HOME

Prozess um Pleite des Medienmoguls: Kirch, Ackermann und die Grammatik

Der Medienmogul Leo Kirch kämpft seit Jahren vor Gericht gegen die Deutsche Bank. Nun mussten in München auch die aktuellen Topmanager wie Josef Ackermann aussagen. Es ging um große Geschäfte - und die englische Grammatik.

Von Malte Arnsperger, München

Die Fotografen und Kameraleute versperren Josef Ackermann auf dem Flur den Weg. Vor ihm rempeln und pöbeln die Medienleute, balgen sich um das beste Bild des Chefs der Deutschen Bank. Ackermann bleibt ruhig, von Personenschützen und Anwälten umgeben, braucht er aber mehrere Minuten, bis er es an der Meute vorbei in den Saal 411 des Münchner Oberlandesgerichts geschafft hat. Der 63-Jährige ist die wichtigste Figur an diesem Verhandlungstag im spektakulären Zivilprozess Leo Kirch gegen Deutsche Bank und Rolf Breuer.

Rückblende. Februar 2002. Der Medienmogul Leo Kirch (ProSieben, Sat.1, Premiere) steckt in großen finanziellen Schwierigkeiten. In einem Interview mit dem Finanzsender "Bloomberg" sagt der damalige Deutsche-Bank-Boss Rolf Breuer über die finanzielle Lage von Kirch: "Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen." Ein verheerendes Urteil aus dem Munde des damals wichtigsten Bankers der Republik.

Wenige Monate später geht Kirch tatsächlich pleite. Der Medienunternehmer sagte später mal: "Erschossen hat mich der Rolf." So ähnlich sieht es auch der Bundesgerichtshof, der 2006 festgestellt hat, Breuer habe sich falsch verhalten und Pflichten verletzt. Seit seiner Pleite klagt Kirch nun auf allen Ebenen und Instanzen gegen seinen Intimfeind Breuer und die Deutsche Bank (DB).

Wollte Breuer Kirch vorsätzlich schaden?

Einen Schadensersatz für seine "Print GmbH" hat ein Gericht abgelehnt. Aber nun klagt eine Firma namens Kirch Group Litigation (KGL) Pool GmbH. Es ist eine Zweckgesellschaft, mit der 17 bankrotte Tochterunternehmen der früheren Kirch-Gruppe Schadensersatz geltend machen wollen. Sie fordern rund zwei Milliarden Euro von Breuer und der Deutschen Bank. Die zentrale Frage lautet: Wollte Rolf Breuer, und damit die Deutsche Bank, Leo Kirch vorsätzlich sittenwirdig schaden? Wollte das Institut von der Pleite profitieren, indem man an die Zerschlagung organisiert und daran verdient? Und das alles, obwohl mit Kirch ein Kundenverhältnis bestand oder zumindest in Aussicht war, man ihn also hätte schützen müsste? Der Standpunkt der Bank: Man habe zwar einen Kredit an Kirch vergeben, aber sonst keine direkte Geschäftsbeziehung zu Kirch unterhalten.

Um es endgültig zu klären, beschäftigt sich das Oberlandesgericht mit einer DB-Vorstandssitzung, die wenige Tage vor den Breuer-Worten stattgefunden hatte. In dieser Konferenz vom 29.1. 2002 hatte Breuer seinen Kollegen über ein Gespräch mit dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder berichtet, in dem es auch über die schwierige Lage des Kirch-Konzerns ging. Der Inhalt dieses Vorstandstreffens interessiert das Oberlandesgericht brennend. Denn vielleicht wurde ja dabei schon die künftige Kirch-Strategie des Instituts festgelegt.

"Kein verstärktes Intersse"

Die Klimaanlage in dem langgezogenen, engen Saal surrt verzweifelt, aber vergeblich. Die Luft ist stickig. Direkt unter dem Dach des altehrwürdigen Backsteingebäudes haben sich rund 80 Zuschauer und Journalisten eingefunden. Ein Justizbeamter hat längst die Fenster aufgerissen, die Sonne scheint auf den Rücken von Josef Ackermann. Er und drei weitere heutige und ehemalige Vorstandsmitglieder müssen sich für ihre Aussagen vier Stockwerke hochquälen, der Aufzug ist außer Betrieb, Renovierungsarbeiten. Für die Unterstützung der Bankerelite ist eine gewaltige Armada von Anwälten erschienen. In zwei Reihen sitzt ein rundes Dutzend ernst dreinblickender Männer hinter der langen Tischreihe. Die KGL-Seite gegenüber sieht dagegen richtig mickrig aus. Der greise Kirch ist nicht erscheinen, dafür der CSU-Politiker und Anwalt Peter Gauweiler mit drei seiner Kollegen. Sieben Kisten und Körbe voller Akten stehen hinter ihnen. Es geht auch für sie um viel. Schließlich will Kirch mit seiner Klagewelle nicht nur Schadensersatz erzwingen, sondern nicht weniger als seinen Ruf als erfolgreicher Geschäftsmann zurück.

Die Richter lesen Ackermann und Co. immer wieder vor, was Ackermann Jahre später über die ominöse Vorstandsitzung gesagt hat: "Der Vorstand hat am 29.1. 2002 zugestimmt, dass die Bank an Herrn Kirch herantritt, um zu erfahren, ob Herr Kirch eine Beratung erwünscht." Der Vorsitzende Richter Guido Kotschy fragt Ackermann: "Ihre Bank behauptete bisher immer, es habe in diesem Vorstandssitzung keinen Beschluss zu Kirch gefasst. Das klingt hier ja anders." Der Spitzenmanager, wie immer perfekt gestylt, bleibt wie während seiner gesamten Aussage ruhig und gefasst. "Der Vorstand hat nur zugestimmt, dass die Bank an Kirch herantritt. Damit hat er aber keinen Beschluss gefasst. Ich war ja damals für das Investmentbanking zuständig. Und es gab keine Handlungsanweisung für mich. Das ist für mich der beste Beweis." Ähnlich stellen es auch Ackermanns Kollegen und Ex-Kollegen dar. Aufsichtsratschef Clemens Börsig "Wir hatten kein verstärktes Interesse an einem Mandanten". Nachfrage des Richters, was er denn mit dem Zusatz "verstärktes" meine? Antwort Börsig: "Das ist umgangssprachlich. Ich meinte, wir hatten kein Interesse."

Protokoll der Vorstandssitzung wird zerpflückt

Es gibt aber auch ein schriftliches Protokoll der fraglichen Vorstandssitzung, das die Richter an dieser Version zweifeln lässt. Darin heißt es nämlich über den Breuer-Schröder-Termin auf Englisch: "The DB has been asked if we could acted as a mediator. The board felt, that first Kirch should be approached." Also: "Die Deutsche Bank ist gefragt worden, ob sie als Mediator auftreten könnte. Der Vorstand ist der Meinung, dass man erst an Kirch herantreten sollte." Richter Kotschy: "Für wen wollten Sie als Mediator tätig sein?" Clemens Börsig: "Ich weiß es nicht mehr genau."

Ein Satz, der mehrfach von der Bank-Seite zu hören ist. Aber eines wisse er noch genau, sagt Börsig: Man habe damals jeden Anschein eines Interessenkonflikts vermeiden wollen und deshalb eine "Haltung für ein eventuelles künftiges Vorgehen" festgelegt. Falls eine andere Partei, wie etwa der US-Medientycoon Rupert Murdoch, der damals Interesse an Teilen des Kirch-Imperiums hatte, die Bank mandatieren sollte, wolle man erst Kirch fragen. "Wenn der ablehnt, dann sind wir frei." An der Freiheit und damit der Glaubwürdigkeit von Börsig hat Anwalt Gauweiler Zweifel. In einer Zeitung sei vor einigen Tagen von Mobbing gegen den Manager durch die Bank berichtet worden. Richter Kotschy fragt: "Fühlen Sie sich frei, Herr Börsig?" Dessen Antwort löst Gelächter im Publikum aus: "Ich fühle mich frei."

"Herr Ackermann, das ist nicht überzeugend"

Mittlerweile hat ein Helfer den Bankern und Anwälten einige Flaschen Wasser und Apfelschorle Marke "Gut und günstig" gebracht. Sie können es gut brauchen – und nicht nur wegen des warmen Wetters. Die Richter lassen nämlich ihre Skepsis an den Erzählungen der Manager deutlich durchblicken. Wieder Richter Kotschy: "Es heißt 'has been asked'. Das ist Perfekt. Damit wäre ja ein Antrag eines Dritten schon auf dem Tisch gelegen, worauf die Deutsche Bank nach ihrer Darstellung auch an Kirch hätte herantreten müssen." Josef Ackermann lässt sich – wie seine Kollegen vorher auch - auf eine Runde Englisch-Unterricht mit dem Richter ein: "Ich kann nur sagen: An mich ist kein Auftrag ergangen. Außerdem hätte es dann im Imperfekt 'was asked' geheißen." Der Richter: "Aber das Perfekt wird doch verwendet, wenn etwas Auswirkungen auf die Gegenwart hat." Ackermann: "Nein, wenn es noch andauert. So wie wenn man sagt: Es hat geregnet und ist noch naß." Richter Kotschy schüttelt den Kopf: "Herr Ackermann, das ist nicht besonders überzeugend." Während Anwalt Gauweiler schmunzelnd das "Schweizer Parlando" Ackermanns kommentiert, wird auch im Publikum gewitzelt. Das Motto der Bak "Leistung aus Leidenschaft" müsse man umdichten in "Leitung, die Leiden schafft", sagt einer. Und ergänzt: "Ich bin mal gespannt, ob der Börsig Zeugengeld beantragt." Der Banker tut dem Publikum diesen Gefallen nicht. "Mir wurde geraten, keine Auslagen geltend zu machen."

Dieser Verzicht wird ihm wohl nicht wehtun. Aber für die Bank könnte es bald teuer werden. Denn das Gericht hat bereits klar gemacht, dass eine Haftung wegen sittenwidriger Schädigung "ernsthaft in Betracht" komme. Den Vergleichsvorschlag – Zahlung von 775 Millionen Euro - hat das Institut zwar abgelehnt. Aber die Richter - die auch Kanzler Schröder hören wollen - wiederholten ihren Hinweis: "Der Senat rät nach wie vor zu einer gütliche Einigung. Wir vertagen uns auf den 7. Juni, in der Hoffnung, dass dann Schafskälte herrscht." Josef Ackermann muss dann wohl nicht mehr kommen. Er entkam dem Blitzlichtgewitter durch eine Hintertüre.