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Kriminalität: Der Kiez-Clan und die Kleinstadtbank

Seit 15 Jahren ermittelt die Hamburger Polizei gegen Mitglieder der Familie Osmani. Doch der Verdacht, der Clan bilde den Kopf der organisierten Kriminalität in der Hansestadt, konnte nie bestätigt werden. Ein erstes Gerichtsverfahren bringt nun Bewegung in den Fall.

Von Kerstin Schneider

Sie passten ihn nachmittags ab, vor seinem gelben Backstein-Bungalow in Lauenburg. In einer Siedlung mit Einfamilienhäusern, wo hinter den Jägerzäunen Stiefmütterchen blühen und die Nachbarn gern hinter den Gardinen stehen. Carsten Heitmann, ein hochgewachsener Mann mit Brille, ergrautem Blondschopf und auffallend buschigen Augenbrauen, kam gerade vom Einkauf zurück, als ihn die Polizisten ansprachen. "Sie sollten mal lieber die richtigen Leute festnehmen", gab er zurück. Ungerührt führten sie den 64-Jährigen, der jahrzehntelang Direktor der örtlichen Volksbank gewesen war, ab. Und schafften ihn von Lauenburg nach Lübeck, wo er die Nacht in einer Zelle verbrachte. Am nächsten Morgen ordnete ein Haftrichter Untersuchungshaft an - wegen Fluchtgefahr und Verdachts der Untreue in besonders schwerem Fall. Sollten sich die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft Lübeck jetzt in einer fast 50-seitigen Anklageschrift gegen ihn und seine mutmaßlichen Komplizen zusammengetragen hat, vor Gericht beweisen lassen, drohen dem Banker bis zu zehn Jahre Haft. Carsten Heitmann soll, gemeinsam mit seinem Stellvertreter Jens-Dietrich Sch., dem früheren Anwalt und SPD-Kommunalpolitiker Hauke Hillmer sowie einem weiteren Mitglied des Aufsichtsrates, die Volksbank Lauenburg regelrecht ausgeplündert haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft brachte er das genossenschaftliche Geldinstitut mit faulen Millionenkrediten an den Rand des Ruins. Und schusterte sich laut Staatsanwaltschaft auch noch selbst etwa 700.000 Euro zu. Am Ende musste der sogenannte Feuerwehrfonds, die Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, fast 60 Millionen Euro in die Volksbank Lauenburg pumpen, um sie vor der Pleite zu retten.

Zwischen Rotlichtmilieu und Balkan

Doch die Anklage erzählt mehr als nur die Geschichte eines Mannes, der seine Bank offenbar zum Selbstbedienungsladen umfunktionierte. Es geht darin auch um das Hamburger Rotlichtmilieu, um dubiose Bauprojekte auf dem Balkan - und vor allem um zwei Brüder, die nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft von dem sagenhaften Geldregen aus Lauenburg profitiert haben sollen: Bashkim und Burim Osmani, zwei gebürtige Albaner, die in Hamburg wohnen - und die schon seit Jahren im Visier der Polizei stehen. Burim Osmani, 43, der zurzeit in anderer Sache wegen des Verdachts der Beihilfe zum Betrug in U-Haft sitzt und wegen Steuerhinterziehung vorbestraft ist, gilt in der Hansestadt als heimlicher König der Reeperbahn. Nur Kiez-Legende Willi Bartels soll mehr Grundstücke auf der "geilen Meile" besitzen. Bruder Bashkim, 40, betreibt eine Disco und ein Restaurant an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen sowie eine Vielzahl anderer Firmen.

Auch die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt wegen der verschwundenen Millionen aus Lauenburg - gegen Bashkim und Burim Osmani sowie den Ex-Anwalt Hauke Hillmer, der inzwischen, wie Ex-Bankdirektor Heitmann, in Haft sitzt. Der Verdacht der Hamburger Beamten: Die Brüder sollen mit Hillmer eine kriminelle Vereinigung gebildet haben, um an die Millionen aus der Volksbank in der holsteinischen Provinz zu kommen.

BND-Bericht "erwiesenermaßen falsch"

Schon seit Jahren sorgt die Familie Osmani in Hamburg immer wieder für Schlagzeilen. Zuletzt im Sommer 2006: Ein interner Lagebericht des Bundesnachrichtendienstes (BND) rückte die Osmani-Brüder in die Nähe der organisierten Kriminalität. Gerhard Strate, der prominente Anwalt der Familie, wiederholte vor der Presse daraufhin immer wieder, dass der BND-Bericht "erwiesenermaßen falsch" sei. Da würden, so Strate, seine Mandanten mit Delikten wie Schutzgelderpressung, Rauschgifthandel und Prostitution in Verbindung gebracht: "Davon stimmt nichts." Das BND-Papier habe für ihn die Qualität einer "stillen Post beim Kindergeburtstag". Vier Osmani-Brüder waren Ende der 70er Jahre aus Djakovica im Kosovo nach Hamburg gekommen. Bashkim Osmani sagt: "Wir stammen aus einer wohlhabenden Familie und waren schon in der Heimat unternehmerisch tätig." Allein das Immobilienvermögen der Geschwister taxiert der BND auf 250 Millionen Euro. Seit mehr als 15 Jahren ermittelt die Dienststelle für organisierte Kriminalität der Hamburger Polizei immer wieder gegen den Clan. Bislang ohne nennenswerten Erfolg. Es gibt Hunderte von Aktenseiten, aber kaum Urteile. 1999 wurde Bashkim Osmani wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter Nötigung zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt. Damals ging es darum, wie er seine Schulden einzutreiben pflegte. "Die Familie hat ein Gewaltmonopol errichtet, das jeder zu spüren bekommt, der sich nicht danach richtet", hatte ein Oberstaatsanwalt in der öffentlichen Hauptverhandlung gesagt. Dennoch ließ Osmani einer Zeitung verbieten, diese Äußerung zu wiederholen.

Jeder, der es wagt, negativ über die Familie zu berichten, bekommt es mit ihren Anwälten zu tun. Das sind meist die besten und teuersten. "Unsere Familie wird zu Unrecht verfolgt und verunglimpft", sagt Bashkim Osmani, "und dagegen wehren wir uns." Anwalt Gerhard Strate stellt fest: "Wer 15 Jahre lang im Zusammenhang mit der Familie von organisierter Kriminalität redet, aber keine Ermittlungserfolge nachweisen kann, muss sich fragen, ob er eine kriminalistische Fährte verfolgt oder ob eher im Kaffeesatz gelesen wird." "Es gab immer viele Indizien, aber nie Beweise", klagt ein ehemaliger Hamburger Ermittler, "wir wurden immer schnell zurückgepfiffen - es war, als ob über diesen Leuten eine schützende Hand lag." Michael Neumann, Fraktionschef der Hamburger SPD, wird da deutlicher: "Der Clan ist eine Krake, deren Tentakel nicht vor Parteigrenzen haltmachen."

Zum Beispiel Mario Mettbach, Ex- Bausenator und ehemaliger Zweiter Bürgermeister Hamburgs. Der Senator a. D. pflegte als Unternehmensberater enge Kontakte zu Burim Osmani. Und war gleichzeitig unter Vertrag bei der landeseigenen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Der Vertrag wurde gelöst, als sein enger Draht zu den Osmanis ruchbar wurde. Aber Mettbach war nicht der einzige Politiker, der sich im Umfeld der Brüder bewegte. Da war auch noch der Anwalt Walter Wellinghausen, dessen Kanzlei-Kollege Norbert John den Osmanis jahrelang juristisch beistand. Als Wellinghausen unter Innensenator Ronald Schill zum Staatsrat (= Staatssekretär) der Innenbehörde aufstieg, warf ein Leitender Kriminalbeamter entnervt das Handtuch. Angeblich, weil er kein Vertrauen zu Wellinghausen hatte. Wellinghausen war empört. Er habe in seiner Kanzlei nie selbst mit den Osmanis zu tun gehabt, betonte er. Vielleicht ist die Lübecker Anklage gegen Heitmann und Konsorten nun so etwas wie ein Dammbruch. Derzeit jedenfalls bauen die Ermittler in Hamburg - rund 30 Beamte sind in der Soko "Peanuts" dafür abgestellt - auf die Erkenntnisse aus dem Volksbank-Fall. Denn sie wissen: Schon einem wie Al Capone wurde erst eine relativ läppische Steuerhinterziehung zum Verhängnis.

Die Zahl der Wohnungseinbrüche stieg drastisch

Die Anklageschrift liest sich wie die Story eines Bankraubes. Nur trugen die mutmaßlichen Räuber keine Sturmhauben, sondern verbargen sich hinter den Masken von Biedermännern. Sie mussten keine Waffen zücken, um an die Beute zu kommen, sie mussten die Zahlungen nur abnicken. Lauenburg liegt an der Elbe: eine malerische Kleinstadt in Schleswig-Holstein, 50 Kilometer östlich von Hamburg. Knapp 12.000 Einwohner, ein Künstlerhaus, ein Museum für Elbschifffahrt und das beheizte Freibad "Am Kuhgrund". Ein ruhiges Pflaster. Auch aus polizeilicher Sicht. In der Kriminalitätsstatistik sticht nur die Zahl der Wohnungseinbrüche hervor, weil sie im vergangenen Jahr drastisch gestiegen ist. Um fast 70 Prozent. Auf 27.

Die Volksbank Lauenburg ist ein rot geklinkerter 70er-Jahre-Bau am Ende der Fußgängerzone. Vor Jahren noch gehörte sie zu den erfolgreichsten Volksbanken Deutschlands. War schuldenfrei, galt als vorbildlich geführt. Filialleiter Carsten Heitmann genoss den Ruf eines besonders knickrigen Bankers. "Von dem kriegt man doch nur einen Kredit", unkten Geschäftsleute, "wenn man den gleichen Betrag auf dem Sparbuch hat." Und auch die elf Angestellten der Bank klagten über ihren knauserigen Chef. "Er trug immer die gleichen Sachen. Dunkle Hose, weißes Hemd, dunkelblauer oder weinroter Pullunder, dazu eine viel zu kurze Krawatte." Heitmann sparte, wo es nur ging. Wenn es in der Schalterhalle zu staubig wurde, drückte er schon mal einer Angestellten den Besen in die Hand. Die Handtücher aus der Toilette nahm er mit nach Hause, wo seine Frau sie in die Waschmaschine steckte.

Heitmann hatte sich vom Lehrling zum Filialleiter hochgerackert, saß jeden Morgen schon um kurz vor sieben am Schreibtisch. Wie die ganze Bank war auch das Büro des Direktors spartanisch eingerichtet. Nirgendwo stand ein Rechner, nirgendwo ein Bildschirm. "Ich brauche keinen Computer", fuhr Heitmann einen Angestellten an, als der vorschlug, die Bank auf EDV umzustellen, "ich habe alle Daten im Kopf." Selbst Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker kamen ihm nicht ins Haus. Abends saß Heitmann manchmal bis 20, 21 Uhr im Büro. Er war erfolgreich und verdiente prächtig, zuletzt 360 000 Euro im Jahr, hatte eine nette Frau und zwei aufgeweckte Kinder, wohnte im eigenen Haus - und doch wirkte er auf seine Angestellten "wie einer, der sich fragt, ob das schon alles gewesen ist". Neben seinem Beruf gab es nur eine Sache, für die sich Heitmann begeistern konnte: Fußball. Er kickte im Nachbarstädtchen bei den Senioren und hatte eine HSV-Dauerkarte.

Er wollte endlich eigene Geschäfte machen

Ende 1999 wurde der Rechtsanwalt Hauke Hillmer in den Aufsichtsrat der Volksbank Lauenburg gewählt. Hillmer, ein weltläufiger Typ mit graumeliertem Haar und einer Vorliebe für Cashmere-Sakkos, hatte neun Jahre lang für die SPD im Rat der Stadt Geesthacht gesessen. Sein Geld jedoch verdiente der Anwalt mit Immobiliengeschäften. Heitmann, so sagen Bekannte, "wollte endlich auch eigene Geschäfte machen". Hauke Hillmer schien dem biederen Banker dafür offenbar genau der richtige Mann zu sein. Immerhin hatte der schon den eleganten "Harbour Cube" in Hamburgs neuer Hafen-City realisiert, der einen grandiosen Blick auf die Elbe und Hamburgs künftiges Wahrzeichen, die Elbphilharmonie, bietet. Heitmann ahnte nicht, dass er mit Hillmer und den Osmanis an Leute geraten war, die offenbar genau so einen gesucht hatten wie ihn. Einen, der den Geldhahn öffnen konnte, wann immer sie wollten.

Zunächst, so die Ermittler, stieg Heitmann in eine Mineralwasserquelle ein, die Hillmer gehörte. Zusammen mit zwei anderen Partnern gründeten Hillmer und Heitmann mehrere Firmen, die diese Mineralquelle in Italien unterhielten und den Vertrieb des exklusiven Tafelwassers in Deutschland organisierten. Die Unternehmen aber verschlangen enorm hohe Summen. Deshalb sollen sich Heitmann, Hillmer und die beiden Partner einen Kredit über zehn Millionen Euro gegönnt haben - für jeden ein Viertel. Kreditgeber war, klar, die Volksbank Lauenburg, die Genehmigung reine Formsache: Heitmann war schließlich der Chef der Bank, Hillmer und einer der Partner im Mineralwassergeschäft saßen im Aufsichtsrat. Im Kreditvertrag sollen laut Ermittlungen weder Tilgung noch Zinszahlung geregelt worden sein.

Jetzt führte das charmante Schlitzohr Hillmer den Provinzbank-Boss in spezielle Hamburger Kreise ein und stellte ihn Burim und Bashkim Osmani vor. Mit Letzterem verstand sich Heitmann auf Anhieb bestens. Der eloquente Albaner hatte wie er ein Faible für Fußball, war sogar Teilhaber einer Firma, die Bundesligaspieler vermittelte. Heitmann und Osmani trafen sich fortan beim HSV, schon bald bot der eher zugeknöpfte Banker seinem neuen Freund das Du an, der durfte ihn sogar "Heidi" nennen - ein Spitzname, den nur enge Freunde kannten. Heitmann besuchte Osmani auch auf dessen Landsitz auf Mallorca. Und immer öfter parkten nun hinter der Volksbank die Edelkarossen der Osmanis: ein dunkler Maserati oder ein Porsche Cayenne. Das Kreditvolumen der Provinzbank explodierte von 2001 bis 2006 von 23 Millionen auf mehr als 100 Millionen, immerhin das Zehnfache ihres Eigenkapitals. Auffällig auch, dass Heitmann den Löwenanteil von etwa 90 Millionen Euro an nur 53 Kreditnehmer verlieh, wie die Kripo später akribisch zurückverfolgte. Die restlichen zehn Millionen Euro teilten sich 700 Kleinkunden.

Er unterschrieb blanko Kreditantrag und Überweisungsträger

Heitmann trug nun keine Anzüge von der Stange mehr, sondern teuren Zwirn. Wenn Kollegen ihn fragten, wo er denn die finanzkräftigen Kunden kennenlerne, antwortete er: "In der VIP-Lounge des HSV." Hatte er da endlich gefunden, wonach er womöglich immer gesucht hatte? Anerkennung in der feinen Welt des großen Geldes und des runden Leders. Dafür ließ er nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in seiner Volksbank offenbar die Zügel schleifen. Im August 2002 überredete Hauke Hillmer laut Anklage zwei Strohmänner, für den Kauf eines Grundstückes im Hamburger Umland einen Kredit über rund vier Millionen Euro aufzunehmen. Einer der Männer, ein Ingenieur, arbeitete für den Anwalt und Immobilienmakler und hatte, wie er später bei der Kripo aussagte, Angst, seine Stelle zu verlieren, wenn er seinem Chef den Gefallen verweigern würde. Das Treffen in der Volksbank dauerte, wie sich der Zeuge erinnerte, etwa zehn Minuten. Der Ingenieur, dessen Bonität laut Anklage nicht geprüft wurde, unterschrieb mehrere Formulare blanko, darunter einen Kreditantrag und ein paar Überweisungsträger.

Drei Millionen gingen für den Kauf des Grundstückes drauf, das nach den Ermittlungen viel zu hoch bewertet worden war. Der Überschuss von knapp einer Million soll auf zwei Hillmer-Konten überwiesen worden sein. Von dort sollen, über diverse Umwege, jeweils 165.000 Euro zurückgeflossen sein - auf Konten von Heitmann und auf andere von Hillmer. Derlei Ringüberweisungen waren wohl üblich - die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass aus den Krediten, die Heitmann in der Volksbank Lauenburg vergab, Millionen über solche Umwege jenen Firmen zukamen, an denen Hillmer und der Bankchef beteiligt waren. Obwohl die Volksbank nach der Genossenschaftsidee kleinen Leuten unter die Arme greifen und die regionale Wirtschaft fördern soll, vergab das Lauenburger Institut plötzlich auffallend hohe Kredite für Bauprojekte im Ausland. 22 Millionen Euro etwa flossen über Kreditnehmer, die die Staatsanwaltschaft für Strohmänner hält, in ein Bauprojekt in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Dort sollte ein nobles Wohn- und Geschäftshaus gebaut werden. Bei der Kreditvergabe an die "Skopje-Gruppe", darunter eine Baugesellschaft, an der Bashkim Osmani beteiligt war, ließ Heitmann laut Anklage alles außer Acht, was einen seriösen Banker ausmacht. So soll er zum Beispiel nicht die Bonität der Kreditnehmer geprüft haben, darunter auch drei Hausmeister von der Reeperbahn. Auch um die Werthaltigkeit der Sicherheiten kümmerte sich Heitmann nicht. Stattdessen stießen die Ermittler auf offensichtlich gefälschte Unterschriften. Laut Anklage wurden auf dem Balkan nur zehn Millionen Euro verbaut. Die übrigen zehn versickerten in dunklen Kanälen.

Aus dem Sportcenter wurde ein Bordell

Im Frühjahr 2004 finanzierte die Volksbank Lauenburg den Kauf eines Sportcenters in Hamburg mit rund drei Millionen Euro, obwohl die Immobilie nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nur die Hälfte wert war. Der Rest wanderte nach den Ermittlungen der Polizei über ein verzwicktes Firmengeflecht in das Mineralwasser-Unternehmen von Heitmann und Hillmer. Aus dem Sportcenter wurde ein exklusives Bordell mit Pool, Kaminzimmer und Sauna, in dem viele zahlungskräftige und einflussreiche Kunden aus und ein gingen. Geführt wurde der Puff von einem Verwandten der Gebrüder Osmani. Ende 2004 standen Hauke Hillmer und Burim Osmani in Lübeck wegen Steuerhinterziehung vor Gericht. Osmani wurde zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt. Hillmer, der ein Geständnis ablegte, kam dafür mit einer Geldstrafe von über 75.000 Euro davon.

Hillmer hatte den Aufsichtsrat der Volksbank Lauenburg inzwischen verlassen. Carsten Heitmann musste die vakanten Posten neu besetzen - und ließ einen Maler und einen Schlosser von der Generalversammlung wählen. Doch zur Fortbildung, wie es sonst üblich ist, schickte er sie nicht. "Die Sitzungen des Aufsichtsrates waren immer sehr kurz", erinnert sich der Maler. Wie am Fließband wurden die Kredite abgenickt. "Manchmal hieß es auch, wir könnten zu Hause bleiben", sagt er. Nur der stellvertretende Bankchef Sch. muss geahnt haben, dass es in Lauenburg nicht mit rechten Dingen zuging. "Hei hat mit Kriminellen zu tun", notierte er auf Zetteln, die die Kripo später in seinem Schreibtisch sicherstellte. Doch der Betriebswirt unternahm laut Anklage nichts.

Offenbar aber hat sich Sch. nicht persönlich bereichert. Die Ermittler glauben, dass er den Mund hielt, weil er auf Heitmanns Nachfolge spekulierte. Im Sommer 2005 wurden die Prüfer vom Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband, die die Jahresabschlüsse der Volksbank von 2001 bis 2004 kontrollierten, endlich wach und schränkten das Testat für den Jahresabschluss 2004 ein. Die Bankenaufsicht des Bundes ordnete eine Sonderprüfung an. Eine internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nahm sich das Projekt "Skopje" vor, an dem auch Bashkim Osmani beteiligt war - und schlug Alarm. Die Bankenaufsicht erstattete im März 2006 Strafanzeige, drohte, die Bank zu schließen. Heitmann ging offiziell in Rente, doch er behielt ein Büro in der Bank. Obwohl er nicht mehr zeichnungsberechtigt war, unterschrieb er laut Anklage Mitte Januar 2006 einen Scheck für eine Firma, in der auch Bashkim Osmani Gesellschafter war. Wie eng die Beziehung zwischen dem Banker und den Osmanis inzwischen war, machen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zwei weitere Geldtransfers deutlich: Im Dezember 2005 überwies Heitmann von seinem Konto 200.000 Euro und im Februar 2006 noch mal 75 000 Euro an eine Firma von Burim Osmani. Gleichzeitig wurde Heitmanns Ehefrau von Bashkim Osmani mit mehreren Tausend Euro bedacht. "Devolucion de prestamo por Don Bashkim Osmani" stand auf dem Überweisungsbeleg - "Rückerstattung eines Privat-Darlehens für Don Bashkim Osmani".

"Ich bin ein ehrbarer Kaufmann"

Die Volksbank war inzwischen so pleite, dass sie nicht mal mehr die Gebühren für die Prüfer in Höhe von rund 153 000 Euro zahlen konnte. Der Aufsichtsrat trat zurück, die Kripo nahm Ermittlungen gegen dessen Ex-Mitglieder auf. Und gegen Sch., Heitmann, Hillmer. Carsten Heitmann fühlt sich unschuldig, wollte sich gegenüber dem stern aber nicht äußern. Er hat Haftprüfung beantragen lassen. Auch sein Stellvertreter Jens-Dietrich Sch., ebenfalls wegen Untreue angeklagt, aber auf freiem Fuß, gibt sich ahnungslos. "Wir haben immer alles sauber geprüft." Die Notizen, die die Kripo bei ihm sichergestellt hat, seien "aus dem Zusammenhang gerissen und bedeutungslos". Von blanko unterschriebenen Formularen wisse er nichts. Und die Osmanis seien "normale zahlungskräftige Kunden" gewesen. Ebenfalls "unschuldig verfolgt" sieht sich auch Hauke Hillmer, der den Verdacht, er habe mit den Osmanis eine kriminelle Vereinigung gründen wollen, für "Quatsch" hält. Burim Osmanis Anwalt Gerhard Strate war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Und Bashkim Osmani versteht gar nicht, was die Kripo von ihm will. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen, bin immer davon ausgegangen, dass alles korrekt geprüft worden ist", sagte er dem stern, "ich bin ein ehrbarer Kaufmann, habe keine Schulden - aber es ist ja wohl nicht verboten, sich von einer Bank Geld zu leihen."

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