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Interview

McFit-Chef Rainer Schaller: "Wer McFit prollig findet, ist einfach nur neidisch"

Rainer Schaller hat McFit zur größten Fitnessstudiokette Europas gemacht. Im stern-Interview spricht er über das Proll-Image der Marke, den typisch deutschen Kunden - und Fitnessstudios in Addis Abeba und Kabul.

McFit-Chef Rainer Schaller

McFit-Chef Rainer Schaller im Berliner Büro der Fitnesskette. Der offizielle Firmensitz ist nach wie vor im fränkischen Örtchen Schlüsselfeld, wo Schaller herkommt.

Wer zum ersten Mal begegnet, denkt, dass der Typ einen problemlos mit einer Hand zerquetschen könnte. Zumindest, bis der Blick in sein Gesicht fällt: Denn zur Türsteher-Statur und der Rocker-Lederhose kommen zwei freundliche Augen und ein warmherziges Lachen. Der 49-Jährige ist ein Kumpeltyp, der sich von jedem Mitarbeiter konsequent duzen lässt. Auch wenn das mittlerweile mehr als 3500 sind. Denn Schaller ist nicht nur Bodybuilder-Buddy, sondern auch Gründer und alleiniger Chef des größten Fitnessstudio-Imperiums Europas. 

1997 eröffnete er das erste -Studio im fränkischen Würzburg. Heute sind es mehr als 250, die meisten davon in Deutschland, wo McFit Marktführer ist. Die Stiftung Warentest bemängelt zwar die lediglich "ausreichende" Qualität der Trainingsbetreuung in den Studios. Doch die Masse interessiert sich vor allem für die unschlagbar günstigen Preise, mit denen Schaller dem Fitnesssport hierzulande den Weg in den Mainstream geebnet hat.

Zum Interview empfängt Schaller in seinem gerade eröffneten Club "The Reed" am Berliner Alexanderplatz. Der Laden ist eine Mischung aus hippem Restaurant und Event-Location, eingerichtet im Stil der neuen McFit-Marke "John Reed". Natürlich mit angeschlossenem Fitnessraum, "John's Bootcamp" getauft. In dem fensterlosen Raum voller Spiegel können sich Fitnesskunden von einem Trainer in der Gruppe bis zur völligen Erschöpfung triezen lassen, ein Konzept, das Schaller aus den USA importiert hat. "Na, wieviel drückst du auf der Bank?", fragt Schaller noch. Dann ist er dran mit Fragen beantworten.  

 

Herr Schaller, im Januar hat McFit überall mit einem Einstiegsangebot von rund fünf Euro im Monat geworben. Wie viele Leute mit guten Neujahrsvorsätzen können Sie mit so einer Aktion locken?

Im Januar ist die beste Zeit des Jahres für solche Angebote. Da kommt eine sechsstellige Zahl an neuen Mitgliedern zusammen. Das Schöne ist, dass wir damit Leute kriegen, die den noch nie gemacht haben.

Und wie viele davon sind auch im Sommer noch im Fitnessstudio anzutreffen? Oder liegen die meisten dann schon in der Schublade der Karteileichen?

Das kann man nicht so leicht sagen. Manche trainieren viermal in der Woche, manche einmal im Monat. Insgesamt haben wir eine Quote von aktiven Mitgliedern, die weit über 70 Prozent liegt. Der Vorteil des McFit-Discountkonzepts ist, dass du dir den Kraftsport auch leisten kannst, wenn du ihn neben deiner normalen Sportart betreibst.

McFit gilt vielen nicht nur als supergünstig, sondern auch als ziemlich prollig.

Wenn andere uns prollig finden, ist das okay. Aber wir sind stolz auf unser Image. Wir haben eine schöne Kampagne seit einem Jahr: "Proud to be McFit". Schauen Sie sich unsere Modelagentur an: Das sind alles McFit-Mitglieder, die ihren Stolz nach außen tragen. Wer McFit prollig findet, ist vielleicht einfach nur neidisch. Am Strand sieht man nicht mehr, ob du einen Porsche hast, sondern was du für deinen Körper getan hast. 

Die günstigen Preise bei McFit kamen immer auch über niedrige Personalkosten und Einsparungen bei der Trainingsbetreuung. Ist McFit überhaupt für Einsteiger geeignet?

Natürlich. Wir haben Einstiegskurse, wir haben Trainer, wir haben über 200 Studenten, die ein duales Fitness-Studium in unseren Studios machen. Und wer darüber hinaus Betreuung braucht, kann sich die ja dazu buchen, dafür ist der Grundpreis günstig. Beim Tennis kannst du doch auch entscheiden, ob du mit oder ohne Trainer spielen willst.

Beim Tennis kann man sich aber nicht so leicht verheben.

Es gibt Statistiken über das Verletzungsrisiko einzelner Sportarten und da ist der Fitnesssport weit hinter Tennis und hinter Fußball, Basketball und Handball sowieso. Ich mache den Sport jetzt 35 Jahre und war nicht einmal verletzt.

Sie wissen natürlich auch, wieviel Sie sich draufpacken können und wie man die Übungen ausführt. Ein Anfänger weiß das nicht.

Dafür gibt es ja Trainer. Aber es muss nicht immer ein Trainer nebendran stehen. Ich finde es schon seltsam, dass das Thema beim Fitnesssport immer so stark diskutiert wird, aber zum Beispiel beim Fußball überhaupt nicht. Im Fitnessstudio kriegst du jedenfalls keine Blutgrätsche von hinten.

Wie trainieren Sie denn selbst?

Ich trainiere zwei bis vier Mal die Woche zu Hause in meinem eigenen kleinen Geräteraum. Leider aktuell nur noch im Kraftbereich, weil mir für Ausdauereinheiten die Zeit fehlt. Der Grund ist aber ein schöner: Ich bin kürzlich zum ersten Mal Vater geworden. 

Nicht jeder hat einen Geräteraum zu Hause. Ist Trainieren in den eigenen vier Wänden trotzdem ein Trend? Sie bieten neuerdings mit Cyberobics eine App, bei der prominente Fitnesstrainer Übungen im Video vormachen. Für den Preis von rund 2 Euro im Monat.

Das Angebot funktioniert im Prinzip wie bei wie Netflix. Die Videos sind von den besten amerikanischen Fitnesstrainern, die Stars wie Heidi Klum oder Jennifer Lopez fitmachen. Und die Nutzer können damit überall trainieren - ob zu Hause, im Urlaub oder im Hotel.

Wird das Fitnessstudio in Zukunft etwa überflüssig?

Es wird immer Fitnessstudios geben, aber ein Fitnessstudio allein reicht heute nicht mehr aus, weil die Menschen flexibler sein möchten. Die Fitnessbranche reagiert darauf mit vielen neuen Konzepten. Auch McFit ist sicher nicht für jeden das richtige Konzept.

Daher haben Sie mit John Reed jetzt eine neue Marke geschaffen, deren Studios so gar nicht nach McFit aussehen. Mit hipper Einrichtung, DJ-Auftritten und auch preislich etwas teurer. Kommt das Billig-Prinzip an seine Grenzen?

Die Menschen suchen sich das Konzept aus, das zu ihnen passt. Es gibt die Leute, die zu McFit gehen und ein ehrliches einfaches Training möchten. Und es gibt Leute, die nicht nur an Geräten trainieren, sondern auch ein Erlebnis haben wollen. Leute, die Anspruch an Design und Musik haben und das mit dem Training verbinden. Wir nennen das intern den John Reed Lifestyle.

Wie tickt denn der typisch deutsche Fitnesskunde im Vergleich zu anderen Ländern?

Wie in jedem Land gibt es verschiedene soziale Schichten. Aber man kann schon sagen: Der typisch deutsche Fitnessstudiogänger ist pünktlich beim Training, absolviert alle Übungen sauber und kennt sich in den AGB aus. In südeuropäischen Ländern ist im Vergleich der Narzissmus nochmal ganz anders ausgeprägt. In Italien musst du zum Beispiel immer darauf achten, dass dein Studio genug Schminkspiegel hat.

Als nächstes Abenteuer steht für McFit der Schritt in die USA an - in die Heimat von Arnold Schwarzenegger.

Wir werden Mitte nächsten Jahres unsere ersten beiden Studios eröffnen, eines in Los Angeles, eines in San Francisco. Die werden aber nicht unter dem Namen McFit laufen und eher hochpreisig sein.

Wie unterscheidet sich der Fitnesskult in den USA von dem in Deutschland?

Bodybuilding hat dort einen ganz anderen Stellenwert, der Körperkult ist viel ausgeprägter. Das führt dazu, dass der Personal Trainer eine ganz andere Stellung hat und man auch bereit ist, viel mehr zu bezahlen. Ein großer Trend in Amerika sind auch sogenannte Boutiquekonzepte. Kleinere Studios, die extrem spezialisiert sind. Das probieren wir hier in Berlin gerade mit John's Bootcamp aus. Hier trainiert man nur sehr kurz, sehr intensiv  bei maximalem Kalorienverbrauch. Man zahlt pro Training und kann sich wie im Flugzeug einen Platz buchen.

+++ Lesen Sie hier: McFit baut ein riesiges Areal zum größten Fitnessstudio der Welt um. Das Training wird kostenlos sein. Hier erklärt der McFit-Chef, was dahinter steckt +++

Gibt es weitere Expansionspläne?

Wir haben gerade Filialen in Budapest und Prag eröffnet und gucken, wie es dort läuft. Als nächstes stehen Schweiz, Frankreich und Türkei auf der Liste. Wobei es in der Türkei schon eine Kette namens "MacFit" gibt, mit zusätzlichem "a" geschrieben. Wir werden wahrscheinlich mit unserer Marke John Reed dorthin gehen.

Von den Spannungen zwischen Deutschland und Türkei in der letzten Zeit lassen Sie sich nicht abhalten?

Das schreckt mich nicht ab. Ich würde auch in Teheran gerne ein Studio eröffnen…

Jetzt wird es aber exotisch.

Ich war schon ein paar Mal vor Ort. Wenn ich reise, gucke ich mir immer auch Fitnessstudios an, egal wo ich bin. Ich war schon in der Mongolei, in Ruanda und in Kabul. Demnächst bin ich mit dem Jeep in Sudan unterwegs. Es gibt überall eine Fitnessbewegung.

Wie sieht denn ein Fitnessstudio in Kabul aus?

In Kabul war es sehr kampfbezogen, mit hohem Boxanteil. Am Amazonas haben sie sich die Gewichte mit Eisenstange, Beton und Eimer selbst gebastelt. Und in Addis Abeba sah es aus, wie bei uns vor 25 Jahren, sehr spartanisch. Aber fast überall auf der Welt hängt an den Wänden Arnold Schwarzenegger. Ich glaube, der ist bekannter als der US-Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin zusammen.

Zum Schluss ein ernstes Thema: Derzeit läuft der Prozess um die Schuld an der Love-Parade-Katastrophe, bei der 2010 in Duisburg 21 Menschen starben. McFit war Veranstalter und Hauptsponsor. Sie sitzen nicht auf der Anklagebank - fühlen Sie sich trotzdem schuldig?

Ich habe immer gesagt: Es gibt für mich ein Leben vor und ein Leben nach dem Unglück. Damit ändert sich alles. Für mich war es wichtig, dass ich von Anfang an die moralische Verantwortung übernommen habe. Ich treffe mich regelmäßig mit Angehörigen, stelle mich zur Verfügung für Gespräche. Natürlich verfolge ich den Prozess aus den Medien heraus, dazu sagen kann und darf ich nichts, weil ich sicher noch als Zeuge aussagen werde.