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Polemik: Die Last mit den Alten

Die Jungen klagen an! Rentenbeiträge, Krankenversicherung, Steuern - die Belastung wird unerträglich. Ihre Eltern hinterlassen ihnen einen hochverschuldeten, abgewirtschafteten Staat.

Das konnte

selbst der liebe Gott nicht ahnen. Würde er heute noch einmal seine Zehn Gebote auf Steinplatten verewigen, müsste er wohl eine kleine Veränderung vornehmen, aus aktuellem Anlass. Gebot Nummer 4 - Du sollst Vater und Mutter ehren - würde ersetzt durch: Du sollst deine Kinder nicht bestehlen! Wäre das die Regel, stünde es schlecht um euch, liebe Rentner, liebe Pensionäre, liebe Vorruheständler. Ihr hättet ein so pralles Sündenkonto, damit könntet ihr den Himmel jedenfalls vergessen. Für euch ging der große Fahrstuhl nur nach unten.

»Ich wehre

mich mit Händen und Füßen dagegen, diese modische Debatte um einen Generationskonflikt mitzumachen», sagt Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD). Haben Politiker das nicht immer so gemacht, sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, den offensichtlichen Konflikt wenigstens zur Kenntnis zu nehmen? Seit 25 Jahren schon. Aber, Pech gehabt, verehrte Frau Ministerin. Genau das werden wir jetzt machen, den Konflikt offen austragen. Denn das ist überfällig. Es geht um die entscheidende Auseinandersetzung der kommenden Jahre: Ihr gegen uns. Ihr, das sind vor allem die Jahrgänge von Helmut Kohl (1930) bis Gerhard Schröder (1944). Und wir, das sind die Babyboomer und ihre kleinen Geschwister, geboren zwischen Ende der 50er und Anfang der 70er Jahre. Ihr verabschiedet euch gerade in den Ruhestand. Wir sind dabei, den Laden zu übernehmen.

Machen wir

also mal ein Übergabeprotokoll, und zwar ein vollständiges. Denn glaubt ja nicht, es ginge dabei lediglich um die Rente. Diesmal geht es um alle Fragen, die unser Verhältnis prägen: der Schuldenberg, den ihr uns aufgeladen habt. Die Reformen, die ihr seit Jahrzehnten verhindert. Das absurde Steuersystem, die außer Kontrolle geratenen Sozialversicherungen, der aufgeblasene öffentliche Dienst, die kaputten Schulen und Universitäten, die alles erwürgende Bürokratie. Das ist eure Leistungsbilanz, euer Vermächtnis. Sehen wir uns das Ganze allerdings mit euren Augen an, so stellt sich der Fall völlig anders dar. Für euch lief es nämlich immer super, läuft es noch und wird es weiter laufen. Ihr seid Deutschlands goldene Generation, die Glückskinder der Geschichte. Das ist kein Zufall. Denn ihr habt alles, wirklich alles in diesem Land genau so zurechtgeregelt, dass es einer, nur einer, nämlich eurer Generation nützt.

Womit wollen

wir anfangen? Mit dem Geld, mit unserem Geld. Was kostet ihr uns eigentlich? Jetzt wird's kompliziert und das nicht zufällig. Ihr habt eure Spuren im Wirrwarr der Altersversorgung meisterhaft verwischt. Da ist zuerst mal der Schwindel mit dem Arbeitgeberbeitrag. Angeblich zahlt ja der Arbeitgeber aus seiner Tasche die Hälfte unserer Sozialversicherungsbeiträge. Das ist natürlich Quatsch. Wer brutto 2.000 Euro im Monat verdient, kostet die Firma wegen der 20 Prozent »Arbeitgeberbeiträge« insgesamt 2400 Euro pro Jahr. Und soviel muss seine Arbeit auch wert sein, sonst ist der Job schnell futsch. Jeder Chef der Welt rechnet mit der Summe, die ihn der Mitarbeiter wirklich kostet, danach werden die Löhne kalkuliert. Also hat der Arbeitnehmer die vollen 2400 Euro erwirtschaftet. Das ist sein Lohn.

Wieviel Cent von jedem Euro, den wir so verdienen, geht nun an die Rentner, an euch? 19,5 Prozent Rentenbeitrag heißt 19,5 Cent an die Alten. Doch dabei bleibt es nicht. Die Rentenkasse wird zusätzlich von unseren Steuern unterstützt. Zählen wir die mit, kommen nochmal 8 Cent dazu. Plus Pflegevericherung: 1,7 Cent. 13 Beamtenpensionen pro Jahr müssen wir mit unseren Steuern ebenfalls zahlen: plus 2 Cent. Das war's aber noch immer nicht. In der Krankenversicherung verursacht ihr, die über 60-Jährigen, etwa die Hälfte aller Kosten. Dafür könnt ihr nichts, aber zahlen müssen vor allem wir: 7 Cent. Und weil so viele von euch schon mit 55 oder 57 in Vorruhestand gehen, müssen wir euch den vorgezogenen Abschied auch noch mit Arbeitslosengeld versüßen. Ohne dies wäre die Arbeitslosenversicherung für uns knapp einen Cent billiger. Macht unterm Strich: ungefähr 39 Cent. Von jedem Euro, den wir verdienen, überweisen wir 39 Cent an Euch. Und vom Rest können wir auch noch nicht leben, denn davon müssen wir noch irgendwie privat für unser Alter vorsorgen. Soviel wie ihr kriegen wir nämlich nie und nimmer von der nächsten Generation.

Bleiben wir

bei unseren 39 Cent, die am Monatsende euch gehören. Was macht ihr damit? Wenn ihr in den großen Urlaub geht, kauft ihr euch ein Rennrad und zieht um ins Trainigslager auf Mallorca. Ihr legt ab zur Weltumsegelung. Ihr mietet euch ein auf einem der unzähligen Kreuzfahrtschiffe, auf denen ihr - wen wundert's - nur Gleichaltrige trefft. Ihr entdeckt die Welt und beginnt nebenbei zu golfen. Ihr habt's ja. Von 1969 bis 1998 ist das reale Haushaltseinkommen der jetzt 65- bis 69-Jährigen um 89 Prozent gestiegen - das der 25- bis 34-Jährigen jedoch nur um 21 Prozent. Ergebnis der Umverteilung: Die über 65-Jährigen verfügen in diesem Land über ein Viertel der Vermögen, obwohl sie nur 13 Prozent der Bevölkerung stellen. Das reicht euch alles noch nicht. Zusätzlich lasst ihr euch von uns auch noch Seniorenpässe spendieren, mit denen ihr billiger ins Schwimmbad, ins Theater oder ins Museum kommt. Und nur ihr, die über 60jährigen, könnt den Gärtner von der Steuer absetzen, dabei habt ihr doch jede Menge Zeit zum Selbermähen.

Zugute halten

muss man euch: Oft gebt ihr euer Geld auch für was Sinnvolles aus, für uns, eure Kinder. Ihr kauft uns die neue Waschmaschine oder subventioniert unseren Urlaub. Und so mancher von uns fährt mit Mitte 30 noch immer mit dem Autokennzeichen seiner Heimatstadt herum - Steuern und Versicherung zahlt Papa. Das ist nett von euch, zeigt aber die Verrücktheit des Systems: Zuerst nimmt man uns das Geld, um es euch zu geben. Ihr bekommt schließlich soviel, dass ihr uns locker mitfinanzieren könnt. Besser, uns würde erst gar nicht soviel abgenommen. Denn beim Umverteilen bleibt immer jede Menge im System hängen. Und was ist mit der armen Oma, die jeder sofort im Kopf hat, wenn er das Wort Rente hört? Davon gibt es nur noch sehr, sehr wenige. Altersarmut ist in diesem Land praktisch abgeschafft. Nur 1,4 Prozent der über 65-Jährigen brauchen Sozialhilfe. Für den Durchschnitt der Deutschen ist das Risiko, in die Sozialhilfe zu rutschen, schon mehr als doppelt so hoch wie für euch. Kinder unter 18 Jahren sind sogar drei mal so oft auf Sozialhilfe angewiesen wie die Generation ihrer Großeltern. Kinderarmut, ja, die gibt es.

Dennoch haben

Norbert Blüm und Helmut Kohl in keiner Rede jemals auf die bettelarme Oma verzichtet. Und Schröder macht es heute genau so. Doch das sind Wahrheiten aus einer anderen Zeit, als eure Eltern in Rente gingen. Damals gab es wirklich noch Witwen, die von ihren Minirenten nicht mal die Heizung zahlen konnten. In unserem Rentensystem heißt Altersarmut: Ihr, die Kohl/Schröder-Generation, habt eure Eltern vernächlässigt. Ihr hättet ihnen mehr abgeben können. Habt ihr aber nicht. Lieber seid ihr zu jener Zeit im Sommer wie die Heuschrecken über Rimini hergefallen und habt Shoppen als Hobby entdeckt. Schämt euch. Aber keine Angst: So schäbig wie ihr mit euren Eltern umgegangen seid, werden wir euch nicht behandeln, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Wir verwöhnen euch. Dafür habt ihr schon selbst gesorgt. So geschickt habt ihr an den Schräubchen getüftelt, dass just in der Periode, in der ihr in Rente geht, die Altersarmut abgeschafft wurde. Und zwar genau für eine Generation. Für euch.

Die Meisterleistung eures Generationen-Egoismus ist und bleibt die Rente. Allein die Bezeichnung Renten-»Versicherung« ist eine geniale Täuschung. Denn die Beiträge werden ja nicht von der Versicherung gewinnbringend für mich angelegt, sondern sofort wieder ausgegeben. Genau wie die Steuern. Die »Rentensteuern« werden schlicht an euch weitergereicht. Das nennt man Umlagesystem. Wenn man nichts auf die hohe Kante legt, muss man immer hoffen, dass im Alter genügend Junge da sind, die brav zahlen. Und exakt das ist das Problem unserer Rente. Wegen des Pillenknicks müssen in Zukunft zu wenig Junge zu viele Alte versorgen. Dabei ist es weniger entscheidend, dass wir, die heute 30- bis 45-Jährigen, zu wenig Kinder bekommen. Viel verheerender ist das Fehlen der Kinder, die in den 70er und 80er Jahr nicht geboren wurden. Kinder, die es nicht gibt, kriegen keine Kinder. Es gibt also zu wenig potenzielle Eltern. Selbst wenn wir jetzt wie die Karnickel loslegen würden, könnten wir diese Nachwuchslücke nicht zuzeugen.

Die Realität

hat sich geändert. Also muss auch das System verändert werden. Weiß doch jeder. Und das schon lange. Genau genommen seit 1976. Damals hat das Institut Prognos den Bevölkerungsschwund berechnet. Die Auswirkungen auf die Rente waren damit klar, unbezweifelbar. Anfang der 80er Jahre lernten wir, die damaligen Schüler, bereits im Sozialkundeunterricht, dass ein umlagenfinanziertes Rentensystem, wegen des Geburtenrückgangs, keine Absicherung für unser Alter mehr sein wird. In allen europäischen Ländern wurde heftig über die Folgen diskutiert und danach reformiert. Im Laufe der 80er Jahre haben Länder wie die Schweiz oder Holland begonnen, eine zweite Säule für die Altersversorgung aufzubauen, eine kapitalgedeckte Versicherung, in der jeder für sich spart. Sowas wie die Riester-Rente. Unsere Nachbarn hatten dieselben Probleme wie wir und sind heute fein raus. Sie werden die Probleme durch die Veränderung der Altersstruktur bewältigen.

Und wir?

»Eins is sischä, die Rende«, log Kohls Sozialminister Blüm über anderthalb Jahrzehnte. Es war die alles entscheidende Zeit. Da wäre noch was zu retten gewesen. Aber ihr habt lieber eurem Nobbi geglaubt. Der sagte die Unwahrheiten, die ihr hören wolltet. Zum Dank habt ihr ihn und den Dicken gewählt. Immer und immer wieder. Habt ihr wirklich nicht gemerkt, wie ihr da belogen wurdet? Kann eine ganze Generation so naiv sein? Oder so schlau, so gerissen? Vielleicht habt ihr alles durchschaut und gesehen: Der Blüm hat doch recht. Die Rente ist sicher. Aber nur für euch, die Generation Nobbi. Jetzt kommt das wirklich Grausame: Im Moment funktioniert unser Rentensystem so gut wie nie wieder in der Zukunft. Denn derzeit zahlen wir, die vielen Babyboomer, ja noch kräftig ein. Die richtigen Probleme beginnen in 15 Jahren, wenn die ersten von uns in Rente wollen. Aber wenn die Altersstruktur heute noch keine Probleme verursacht, warum sind dann gerade jetzt die Kassen leer? Warum müssen wir jetzt schon wieder eine Erhöhung der Beiträge zahlen? Weil ihr so gierig seid. Ihr verlangt sogar noch jetzt eine Erhöhung, während unsere realen Einkommen schrumpfen.

Und ihr

verabschiedet euch viel zu früh von euren Pflichten. Im Durchschnitt legen deutsche Männer mit 59 die Arbeit nieder, sechs Jahre vor der Zeit. Die Rente ist darauf ausgelegt, dass jeder 45 Jahre arbeitet und einzahlt, um dann 10 Jahre Rente zu bekommen. Ihr lebt aber nicht nur vier Jahre länger als geplant - das sei euch gegönnt. Ihr arbeitet auch noch kürzer. So kann das nicht funktionieren. Und dann redet ihr uns auch noch ein, ihr macht das alles nur für uns, damit wir leichter einen Job kriegen. Ihr opfert euch sozusagen. Ein toller PR-Gag - aber Vorruhestand funktioniert einfach nicht. Die Unternehmer besetzen nur etwa jede siebte Stelle, die ihr frei macht, wieder neu. Für die anderen sechs muss aber auch jemand aufkommen. Wir natürlich. Wir zahlen euch 32 Monate lang Arbeitslosengeld, und von den Betrieben gibt's eine Abfindung. So werden euch die Unternehmen billig los, und ihr könnt es euch gut gehen lassen.

Doch euer Vorruhestand schlägt eine doppelte Beule in die Sozialsysteme. Den Kassen fehlt sowohl das Geld, das ihr nicht weiter einzahlt, als auch das Geld, das an euch vorzeitig ausgezahlt wird. Früher in Rente zu gehen ist generell ein Irrsinn. Und wir subventionieren das sogar. Eigentlich müsste das Altersgeld pro Monat, den man weniger arbeitet, um 0,6 Prozent gekürzt werden. Tatsächlich werden aber nur 0,3 Prozent abgezogen. Die Differenz legen großzügig wieder mal wir drauf. Das alles macht unsere Arbeit unglaublich teuer. Auch darum sind wir so sehr von Arbeitslosigkeit bedroht, und auch darum ist bei uns die Differenz zwischen brutto und netto so gigantisch groß.

Der Vorruhestand

ist ein typisches Beispiel für eure Bürokratenphilosophie. Das Ganze ist so kompliziert, dass nicht mal Experten die Kosten exakt berechnen können. Und so habt ihr es mit allen Bereichen gemacht, die euch in die Finger kamen: mit der Rente, der Krankenversicherung, dem Steuerwahnsinn. Von euren Eltern habt ihr ein einigermaßen funktionierendes Deutschland übernommen. Uns hinterlasst ihr nur Chaos. Statt auch nur eine einzige Reform durchzuziehen, habt ihr euer ganzes Leben lang nur gemurkst, euch hemmungslos eurem Paragraphenfetischismus hingegeben. Im gesamten Universum hat es zu keiner Zeit eine Gruppe gegeben, die so viele Gesetze, Verordnungen, Ausnahme- und Härtefallregeln erlassen hat wie ihr. Ihr habt uns eingemauert in einem Labyrinth von Paragraphen. Keiner weiß, ob wir da wieder rauskommen.

Genau so

ticken eure Bürokratenhirne: Alles regeln, für jeden Atemzug ein neues Gesetz. Kein Wunder, dass ihr den öffentlichen Dienst so liebt. Darum wurde, sobald ihr was zu sagen hattet, der Staatsdienst bis zum Platzen aufgeblasen. Ihr wart im Postenwahn. Am schönsten kann man das an den Unis sehen. In den 70er Jahren explodierte die Zahl der Lehrstühle - die wissenschaftliche Qualität übrigens nicht. Ihr wurdet zu Tausenden Professor. Sicher, es war richtig, die Hochschulen für alle Schichten zu öffnen, und dazu brauchte man mehr Personal. Aber Tatsache bleibt, dass zufällig wieder ihr die großen Profiteure der Entwicklung seid. Nach euch ist fast niemand mehr Professor geworden. Ihr habt einfach ein Besetzt-Schild rausgehängt. Jetzt ist es soweit, ihr emeritiert, geht endlich in Pension. Und eure Stellen? Die nehmt ihr mit. Derzeit müssen an der Unis jede Menge Professorenposten eingespart werden. Es waren also Stellen für eine Generation, für euch.

Bleiben wir

noch ein wenig bei der Bildung. Sie gibt stets Aufschluss über das Verhältnis der Generationen untereinander. Dass ihr eure Eltern-Generation mies behandelt habt, wissen wir schon. Wie war es mit der Generation eurer Kinder, mit uns? Genau so schäbig. Wir Babyboomer wurden immer kurz gehalten. Im Kindergarten waren die Buntstifte knapp, in der Schule saßen wir mit über 40 Kindern in der Klasse. Später, als wir an die Unis kamen, habt ihr für uns den Numerus clausus eingeführt und die Ausgaben für Hochschulbildung immer weiter runtergefahren. Das Bildungssystem, vor allem die Schule, wurde zu eurer ideologischen Versuchsküche. Gesamtschulen, Kurssystem, Orientierungsstufen und jedes Halbjahr ein neues Pilotprojekt. All eure Spinnereien habt ihr an euren Versuchskaninchen ausprobiert, an uns. Ehrlich, ihr wart miserable Lehrer. Und nun, am Ende eures Lebensexperiments, haben wir Schulen, die den Kindern kaum noch die niedrigsten Fähigkeiten beibringen, Lesen und Schreiben.

Rechnen sowieso nicht. Das konntet ihr ja auch nicht. Vor allem wirtschaftliches Rechnen war und ist euch wesensfremd. Die einfachsten ökonomischen Grundregeln habt ihr verlacht und frech behauptet, für euch würden sie nicht gelten. Etwa jene simple Weisheit, die Amerikaner gern zitieren: »There is no such thing as a free meal.« Eine freie, kostenlose Mahlzeit, sowas gibt es nicht. Irgendeiner kriegt immer die Rechnung. Klar, das sind wir. Wenn euch das Geld mal zu knapp wurde, wenn ihr euch den nächsten Aufblähpuster für den öffentlichen Dienst nicht leisten konntet, wenn ihr den Steinkohle-Dadaismus noch ein paar Jahrzehnte fortführen wolltet, dann habt ihr euch den Zaster einfach gepumpt. Bei uns. Noch nie hat sich eine Generation so schamlos aus dem Geldbeutel ihrer Nachkommen bedient, wie ihr bei uns. Ihr hinterlasst uns nicht mal nichts. Ihr hinterlasst uns Schulden. In Billionenhöhe. 1.250.000.000.000 Euro, um genau zu sein. Ausgegeben habt ihr es. Zurückzahlen müssen wir. Habt ihr nur eine Sekunde überlegt, wie das gehen soll? Das schaffen wir nie, nicht mal unsere Kinder. Keine Chance. Wir können uns ja kaum die Zinsen leisten. Um für die aufzukommen, müssen wir neue Schulden aufnehmen. Von jedem Euro, den wir an Steuern zahlen, gehen 15 Cent allein für Zinsen drauf. Wenn Ihr uns also mal wieder entgegenhaltet, wie schön doch das Deutschland ist, das ihr für uns gebaut habt - die prunkvollen Häuser, die tolle Infrastruktur, die auf drei Spuren ausgebauten Autobahnen -, dann müssen wir entgegnen: Ihr habt es zwar gebaut, aber das Geld habt ihr euch bei uns gepumpt.

Das ist unser Erbe. Zu gern würden wir es ausschlagen, aber das geht nun mal nicht. Und so ganz unschuldig sind wir ja auch nicht an dem Desaster, schließlich haben wir uns auch in den letzten Jahren nie richtig gegen euch gewehrt. Ihr habt es verbrochen, wir haben es zugelassen. Doch obwohl das jetzt vorbei ist - davon könnt ihr mal ausgehen -, werden wir für eure Schulden geradestehen und für euren gesamten Murks. Als erstes müssen wir endlich die Reformen angehen. Für vieles ist es schon zu spät. Und mit jedem Tag wird es noch schwieriger. Für den Wettbewerb mit den anderen, großen Nationen der Welt habt ihr uns zu viel Ballast aufgeladen. In die Champions League werden wir es nicht wieder schaffen. Wir kämpfen gegen den Abstieg in die zweite Liga.

Und dabei brauchen wir eure Hilfe, euren letzten, euren ersten, euren einzigen Dienst an uns. Erstens: Arbeitet länger! Vergesst den Schwachsinn mit dem Vorruhestand und zahlt noch ein paar Jahre in das System ein. Zweitens: Haltet euch raus! Stellt euch nicht weiter quer bei allen Reformen. Ihr seht es im Grunde doch selber ein. Zwei Drittel von euch, so eine Forsa-Umfrage für den stern, haben ja inzwischen verstanden, dass wir, die Jungen, vom heutigen Rentensystem benachteiligt werden, und sind bereit, Kürzungen zu akzeptieren. Ihr werdet aber nicht nur bei der Rente abgeben müssen, sondern überall. Auch im Gesundheitswesen, in dem ihr die meisten Kosten verursacht, können wir euch nur noch das Notwendige bezahlen. Keine Sälbchen mehr für kleine Zipperlein, kein »Kurlaub« und kein Viagra. Und wenn euch die neuen Regeln mal weh tun, dann rennt nicht gleich zur Demo vors Brandenburger Tor. Denn eins ist klar: Alle Regierungen zittern vor euch. Ihr seid so viele, wenn ihr nur böse guckt, knicken die Warmduscher in der Politik sofort ein. Ihr habt auch in Zukunft noch die absolute Verhinderungsmacht. Aber bitte, wendet sie nicht an. Verkneift euch das.

Probiert einfach mal etwas komplett Neues: Seid fair!

Walter Wüllenweber / print