Microsoft gegen Google Krieg der Web-Welten

Mit der Übernahme von Yahoo rüstet sich Microsoft für die Schlacht um das Internet der Zukunft. Der US-Konzern will die Nutzer mit eigens auf sie zugeschnittenen Portalen an sich binden - und so Marktführer Google entthronen. Eine Analyse.
Von Matthias Lambrecht

Microsoft? Yahoo? War da was? Für Internetpionier Tim O'Reilly gab es am Freitag eine weitaus wichtigere Nachricht. Während die mögliche Übernahme von Yahoo durch Microsoft die Diskussionsforen der Tech-Gemeinde im Web brummen ließ, feierte O'Reilly in seinem Blog die neueste Schöpfung des schärfsten Konkurrenten Google: das "Social Graph API". Diese Programmierschnittstelle, die Verbindungsdaten einzelner Nutzer verschiedener Onlinen-Netzwerke zusammenfassen kann, sei "ein kleiner Schritt für Google - aber ein Riesenschritt für das Internet-Betriebssystem".

Vielleicht hat der 54-jährige Visionär, der einst die erste Website mit Werbung ins Netz stellte und den Begriff "Web 2.0" prägte, wieder den richtigen Riecher: Der Zusammenschluss der Suchmaschinenbetreiber Microsoft und Yahoo ist für O'Reilly nur die absehbare und "unvermeidliche Konsolidierung in einem reifer werdenden Geschäft".

Google uneinholbar vorne

Tatsächlich ist dieser Wettstreit für die beiden Konzerne auch mit vereinten Kräften kaum noch zu gewinnen. "Microsoft und Yahoo haben bislang ohne nennenswerte Erfolge versucht, ihr Suchmaschinengeschäft auszubauen", stellt Analyst Sandeep Aggarwal von Oppenheimer & Co. fest. Zwar böte ein Zusammengehen die Chance, im Wettlauf etwas besser Tritt zu fassen - doch Google liegt uneinholbar vorn: Rund 75 Prozent der Erlöse mit Suchanzeigen erwirtschaftet der Marktführer, die Verfolger kämen auch gemeinsam nur auf 18 Prozent.

Die Schlachten um das Internet der nächsten Generation werden auf anderen Feldern geschlagen - dort, wo es gelingt, die Nutzer länger zu binden als beim schnellen Sprung auf eine Suchseite.

Angreifer

Millionen Durch den Kauf von Yahoo erhielte der Softwarekonzern eine der populärsten Internetseiten weltweit. Monatlich landen etwa 500 Millionen Nutzer mindestens einmal auf der Yahoo-Website. Eine Masse, die sich vor allem für den Verkauf von Onlinewerbebannern nutzen lässt.

Milliarden

Microsoft erwirtschaftet jährlich 14 Mrd. $ Gewinn. Damit besitzt der Konzern Ressourcen, um mit dem Rivalen Google bei Investitionen in neue Dienste sowie Technik mitzuhalten.

Aufsteiger

Unter Yahoos Web-2.0-Angeboten sticht Flickr heraus. Der Dienst gehört weltweit zu den angesagtesten Online-Fotowebsites. Yahoo kaufte Flickr im Jahr 2005.

Die Zukunft ist personalisierte Werbung

Und genau hier würde eine Allianz des weltgrößten Softwarekonzerns Microsoft mit dem führenden Betreiber von Internetportalen Yahoo die Schlachtordnung ändern. "Das Web ist zum sozialen Medium geworden", sagt Ray Ozzie, Chief Software Architect von Microsoft und damit Nachfolger von Gründer Bill Gates im Board des Konzerns. Mit Netzwerken, die zu Online-Freundeskeisen samt umfassenden Diensteangebot werden, wie Myspace oder Facebook. Oder mit Portalen wie iGoogle, Windows Live oder My Yahoo, die auf den einzelnen Nutzer zugeschnitten sind - und zum Ausgangspunkt für alle Ausflüge ins World Wide Web werden.

Wer wie Google mit seiner neuen Programmierschnittstelle möglichst genaue Profile der Nutzer erstellen kann, schafft die Basis für die Internetwerbung der nächsten Generation. Denn die setzt auf eine immer gezieltere Ansprache des Konsumenten.

Zwar werden dem Geschäft mit der Werbung im Internet noch immer satte Wachstumsraten vorausgesagt - das Umsatzvolumen von derzeit gut 21 Mrd. $ dürfte sich nach Branchenschätzungen bis 2011 verdoppeln. Doch die Online-Reklameformen der ersten Stunde zeigen bereits Abnutzungserscheinungen

Google

Millionen Durch die Kooperation mit dem Medienkonzern News Corp. kann Google seit Sommer 2006 die Website des Onlinenetzwerks Myspace mit Werbung bestücken. Der Konzern verschaffte sich so einen Vorteil beim Test neuer Werbemodelle. Dafür zahlt Google für drei Jahre 900 Mio. $ an News Corp.

Milliarden

2007 verdiente Google 4,2 Mrd. $ mit Werbung, die neben den Suchergebnissen eingeblendet wird. Damit schlägt der Konzern Yahoo und Microsoft um Längen.

Aufsteiger

Die populäre Videoplattform Youtube soll den Markt für Online-Videowerbung öffnen. Diese halten Experten für eines der attraktivsten Wachstumsfelder im WWW.

So werden etwa die konventionellen Werbebanner weitgehend ignoriert - insgesamt klicken gerade einmal noch 0,2 Prozent der Surfer auf Onlineanzeigen, um mehr über das beworbene Produkt zu erfahren. Da sieht die Bilanz bei Google schon besser aus: Immerhin liegt der Anteil der durchgeklickten Suchanzeigen bei gut fünf Prozent. Aber auch der unangefochtene Marktführer verliert in seinem Kerngeschäft an Durchschlagskraft. Die jüngsten Quartalszuwächse von immerhin 51 Prozent liegen unter denen der Vergangenheit; die Analysten sind enttäuscht.

Soziale Netzwerke werden umgarnt

Schon längst rüsten sich daher die großen Spieler für die kommenden Herausforderungen. So haben sowohl Google als auch Microsoft Bande zu den größten sozialen Netzwerken geknüpft, die zu den wichtigsten Anlaufstellen im Web aufgestiegen sind: Allein im 2005 von Rupert Murdochs Medienkonzern News Corp. gekauften Netzwerk Myspace tummeln sich mehr als 100 Millionen Nutzer. Im August 2006 sicherte sich Google die Anzeigenvermarktung und garantierte Myspace dafür für drei Jahre Werbeerlöse in Höhe von 900 Mio. $. Insgesamt hat Google bereits mit mehr als 20 sozialen Netzwerken ähnliche Partnerschaften vereinbart, darunter die zum Konzern gehörende Onlinegemeinde Orkut, die vor allem in Brasilien und Indien stark ist.

Zudem hat sich Google mit einer Allianz namens Open Social in Stellung gebracht, zu der neben Orkut weitere Netzwerke wie Friendster, Linkedin oder das in Deutschland gegründete Xing gehören. Die Unternehmen bieten eine gemeinsame Basis für Entwickler, die Anwendungen für die zusammen mehr als 100 Millionen Nutzer schreiben sollen, um so die Attraktivität der Internetgemeinschaften zu erhöhen.

Facebook war der Pionier

Das Vorbild für solche Plattformen lieferte einst der 23-jährige der damalige Havard-Student Mark Zuckerberg: Er öffnete das von ihm gegründete Netzwerk Facebook für Programmierer. Diese haben mit inzwischen mehr als 14.000 Programmen eine gewaltige Palette von Anwendungen geschaffen - und so die Attraktivität von Facebook wie auch die Verweildauer der Nutzer deutlich erhöht.

Microsoft zögerte nicht lange. Im vergangenen Oktober gelang es dem Softwarekonzern, einen Fuß in die Tür des umworbenen Startups zu bekommen. Schon zuvor hatten beide Firmen eine Kooperation bei der Anzeigenvermarktung vereinbart: Für 240 Mio. $ erwarb der Konzern 1,6 Prozent der Anteile an dem jungen Unternehmen, dessen Wert danach auf 15 Mrd. $ hochgerechnet wurde. Yahoo hatte sich bereits 2005 die Fotoplattform Flickr und die Bookmark-Sammelstelle Delicious gesichert. Google konterte im November 2006 - und kaufte für 1,65 Mrd. $ Youtube, die wichtigste Videoabspielstation der Web-2.0.-Gemeinde.

Wohnzimmer im World Wide Web

Mit den Portalen Microsoft Live, MyYahoo und iGoogle versuchen die großen drei der Internetbranche, den Netzsurfern ein individuell zugeschnittenes Angebot aus E-Mail-Postfach, Nachrichten und verschiedenen Diensten zu machen, die auf einer Startseite zusammengefasst werden. Eine Art Wohnzimmer im World Wide Web, das die Nutzer nach ihren Wünschen einrichten können, damit sie sich dort gern und damit regelmäßig aufhalten. "Das ist eines unserer meistgenutzten Angebote", sagt Googles Vizepräsidentin Marissa Mayer über iGoogle. "Es ist ein großer Produkterfolg und ein wundervolles Vehikel für uns." Diese Vehikel könnten nun entlang der neuen Gefechtslinien in Stellung gebracht werden.

Und gerade hier liegt die Stärke von Yahoo. Denn als Portalbetreiber hat der zuletzt angeschlagene Riese weit größere Erfolge vorzuweisen als im Suchgeschäft: Mehrere Hundert Millionen Nutzer von My Yahoo und Yahoo Mail könnte man in die Firmenehe einbringen. Zusammen mit den ebenfalls Hunderten von Millionen Nutzern der Microsoft-Dienste Hotmail und Live würde ein fusionierter Konzern über ein großartiges Werkzeug zum Aufbau sozialer Netzwerke verfügen, glaubt Charlene Li, Analystin bei Forrester Research. Entstehen würde "ein weitaus interessanterer Spieler", mit dem etwa Facebook seine Geschäftsbeziehungen vertiefen könnte.

Microsoft würde mit Yahoo zudem der Ausbau des Softwaregeschäfts über das Internet erleichtert. Denn in Zukunft werden Word, Outlook oder Excel nicht mehr nur auf CD gebrannt und in Pappschachteln über den Einzelhandel vertrieben. Stattdessen holen sich die Nutzer über das breitbandige, allgegenwärtige World Wide Web die Anwendungen bei Bedarf und zahlen dafür eine Mietgebühr. Oder bekommen werbefinanzierte Dienste sogar gratis geboten. Google attackiert den Platzhirsch bereits mit Google Docs, einer Onlinetextverarbeitung und -Tabellenkalkulation. "Microsoft hat erkannt, dass Technik allein in der Onlinewelt nicht ausreicht", konstatiert Charles Di Bona, Analyst bei Sanford C. Bernstein. Um seine Produktpalette zu vermarkten, müsse der Konzern die Verbindungen zu gut besuchten Internetgemeinschaften ausbauen. "Das ist etwas, das Yahoo bieten könnte", so Di Bona.

Der Weg ist noch lang...

Bis Microsoft und Yahoo eine schlagkräftige Einheit bilden, wird es jedoch noch einige Zeit dauern, selbst wenn der Deal zügig vonstattengeht. Zumal noch immer völlig unklar ist, welche Prioritäten Microsoft nach einer Fusion setzen wird.

In den Erklärungen des Führungsteams um Konzernchef Steve Ballmer zum Kaufangebot ging es am Freitag vor allem um Kostenersparnisse durch Größenvorteile nach einer Übernahme. "Die haben sich angehört, als ob sie über die Stahlindustrie statt über die Softwarebranche reden", ätzt Vindu Goel, Kolumnist beim Silicon-Valley-Lokalblatt "San Jose Mercury News".

Branchenpionier O'Reilly ist am Tag nach der Verkündung des Übernahmeangebots schon positiver gestimmt. "Microsoft muss in künftige Anwendungen investieren, dort wo Microsoft und Yahoo am stärksten sind", schrieb der Altmeister am Samstag in seinem Blog.

Um erfolgreich zu sein, müsse man aber zunächst erst einmal herausfinden, was die Nutzer überhaupt wollen -und erst dann über das Geldverdienen nachsinnen: "Das wird schwer", ahnt O'Reilly, "wenn man so groß ist wie Microsoft - und wenn die Notwendigkeit, Umsatz und Gewinn zu machen, zu kurzfristigem Denken zwingt."

FTD

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