Krise bei Airline Flug und Trug bei Alitalia

Mit Populismus und einem dubiosen Rettungsplan hat Silvio Berlusconi die Übernahme von Alitalia durch Air France-KLM hintertrieben. Eine Woche vor den Parlamentswahlen scheint das Kalkül des Medienprofis aufzugehen: Die Italiener geben der Regierung die Schuld an der Misere.
Von Florian Eder

Um 21.25 Uhr hob Alitalia AZ 332 am Mittwochabend planmäßig vom römischen Flughafen Fiumicino zum Flug nach Paris-Charles de Gaulle ab. An Bord der Mann, der Chef der italienischen Airline werden wollte: Jean-Cyril Spinetta. Es dürfte vorerst Spinettas letzter Flug auf dieser Verbindung gewesen sein. Immer wieder ist der Vorstandsvorsitzende von Air France-KLM in den vergangenen Wochen zwischen den Metropolen hin- und hergereist, um über den Kauf und die Sanierung Alitalias zu verhandeln. Jetzt ist Schluss mit der Pendeldiplomatie. Spinetta hat das Projekt für gescheitert erklärt.

Freuen kann sich darüber eigentlich nur einer: Silvio Berlusconi, der in einer Woche zum dritten Mal Italiens Premierminister werden will. Der seit Wochen gegen die Rettung der maroden Fluggesellschaft durch die französisch-niederländischen Investoren poltert und hofft, mit dieser Haltung beim Wahlvolk zu punkten.

Es waren hitzige Stunden, unter dem Druck einer selbst gesetzten Frist: Bis Mittwoch 24 Uhr gaben sich Air France-KLM und die Gewerkschaften Zeit, zueinander zu finden und sich über den Sanierungsplan zu einigen. Der sah vor, Alitalia neue Flugzeuge zu kaufen, das Unternehmen mit frischem Kapital zu versorgen und binnen wenigen Jahren wieder profitabel zu machen. Dafür kündigte Spinetta ein striktes Sparprogramm an, den Abbau Tausender Arbeitsplätze, die Streichung vieler Routen. Zu viel für die neun Gewerkschaften, die in Alitalias Verwaltungsrat sitzen und es gewohnt sind, dass sie Bedingungen stellen und nicht entgegennehmen.

Die mächtigen Gewerkschafter stellten sich gegen Spinetta. Sie vertrauen Berlusconi, der das Schicksal Alitalias zum großen Wahlkampfthema gemacht hat. Die ausländischen Airline-Manager seien keine Investoren, sondern Invasoren, tönt der Politiker. Air France-KLM wolle den Italienern ihre stolze Fluggesellschaft wegnehmen. Einen "Hauch von Kolonialismus" witterte Berlusconis Sprecher kürzlich hinter dem Angebot aus Paris. Alitalia den Italienern, lautet der Schlachtruf seines Meisters.

Rettung Alitalias, um die Wahl zu gewinnen

Es ist egal, dass sich die Fluggesellschaft längst nicht mehr im Wettbewerb behaupten kann. Berlusconis Sprüche verfangen. Der Medienunternehmer hat seit jeher ein feines Gespür für die Stimmungen im Lande. Kurz vor der letzten Wahl vor zwei Jahren holte er in den letzten Tagen auf, indem er Steuererleichterungen versprach. Am Ende verlor er nur um gut 20.000 Stimmen gegen Herausforderer Romano Prodi. Diesmal liegt er knapp sieben Prozentpunkte vor seinem Gegner Walter Veltroni. Die vermeintliche Rettung Alitalias aus den Klauen der Franzosen und Niederländer soll seinen Vorsprung bis zur Wahl sichern. Und die Chancen dafür stehen gut. "Dieses Gefühl, ein nationales Symbol zu retten, gefällt den Italienern. Es kann funktionieren", sagt der Wahlforscher Renato Mannheimer.

Was dem Wahlkämpfer Berlusconi nutzt, ist für Alitalia dagegen eine Katastrophe: Das Unternehmen taumelt dem Aus entgegen, der Zahlungsunfähigkeit, der Pleite. "Es gibt keine Alternative zum Konkurs, sollte das Angebot von Air France scheitern", hatte Finanzminister Tommaso Padoa-Schioppa vor dem Scheitern gewarnt. Sein Ministerium kontrolliert den Staatsanteil von 49,9 Prozent an Alitalia und sucht seit einem Jahr dringend einen Käufer. Und Unternehmenschef Maurizio Prato, der nach dem Abbruch der Verhandlungen zurückgetreten ist, hadert: "Alitalia ist verflucht. Nur ein Exorzist kann sie retten."

Allein: Die Italiener wollen diese Schreckensbotschaften einfach nicht hören. Sie glauben lieber an die Versprechen Berlusconis, glauben, ganz fest, dass die stolze Alitalia nicht sterben kann. Diesem Trugschluss erliegen sogar Wirtschaftsexperten. So fordert die designierte Vorsitzende des Unternehmerverbands Confindustria, Emma Marcegaglia, ein "Moratorium" für den Verkauf. Als ob die existenzbedrohenden Verluste der Airline deswegen gestoppt würden. Täglich verbrennt Alitalia - vorsichtig geschätzt - 1 Mio. Euro.

Warum die Regierung Prodi Schuld sein soll

Das Thema ist so sehr mit patriotischen Gefühlen aufgeladen, dass die wirtschaftliche Vernunft dagegen keine Chance hat. Dies ist nicht zuletzt in der Geschichte des Landes begründet. Italien hat sich als Nation erst spät im 19. Jahrhundert gefunden. Noch heute ist sie zersplittert, Sizilianer gegen Piemonteser, Mailänder gegen Römer, Norden gegen Süden, bei so viel Gegeneinander ist es wichtig, Symbolen zu huldigen, die das Land stärken, die den Menschen ein Wirgefühl schenken. Meist gelingt dies der Fußballnationalmannschaft oder dem Rennstall Ferrari. Alitalia ist ein ähnliches Symbol. Es steht für den Aufschwung nach dem Krieg, für das Wirtschaftswunder.

Und solch ein Symbol muss erhalten werden. Das allein reicht als Grund, das Angebot aus Paris "inakzeptabel" zu finden, wie es Berlusconi dem italienischen Volk gesagt hat - und wie die Gewerkschaften ihm nach Abbruch der Verhandlungen nachgeplappert haben. 10 Cent pro Alitalia-Aktie hat Air France-KLM geboten. An der Börse zahlte man zuletzt das Fünffache. Am Donnerstag war das Papier vom Handel ausgesetzt.

Schulden von über einer Milliarde Euro

Für 139 Mio. Euro hätte Spinetta Flotte und Angestellte übernommen. Das heißt: 179 in die Jahre gekommene Maschinen und knapp 20.000 Beschäftigte mit hohem Organisationsgrad und ebenso hoher Streikbereitschaft - und Schulden von 1,28 Mrd. Euro dazu, das ist der letzte bekannte Stand von Ende Januar.

Kein Wunder also, dass die Käufer nicht gerade Schlange standen an der Via XX Settembre, dem Sitz des Schatzministeriums in Rom. Zweimal startete Minister Padoa-Schioppa eine öffentliche Ausschreibung, zweimal musste er sie mangels Interessenten abblasen. Schließlich konnte Premierminister Prodi Air France-KLM überreden, für Alitalia zu bieten. Das Unternehmen bekam das Recht auf Exklusivverhandlungen zugesichert. Dass die scheiterten, wird, wie die ganze Misere, nun dem scheidenden Prodi angelastet.

"Die Regierung hat uns nackt in den Händen von Air France-KLM zurückgelassen", schimpft etwa Gewerkschaftsführer Raffaele Bonanni. Ihm sekundiert Maurizio Sacconi, Abgeordneter der Berlusconi-Partei Forza Italia: "Die Verantwortung liegt nicht bei den Gewerkschaften, sondern bei der Regierung Prodi. Man spricht nicht nur mit einem Bieter, um sich anschließend sagen zu lassen: Nimm es oder lass es."

Kampf um die Unentschlossenen

Eine Woche vor der Parlamentswahl sind das schlechte Nachrichten für Walter Veltroni, der Prodis Lager in die Wahl führt. Es tobt der Kampf um die Unentschlossenen: Das sind zurzeit rund 30 Prozent der Wähler. Zwei Drittel von ihnen, sagt Wahlforscher Mannheimer, gingen ohnehin nicht zur Abstimmung. Aber zehn Prozent der Wähler seien noch bereit, sich werben zu lassen. Besonders diejenigen, die einmal Berlusconi gewählt haben - und enttäuscht wurden. Die dann Prodi wählten - und nach zwei Jahren ohne große Erfolge, ohne die versprochenen Reformen wieder enttäuscht sind. "Wenn die ganze Geschichte um Alitalia diese Wähler noch beeinflusst, schadet das Prodi."

Und es freut Berlusconi, der seine Niederlage vor zwei Jahren nie verwunden hat. Der Medienprofi wird es wohl schaffen, die Misere bei Alitalia für seine Zwecke auszunutzen. Teil eins seiner Strategie ist zumindest geglückt: Franzosen und Niederländer haben sich zurückgezogen. Teil zwei wäre dann der Wahlsieg.

Um ihn zu erringen, verspricht er Abenteuerliches. Ein italienisches Konsortium werde sich Alitalia annehmen. Heilsbringer Berlusconi hat auch schon ein paar Namen parat: Die Staatskonzerne Eni und Fintecna zum Beispiel, die Bank Intesa Sanpaolo, die Unternehmerfamilie Benetton, die kleine italienische Fluggesellschaft Air One - sogar seine eigenen Kinder Piersilvio und Marina brachte Berlusconi ins Spiel. Ein bisschen Geduld müssten die Wähler allerdings mitbringen. Eine solche Rettung brauche schließlich ihre Zeit.

Eine einzige große Wahllüge

Doch Berlusconis mysteriöses Konsortium ist wohl nicht mehr als eine große Wahllüge. Von den genanten Retterfirmen kamen bisher Dementis oder beredtes Schweigen. Nur Air One, bis vor Kurzem tatsächlich bereit, den Konkurrenten zu übernehmen, teilte mit, man benötige dafür eine neue Phase der Buchprüfung.

Derweil geht Alitalia das Geld aus. 178 Mio. Euro besorgte sich die Gesellschaft kürzlich, indem sie ihre Air-France-Aktien verkaufte. Das reicht, um ein paar Monate den Betrieb aufrechtzuerhalten. Bleibt die Frage, wer ihn leiten soll. Die Gewerkschaften machten am Donnerstag schon mal klar, was sie von dem Notfallplan der Regierung halten, die Alitalia vorerst einem Sonderverwalter unterstellen will. In Italien würde keine Maschine mehr abfliegen, sagte Guglielmo Epifani, Chef des Verbands CGIL. "Wir werden alle Flughäfen blockieren. Es wird zu einem totalen Chaos kommen."

FTD

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