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Möbelhaus: Ein Mann vermöbelt die Welt

Der Schwede Ingvar Kamprad will erst Ruhe geben, wenn er die ganze Menschheit mit "Billy"-Regalen ausgestattet hat. Seit 60 Jahren arbeitet er geduldig und höchst kreativ daran - und schuf aus einem winzigen Versandhandel eine einzigartige Möbelmaschine.

Heute wird Moskau inspiziert, und zielstrebig steuert der alte Mann das Restaurant an. "Ich bin Ingvar", sagt er und beglückwünscht die perplexen Kassiererinnen zum Erfolg ihrer Arbeit. Dann setzt er sich an die Kasse: Hier müsse man stets zwei Kunden mit ihren Tabletts im Auge behalten, erklärt er freundlich. "Das spart sechs Sekunden pro Kunde!" Sechs Sekunden weniger Wartezeit, sechs Sekunden mehr Umsatz - in der Welt des Ingvar Kamprad sind es die sechs Sekunden, die den Unterschied ausmachen zwischen Gleichgültigkeit und Begeisterung, zwischen Mittelmaß und Erfolg, zwischen dem Rest der Welt und - Ikea. "Profit", predigt dieser Mann seit 60 Jahren, "ist ein wunderbares Wort!"

Dann eilt der

mutmaßliche Milliardär in seinen abgelaufenen Schuhen hinunter in die Warenannahme, schüttelt Hände und fragt höflich: "Bekommen die Lkw-Fahrer Kaffee? Nein? Die Fahrer kommen doch ein bisschen schneller, wenn sie wissen - bei Ikea wartet man auf sie. Denn wir haben immer Kaffee für sie. Die Lkw-Fahrer sind unsere besten Freunde!" Eifrig zücken die jungen Angestellten in seinem Gefolge ihre Stifte, notieren Nützliches. Auch diese jungen Russen reihen sich gerade in die "Armee" jener "bescheidenen Enthusiasten" ein, die der alte Mann in die Welt schicken will - sollen sie seine Weisheiten, sein Leben bitte kopieren, immer wieder. So baut ein Möbelhändler an seinem Denkmal: I.K.E.A. - Ingvar Kamprad vom Hof Elmtaryd im schwedischen Dörfchen Agunnaryd.

Er sieht aus wie ein verknubbelter Opa, lacht sein hohes Kinderlachen, manchmal hat er schwarze Ränder unter den Fingernägeln, als ob er gerade aus dem Garten käme. Auch mit 76 Jahren beklagt er regelmäßig sein mangelndes Selbstbewusstsein und das Problem mit dem Alkohol. Er hat Angst vor öffentlichen Auftritten, sucht Nähe durch ständige Umarmungen und allzu bereitwillige Geständnisse: "Niemand hat mehr Fehler gemacht als ich" (siehe Interview). Doch seine wasserblauen Augen wandern flink, er sieht alles. Dieser alte Geschäftsmann hat ein untrügliches Gespür für die Zukunft.

Für seinen

Konzern ist "Ingvar" eine wandelnde Werbemaßnahme - und sich selbst sein kritischster Kunde. Er untersucht die Krümmung von Henkeln an Kaffeetassen, die Form eines Stuhls mit ebenso großer Besessenheit wie die Farbe einer Weihnachtskugel. Dabei behauptet er stets: "Ich habe gar keinen Geschmack." Seine Naivität ist ebenso aufrichtig wie inszeniert, wenn er gesteht: "Ich bin ein katastrophaler Organisator. Ich kann nur schwer Entscheidungen treffen."

Während die

Möbelbranche gerade katastrophale Umsatzrückgänge verzeichnet, betreibt Ikea mal eben die Eroberung der Welt. Hat im März in Ulm die 30. deutsche Filiale eröffnet - trotz stagnierender Umsatzzahlen. Denn das "System Ikea" ist generalstabsmäßig geplant. Dazu gehören: ein charismatischer Firmengründer mit rebellischen Ideen. Schwedische Landschaften. Massenproduktion in so genannten Niedriglohnländern, knallhart bis auf den letzten Cent kalkuliert. Jede Zahl wird wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Und zum System Ikea gehören Tausende gläubiger Mitarbeiter, die in ihrem Leben offenbar nur eins wollen: die Menschheit mit Selbstbau-Möbeln beglücken.

Jeden Tag strahlt Kamprads Name über mittlerweile 177 Geschäften in 31 Ländern, lockt jährlich 286 Millionen Besucher zum Griff ins Portemonnaie, von Australien bis Saudi-Arabien, von Island bis Taiwan. In China heißt Ikea "Yi Jia Jia Ju", "Gemütlich zu Hause wohnen", und gilt als hipper Shopping-Spot. Auch wenn es immer wieder zu interkulturellen Missverständnissen kommt - wenn die Kundschaft etwa die bunten Brotkästen als Kopfkissen beim Probebeschlafen der Betten nutzt oder die Verwendung von schwedischem Lakritz in der Suppe erörtert. Unglückselige, ikealose Völker retten sich findig aus der Misere: So schaffen private Händler in Kroatien die Ware aus Österreich herbei. Die Kundschaft wählt aus dem Katalog - in der Wohnung des Kleinunternehmers, voll gestopft mit Ikea-Mobiliar.

"Wir sind doch

nur eine kleine Firma", beschwichtigt Anders Dahlvig, 42, Präsident der Ikea-Gruppe und damit Chef aller Läden. "In den meisten Ländern haben wir etwa fünf Prozent Marktanteil." Doch in den nächsten fünf Jahren soll der Konzern weltweit um weitere 75 Prozent wachsen - so wie er in den vergangenen fünf Jahren um 100 Prozent gewachsen ist. Auch in Russland will Kamprad beweisen: Globaler Kapitalismus kann gut sein! Ikea eine Wunderwaffe der Marktwirtschaft! Der Marsch nach Osten begann im August 1998 mit der Investition von 50 Millionen Dollar. "Wir werden mindestens zehn Jahre lang Verluste machen", warnte Russland-Chef Lennart Dahlgren seinen Boss. "Aber dann werden wir in zehn Jahren gute Gewinne machen", antwortete Kamprad.

Für die 600 Jobs bewarben sich 45.000 Menschen. 15.000 kamen in die Auswahl, auch Marina Schalambelidse, 40, bis dahin Lehrerin an einer Berufsschule, eine groß gewachsene Frau mit schwärmerischem Blick. "Beim Einstellungsgespräch wurde ich zunächst nur nach meinen Hobbys gefragt. Und ob ich Haustiere habe. Niemand wollte Bestechungsgelder. Es war vollkommen außergewöhnlich für unser Land. Die haben sich wirklich für mich interessiert."

Jetzt arbeitet

Marina in der Warenausgabe. Wie die meisten hier verdient sie 300 Euro im Monat, ein Moskauer Durchschnittsgehalt. "Hier vertraut man mir. Ikea ist eine Oase der Zivilisation." Selig schiebt auch Anatolij Schneider, 25, die Einkaufswagen auf dem Parkplatz zusammen. Der ehemalige Parkplatzwächter jubelt, als habe er eine Glückspille geschluckt: "Ich kann umsonst Englisch lernen. Ich bin ein besserer Mensch geworden." Und in der Ladezone wuchtet Familie Alexandrow gerade ein flach gepacktes Jugendzimmer für die 16-jährige Tochter Katja ins Auto. Die Zahnärztin und ihr Mann sind aus Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, angereist - das liegt 1.000 Kilometer entfernt. "Wir haben nur einen Wunsch", murmeln sie erschöpft: "Wann kommt dieses Geschäft endlich zu uns?"

Am Eröffnungstag

der ersten Filiale Chimki im März 2000 brach der Verkehr auf dem Moskauer Autobahnring zusammen, 43.000 Menschen kamen. Ein Weltrekord, übertroffen nur von der zweiten Moskauer Niederlassung Tjoplyj, die am ersten Tag 45.000 Besucher zählte. Dort wurde vor drei Monaten auch Ikeas "Mega Mall" eröffnet: An den Möbelladen reiht sich ein gigantisches Einkaufszentrum mit Hunderten Geschäften, Kino und Eisbahn. Ende des Jahres soll die dritte Filiale kommen, mitten im Zentrum, günstig an einer Metrostation gelegen. "Wir erwarten acht Millionen Kunden pro Jahr", sagt Russland-Chef Dahlgren, "dieses Land ist der ideale Standort für uns."

Auf der Landkarte im Konferenzzimmer sind die Ziele mit Stecknadeln markiert: St. Petersburg, Rostow am Don, Nowosibirsk... als ob ein ganzes Land auf "Bang" (Becher) und "Billy" (Regal) und "Barkaby" (Sessel) warte. Ein ganzes Land? Nichts weniger als das Mobiliar für eine bessere Welt wolle er liefern, behauptet Kamprad. Vor 26 Jahren veröffentlichte er sein "Testament eines Möbelhändlers", eine recht rebellische Bastelanleitung für den Bau eines Imperiums - und Pflichtlektüre für jeden der weltweit 70.000 Mitarbeiter. Hier verkündet Kamprad seine Visionen, liefert in einer "kleinen Wörterliste" die Interpretation seiner neun Gebote gleich mit. Die fordern "Rücksichtnahme" und "Bescheidenheit", verlangen "zurückhaltende Menschen", die Verantwortung suchen und das "Recht auf Fehler" haben: "Die Angst, Fehler zu machen, ist die Wiege der Bürokratie." Und jeder Mitarbeiter lernt: "Es ist unsere Pflicht zu expandieren. Auch in Zukunft können wir einen wertvollen Beitrag zur Demokratie leisten."

Damit die weltweite

"Markt-Penetrierung" auch funktioniert, basteln Marketingexperten an einem neuen Image, an einem "brand name", der mittlerweile ähnlich bekannt ist wie der von Coca-Cola. Vergangen die Jahre, als Ikea für "Ich kriege einen Anfall" stand. Vorbei die Zeiten des Billigmarktes für piefige Selbstabholer mit masochistischer Montierwut. Dieter Bohlen lebt in Ikea-Mobiliar, Norwegens Prinzessin Mette-Marit schleppt Ikea-Tüten. Weg mit dem dämlichen Elch - wer heute Ikea kauft, soll trendy sein! "Er erwirbt den schöneren Alltag gleich mit", schwärmt Bagher Pirouz von der Hamburger Werbeagentur "weigertpirouzwolf", die Ikea für 25 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland "kommuniziert". Ikea entspräche schließlich dem Lebensgefühl einer neuen, internationalen Generation: "Positiv, offen, flexibel, durchaus selbstkritisch und auch irgendwie ehrlich", glaubt Pirouz, "die Menschen haben Spaß am Zuhause, am Leben mit Kindern. Und sie haben eine gewisse Sparsamkeit."

"Homing" heißt das Zauberwort der verängstigten Wohlstandskinder: Die Zukunft ist unsicher wie nie, also wird die Wohnung zur Festung der Liebe. Dort gilt familiäres Kuschelgebot mit Espressomaschine und Teelichtern. Er kocht, sie sitzt am Computer, die Kinder spielen auf dem Sofa, aber bitte in coolen Möbeln zum coolen Preis. "Ikea soll ein richtiges Ausflugsziel werden", sagt Ikea-Chef Dahlvig. "Bei uns sollen die Menschen den Tag verbringen. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie etwas für die ganze Familie tun, wenn sie zu uns kommen. Ja, wir wollen so etwas werden wie Disneyland." Folgerichtig machen Möbel nur noch die Hälfte des jährlichen Umsatzes von elf Milliarden Euro aus. Entscheidend für Profil und Profit sind die "Satelliten": Bettwäsche, Teelichter, Mehrfachstecker, Kleiderbügel. In der "Markthalle" soll der Kunde der Wurststrategie zum Opfer fallen: Wie ein Hund soll er zuschnappen - und das möglichst oft. Eine durchschnittlich bestückte Filiale führt rund 10.000 Artikel. Darunter mindestens zehn "hot dogs" - Preisschocker, die man angeblich einfach mitnehmen muss.

Wer wissen möchte,

wie diese Möbelmaschine funktioniert, wer wissen will, wie ein Weltmöbelgeschmack geplant und der Ikea-Mensch gebastelt wird, der fährt nach Älmhult. Eine Kleinstadt an der Durchgangsstraße nach Stockholm. Hier in Smaland im Süden Schwedens wuchs der deutschstämmige Bauernjunge Ingvar Kamprad auf, im ärmsten und sprichwörtlich geizigsten Teil Schwedens. Schon als Kind soll er begonnen haben, vom Fahrrad aus Streichhölzer an die Nachbarn zu verkaufen. Handelte mit Fisch und Kugelschreibern. Mit einem Geldgeschenk seines Vaters gründete er 1943 mit 17 Jahren den Versandhandel Ikea, verkaufte Uhren und Nylonstrümpfe. Später kamen Kiefernmöbel dazu, die er in einem Milchwagen transportierte. Dann ein Laden in Älmhult. Heute arbeiten allein hier 2.700 Menschen für Ikea.

Älmhult ist Kaderschmiede

und Kommandozentrale, Ideenfließband und endloses Motivationsseminar. Die klaren Seen, das nordische Licht und die Bullerbü-Dörfchen liefern den Hintergrund für das "typisch schwedische" Ikea-Gefühl, das fröhliche, freundliche Design, das sich weltweit verkauft. Hier suchen zwei Mitarbeiterinnen nach netten Produktnamen: Polstermöbel etwa werden mit schwedischen Ortsnamen versehen (Klippan); alle Stühle und Schreibtische mit männlichen Vornamen (Tore), Gardinen mit weiblichen (Gudrun). Daneben sind schwedische Berufe (Regalserien), Fische und Früchte (Geschirr) im Angebot.

Erfolgversprechende Mitarbeiter werden in Seminaren zu "Botschaftern des I-way" erzogen. Absolvieren Lehrgänge über die Präsentation von Küchenstühlen oder die millimetergenaue und umsatzsteigernde Platzierung von Preisschildern. Präzise Verkaufsanleitungen. Absolventen erhalten einen der begehrten Anstecker in Form eines Imbusschlüssels. Ein typischer Ikea-Mensch scheint so nett, dass es beinahe wehtut. So harmonisch und scheinbar gleichberechtigt geht es in der "Ikea-Familie" zu, dass sich der Rest der Menschheit fragen muss, ob er nicht zu einer Spezies von kleingeistigen Fehlentwicklern gehört. Ein typischer Ikea-Mensch spült seinen Kaffeebecher stets selbst, radelt mit dem Fahrrad. Er kauft ein Hemd weniger pro Jahr - um den Einsatz von Pestiziden auf Baumwollfeldern zu verringern. In der Firmenzeitung "Lies mich" studiert er Kochrezepte ("vegetarische Kohlrouladen") und Tipps zum Umgang mit Liebesbeziehungen in der Firma ("Manchmal ist der Wechsel der Abteilung gut"). Er hängt am Handy, spricht isländisch, polnisch, chinesisch, englisch und ist schon beim frugalen Frühstück um sieben Uhr freundlich per Du. Vor allem aber denkt der Ikea-Mensch rund um die Uhr ans Sparen. Und er will immerzu lernen. Sparen und lernen.

In zwei gigantischen

Fotostudios produziert der Amerikaner Bill Agee den Katalog in einer jährlichen Auflage von 118 Millionen Stück in 23 Sprachen - das meistgelesene "Buch" nach der Bibel, heißt es. 26 Millionen davon gehen nach Deutschland. Mitarbeiter und ihre Kinder agieren als Models. Das ist preiswert und gibt den gesunden schwedischen Touch, den die Kundschaft liebt. Da die Studios nicht voll ausgelastet sind, soll es noch mehr Kataloge geben - für "Inspirationen". Der nette Amerikaner sagt: "Morgen sind wir besser als heute."

Im Testlabor perfektionieren Ingenieure unter anderem den Produktbereich Teelicht - der Ikea-Verkaufsschlager mit einer Milliarde verkauften Stück pro Jahr bietet naturgemäß auch das höchste Brandrisiko. So mühen sich die Experten um stete Verbesserung bei Docht und Wachs, Luftzugverhalten und Glühintensität. Was sagt der Ingenieur Neil Morgan aus Großbritannien? "Wir wollen morgen besser sein als heute." In Älmhult steht auch die Zentrale der weltweiten Produktion an Schrauben, Dübeln und anderen "Modul-Teilen": 2.154 528.962 Stück waren es im vergangenen Jahr. 99,9 Prozent der Tütchen waren richtig gepackt - doch Manager Björn Larsson übt Selbstkritik: "Morgen wollen wir besser sein als heute." Denn der Schwede erhält immer noch 100.000 Beschwerden pro Jahr.

Drei Buchstaben

küren den Gral des Imperiums: IoS, Ikea of Sweden. Hier wird das Sortiment kreiert. Unter dem Flachdach steht die Kollektion des kommenden Jahres, sortiert nach den vier Stilgruppen, in die Ikea die Menschheit einteilt: das brave "schwedische Landleben", der schnörkellos "praktische Skandinavier", der kaufkräftige Liebhaber "modernen Komforts" und der trendig-wilde "junge Schwede". In elf "Business Areas" arbeiten hier rund 100 Produktentwickler. Sie sind Schlüsselfiguren der "Wertschöpfungskette". Ihre Ideen müssen stets für die Massenproduktion verwertbar sein, dazu weltweit verkäuflich und stets so gestaltet, dass sie in kostensparende Flachkartons passen. Die Produktentwickler sind die Spürhunde des weltweiten Massengeschmacks. Sie sollen Einrichtung als Mode verkaufen.

Klein, blond

und selbstbewusst kommt Ninni Lomander und strahlt aus grünblauen Augen. Die Produktentwicklerin vertritt Abteilung BA 40, die "Welt der Kinder", sieben bis 14 Jahre. Ihre Zielgruppe haben Ninni und ihre Mitarbeiter für die nächsten drei Jahre verplant. Dabei haben sie sich von Trendforschern über Farben, Formen und Lebenskonzepte der Zukunft beraten lassen. Haben junge Designer eingeladen, sind in die Welt ausgeschwärmt, zu "workshops" in Shanghai und Konferenzen in New York, immer auf der Suche nach neuen, kostensparenden Ideen.

Dann haben sie in stundenlangen Sitzungen zukünftige Kinderträume in Themen gepackt: "Die Welt der Märchen" für den Winter 2002, "Blumen und Bienen" fürs Frühjahr, danach die "Nordische Wildnis". Die Produktionszyklen sind gnadenlos kurz geworden, mindestens zweimal im Jahr gilt es, Neues auf den Markt zu werfen. "Wir entwickeln den genauen Plan", sagt Ninni Lomander, "dann vergeben wir Aufträge an die Designer."

Gemeinsam reisen

Produktentwickler und Designer in Fabriken überall auf der Welt, um die Entwürfe den örtlichen Produktionsbedingungen anzupassen. Das spart Kosten - und liefert weitere Ideen. Auf einem Flohmarkt in Vietnam etwa sammeln sie Farben, Materialien, Muster. In den Fabriken lernen sie, wie man Sessel aus Bananenblättern produziert oder aus Metallresten neue Produkte basteln kann. "Die Zusammenarbeit in den Fabriken ist unser strategischer Vorteil", meint Ninni Lomander, "denn wir müssen immer schneller produzieren. Und dabei preiswert bleiben."

Das harte Produktionsprinzip

wird geschickt als "Demokratisches Design" umschrieben, der Preis als "dritte Design-Dimension" postuliert. Doch auch Ikea wird Ideenklau vorgeworfen. "Natürlich lassen wir uns inspirieren", sagt dazu kühl Ikea-Chef Dahlvig, "und das ist gut so. Wir entwickeln unsere Produkte ja nicht im Hinterzimmer. Unsere Kunden sollen unsere Ideen doch auch stehlen." Ikea lässt in 55 Ländern von 1.800 Lieferanten produzieren. Jeder zweite Artikel stammt aus Niedriglohnländern. Kaffeebecher aus Rumänien, hier verdienen Arbeiter den Mindestlohn von vier Euro pro Tag. Stoffe aus Turkmenistan, einem der ärmsten Länder der Welt, von einem Despoten beherrscht. Teppiche aus Indien, wo Kinderarbeit zum Alltag gehört. Länder wie China und Vietnam gehören zu den Großlieferanten - hier sind die Löhne niedrig, arbeiten Tausende in "industrialisierter Handarbeit", wie die Produktion von Korbstühlen in der vietnamesischen Rattan-Fabrik "Rapexco" in Nha Thrang genannt wird.

Vor neun Jahren noch arbeiteten hier 102 Menschen. Dann kam Ikea. Heute flechten 6.500 Frauen an Rattanmöbeln, mindestens 300.000 Stühle allein der Marke "Agen" pro Jahr. Eine Arbeiterin schafft gut einen Stuhl am Tag. Sie verdient umgerechnet zwei Euro pro Tag - mehr als der gesetzliche Mindestlohn. Doch die Lieferanten sollen ihre Verkaufspreise an Ikea möglichst jedes Jahr senken. "Dafür ordert Ikea auch jedes Jahr größere Stückzahlen", sagt Firmendirektor John Wallace. "Ja, es ist hart. Aber solange Ikea wächst, wachsen auch wir. Das System Ikea funktioniert." Für acht Euro wird "Agen" an Ikea verkauft, für 26 Euro steht der Stuhl in deutschen Läden.

Ikea rühmt sich

eines Verhaltenskodexes, der weltweit für alle Lieferanten gelten soll: keine Kinderarbeit, sichere Arbeitsbedingungen, die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne. Kontrolleure klappern die Fabriken ab, so wie der Schwede Thomas Rönnblom, 33, zuständig für die Zulieferbetriebe im Norden Chinas. Er überprüft die Zahl der Notausgänge in den engen Wohnheimen. Lässt Feuerlöscher installieren, prüft Beleuchtung an Fließbändern, misst chemische Ausdünstungen bei Lackierarbeiten. "Verbesserungen sind meistens keine Kostenfrage", sagt er. "Für Ikea zu produzieren gilt als Qualitätszeichen. Denn wir zahlen pünktlich, ordern immer große Mengen, und zwar über viele Jahre. Und wir stellen unsere Lieferanten als die Helden dar, die etwas Gutes für ihre Gemeinde und ihr Land tun."

Das saubere Image des "Teflon Multis" ist hart erarbeitet. Jahrelang lieferte Ikea negative Schlagzeilen. Der Skandal um krebserregendes Formaldehyd in "Billy"-Regalen. Der Gebrauch von PVC, die Verwendung von Tropenholz aus bedrohten Urwäldern. Und Kinderarbeit: 1994 wies eine schwedische TV-Dokumentation nach, dass pakistanische Kinder Teppiche auch für Ikea produzierten. Zeigte Bilder von vierjährigen Sklaven, die an Webstühlen angekettet monatelang an einem Teppich arbeiten mussten, der dann als "garantiert handgeknüpft" im Ikea-Laden landete. Skandale dieser Art bescherten Umsatzeinbußen in Millionenhöhe und eine PR-Dauerkatastrophe. In den folgenden Jahren gingen Hunderte Mitarbeiter in die Charmeoffensive. Diskutierten mit Umweltschützern, Globalisierungsgegnern und Kinderschutzorganisationen. Heute spendet der Konzern brav für die weltweite Kartierung von Regenwäldern und unterzeichnete die FSC-Richtlinien, nach denen Ikea nur Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung verarbeiten darf. Für den Greenpeace-Holzexperten Christoph Thies hat das "Beispielcharakter. Die Firma ist Pionier in diesem Bereich."

Mit 1,4 Millionen Dollar

beteiligt sich Ikea werbewirksam auch an einem Unicef-Entwicklungsprojekt für 500 Dörfer im indischen Teppichknüpfgürtel Uttar Pradesh. Ein Projekt gegen Kinderarbeit: Kinder erhalten in Lernzentren eine Schulausbildung, Frauen werden bei der Gründung von Kleinbetrieben unterstützt. "Doch allein im Gebiet Uttar Pradesh stehen 175.000 Webstühle", sagt Dietrich Garlichs von Unicef dazu. "Das Problem der Kinderarbeit kann nur langfristig gelöst werden. Auch Ikea kann nicht garantieren, dass bei der Herstellung von Ikea-Produkten überhaupt keine Kinder mehr arbeiten." Derweil soll der Kunde weltweit beruhigt zuschnappen, auch in Hamburg-Schnelsen. Deutschlands Norden ist seit 20 Jahren Ikea-Land, das "Marktgebiet" schluckt jedes Jahr 2,4 Millionen Kataloge.

EHC - Einrichtungshauschef - Horst Albrecht stürzt aus dem Großraumbüro herbei, führt durch eine große Eisentür in den Laden. Daran steht: "Bitte lächeln. Gleich begegnest Du den wichtigsten Menschen der Welt." Ein Mittwochmorgen, der Parkplatz ist voll. 70 Prozent aller Ikea-Kunden sind Frauen. Sie kommen im Durchschnitt fünfmal im Jahr und lassen jedes Mal 80 Euro da. "Sie kaufen anders als Männer", freut sich der EHC, "sie bummeln, kaufen emotionaler. Eine Frau würde nie nach einer Abkürzung durch den Laden fragen."

Die Verführung

erfolgt verlässlich einfach. "Unsere Kunden kaufen eben jedes Mal Dinge, die sie eigentlich gar nicht brauchen", sagt Albrecht, den alle Horst nennen müssen, "Ikea wird geliebt." Am Eingang sind die ersten Sieh-und-nimm-Stände mit Sonderangeboten aufgebaut, die letzten kurz vor der Kasse. Irgendwann greift jeder zu. In jeder Sektion steht das "Einstiegsangebot" vorn: ein Stück zu einem besonders niedrigen Preis. Und immer - immer! - hängt das Preisschild gut lesbar vorn. Noch vor zwei Jahren war die Hamburger Filiale die umsatzstärkste der Welt. An Samstagen meldete der Verkehrsfunk den "Ikea-Stau" an der Autobahnabfahrt, quälten sich 30.000 Besucher durch den Laden. Seit einigen Monaten aber ziehen zwei neue Läden im Umkreis Kundschaft ab. Die Folge: ein miserabler Platz fünf in Deutschland - und 130 Mitarbeiter zu viel. Das Betriebsklima sei schlecht, ergab eine Befragung der 480 Mitarbeiter.

Auch in anderen deutschen Niederlassungen rumort es. Unmut verursacht vor allem die geplante neue Öffnungszeit: auch an Samstagen bis 20 Uhr. Viele Kollegen seien schon wochentags nicht vor 22 Uhr zu Hause, klagen Betriebsräte, das von Ikea so propagierte Familienleben finde nicht mehr statt. Flexible Arbeitszeiten? Das Recht einiger Privilegierter, heißt es. Aber öffentlich will das niemand sagen - man fürchtet um den Arbeitsplatz. Jetzt, flüstert man ängstlich, würden auch bei Ikea die "Karstadt-Typen" die Macht an sich reißen. Die Anderen. Die Abwickler. "Hoffentlich wird Ingvar 100 Jahre alt", fleht eine Hamburger Betriebsrätin.

Der alte Mann

hat in seiner Büroecke in Älmhult gerade die neuesten "Produktionssblätter" durchforstet und jeden Artikel abgehakt. Hat seine 56. Weihnachtsfeier absolviert, 1.500 Mitarbeiter begrüßt, das diesjährige Geschenk angekündigt - einen Drillbohrer. Er hat seine "liebe Ikea-Familie" weiter auf Sparkurs getrimmt: weniger Dienstreisen! Kosten reduzieren! Dann hat er, wie jedes Jahr, jedem Einzelnen die Hand geschüttelt, viele umarmt, eine sentimentale Träne weggewischt. Die Sonne blinzelt warm durchs Fenster. Er weiß, das Leben meint es gut mit ihm. Immer noch wartet die Welt auf ihn, Ingvar Kamprad, den Jungen vom Hof Elmtaryd aus dem Dorf Agunnaryd. "Ja", sagt der alte Mann und lacht sein hohes Kinderlachen, "Profit ist wirklich ein wunderbares Wort. Aber ich habe auch gelernt, nur Siege ohne Verlierer haben wirklich Bestand."

Katja Gloger Mitarbeit: Matthias Schepp / print
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(