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Opel-Demonstration in Rüsselsheim: "GM - Hau ab!"

Wütend sind sie. Hilflos. Verzweifelt. In Rüsselsheim haben Tausende Opelaner gegen ihren alten und neuen Mutterkonzern General Motors demonstriert. Selbst Roland Koch wurde zum Arbeiterführer.

Von David Meiländer, Rüsselsheim

Für manche ist Englisch eine diplomatische Hürde, für Klaus Franz ist es eine Befreiung. Um kurz nach zwölf steht der Chef des Opel-Betriebsrats abseits der Bühne, umringt von Kameras und Journalisten, und will eigentlich gerade gehen, als ihm die Reporterin des britischen Fernsehens ihr Mikrofon vor die Nase hält. Wie sich die Opel-Mitarbeiter fühlen, fragt sie im feinsten Oxford-Englisch. Franz hält kurz inne. Dann sagt er es: "They are pissed off.".

Eine Stunde zuvor, fünf vor elf. 10.000 Menschen stehen auf dem Bahnhofsplatz in Rüsselsheim, direkt vor den Werkstoren von Opel. Für die Kundgebung haben sie ihre Arbeit unterbrochen - drei Stunden standen die Bänder still. Genauso, wie an den anderen Standorten in Bochum, Eisenach und Kaiserslautern. Lautstark demonstrieren sie gegen die überraschende Entscheidung des General-Motors-Verwaltungsrats vom Dienstag, Opel doch nicht an den österreichischen Automobilzulieferer Magna und russische Investoren zu verkaufen. Um das Geschäft zu ermöglichen, hatte die Bundesregierung umfangreiche Staatshilfen zugesagt.

"Wir müssen jetzt kämpfen"

Die Demonstranten haben sich gut ausgerüstet. In ihren Händen halten sie Trillerpfeifen, Fahnen und Plakate. Es sind Zeugnisse blanker Wut und auch Hilflosigkeit. Der Rüsselsheimer Betriebsrat Armin Herber streckt ein Plakat in die Luft - direkt neben der Bühne, damit es die Fotografen auch ablichten können. Er hat es selbst gemalt. "GM - Hau ab!", steht darauf. Daneben alles Schlechte, was Herber in der Kürze der Zeit eingefallen ist: Ein ausgestreckter Mittelfinger, ein Säbel, ein Totenkopf, eine Bombe und ein Hundehaufen. "Wir müssen jetzt kämpfen", sagt er.

Doch kampfeslustig ist nach der Entscheidung vom Dienstag kaum noch jemand. "Viele haben ein Stück Hoffnung verloren", sagt Kurt Müller, der eigentlich anders heißt, aber seinen richtigen Namen nicht nennen will. Seit 35 Jahren arbeitet er jetzt bei Opel. Als er zum Betrieb kam, war er 19. "Als ich die Nachricht gehört habe, wusste ich nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Ich glaube nicht, dass es noch besser wird."

Mut machen. Das ist heute die Aufgabe von Klaus Franz, dem Chef des Gesamtbetriebsrats. Als er ans Mikrofon tritt, recken sich die Hälse. Auf ihn haben die Beschäftigten gewartet. "Die Nachricht hat mich tief in meinem Herzen getroffen", ruft er ihnen zu, und es wird ganz still. "Wie GM mit den Gefühlen der Opelaner, der Zulieferer und der Öffentlichkeit gespielt hat, ist empörend." Dann hält er inne und bückt sich, greift in eine Tasche. Fünf Sekunden lang ist der Betriebsrat hinter dem Rednerpult verschwunden. Als er wieder auftaucht, hält er einen Pokal in die Luft. Das "goldene Lenkrad". Ein Preis, den das Unternehmen in den vergangenen Tagen für die Entwicklung eines seiner Fahrzeuge gewonnen hatte. "Das sind wir! Das ist Opel", brüllt er ins Mikrofon. "Und deshalb möchte ich Euch bitten, auch wenn schwere Zeiten anbrechen. Verlasst das Unternehmen bitte nicht. Wir brauchen euch! Bleibt an Bord!" Gemeinsam habe man das Unternehmen Opel schon einmal vor dem Untergang bewahrt. "Ich glaube das Management von General Motors weiß noch gar nicht, wie viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit es mit seiner Entscheidung verloren hat."

"Wir befinden uns in einer neuen Zeit"

Das verlorene Vertrauen. Davon sprechen viele auf dem Rüsselsheimer Bahnhofsplatz. Auch Roland Koch, Hessens Ministerpräsident und CDU-Mitglied. "Ich weiß, es ist eher ungewöhnlich für mich, auf einer Veranstaltung der IG Metall zu sprechen", sagt er mit einem breiten Grinsen. "Aber das spricht nur für die neue Zeit, in der wir uns befinden, in der Schubladendenken keinen Platz mehr hat." In langen Verhandlungen hatten Vertreter der Bundes- und Landesregierungen mit General Motors um einen Kompromiss gerungen, um möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu retten. "Ich ärgere mich über die verschwendete Zeit und über ein Management, das nicht Wort hält", ruft der Ministerpräsident. Klaus Franz, der neben ihm steht, nickt. "Wenn die glauben, sie können Gewinnmaximierung betreiben, indem sie die deutschen Arbeitnehmer als Geisel nehmen, dann haben sie sich getäuscht." Als Koch das Rednerpult verlässt, legt Klaus Franz eine Hand auf seine Schulter. Die Empörung über General Motors - sie vereint die beiden Männer, die sonst politisch nie viel gemein hatten.

Als der Ministerpräsident und der Betriebsratschef wenig später neben der Bühne und vor den Journalisten stehen, hat sich an dieser Einigkeit nichts geändert. Beide stehen nebeneinander und Koch spricht. "Ich schließe Staatshilfen nicht aus, aber dafür muss uns General Motors erstmal ein zukunftsfähiges Konzept für Opel vorlegen", sagt Koch und klingt dabei fast ein bisschen beleidigt. Zwar wolle General Motors nun mit insgesamt 10.000 Stellenstreichungen genau so viele Arbeitnehmer entlassen, wie es auch Magna getan hätte. "Doch wie es mit Opel langfristig weitergehen soll, sehe ich noch nicht." Nun müsse neu verhandelt werden.

Alles auf Anfang. Das ist die Losung, die von Rüsselsheim ausgeht. Weil der Magna-Deal geplatzt ist, hat die Gewerkschaft ihre Zusage zurückgezogen, auf die vereinbarte Lohnerhöhung von 4,2 Prozent, sowie Weihnachts- und Urlaubsgeld zu verzichten. "Das gilt ab nächster Woche", sagt Franz. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass neue Zusagen nur mit umfangreichen Gegenleistungen gemacht würden. Magna hatte den Beschäftigten als Gegenleistung Unternehmensanteile in Höhe von 10 Prozent zugesichert. "Das ist jetzt, wo General Motors 90 Prozent halten wird, lächerlich", so der Konzernbetriebsrat. Den Vorwurf, er setze damit weitere Arbeitsplätze aufs Spiel, weist er zurück: "GM behauptet doch, sie haben Knete. Und wir haben keine!"