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LUFTKAMPF: Wer hilft der Lufthansa?

Nachdem bei der Konkurrenz British Airways die staatliche Haftungsgarantie verlängert wurde, hofft auch der Kranich-Carrier auf weitere Bundeshilfe. Doch der ziert sich.

Nach der Verlängerung staatlicher Haftungsgarantien für Fluggesellschaften in Großbritannien setzt auch die Deutsche Lufthansa auf den weiteren Beistand durch die Bundesregierung. Das britische Finanzministerium hatte am Montag in London mitgeteilt, die Haftung für so genannte Drittschäden durch Krieg und Terror werde um rund einen Monat verlängert. Die Lufthansa hofft nach eigenen Angaben nun darauf, dass auch die Bundesregierung ihre eigentlich in dieser Woche auslaufende Haftung weiterhin aufrecht hält. Das Verkehrsministerium in Berlin teilte dazu mit, dass es dazu noch keine Entscheidung gibt. Am Dienstag soll in Brüssel eine Expertenrunde unter anderem zum Thema Kriegshaftpflicht der Fluggesellschaften tagen.

Versicherer reduzieren Deckungssumme

Auf zunächst 50 Millionen Dollar und damit nur noch das Zwanzigstel der ursprünglichen Summe hatten die Versicherungen weltweit nach den mit entführten Passagierflugzeugen geflogenen Anschlägen in New York und Washington ihre Deckungssummen für Drittschäden durch »Krieg und Terror« reduziert. Da einige Länder jedoch deutlich höhere Deckungssummen verlangen, und geleaste Flugzeuge erst ab einer Haftung von 750 Millionen Dollar betrieben werden dürfen, sprangen die Regierungen der Länder mit Garantien ein. Ähnliches gilt für die Versicherung der Flughäfen.

Auch die EU ist nicht abgeneigt

Die Verkehrskommissarin der Europäischen Union (EU), Loyola de Palacio, sprach sich bereits für eine Verlängerung der staatlichen Garantien bis Jahresende aus. Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) plädierte für eine schnelle Lösung des Problems auf privatwirtschaftlicher Ebene, schloss zugleich jedoch eine Verlängerung der Haftung nicht aus.

Versicherungen zieren sich

Durch die Haftungsgarantie würden die Fluglinien und ihre Versicherer mehr Zeit für ihre Verhandlungen gewinnen. Für »vernünftige, konstruktive« Gespräche ist eine Verlängerung der staatlichen Haftungsgarantie notwendig, sagte der Sprecher der Lufthansa-Versicherungsgruppe, Hermann Hausmann. »Ob wir das in einem Monat schaffen, ist aber fraglich«, fügte er mit Blick auf die 30-tägige Verlängerung in Großbritannien hinzu. »Wir sind in permanenten Gesprächen, aber mittlerweile ist das eine politische Sache geworden.« Die Versicherungen haben inzwischen zwar eine Deckung von 150 Millionen Dollar angeboten, die nach Ansicht der Fluglinien jedoch auch noch nicht ausreicht. Eine höhere Deckung ist derzeit nur mit höheren Konditionen zu haben.

Wettbewerbsverzerrungen durch Hilfe?

Wie ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums in Berlin sagte, wollen am Dienstag in Brüssel Experten zum Thema Luftfahrt-Versicherungen tagen. Der Bund will sich der Empfehlung dieses Gremiums anschließen. Die Lufthansa zeigte sich zuversichtlich, dass der Bund seine Haftungsgarantie ausdehnt. »Wir führen einen konstruktiven Dialog über die Verlängerung der Staatsgarantien«, sagte Lufthansa-Sprecher Thomas Ellerbeck. Die Verhandlungen mit den Versicherern dürfen nicht unter Zeitdruck stehen, damit ein »wirtschaftlich vertretbares Ergebnis« zu Stande kommt. Zugleich betonte Ellerbeck, dass nach Ansicht der Lufthansa bei den staatlichen Haftungsgarantien eine europäische Lösung gefunden werden soll, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Offen staatliche Hilfe gefordert

Beim Deutschen Luftversicherungs-Pool in München waren zunächst keine Neuigkeiten zu den Gesprächen mit den Fluglinien zu erhalten. Aus Sicht der Versicherer sind die Haftungsrisiken nach den Anschlägen in Amerika kaum mehr einschätzbar geworden. Der Chef des Allianz-Konzerns, Henning Schulte-Noelle, sprach sich jüngst noch für eine weitere Beteiligung des Staates an der Deckung von möglichen künftigen Schäden aus solchen Anschlägen aus. »Zumindest für den Zeitraum, bis wir annähernd eine Vorstellung von den neuen Risiken haben und klar wird, ob sie überhaupt kalkulierbar und damit versicherbar bleiben«, hatte der Allianz-Chef gesagt. Bei den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon kamen nach US-Angaben vermutlich mehr als 5.000 Menschen ums Leben. Dabei hatte die Allianz nicht ausgeschlossen, dass die Ansprüche an die Versicherer auf mehr als 40 Milliarden Dollar ansteigen könnten.

Generell der Flaute getrotzt

Die Lufthansa hatte bis zu den Terroranschlägen in den USA der weltweiten Konjunkturflaute getrotzt. Insgesamt flogen in den ersten neun Monaten dieses Jahres rund 36 Millionen Passagiere mit den Fluggesellschaften des Konzerns, ein Plus von 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Auslastung für Passage und Fracht war mit 67,7 Prozent um 4,2 Prozentpunkte allerdings geringer als im Vorjahr.

Passagierzahlen brachen ein

Nach dem 11. September brach die Auslastung drastisch ein. Für den vergangenen Monat weisen die Passagierzahlen mit rund vier Millionen bereits ein Minus von 9,1 Prozent aus. Die Frachtmenge sank um 14,8 Prozent. Der Absatz ging um 9,4 Prozent auf 7,7 Milliarden verkaufte Sitzkilometer zurück. Betroffen waren vor allem die Verkehrsgebiete Amerika und Nahost/Afrika, wo zweistellige Rückgänge zu verzeichnen waren. Im asiatisch-pazifischen Raum konnte die Lufthansa dagegen ihre Passagierzahl (plus 5,9 Prozent) und Absatz (plus 2) steigern.

Jeder vierte Passagier fehlt

Normalerweise erzielt die Lufthansa im September und Oktober 74 Prozent ihres Jahresgewinns. Derzeit fehlt bei der Lufthansa nach eigenen Angaben aber jeder vierte Passagier. Um die geplante Auslastung zu erreichen, müsste nach den Worten von Vorstand Wolfgang Mayrhuber jedes vierte Flugzeug stillgelegt werden, die Personalkosten müssten um mehr als 20 Prozent sinken. Allein im vierten Quartal werden die Erlöse laut Mayrhuber bei anhaltend niedriger Nachfrage um 350 bis 500 Millionen Euro (650- 977 Mio DM) einbrechen.

Sofortmaßnahmen

Als Sofortmaßnahmen hat die Lufthansa insgesamt 28 Flugzeuge stillgelegt und wird bis Anfang November 51 Langstreckenflüge und 244 Kurz- und Mittelstreckenflüge pro Woche gestrichen haben. Hinzu kommen unter anderem ein Einstellungs- und Investitionsstopp. Mit den Gewerkschaften diskutiert die Konzernführung über weitergehende Schritte. Bei den Gesprächen, die noch in dieser Woche fortgesetzt werden sollen, ist auch die Vier-Tage-Woche bei entsprechendem Lohnverzicht ein Thema.