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Milliardenvolk: Indien auf dem Weg zur Weltmacht

Lange haben die Slums von Kalkutta das Bild des Landes geprägt. Heute boomt die Wirtschaft. Allein zwei Millionen Menschen arbeiten in der Biotechnik. Wenn China die Fabrik der Welt ist, könnte Indien ihr Gehirn werden. Das Milliardenvolk drängt nach oben - weg aus dem Elend der Dritten Welt.

Von Teja Fiedler

Der Rasen ist so makellos wie der von Wimbledon. Mittendrin steht die Werkskantine, ein beschwingter Partypavillon. Den Eingang zur Glas-Stahl-Konstruktion des Hauptgebäudes von SAP Bangalore sichern Elektronikschranken, hinter denen 3000 junge Menschen, meist Männer, unter Erste-Welt-Bedingungen und mit Erste-Welt-Resultaten arbeiten: Zehn Prozent aller Patente der deutschen Softwareschmiede SAP werden inzwischen am Standort Bangalore ausgetüftelt. Wenn in einer Ecke der Lobby nicht eine blumenbekränzte Statue des Elefantengottes Ganesh stünde, könnte man sich genauso gut in der wohltemperierten Hightech-Welt des Firmen-Stammsitzes Walldorf wähnen, in Palo Alto, Tel Aviv oder wo sonst die SAP-Ingenieure global am Werk sind.

Doch dann tritt man hinaus durch das streng bewachte Werkstor und ist jenseits von Eden. Vielen Gullys auf dem bröckelnden Bürgersteig fehlt der Deckel. Erbärmlich magere Kühe weiden am Straßenrand. Sie finden kein Gras, nur Plastiktüten und stinkenden Abfall, doch irgendwie scheinen sie damit zu überleben. In einer Wolke aus Staub und Abgasen quält sich der Verkehr der Fünf-Millionen-Stadt vierspurig über eine zweispurige Straße. Motorradfahrer kurven im Slalom durch den Stau, zwischen Bremsen und Husten unterhalten sie sich mit der Ehefrau im flatternden Sari auf dem Soziussitz. Vor den Ampeln klopfen lepröse Bettler an die Scheiben klimatisierter Autos. Doch das neue Indien der IT-Generation auf dem Weg heim in die Apartments am Stadtrand verschließt sich der Misere. Bangalore, Vorzeigestadt des indischen Wirtschaftswunders. Powerhouse eines Landes mit mehr als einer Milliarde Einwohner, das sich schon als kommende Weltmacht sieht, das in den nächsten drei, vier Jahrzehnten China und sogar die USA überholen will. Das Wirtschaftswachstum des Landes liegt bei über acht Prozent, Jahr für Jahr drängen 250.000 Computerspezialisten auf den Arbeitsmarkt.

Zunahme des privaten Konsums in 20 Jahren um mehr als 300 Prozent

Im nächsten Jahr sollen 200.000 neue Lehrer Kinder unterrichten, mehr als elf Millionen junger Leute studieren. Gleichzeitig bricht tagtäglich die Strom- und Wasserversorgung zusammen, ist die Hälfte aller Kinder unterernährt und führen maoistische Terroristen in vielen der 28 Bundesstaaten einen erbitterten Kleinkrieg. Mit dem Slogan "Weltweit die am schnellsten wachsende Marktwirtschaft in einer Demokratie" beeindruckten indische Politiker und Industriebosse das Weltwirtschaftsforum in Davos. Der Superlativ stimme, meint die in den USA lebende Inderin Mira Kamdar in ihrem Buch "Planet India". Aber nur zum Teil. "Denn damit wird der positive Teil der Geschichte für die ganze Geschichte ausgegeben. Das Ergebnis ist ein Indienbild, bei dem über die weniger attraktive Wirklichkeit wie chronische Armut, hohe Aids-Rate, katastrophale Umweltbedingungen und zusammenbrechende städtische Infrastruktur gern hinweggegangen wird." Indien, glaubt der Ökonom Jagdish Bhagwati, werde im Wettlauf um den Status einer Weltmacht "etwas langsamer vorankommen" als China. Doch der gebürtige Inder, Politikprofessor an der Columbia University, sieht auch einen großen Vorteil gegenüber der chinesischen Konkurrenz: "Indien hat die Demokratie", daher werde die Entwicklung dort nachhaltiger sein.

Die Menschen jedenfalls sind begeistert vom indischen Wunder. Selbst in den Slums, wo der stinkende Abwassergraben hinter der Hütte das Klo ersetzt und Elektrizität bestenfalls schwarz von den Strommasten abgezapft wird, ist Euphorie zu spüren. Ob sie mit Büffelkarren unterwegs sind oder Brennholzbündel schleppen - zeigt nicht das Mobiltelefon, das viele am Ohr haben, dass es auch für die Armen aufwärtsgeht? Nach Jahrzehnten der Bescheidenheit, die der Nationalheld Mahatma Gandhi predigte und vorlebte, hat Indiens boomende Wirtschaft in den 16 Jahren seit der Liberalisierung der Märkte viel bewegt. Über eine Million hoch qualifizierte und im Weltvergleich billige Experten arbeiten inzwischen in der IT-Industrie. In der Biotechnik, vor allem bei der Produktion neuer, preiswerter Arzneimittel, sind es zwei Millionen. Durch den Aufschwung ist die Zahl der Menschen, die sich nie satt essen können, auf etwa 150 Millionen gesunken. Gleichzeitig wuchs die Mittelklasse auf geschätzte 200 Millionen. Wirtschaftsinstitute prophezeien eine Zunahme des privaten Konsums in den nächsten zwei Jahrzehnten um mehr als 300 Prozent.

"King Khan" und "Big B" sind allgegenwärtig

Doch die Widersprüche bleiben. Mit dem Eisenbahnminister berauscht sich das Volk an Plänen für ein Netz von Hochgeschwindigkeitszügen, das ganz Indien umspannen soll. Und presst sich dann jeden Tag in Vorortzüge, die über Uraltgleise rumpeln und so überfüllt sind, dass die Menschen in Trauben aus den offenen Türen hängen. In Mumbai etwa sterben jedes Jahr knapp 4000 dieser Passagiere, weil sie abstürzen, mit den elektrischen Oberleitungen in Berührung kommen oder gegen Masten knallen. Auf den Vorstadtbahnhöfen von Mumbai herrscht Selbstjustiz. In der Station Santa Cruz wird ein junger Mann auf dem Bahnsteig von einem Fahrgast brutal niedergeschlagen. Mit einer klaffenden Kopfwunde bleibt er ergeben in einer Blutlache auf dem Boden sitzen. Hunderte Menschen schauen ungerührt zu. Ein Polizist drängt sich durch die Menge. Kurzer Blick auf den blutenden Jungen, dann geht er weiter. "Ein Taschendieb", klärt ein Zuschauer auf, "dem gehört es nicht anders. Was glauben Sie, was los wäre, wenn so was einreißen würde bei diesen vollen Zügen!" Vor kurzem beherbergte Mumbai die erste Bootsausstellung des Landes. Als wäre ein Motorboot jetzt ein Spielzeug für jedermann, erschien die "Hindustan Times" mit der Schlagzeile: "Warum alle eine gute Yacht lieben". Um dann kleinlaut einzuräumen: "In ganz Indien gibt es keinen Yachthafen."

Das Land orientiert sich unbeirrbar nach oben. Zurück schaut es ungern. Ganz oben stehen Indiens moderne Götter. Stahlmagnaten wie Ratan Tata und Lakshmi Mittal oder der Petrochemie-Milliardär Mukesh Ambani. Männer, die Stahlwerke und Textilfabriken im Westen aufkaufen oder Autos zu Niedrigpreisen für den Weltmarkt produzieren und so Indien in die "globale Umlaufbahn" ("Times of India") befördern. Sie sind der Beweis dafür, dass Indien es schaffen kann. Ganz oben stehen auch die Helden aus Bollywood. Shah Rukh Khan und Amitabh Bachchan, die zwei größten ihrer Gattung - vom Publikum nur "King Khan" und "Big B" genannt -, sind auf Werbeflächen und in TV-Spots allgegenwärtig. Von Quizmaster King Khan, dem indischen Günther Jauch, ist der Satz überliefert: "Ich würde auch Spots für Kondome machen, wenn das für mich mehr Geld bedeutete." In den Soap-Operas und den Werbespots des Fernsehens ist der S-Klasse- Mercedes längst alltäglich, genauso wie Espressomaschinen, Schnellaufzüge und, als letzter Schrei, das Universal-Elektronik-Spielzeug "Blackberry". All das zusammen gilt als "Lebensstil der Jungen und Erfolgreichen", den auch eine Immobilienfirma im Slogan für ihre Apartments beschwört.

"Wir sind intelligent, fleißig und gut ausgebildet"

Das ist die Welt, von der die wachsende Mittelschicht träumt, auch wenn sie real noch weit davon entfernt ist. Immerhin rund 200.000 Haushalte - 0,02 Prozent des Milliardenvolks - hatten 2005 ein Jahreseinkommen von umgerechnet 100.000 Euro oder mehr. Versteckt hinter hohen Mauern liegt "Palm Meadows", Bangalores edelste Siedlung. Palmen und satte Wiesen, wie schon der Name sagt. Und etwas, was in Indiens Städten der größte Luxus ist: viel Platz. Hier gibt es fast leere Straßen, auf denen ohne jedes Gehupe funkelnde SUVs zirkulieren, Tennisplätze mit Balljungen und sogar markierte Fahrradwege sowie ein Geschäft für garantiert ökologische Lebensmittel. "Bangalore California" heiße diese Enklave der Ersten Welt, sagt der Verwalter des Komplexes ohne jede Ironie.

5.000 Menschen wohnen hier in cremefarbenen Villen. Ausländische Manager, indischstämmige Rückkehrer aus den USA und auch Einheimische, die es bis ganz nach oben in der IT-Hierarchie schafften. Männer wie Ajay Kela. Der Sohn eines Bankkassierers studierte mit einem Stipendium Informatik in den USA, tat sich dort im Computer-Business um und kehrte vor vier Jahren als Chef des Software-Entwicklers "Symphony" nach Indien zurück. Heute dirigiert der Endvierziger 3.500 Spezialisten, die vor allem für amerikanische und britische Firmen arbeiten. Manchmal seufzt Kela über Indiens desaströse Infrastruktur und den Hang seiner Landsleute, "Dinge nur zu 95 anstatt zu 100 Prozent zu erledigen". Doch Indien könne es zur Weltspitze schaffen. "Wir sind intelligent, fleißig und gut ausgebildet." Am liebsten übt der durchtrainierte Manager mit seinem achtjährigen Sohn Sprints auf der stillen Straße vor der Haustür.

"Für ein fünfstelliges Monatsgehalt arbeiten"

Aus seiner Villa mit Perserteppichen und dem signierten Schlagholz des indischen Cricket-Teams von 2005 - "habe ich ersteigert!" - will er in Kürze ausziehen. In etwas repräsentativeres: einen Neubau auf einem Grundstück, 300 mal 300 Meter groß. Die Hausfrauen von Palm Meadows treffen sich am Pool, einem Bassin groß wie ein Fußballfeld und mit einer Bar, deren Marmorhocker von den Wellen leicht überspült werden. "Wir leiten unser Wasser über eine sechs Kilometer lange Pipeline ein", merkt der Verwalter stolz an, "aus einem eigenen Brunnen." Im restlichen Bangalore ist Wasser chronisch knapp. Für normale Haushalte läuft es nur wenige Stunden am Tag. Die Bauern im Umland verbrauchen zu viel für die Bewässerung ihrer Felder, und die neue Mittelschicht leistet sich zunehmend den Luxus von Waschmaschinen und zweimal Duschen täglich. Jedes Jahr sinkt der Grundwasserspiegel weiter ab. Die Adern, die man anbohren muss, liegen inzwischen tiefer als 100 Meter. Oft ist das Wasser trotzdem mit Pestizid- und Düngerrückständen verseucht.

Doch optimistische Inder sehen darin kein grundsätzliches Problem: "Wir sind einer der wenigen Staaten mit Meerwasser rundum, und wir haben schon bewiesen, dass wir Entsalzungsanlagen bauen können", meint Mukesh Ambani, der Chef des Mischkonzerns Reliance, der unter anderem Indiens größte Raffinerie errichtet hat. Darüber, was es kostet, Hunderte Millionen Menschen mit entsalztem Meerwasser zu versorgen, lässt er sich nicht aus. "Heute in zwei Jahren möchte ich für ein fünfstelliges Monatsgehalt arbeiten", sagt ein zukunftsfroh lächelndes Mädchen auf dem Werbeposter einer IT-Akademie in Pune, der größten Stadt zwischen Bangalore und Mumbai. Die Ziele der Mittelklasse sind deutlich bescheidener, als es die vielen Berichte über die märchenhafte Welt der Superreichen suggerieren. Fünfstellig in Rupien heißt dreistellig in Euro, und das ist schon was. Ein normaler Buchhalter etwa steigt mit monatlich 3.000 Rupien (55 Euro) ins Berufsleben ein, ein Handwerker verdient deutlich weniger.

Steinzeittechnik neben dem Highway

Ein Gehalt von 500 Euro im Monat bedeutet eine Siebzigquadratmeterwohnung in einem achtstöckigen Apartmenthaus am Stadtrand, wie sie heute zu Tausenden im ganzen Land hochgezogen werden, ohne viel Grün und mit einer staubigen Straße als Zufahrt. Es bedeutet ein Motorrad aus indischer Produktion und nach der nächsten Gehaltserhöhung vielleicht sogar einen Maruti-Kleinwagen für umgerechnet 4.000 Euro, eine Waschmaschine, das Schulgeld der zwei Kinder für eine private Grundschule und am Samstagabend einen Besuch bei "Pizza Hut" oder "Subway" - man gehört jetzt dazu. Mit einem Monatseinkommen von 500 Euro kann man die Malls von Bangalore oder Mumbai hin und wieder zum Einkaufen besuchen und nicht nur zum Staunen über Gucci-Taschen oder Bleikristallschwäne von Swarovski. Als vor fünf Jahren die Konsumtempel noch neu waren, verlegten ganze Familien ihr sonntägliches Picknick aus der Hitze der mit Abfall gesprenkelten Parks in die künstliche Kühle der Malls und fuhren Rolltreppe, bis das Wachpersonal nur noch Personen einließ, die sich mit Kreditkarte und Mobiltelefon als potenzielle Käufer legitimieren konnten.

Highway Nr. 4 ist Teil des "Goldenen Vierecks", der Autobahn zwischen Indiens Metropolen Delhi, Kalkutta, Chennai, Bangalore und Mumbai. Offiziell ist er so gut wie fertig, ein Meilenstein auf Indiens Weg zu moderner Infrastruktur. In Wirklichkeit fehlt aber allein auf dem Abschnitt Bangalore - Mumbai noch mehr als ein Drittel. Auf den Strecken, die noch in Bau sind, rumpeln bunt bemalte Lkws über holprige Trassen aus britischen Kolonialtagen, umfahren auf abenteuerlichen Ausweichpisten halbfertige Brücken. Gleich neben dem unvollendeten Highway bricht ein Bauer die Ackerkrume mit einem hölzernen Hakenpflug wie seine Vorfahren in der Steinzeit. Über dem Zementmäuerchen auf dem Mittelstreifen hängt tropfnasse Wäsche, auf dem Bankett sind tellergroße Kuhfladen ausgelegt, die getrocknet als Brennmaterial dienen. Niedrige Rundzelte aus Plastikbahnen und Palmwedeln säumen die Straße wie Indianer-Tipis.

Ausbildung ist das Mantra des heutigen Indiens

In ihnen hausen Wanderarbeiter für die Zuckerrohrernte. Sie verdienen etwa einen Euro am Tag. Und dann ganz plötzlich ein postmodernes Gebäude, das unwirklich weiß und riesig hinter Hütten und Büffelkarren aufragt. Ein Krankenhaus mit 750 Betten, säulengeschmückt und aseptisch. Fünf Jahre alt und für alle da, auch für die Armen. 40 Prozent der Patienten werden gratis behandelt - Kranke, deren Einkommen unter der Armutsgrenze liegt. Die anderen 60 Prozent müssen bezahlen. Mit diesen Einnahmen könnte die Privatklinik nicht überleben. Das schafft sie nur, weil sie Studenten zu Ärzten ausbildet und für das fünfjährige Studium die ungeheuerliche Summe von 20.000 Euro verlangt. "Indischen Familien liegt eine gute Ausbildung ihrer Kinder sehr am Herzen", sagt der Klinikmanager Dr. Jayaraj, "manchmal spart ein ganzer Clan nur auf das Ziel hin, einem von ihnen ein Medizinstudium zu ermöglichen." Für die Zukunft sieht der Doktor übrigens eine weitere Einnahmequelle direkt vor der Haustür. Er deutet auf den Highway, der hier noch im Bau ist: "Wenn der erst mal durchgehend befahrbar ist, erwarten wir eine starke Zunahme der Verkehrsunfälle. Dann können wir unsere erstklassige traumatologische Abteilung richtig auslasten."

"Education", Ausbildung, ist das Mantra des heutigen Indiens. Nur wer viel gelernt hat, kann auf einen der begehrten Jobs als IT-Spezialist, Arzt, Biotechniker oder Manager hoffen. Und Indiens Jugend will lernen. Aufmüpfig ist sie nie gewesen - die traditionelle Unterordnung junger Menschen im Familienverbund ist ungebrochen und wird auf Schule und Beruf übertragen. Der Highway Nr. 4 ist von brandneuen privaten Bildungsstätten gesäumt, die an die Architektur amerikanischer Einkaufszentren erinnern: hier ein College für Chemie in Pink mit einer Kuppel fast wie beim römischen Petersdom, da eine Managerschule namens "Regenbogen" in Zartblau mit einem Schild über dem Stuckportal: "Wir produzieren kluge Köpfe." Über den Campus schlendern, meist nach Geschlechtern getrennt, junge Menschen in Schuluniformen. Eine Punkfrisur oder eine Tätowierung am Unterarm würden hier als Provokation empfunden. Die Studenten sind privilegiert. Auch wenn private Schulen boomen, sind sie für die große Mehrheit der Inder noch immer unerschwinglich.

"Ich habe mich an Nachtarbeit gewöhnt"

Zwar gibt es Stipendien für begabte Arme, doch sie decken nur einen Bruchteil des Bedarfs. Die berwiegende Zahl der Inder, besonders die Landbevölkerung, kommt daher über die staatliche Schule nicht hinaus, über Unterricht in düsteren, heruntergekommenen Gebäuden, wo eine Schiefertafel oft das einzige Lehrmittel ist und häufig auch die miserabel bezahlten Lehrer fehlen. Das Ergebnis: Von den 140 Millionen Kindern im Grundschulalter kann die Hälfte nicht einmal lesen. Das Dorf Ugarkhod nimmt deutlich sichtbar teil am modernen Indien. Die 500- Einwohner-Gemeinde direkt am Highway hat zwar weder Strom noch fließend Wasser. Doch die fünfzig Häuschen sind ohne Ausnahme Werbeträger für Airtel, den größten Mobiltelefon-Anbieter Indiens. Zwei Männer seien eines Tages vorbeigekommen und hätten im Hindutempel ein paar hundert Rupien als Spende dagelassen, erzählt der Dorfsprecher. "Und dann erschien ein Malertrupp und strich unsere Häuser an." Den Dörflern gefällt das Airtel-Design in Rot-Weiß-Schwarz an ihren Hauswänden, das man von der Schnellstraße aus wunderbar erkennen ann. "Außerdem ist das richtig gute Farbe, wasserdicht auch beim Monsunregen. Die hätten wir uns niemals leisten können."

An einer Tankstelle mit Restaurant und sauberer Toilette direkt am Highway sitzt der 29-jährige Vikram. Der Computerspezialist führt stolz Frau und Kind im knallroten Kleinwagen aus, den er sich endlich leisten konnte. Ein Priester hat das Auto nach altem Ritual geweiht: Orangen vor jedes Rad, die beim Darüberrollen zerplatzten, so wie sie einst auch der Streitwagen des Gottes Krishna laut einem heiligen Lied zerdrückt haben soll. Der bärtige Mann in Gelb segnet hauptberuflich für das Autohaus Maruti und zermatscht jeden Tag ein paar Kilo Orangen. "Ich habe mich an Nachtarbeit gewöhnt", sagt Vikram. Er verkauft seit drei Jahren von Bangalore aus Oracle-Produkte an Firmen in den USA. Weil es in Indien Nacht ist, wenn Amerika arbeitet, geht seine Schicht von acht Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Elf Stunden lang wickeln er und jeder seiner 700 Kollegen 50 bis 60 Verkaufsgespräche ab.

"Work hard, party harder!"

"Manche Kunden stören sich an meinem indischen Akzent. Aber viele fragen mich auch nach meiner Familie, und umgekehrt weiß ich inzwischen, welches ihr Lieblingsclub im Baseball oder Eishockey ist." Nur am Wochenende lebe er so richtig. Wer noch unverheiratet ist, aber an den Segnungen des globalen Indiens teilhat, trifft sich abends in amerikanisch anmutenden Pubs und Discos wie dem "Nasa" von Bangalore, einer Orgie aus Aluminium und blauem Neonlicht, das die Innenwelt einer Raumstation nachbilden will. "Den Männern und Frauen gewidmet, die das Unmögliche träumten und die Stärke hatten, den Traum zu verwirklichen", steht als Motto an der Wand. Die männlichen Träumer des Unmöglichen trinken Bier zu deftigen Preisen, lassen sich mit einer Mischung aus westlicher und indischer Popmusik zudröhnen und halten gebührend Abstand von den wenigen Frauen im Lokal. Denn auch das moderne Indien ist im Privaten zutiefst konservativ. Küssen vor aller Augen ist noch immer tabu. Schon Händchenhalten an öffentlichen Plätzen gilt als emanzipatorische Geste. Auch die coolsten Kneipen haben eigene "Familien-Ecken", die für Männer ohne weibliche Begleitung gesperrt sind. "Mädchen sind schon noch ein Problem bei uns", sagt der 26-jährige IT-Designer Siddharth, "und gar unverheiratet zusammenzuleben ist ganz, ganz schwierig."

Und so bedeutet der immer wieder zitierte Satz aus dem Nachtleben der IT-Elite: "Work hard, party harder!" meist nur eins: Männerrunden mit langsam steigendem Lärm und Alkoholpegel. Huren seien in Indien genauso angezogen wie andere Frauen auch, sagt ein Lkw-Fahrer auf einem Rastplatz am Highway, nicht halbnackt oder so, wie es in anderen dekadenten Ländern angeblich der Fall sei. "Man erkennt sie nur daran, dass sie den Blick nicht senken, wenn ein Mann sie anstarrt." Anders als die züchtige Mittelklasse üben sich die Trucker nicht in Enthaltsamkeit. Das traurige Ergebnis: mehr als sieben Millionen HIV-Positive im Land. Indiens Lkw-Fahrer sind Garanten des Aufschwungs, ohne Teil davon zu sein. Sie transportieren die Konsumgüter, nach denen die Mittelschicht so dringlich verlangt, und führen ein anarchisches Leben. Oft wochenlang unterwegs, schlafen sie im Auto, kochen im Auto auf Spiritusbrennern, machen Liebe im Auto. Ihre Sattelschlepper stellen sie nicht auf dem Areal einer neuen, schicken Tankstelle ab. Sie parken auf Rastplätzen, die so aussehen wie sie selbst. Dort können sie ihre Wäsche und ihre Haare am Brunnen waschen, für umgerechnet 30 Cent zu Mittag essen, sich für 20 Cent in einer Bambushütte die Haare schneiden und für einen ähnlichen Betrag ihre Hemden mit einem kohlebeheizten Messingbügeleisen plätten lassen.

Alt und neu. Glanz und Elend

Immer wieder müssen sie an den Grenzen der Bundesstaaten Wegezoll bezahlen. 5000 Rupien für ein Jahr kostet etwa die Übertrittserlaubnis von Karnataka mit der Hauptstadt Bangalore nach Maharashtra mit der Hauptstadt Mumbai. Dazu kommen noch ein paar hundert Rupien "Bearbeitungsgebühr" für den Maut-Kontrolleur. Ohne Quittung. Mit diesen Binnenzöllen finanziert sich Indiens Bürokratie. "Ist doch ein Witz", ereifert sich ein Fahrer, der in der langen Lkw-Schlange auf Abfertigung für Mumbai wartet. "Da schießen wir Satelliten ins All, und gleichzeitig zahlst du Zölle wie im Mittelalter." Alt und neu. Glanz und Elend. Nirgendwo prallen die Gegensätze so aufeinander wie in Indiens größter Stadt. Schlimmster Slum der Welt und Mietpreise wie in Manhattan. Hier wachsen fast täglich neue IT-Paläste hoch, und täglich kommen ein paar Tausend Arme aus dem ganzen Land hier an mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Am nördlichen Stadtrand hat gleich neben dem funkelnden Einkaufszentrum "In Orbit" der Volkspark "Mindspace Garden" geöffnet. Ein Prachtstück moderner Gartenarchitektur auf fünf Hektar. Grüne Oase im staubigen, lauten Mumbai. Eintritt fünf Rupien, knapp zehn Cent. Die Hauptattraktion ist ein Freiluft-Planetarium, das zwischen schattigen Bäumen mit blank geschliffenen Marmorkugeln unser Sonnensystem nachstellt. "Wir haben den Park in weniger als einem Jahr angelegt", sagt der Gartenarchitekt. Mit 30 Tankwagen wird die Anlage jeden Tag bewässert, 15 Gärtner pflegen sie. Gleich hinter dem Park fließt breit und träge der Malad-Creek. Warum dann Tankwagen? Ein Blick auf das andere Ufer beantwortet die Frage. Aus einem Betonschlund, groß wie ein Scheunentor, donnert schäumend ein Katarakt aus schwarzer, klebriger Brühe in den Fluss, Mumbais Abwässer.

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