch Marketing-Coups."

Von Johannes Röhrig

De Poschs erster Marketing-Coup der vergangenen Woche war, wenn man so will, die Streichung von 180 Jobs zu beschließen, ohne es den Betroffenen rechtzeitig mitzuteilen. Seine zweite Reklame-Rakete dieser Art ließ er bei Sat.1 los, in dem er die Info-Magazine aus dem Programm warf. Grund: zu teuer. So schaffte es der Sender-Dirigent binnen Tagen, das Privatfernsehen in der Wahrnehmung wieder dahin zu rücken, wo es herkam: in die Trash- und Tralala-Abteilung. Den schönsten Knaller aber zündete er mit der Übertragung der Doping-Tour de France, nachdem ARD und ZDF die Kameras abmontiert hatten. Sat.1 erreichte mit den Radrennbildern zwischen 4,7 und sieben Prozent Marktanteil. Mit anderen Worten: Die Sendung lief am Zuschauer bisher total vorbei. "Coup" heißt wörtlich übersetzt soviel wie "Faustschlag", "Ohrfeige". So kann man das Wegzappen der Zuschauer auch verstehen.

Was derzeit mit dem Pionier des deutschen Privatfernsehens geschieht - Sat.1 startete 1984 einen Tag vor RTL - ist bemerkenswert. Dabei geht es nicht allein um Sendungen wie "Sat.1 am Mittag", die dem Rotstift nun zum Opfer fielen. Wenn man ehrlich ist, sie waren noch nie die Krönung des deutschen TV-Journalismus. Es ist vielmehr die Art, wie die neuen Eigner des Kanals mit Programm generell umgehen, die alarmiert.

Gut bezahlt und ahnungslos

Seit geraumer Zeit beherrschen internationale Finanzinvestoren - Vize-Kanzler Franz Müntefering verglich sie einst mit Heuschrecken - die Senderkette um Pro Sieben und Sat.1. Das ändert die Gepflogenheiten des Geschäfts: Während die werbefinanzierten Kanäle mit zunehmender finanzieller Ausstattung früher nicht nur an Popularität, sondern auch an Qualität gewannen und so gelegentlich auch die altersmüden TV-Schwestern ARD und ZDF vor sich hertrieben, dominieren nun verstärkt Renditevorgaben die Sendersteuerung. Im Aufsichtsrat der ProSieben- Sat.1 Media AG sitzen 15 Manager, gut bezahlt, die meisten von Anlagefirmen entsandt. Sie alle können sicher glänzend rechnen. Doch im deutschen TV- und Programm-Markt kennt nicht ein Einziger wirklich aus.

Im Vorstand sieht das nicht viel anders aus. An der Spitze steht der Belgier Guillaume de Posch, ein unauffälliger, aber effizienter Ausführungsgehilfe seiner Geldgeber. Ein Zeremonienmeister der Finanzwelt. Als Pro Sieben und Sat.1 vor wenigen Monaten von einem Investor (dem US-Milliardär Haim Saban) mit hohem Profit an die nächsten Anlagefirmen weiterverkauft wurden, zeigte sich Saban dankbar und überwies Monsieur de Posch einen Bonus von angeblich fast 20 Millionen Euro. Ein bisschen erinnern solche Millionen-Geschenke an die umstrittenen Bonus-Zahlungen im Mannesmann-Prozess.

Wieviel Milliarden sind drin?

Nun sind die nächsten Heuschrecken bei Sat.1 am Ruder: Sie heißen KKR und Permira; sie haben den Sender-Verbund hoch verschuldet; sie wollen ihn zu einem europaweiten TV-Netz ausbauen; und sie wollen wieder Kasse machen. Eine Milliarde mehr oder zwei müssten schon drin sein. Das wäre ein Coup.