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Interview

Reeder Peter Krämer: "Ich bekenne mich mitschuldig"

Seine Reederei machte seine Familie zu einer der reichsten Hamburgs. Was der Multimillionär Peter Krämer über die Gier der Schiffseigner denkt, den Verlust der Kaufmannsehre und die Zukunft auf dem Meer.

Der Hamburger Reeder Peter Krämer

Peter Krämer, 65, in Hamburg als "Roter Reeder" bekannt, führte die Reederei seines Vaters in die Weltspitze. Jetzt hat er nur noch 23 von einst 44 Schiffen.

Die Tanker Ihrer Reederei liefern seit fast 50 Jahren Öl, Gas und Chemikalien rund um die Erde. Sie betreiben die Schiffe von Hamburg und Zypern aus und gehörten einst zu den Weltmarktführern. Nun steckt die maritime Branche in der Krise. Wie hart hat es Sie getroffen?

Peter Krämer: Der Schifffahrt geht es seit dem 15. September 2008 schlecht. Seit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehmann Brothers. Damals sind die Preise für Schiffstransporte weltweit eingebrochen. Seither leiden die deutsche Reeder und das Schlimmste ist: Keiner kann sagen, ob das nächstes oder übernächstes Jahr besser wird. Nobody knows.

Wird Ihre Firma durchhalten?

Sie kriegen ehrliche Antworten, weil ich Lügen für Zeitverschwendung halte. Unsere Flotte ist von 44 auf 23 Schiffe geschrumpft. Aber selbst wenn diese schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg noch zwei, drei Jahre dauert, wird es uns weiter geben. Ich war vernünftig genug, während des Booms kein Geld an die Gesellschafter auszuschütten. Immerhin hatten wir genügend Reserven aufgebaut.

Haben das nicht alle Reeder?

Eben nicht, einige Reeder in Hamburg haben ganz clever Millionen aus ihren Firmen gezogen. Die haben sich die Gewinne einfach ausgezahlt und teilweise überhöhte Vergütungen kassiert.

Sie selbst machen seit acht Jahren Verluste und überstehen das bloß aus Reserven?

Ja, und wir müssen kämpfen. Wie die meisten anderen auch. Inzwischen habe ich mehr als drei Viertel meines Firmenvermögens verloren. Allerdings haben wir ein spezielles Know-how, das andere nicht haben. Neben unserer Reederei betreiben wir ein bedeutendes Consulting-Unternehmen – die Marine Service GmbH. Wir beraten Unternehmer, die Schiffe mit umweltfreundlichem Flüssig-Erdgas betreiben wollen statt mit Schweröl oder Diesel. Das verbessert das Ergebnis.

Können Reedereien nur noch überleben, wenn sie zusätzliche Dienste anbieten?

Alle Reeder müssen sich umorientieren. Das Überleben hängt aber maßgeblich von zwei anderen Faktoren ab. Das eine ist die Entwicklung in China. Wir Reeder hängen am Tropf der chinesischen Wirtschaft. Wenn China boomt, boomt der Rest der Welt. Reeder haben dann mehr Ware zum Transportieren. Der zweite Faktor ist das Verhalten der Schifffahrtsunternehmer. Die Krise ist doch das Resultat der Gier einzelner Reeder. Sie bestellen seit über zehn Jahren zu viele Schiffe. Alles auf Spekulation, am Markt vorbei.

Die Reeder sind selbst Schuld an der Dauer der Krise?

Viele von uns. In den Boomjahren zwischen 2002 bis 2008 haben alle geglaubt, dass es immer aufwärts geht. Als gäbe es eine Ewigkeitsgarantie. Ich bekenne mich mitschuldig. Die meisten von uns haben unglaublich viel verdient. Wir konnten uns überhaupt keine gegenteiligen Zeiten vorstellen. Dann kamen Lehman Brothers und die Finanzkrise - jedoch die Gewinnsucht ist bei vielen geblieben. Viele Reeder haben weiter spekuliert. Bis vor ein paar Monaten. Nach dem Motto: Jetzt sind wir am Tiefpunkt, jetzt bestelle ich neue Schiffe...

...und nun gibt es viel zu viele Frachter weltweit. Und viele Reeder verdienen so wenig mit den Transporten, dass sie weder Betriebskosten zahlen noch die Zinsen der Schiffskredite bedienen können.

Genau. Wir hätten besser einfach abgewartet, wie sich der Markt entwickelt. Doch wir Blödmänner haben diese elementaren Faktoren nicht bedacht. Wir waren berauscht von dem naiven Glauben: Es geht immer nur aufwärts.

Weil Geld verdienen so einfach war?

Ja. Nehmen Sie einen Panamax-Frachter als Beispiel. So einen, der durch den alten Panama-Kanal passte. Der hat im August 2008 pro Tag 70000 Dollar verdient. Im November waren es nur noch 2000 Dollar. Allein die Betriebskosten für das Schiff liegen bei 5000 Dollar. Das trug noch nicht mal mehr die Löhne.

Viele Reedereien leiden Not und sind kurz vor der Pleite, doch vielen Inhabern ist das kaum anzumerken. Die sieht man immer noch auf Sylt an der Champagnerbar.

Ich würde sogar sagen, einigen Reedern geht es fabelhaft, die sind weiter vermögend. Der Grund ist einfach: Nur wenige haften persönlich für ihre Geschäfte. Geld verlieren vor allem die Anleger und die Banken.

Weil die Reeder im Boom bei Anlegern viele Millionen Kapital für neue Schiffe einsammelten und in Fonds steckten, an denen sie aber selbst nicht beteiligt waren?

Genau. Die Reeder haben von Steuervorteilen profitiert und von der Erlaubnis, geschlossene Schiffsfonds zu gründen. Dafür gab es den Rückhalt vom Staat. Reeder wurden zu Kapitaleinwerbern und strichen lukrative Provisionen ein. Das Risiko für die Schiffe tragen - neben den Reedern - bis heute im Wesentlichen die Anleger und die Banken.

Welche Rolle spielten denn die Banken, wie die auf Schiffskredite spezialisierte HSH Nordbank?

Nicht nur wir Reeder haben uns wie Schafe verhalten, die Banken haben es auch getan. Sie rennen gerne dem Trend hinterher: Wenn es der Schifffahrt gut geht, stehen sie Schlange und bieten Kredite zu sehr guten Konditionen an. Wenn es ihr schlecht geht, ziehen sie sich mehr und mehr heraus.

Hat die HSH Nordbank, die mehrheitlich Hamburg und Schleswig-Holstein gehört, damals Kredite für Schiffe verschleudert?

Ich will es mal so ausdrücken: Die Banken – wie die HSH Nordbank auch – haben den Reedern das Geld aufgedrängt.

Was hat die verantwortlichen Politiker getrieben, die teils auch im Aufsichtsrat der Landesbank saßen?

Lassen Sie mich das mit einem anderen Beispiel beantworten: Hamburg hat die Elbphilharmonie gebaut, und ich frage mich bis heute: Wie kann man was für 80 Millionen genehmigen lassen und dann knapp 800 Millionen Euro auf den Kopf hauen? Es ist leider zur Praxis geworden, dass die öffentliche Hand in vielen Fällen ihre Budgets überzieht. Für mich ist das unverständlich.

Im Norden ärgern sich die Menschen über ein finanzielles Fiasko in ähnlicher Höhe – aber eines aus der Schifffahrt. Die Norddeutsche Reederei H. Schuldt (NRS) war fast pleite und deshalb hat die HSH Nordbank ihr Schulden von mehr als einer halben Milliarde Euro erlassen. Dafür müssen jetzt die Steuerzahler aufkommen. Für 547 Millionen Euro. Viele Bürger sind wütend.

Ich kenne den Fall nicht und kann das deshalb nicht beurteilen.

Aber das ist kein Einzelfall, die HSH Nordbank erlässt gerade einigen Reedern die Schulden.

Es kommt tatsächlich vor, dass jemand auf Kredit und mit Staatsgeldern groß geworden ist. Dann rechnen einige in der Krise mit der Totalpleite und das zwingt den Staat oder dessen Finanzinstitute, ihnen zu helfen. Die machen mit, denn diese Reedereien sind zu groß, um pleite gehen zu dürfen und dem Standort zu schaden: too big too fail. Ich verstehe, dass das Bürger wütend macht.

Es bleibt das schale Gefühl, dass in der Reederei-Branche die Gewinne privatisiert werden sollen und die Verluste sozialisiert.

Dieser Eindruck könnte sich einem aufdrängen.

Kürzlich wurde bekannt, dass der Eigner der Reederei NRS, der Reeder Bernd Kortüm, sich eine Yacht für viele Millionen Euro geleistet hat. Fast-Pleite und Schuldenerlass hin oder her. Wie kann man nur so wenig Gespür für das rechte Maß haben?

Der Fall wird komplizierter sein. Ich kenne Bernd Kortüm näher, er ist im geschäftlichen wie im privaten Umgang ein fairer Mensch. Da gibt es andere Kaliber, die in bester Hamburger Wohnlage an der Alster Monopoly spielen. Denen reicht es nicht, ein oder zwei Häuser in bester Lage zu haben. Generell stimmt es schon: Der Typus des ehrbaren Kaufmanns ist seltener geworden.

Was ist verloren gegangen?

Ein Stück Ehre, Wahrhaftigkeit. Früher gab es Traditionsreeder wie Christian Friedrich Ahrenkiel oder Heinrich Schulte – die hatten nur eine Ehre, und die setzten sie nicht auf Spiel.

Ihr Spitzname ist Roter Reeder. Sie schimpfen nicht zum ersten Mal über die Branche und Sie engagieren sich seit Jahren in Afrika. Was motiviert Sie dazu?

Ich hatte von klein auf einen Sinn für Schwache. Ich selbst hatte einen schweren Sprachfehler, ich habe gestottert, das habe ich überwunden. Ich hatte Höhenangst, die ist geblieben. Über die Köhlbrandbrücke, die höchste Brücke im Hamburger Hafen, würde ich nie fahren, die ist mir zu hoch. Die Unicef-Initiative "Schulen für Afrika" ist mein Baby, wir haben schon 28 Millionen Kindern erreicht.

Engagieren sich nicht viele Reeder?

Sie können niemanden zu Wohltätigkeit zwingen. Als ich Schulen für Afrika startete, habe ich 50 Schifffahrtsunternehmer angeschrieben. Sie sollten mitmachen. Ich habe den Riesenfehler gemacht und mitgeteilt, dass ich eine Million Dollar spenden würde. Das war total abschreckend, keiner hat sich beteiligt.

Die Grünen haben die Vermögenssteuer in ihr Programm für die Bundestagswahl 2017 aufgenommen. Sie selbst haben jahrelang für eine solche Reichensteuer gekämpft – und sich damit bei anderen Reichen unbeliebt gemacht. Ist die Vermögenssteuer noch zeitgemäß?

Unbedingt. Die Vermögenssteuer ist ein wirksames Mittel zur Umverteilung, und wir müssen in Deutschland stärker umverteilen. Damit wir keine soziale Spaltung kriegen. Ich möchte keine Vorstädte brennen sehen wie in Frankreich.

Sie fordern, dass Vermögende mehr Steuern zahlen und nun sind Sie selbst in den Fokus der Steuerfahnder gerückt. Vor mehr als einem Jahr durchsuchten Staatsanwälte Ihre Firmen. Weil Sie eine Niederlassung im Steuerparadiese Zypern und Gibraltar haben und zu wenig Steuern gezahlt haben sollen. Haben allein schon dieser Verdacht und die Razzia Ihrem Image geschadet?

Ausdrücklich nein. Ich habe getan, was viele deutsche Reeder gemacht haben. Ich habe aktive Auslandsgesellschaften gegründet. Das ist kein Geheimnis. Ich habe keine Steuern hinterzogen, die Beschuldigungen werden sich als haltlos erweisen. Aber ich muss mit dieser Razzia leben.

Wollen Sie andeuten, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft Vorurteile über Sie hatte?

Nein! Sie will nur aufklären.


Lesen Sie im neuen stern: Hamburger Reeder - vom Größenwahn und Niedergang einer kleinen Elite.




Von:

sowie Thomas Ammann