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Moderne Glücksritter: Hallo, mein Schatz!

Das US-Unternehmen Odyssey Marine hat im Atlantik den wohl wertvollsten Schatz aller Zeiten gefunden - und streitet sich nun mit Spanien, wem die Beute gehört. Doch solcher Ärger schreckt die Branche nicht ab - Investoren stecken Millionen in das abenteuerliche Geschäft.

Von Birgit Dengel, Heike Buchter und Natalia Shuster

Verwegen blickt Barbossa unter der breiten Krempe seines Hutes in die Ferne. Was mag als Nächstes in den Untiefen der Ozeane lauern, fragen seine müden Augen. Der Pirat sei tot, so glaubten seine Gefährten um Captain Jack Sparrow. Doch stattdessen steht Barbossa in voller Seefahrerkluft an Bord des Seglers, der sich gegen die Übermacht der East India Trading Company erhebt.

Schatzsuche boomt

Mit Barbossa und Sparrow als Hauptdarstellern startet an diesem Wochenende der dritte Teil des Hollywood-Streifens "Fluch der Karibik" in den Kinos. Es geht um Schurken und Rächer, um Schiffe und Festungen und natürlich um Gerechtigkeit auf den Weltmeeren. Wieder einmal wird das Spektakel Millionen Besucher in die Kinos locken - auf der Suche nach fernen Welten und dem Zauber der Ozeane.

Eine mindestens ebenso spannende Geschichte spielt sich zurzeit in der Wirklichkeit ab. Auch hier geht es um Meere, versunkene Schiffe, Gerechtigkeit und viel, viel Silber. Barbossa heißt hier John Morris. Und seinen Schatz, den er "Schwarzen Schwan" nennt, muss er gegen die Begehren von Staatsmächten und Ganoven verteidigen.

Die Schatzsucher verraten bisher nichts

Morris ist Vorstandschef von Odyssey Marine Exploration, einem wohl einzigartigen Unternehmen: Es hat sich nicht nur darauf spezialisiert, nach Schätzen in den Weltmeeren zu suchen. Es ist auch noch das einzige börsennotierte Unternehmen seiner Art. Vor ein paar Tagen gab Odyssey eine sensationelle Meldung heraus: den Fund von über 500.000 Silbermünzen und Hunderten Goldmünzen, insgesamt 17 Tonnen, in einem Wrack irgendwo im Atlantik. Experten schätzen den Wert der Silbermünzen auf 500 Millionen Dollar. Noch nie wurde ein wertvollerer Schatz gefunden.

Kaum gehoben, gibt es auch schon Ärger. Spaniens Regierung will etwas von der fetten Beute abhaben, droht, "mit aller Härte" gegen Odyssey vorzugehen. Die Spanier glauben, dass die Fracht aus einer der Hunderten spanischen Galeonen stammen könnte, die auf dem Grund der Weltmeere liegen. Nur: Die Schatzsucher verraten bisher nichts - weder die Fundstelle noch den Ort, wohin der Schatz gebracht wurde. Nicht einmal den Namen des Schiffes.

"Höchst verdächtig" sei das, grollt Spaniens Kulturministerin Carmen Calvo. Die spanischen Zeitungen überschlagen sich vor Spott und Spekulationen. Es gehe doch nicht an, dass "ein Unternehmen, dessen Technik es mit derjenigen der Nasa aufnehmen kann", nicht in der Lage sei, den Fundort zu bestimmen! "El Mundo" will ein entscheidendes Indiz gefunden haben: Angeblich beweisen Satellitendaten, dass die Odyssey-Schiffe in den vergangenen drei Monaten nur rund 18 Kilometer vor dem südspanischen Cádiz im Einsatz waren.

Die Antwort Odysseys kam prompt. Mit der spanischen Regierung habe man doch immer ein "herzliches Verhältnis" gepflegt, hieß es aus Florida. Aber in den letzten Tagen seien viele Berichte in spanischen Medien gewesen, die "absolut keinen Bezug zur Realität" hätten.

Schatz gestohlen?

Und plötzlich schalten sich auch die Briten ein: Die "Daily Mail" mutmaßt, Odyssey habe den Schatz der "Merchant Royal" gestohlen. Bis heute weiß niemand, wo das Wrack des 1641 gesunkenen Schiffs liegt. Andere vermuten, der Schatz stamme von der "HMS Sussex", für die Odyssey vor zwei Monaten die Erlaubnis Madrids erhalten hatte, im Auftrag Londons vor der spanischen Südküste zu suchen. Nein, die "Sussex" sei es nicht, beteuert Odyssey.

Kurz: Jeder will etwas von dem Schatz abhaben. Die Spanier pochen weiter auf ihr Recht: In einem Gesetz erhebt Madrid Anspruch auf jegliche spanischen Kulturgüter, die bis zu 200 Seemeilen vor der Küste entdeckt werden. Nach internationalem Recht sind es allerdings nur zwölf Seemeilen. Die Polizei soll nun untersuchen, ob hier etwa spanischer Kulturbesitz geplündert wurde. Und Juristen der spanischen Botschaft in Washington müssen einen Brief an Odyssey schreiben - und hoffen auf den guten Willen der Schatzsucher.

Nebenbei einen weiteren großen Schatz gehoben

Egal, wem das Geschäft mit den Münzen am Ende zufällt: Einen großen Schatz hat Odyssey bereits an anderer Stelle gehoben. Das Unternehmen sicherte sich passend zum Start von "Fluch der Karibik" eine Werbekooperation mit Disney Enterprises, dem Produzenten des Films. Wie viel Odyssey an der Allianz mit Disney verdient, will das Unternehmen zwar nicht sagen. Aber die Schatzsucher sind Finanzprofis: Im Vorstand sitzt mit David Saul ein ehemaliger Finanzminister der Bermudas. Topanteilseigner ist der Londoner Hedge-Fonds GLG Partners mit fast 20 Prozent.

Schatzsucher machen zwar selten große Beute. Gute Geschäfte gelingen den Unternehmen dennoch: mit der Sehnsucht nach Abenteuern. "Wir verkaufen unseren Anlegern in erster Linie nicht Return-on-Investment", sagt Doug Pope, Chef von Amelia Research & Recovery, "wir verkaufen einen Traum." Mit seinem Spezialboot Polly-L, das 2,3 Millionen Dollar kostete, sucht er vor der Küste Floridas nach Schätzen. "Es ist wie ein Spiel", schwärmt Pope, "wer das Risiko meiden möchte, bringt sein Geld zur Bank."

Menschen wie Pope zapfen alle möglichen Geldquellen an, denn Schatztauchen ist teuer. Die Arbeit in der Tiefsee verschlingt nach Odyssey-Angaben jeden Tag zwischen 10.000 und 100.000 Dollar. Firmen wie Amelia, die sich auf flache, küstennahe Gewässer beschränken, benötigen für ein Schiff immerhin noch rund 30.000 Dollar pro Monat, um die laufenden Kosten zu decken.

Höhenflug an der Wall Street

Odyssey ging 1997 an die Börse, um Geld zu bekommen. Mit wenig Erfolg. Die Aktie dümpelte vor sich hin, drei Jahre nach dem Börsenstart kostete ein Odyssey-Papier weniger als 10 Cent. Keine Schatzfunde - kein Traum, der sich vermarkten lässt. Erst 2003 gelang der Odyssey-Crew ein beachtlicher Fund: Münzen im Wert von etwa 75 Millionen Dollar.

Ausnahmsweise meldete das Unternehmen einen Gewinn. Seitdem schreibt Odyssey wieder Verluste. Enttäuscht seien die Investoren deswegen nicht, sagt eine Odyssey-Sprecherin. "Man kann den Verlust in den Vordergrund stellen - man kann aber auch unsere langfristigen Investitionen sehen." Immerhin erlebt Odyssey gerade dank des Rekordfunds einen Höhenflug an der Wall Street: Der Kurs schoss nach der Meldung von 4,60 auf 8,32 Dollar.

Die Nachricht vom "Schwarzen Schwan" hat einen regelrechten Rausch ausgelöst. Hunderte von Anrufen habe er bereits bekommen, erzählt Amelia-Chef Pope, der derzeit entspannt auf einem Boot vor Florida schippert. Er mache zwar noch keine Gewinne, aber die Investoren seien dennoch zufrieden. "Ich lade sie alle ein, auf unser Boot zu kommen und hier ihren Urlaub zu verbringen." Statt Dividende gibt es Sonne satt und Tauchen umsonst.

FTD