HOME

Neuer BDI-Mann Markus Kerber: Der Profi

Politik und Wirtschaft beäugen sich derzeit argwöhnisch. Ein Mann soll das ändern: Markus Kerber, Vertrauter Wolfgang Schäubles, von Juli an Chef des Bundesverbandes der deutschen Industrie.

Von Hans-Peter Schütz

Die Schlagzeilen über den Mann sind vielversprechend. "Schäubles Einflüsterer" lauten sie oder "Ein Mann von Welt" und "Schäubles großer Verlust". Die mündlichen Kommentare über Markus Kerber, der am 1. Juli als neuer Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) antritt, sind noch eindeutiger. "Ein toller Mann", sagt beispielsweise Hans Peter Repnik, 25 Jahre für die CDU im Bundestag, einst Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion und Entwicklungshilfe-Staatssekretär, der Kerber seit 15 Jahren kennt. Andere kommentieren den neuen BDI-Mann spitzzüngiger: "Der ist kein Schnappauf, sondern ein unabhängiger Kopf."

Der Vorgänger hat die Politik verägert

Das ist ein sarkastischer Seitenhieb auf Amtsvorgänger Werner Schnappauf, der im März beim BDI abgeschoben wurde, nachdem er sich eine Indiskretion über eine Äußerung des damaligen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle aus einer internen BDI-Sitzung geleistet hatte.

Danach hatte die Politik von der wichtigsten Organisation der deutschen Wirtschaft zunächst einmal die Nase voll. Und umgekehrt. Hatte der BDI doch zuvor die Zusage des heutigen Umweltministers Norbert Röttgen gehabt, 2007 als Hauptgeschäftsführer bei ihm anzuheuern. Das scheiterte dann daran, dass Röttgen sein Bundestagsmandat auch im Dienst der Spitzenvertretung der deutschen Unternehmer nicht ablegen mochte.

BDI-Präsident Hans-Peter Keitel scheint rundum überzeugt von dem neuen Mann. "Mit Markus Kerber haben wir eine Persönlichkeit gefunden, die sowohl wirtschaftliche als auch politische Erfahrung mit sich bringt und teamorientiert führt", lobpreist er Schäubles früheren Vertrauten.

Scharnier BDI

Der 48-jährige Kerber selbst sagt im Gespräch mit stern.de zu den Zielen, mit denen er beim BDI antritt: "Ich möchte gerne das Nebeneinander von Wirtschaft und Politik verbessern. Sehr oft wird dabei aneinander vorbei geredet." Er wolle mithelfen, die nach der Ermordung des damaligen Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, im Jahr 1989 gewachsene Sprachlosigkeit zwischen Politik und Wirtschaft zu überwinden. Aus seiner Sicht hat sich die deutsche Wirtschaft seither in einem Maße weiter entwickelt und globalisiert, dass "die Politik da nur noch hinterher hechelt".

Das Wachstum "im Turbogang" nach Ende des Kalten Krieges zeige sich allein schon in der Bilanz der Deutschen Bank, die von 200 Milliarden auf zwei Billionen Euro gewachsen sei. "Zuweilen hat die Wirtschaft zu wenig Verständnis für das systembedingte langsamere Tempo der Politik", sagt Kerber. Er wolle versuchen, den BDI wieder stärker zum Kommunikationsscharnier zwischen Politik und Wirtschaft zu machen.

Beim Blick auf dieses kommunikative Defizit ist Kerber eine gute Wahl. Denn er selbst ist ein exzellenter Seitenwechsler, der beide Seiten und ihre jeweiligen operativen Stärken und Schwächen aus eigener Erfahrung sehr gut aus nächster Nähe kennen gelernt hat.

Verlust für Schäuble

Man kann verstehen, dass Schäuble den Weggang Kerbers als herben Verlust empfindet. Denn Kerber arbeitete ihm seit 2006 im Innenministerium aus nächster Nähe zu. Als Leiter der Grundsatzabteilung organisierte Kerber dem Nachfolger des Scharfmachers Otto Schily das Prestigeprojekt der "Islamkonferenz", die heute als bislang erfolgreichster Versuch gilt, mit den Muslimen in Deutschland einen erfolgreichen Dialog zu organisieren. Viele der neuen Ideen, denen man auf der Deutschen Islamkonferenz begegnete, stammen aus Kerbers Kopf. Als Schäuble nach der Bundestagswahl ins Bundesfinanzministerium und damit ins Schlüsselressort wechselte, nahm er Kerber als einzigen Abteilungsleiter mit. Der hatte ihm schon bis dahin manchen Beitrag zur Finanz- oder Steuerpolitik formuliert.

Kerbers Philosophie

Einen besseren Pfadfinder durch die neue Welt der internationalen Finanzpolitik hätte Schäuble nicht finden können. Denn Kerber, ein Schwabe aus Ulm, war dort selbst jahrelang unterwegs gewesen. Er arbeitete für die Deutsche Bank in London, war Finanzvorstand bei dem IT-Dienstleister GFT.

Ausgebildet wurde Kerber bei SG Warburg, der von Deutschen gegründeten Londoner Pionierbank des Investmentbankings. Das Lebensmotto des Bankers Siegmund G. Warburg könnte auch den Lebensweg Kerbers beeinflusst haben. "Jeden Tag fürchte ich, Teil des Establishments zu werden", sagte Warburg und fügte gerne an: "Erfolg führt rasch zu Selbstzufriedenheit und Mittelmaß." Wie Warburg ist auch Kerber eher ein Einzelgänger, zwar der mediterranen Kultur und Lebensweise zugewandt, aber kein jovialer Kumpeltyp. Fragt man ihn nach seiner Lebensphilosophie, so antwortet er mit dem türkischen Poeten Nazim Hikmet: "Das schönste Meer ist das unbefahrene."

Von der Finanzwelt zur Politik

Bei Warburg lernte Kerber alle Tricks der Finanzwelt kennen und sah später die Finanzkrise schon längst kommen, als die SPD unter ihrem Finanzminister Peer Steinbrück noch eifrig daran bastelte, Banken und Börsen mehr Freiräume zu schaffen. Kerbers Urteil über die Krise: "Hätte man den Akteuren damals nicht alle Freiheiten gegeben, dann wäre es nicht passiert." Über die Deregulierungspolitik der rotgrünen Bundesregierung hat er eine klare Meinung: "Damals wurde der Karren in den Dreck gefahren, weil ohne ordnungspolitischen Sinn und Zweck entgrenzt wurde. Aber natürlich ist man hinterher immer klüger."

Was die politischen Akteure über die Finanzwelt wüssten, so Kerber, sei wenig, denn in aller Regel hätten sie noch nie auch nur einen Tag in einer einschlägigen Geschäftsbank verbracht. Sonst wäre es zur vollen Freiheit für den Vertrieb strukturierter Wertpapiere ohne unbegrenzte Haftung der Banker nie gekommen.

Kerber selbst stieg 2003 aus dem Investmentbanking aus, als er nachrechnete, dass er in elf Jahren 2300 Mal geflogen war. "Die Flugzeit machte ein ganzes Lebensjahr aus." Und für seine Frau Bärbel und die vier Kinder blieb kaum Zeit.

Schnupperkurs in Bonn

Die Politik und Wolfgang Schäuble hatte er schon früh 1997 kennengelernt, als er, bei der Deutschen Bank pausierend, beim damaligen Parlamentarischen Geschäftsführer Repnik in Bonn einen Schnupperkurs absolvierte.

Kerber verlässt Schäuble ungern, gerade jetzt inmitten der Griechenlandkrise. Im "derzeitigen Schlachtgetümmel" habe er sich wohl gefühlt. "Doch die Chance, heute wie schon bei meinem Einstieg in die Politik etwas ganz eigenes zu machen, wollte ich nutzen." Kontakt zu Schäuble hatte er seit seinem Politikpraktikum, als der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war und sich schon damals für globale Unternehmensfinanzierung interessierte. Beiden denken ähnlich.

Das Interesse an Globalisierung und Machtverschiebungen währt bei Kerber seit seiner Doktorarbeit an der Universität Hohenheim - Titel: "Macht, Status und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit". Doktorvater am Lehrstuhl für politische Wissenschaften war Professor Hans Kammler. Als studentische Hilfskraft zu Kerbers Zeit arbeitete dort auch der später gescheiterte baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus.

Der hatte offenbar keinen so guten Ratschlag für den politischen Lebensweg bekommen, wie ihn der gebürtige Ulmer Kerber aus dem Mund des früheren Oberbürgermeisters Hans Lorenser einst gehört und stets bis heute beherzigt hat: "Du muscht mit de Leit schwätze und net glei attackiere." Einen ähnlichen Rat hat Kerber später aus dem Mund von Schäuble bekommen: "Versetzen Sie sich immer erst mal in die Schuhe der anderen."