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Optimistische Deutsche: Ein Volk dreht auf

Drei Umfragen, ein Ergebnis: Die Deutschen sind so optimistisch wie seit Jahren nicht. Ist aus dem Volk der Miesepeter etwa eines von Stimmungskanonen geworden?

Von Thomas Krause

Eigentlich gelten sie als Miesepeter. Mäkeln, motzen, schwarzsehen - das können die Deutschen. Sagt man. Doch eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern ergibt, dass die Bundesbürger so optimistisch ins neue Jahr gehen wie schon lange nicht mehr: 64 Prozent der Befragten erwarten für Deutschland ein gutes Jahr, für sich persönlich sogar 82 Prozent. Und andere Umfragen haben die selbe Tendenz. Wie konnte das passieren?

Ein Grund: Die Erfolge deutscher Helden. "Wir haben dieses Jahr eine tolle Fußball-WM erlebt, Lena Meyer-Landruth hat den Eurovision Song Contest gewonnen und Sebastian Vettel ist Formel 1-Weltmeister geworden. Das sorgt für eine positive Grundstimmung", sagt der Wirtschaftspsychologe Thomas Moldzio – führt aber auch knallharte Gründe an: Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung und der Umstieg auf Kurzarbeit seien wirtschaftlich richtige Maßnahmen gewesen: "Dadurch war das Tal der Tränen nicht so tief", sagt Moldzio. Nun mehren sich die Anzeichen für eine positive Konjunkturentwicklung in Deutschland - und Verbraucher und Arbeitnehmer schöpfen neuen Mut.

Das bestätigt auch eine Studie des Versicherungskonzerns Allianz und der Universität Hohenheim. Danach gehen 59 Prozent der Deutschen persönlich mit Zuversicht oder gar "großer Zuversicht" ins neue Jahr. Für ihr Land 2011 sind 40 Prozent der Bürger optimistisch gestimmt – der stärkste Wert überhaupt in der seit 2007 durchgeführten "Zuversichtsstudie". Bezeichnend: Den stärksten Aufschwung gibt es in der Umfrage bei den Wirtschaftsthemen. "Im persönlichen Leben der Menschen kommt die hervorragende Entwicklung der wirtschaftlichen Lage an: die Auftragsbücher sind voll, die Kurzarbeit ist vorüber, Tarifverhandlungen stehen an“, sagt Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Das verleihe "der Zuversicht Flügel". Am meisten in Baden-Württemberg und Hessen – dort sind die Menschen am optimistischsten.

"Wir haben schon vieles überstanden"

Das positive Denken im Land "hängt auch mit dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen zusammen. In ihm ist verankert: 'Wir haben schon vieles überstanden'", sagt Wirtschaftspsychologe Moldzio. Hinzu kommt, dass andere EU-Staaten wie etwa Griechenland oder Spanien viel stärker von der Krise betroffen sind. Die Schreckensmeldungen aus diesen Ländern lassen die Deutschen ihre eigene Lage positiver beurteilen.

Und wo die Stimmung optimistisch ist, wird konsumiert. Die USA haben das jahrzehntelang vorgelebt. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kommt in ihrem neuesten Konsumklimaindex zu dem Schluss, dass die derzeit starke Kauflaune deutscher Verbraucher über Weihnachten hinaus auch im Januar anhalten wird. Nach Einschätzung der GfK machen sich die Arbeitnehmer berechtigte Hoffnung auf Lohnzuwächse. So sieht es auch der Psychologe. "Die Beschäftigten haben lange Verzicht geübt", sagt Moldzio. "Nun hoffen sie auf eine Belohnung dafür."

Euro-Krise lässt Bürger kalt

Doch warum trübt die Euro-Krise – immerhin die größte seit Einführung der Währung – nicht die Stimmung? Schließlich könnten sich die harten Sparprogramme anderer EU-Staaten negativ auf die deutsche Exportwirtschaft auswirken. Außerdem dürfte die Rettung des Euro auch Deutschland viel Geld kosten. "Die Euro-Krise in ihrer ganzen Komplexität ist für den normalen Bürger doch kaum zu verstehen", glaubt der Wirtschaftspsychologe. Daher würden sie sich in den Umfragen und Studien nicht negativ auf die Stimmung der Bundesbürger auswirken.

Seine Berliner Kollegin Helen Hannerfeldt, Psychologin, die auch Führungskräfte coacht, gibt den Medien eine Hauptverantwortung für den Stimmungsaufschwung. "Je häufiger in Zeitungen positive Meldungen zur Arbeitslosigkeit und zum Konsum auftauchen, desto besser wird die Stimmung bei den Arbeitnehmern", sagt sie.

Ist das Bild des ewig pessimistischen und nörgelnden Deutschen also überholt? "Ja", meint Wirtschaftspsychologe Moldzio. "Die Deutschen sind nicht so pessimistisch, wie ihnen nachgesagt wird." Zudem sei Pessimismus aus psychologischer Sicht recht praktisch: "Pessimisten werden seltener enttäuscht."