Lichtblick-Chef Tschischwitz Der Ökostrom-Rebell


E.ON, Vattenfall, RWE und EnBW laufen die Kunden davon, zum Beispiel zum Ökostromanbieter Lichtblick. Dessen Geschäftsführer Heiko von Tschischwitz spricht mit stern.de über Kundenansturm, Subventionen und den Einstieg in den Gasmarkt.
Interview: Christoph M. Schwarzer

Bundesumweltminister Gabriel empfiehlt allen Behörden den Wechsel zu Ökostrom. Ist das bereits Wahlkampf oder ernstes Interesse?

Er meint das ernst, schließlich bezieht sein Ministerium den Strom von uns. Pikanterweise gilt das auch für das Bundesamt für Strahlenschutz. Das Motiv dabei ist das eigentlich Spannende am Ökostrom: Auf einen Schlag verbessert sich die Kohlendioxid-Bilanz immens, weil unser Produkt aus vollständig regenerativen Quellen stammt.

Wird der Ökostrom nicht langsam knapp?

Nein, zum Glück nicht. Wenn die Kunden uns wählen, fördern sie den Ausbau erneuerbarer Energien. Das ist ein fortschreitender Prozess.

Woher kommt, geographisch gesehen, Ihr Strom?

Die eine Hälfte ist aus Deutschland, die andere aus Österreich, der Schweiz und Skandinavien. Wir kaufen da, wo der Erzeuger hochwertig zertifiziert und das Produkt möglichst billig ist. Der Klimawandel macht ja auch nicht an Grenzen halt.

Wie können Sie für die Herkunft aus tatsächlich regenerativen Quellen garantieren?

Indem wir nicht an der Leipziger Strombörse, sondern direkt beim Produzenten einkaufen. Voraussetzung für den Einkauf ist das „ok-Power-Label“ von WWF, dem Öko-Institut in Freiburg sowie der Verbraucherzentrale NRW. Es garantiert unter anderem, dass der Strom nicht aus fossilen Quellen oder Atomkraftwerken kommt.

Wie teilen sich Ihre Quellen zurzeit auf?

Im Moment kommen 50 Prozent aus einem Biomasseheizkraftwerk in Sachsen-Anhalt, das gleichzeitig Wärme zum Heizen produziert. Der Rest ist aus einem österreichischen Laufwasserkraftwerk an der Donau. Wichtig ist, dass wir fünf Jahre im Voraus kaufen, um Preis und Versorgung zu gewährleisten.

Wie sieht es mit der Photovoltaik aus?

In Ländern mit einer konstanten Sonneneinstrahlung sehe ich für die Photovoltaik eine große Zukunft. In Deutschland ist die Biomasse schon konkurrenzfähiger. Ähnliches gilt für den Windstrom, der mit neuen Offshore-Windparks eine noch größere Bedeutung bekommen wird.

Werden erneuerbare Energien in Deutschland nicht zu sehr gefördert?

Im Fall der Photovoltaik ist das wahrscheinlich so. Der Gesetzgeber plant da eine Kürzung. Grundsätzlich denke ich, dass staatliche Förderung nur eine Anschubfinanzierung sein kann. Generell müssen erneuerbare Energien in der Lage sein, mittelfristig auch ohne Subventionen konkurrenzfähig zu sein. Und das ist immer stärker der Fall, weil die Kosten der Stromerzeugung aus regenerativen Quellen sinken, während die begrenzten fossilen Ressourcen teurer und teurer werden. Der Verbraucher muss sich, unabhängig vom regenerativen Anteil, sicher auf steigende Preise einstellen.

Können Sie einen verstärkten Kundenzuwachs feststellen?

Ja, eindeutig. Wir haben gerade den 300.000sten Kunden begrüßt. Jeden Tag kommen mehr als 1000 Kunden dazu. Letztes Jahr waren es noch 300 pro Tag.

Worauf führen Sie diesen Anstieg zurück?

Das hat drei Gründe: Den ersten deutlichen Zuwachs hatten wir nach Veröffentlichung der IPCC-Studie zum Klimawandel. Der zweite Grund sind die Preiserhöhungen der konventionellen Konkurrenz – wir konnten unseren Preis halten. Der Aufpreis für Ökostrom ist damit noch geringer geworden. Der dritte Grund sind die Störfälle in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel. Die Kunden wollen das nicht mehr und stimmen mit den Füßen ab.

Wie viele Kunden verträgt Lichtblick maximal?

Unsere Kapazitäten vertragen über 5000 Neukunden am Tag. Eine realistische Obergrenze sehen wir nicht. Langfristig planen wir, zwei Millionen Kunden zu versorgen.

Was spricht gegen die Ökostromangebote der großen Energieversorger?

Die Kunden halten die alten Anbieter nicht für glaubwürdig. Wenn sie den Wechsel zum Ökostrom vollziehen, machen sie gleich den zweiten Schritt und wählen einen Ökoanbieter. Sie glauben nicht an die Ernsthaftigkeit von Anbietern, die vormittags über Kohle- und Atomstrom reden und dann nachmittags ein bisschen auf ökologisch machen.

Wollen Sie auch in den Gasmarkt einsteigen?

Wir erwägen das. Falls es uns gelingt ein ähnlich nachhaltiges und konkurrenzfähiges Produkt auf dem Gasmarkt zu entwickeln, werden wir das anbieten. Geben Sie uns ein wenig Zeit.


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