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Reiches Russland: 101 Dollar-Milliardäre

Ganz oben auf der Liste der reichsten Russen steht Oleg Deripaska. Er besitzt 40 Milliarden Dollar, etwa soviel wie Bill Gates. In der Ära Wladimir Putin hat sich die Zahl der Dollar-Milliardäre vervierfacht. Dabei prahlt der Noch-Präsident gerne mit seinem Kampf gegen das Oligarchentum.

Von Olga Kitowa

Präsident Wladimir Putin präsentiert sich gerne als Kämpfer gegen reiche Oligarchen - doch besonders erfolgreich scheint sein Kampf nicht zu sein. Die neue Liste der Moskauer Wirtschaftszeitschrift "Finans" wirft jedenfalls ein anderes Licht auf unsere Gesellschaft als das, in dem der selbsternannte Oligarchenjäger Putin sie gerne sieht: In Wirklichkeit verdienen immer weniger Menschen in unserem Land mehr Geld. Und noch immer verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft fast bis zur Unkenntlichkeit. Putin prahlt gerne, er habe mit der Räuberprivatisierung der Jelzin-Zeit ausgeräumt. Dabei haben Unternehmer unter ihm noch mehr Vermögen zusammengerafft als unter seinem Vorgänger.

Mehr Milliardäre gibt es nur in den USA

Russland zählt mittlerweile 101 Dollar-Milliardäre - nur in den Vereinigten Staaten gibt es noch mehr. Und die Zahl der Superreichen hat sich unter Putin auch nicht verringert, sondern allein im vergangenen Jahr vervierfacht. 40 russische Milliardäre tauchen in diesem Jahr zum ersten Mal in der Liste auf. Zusammen besitzen die 500 reichsten Russen 580 Milliarden Dollar.

Ganz oben steht Oleg Deripaska, der ein Vermögen von etwa 40 Milliarden Dollar besitzt - das entspricht etwa dem Vermögen von Bill Gates. Oder dem doppelten Bruttoinlandsprodukt von Bulgarien. Das vergangene Jahr war für den Metallhändler besonders erfolgreich: Er konnte sein Vermögen fast verdoppeln. Nach der letzten Liste der amerikanischen Zeitschrift "Forbes" würde er so sogar den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad vom vierten Platz der reichsten Menschen der Welt verdrängen.

Mit 40 Jahren 40 Milliarden

Deripaska, der gerade 40 Jahre alt geworden ist, machte sein erstes Geld mit dem Aluminiumhandel. Auch heute noch hält er 66 Prozent des größten Aluminiumkonzerns der Welt, Rusal. Seine Industriegruppe "Basowyj Element" ist auch an dem deutschen Konzern "Hochtief" beteiligt und am kanadischen Autozulieferern Magna. Im vergangenen Sommer konnte sich Deripaska ins Ölgeschäft einkaufen: Er besitzt Anteile an dem Ölkonzern "Russneft", den der damalige Besitzer Michail Guzerijew auf Druck des Kreml weit unter Wert verkaufte.

Wie die meisten russischen Milliardäre hat Deripaska hervorragende Kontakte zum Kreml. Das war schon unter Jelzin so. Er ist verheiratet mit der Tochter von Walentin Jumaschew, einem Jelzin-Vertrauten, der wiederum in zweiter Ehe mit Jelzins Tochter Tatjana verheiratet ist. Außerdem ist Deripaska ein enger Freund von Putin - und von dem Unternehmer Roman Abramowitsch, der weltweit bekannt wurde, weil er sich in Großbritannien den Fußballclub Chelsea leistet. Abramowitsch und Deripaska begannen ihre steilen Karrieren unter Jelzin - und setzten sie unter Putin unbehelligt und sogar noch erfolgreicher fort. Auch Michail Fridman (Platz vier mit 22,2 Milliarden Dollar) und Wladimir Potanin (Platz sechs mit 21,5 Milliarden Dollar) wurden unter Jelzins Privatisierung reich.

Abramowitsch auf Platz zwei

Der Putin- und Jelzin-Freund Abramowitsch, der außerdem Gouverneur des entfernten Gebietes Tschukotka ist, gelangte mit einem Vermögen von 23 Milliarden Dollar auf Platz zwei. Seine ehemalige Ehefrau Irina, die nach der Scheidung einen Teil des Vermögens bekam, landete immerhin auf Platz 270.

Den dritten Platz nimmt der Metallmagnat Wladimir Lissin ein, der von den steigenden Rohstoffpreisen im vergangenen Jahr profitieren konnte. Er besitzt Vermögenswerte von mehr als 22,2 Milliarden Dollar - also immer noch mehr als der reichste Deutsche Karl Albrecht, der laut Forbes 2007 über geschätzte 20 Milliarden Dollar verfügt.

Politik und Geld gehen in Russland immer noch eine fast symbiotische Verbindung ein. Wer es sich mit dem Kreml verdirbt, der verliert auch gleich Vermögen - und fällt in der Rangliste auf die hinteren Plätze zurück. So ist dem russischen Medienmogul Wladimir Gussinskij geschehen, der unter Jelzin als einer der reichsten Männer des Landes galt, unter Putin aber rasch in Ungnaden fiel, da seine Medien sich nie an die Kremllinie hielten.

Gussinskij lebt heute in Israel und steht auf der Vermögensliste nur noch auf Platz 277 - ein minus von 80 Plätzen. Putins Erzfeind Boris Beresowskij, früher mächtigster Oligarch im Land, lebt im Exil in London und ist lediglich auf Platz 80 (minus 51 Plätze). Der ehemalige Öl-Unternehmer Leonid Newslin ist nach Israel geflüchtet - und belegt nur noch den 388. Platz (minus 117 Plätze).

Auch Vertreter der Politik in der Reichen-Reihe

Auch Vertreter der Politik haben es in die Reichen-Reihe geschafft. Die Frau des Moskauer Bürgermeister, Elena Baturina, besitzt sieben Milliarden Dollar (Platz 27). Unter den 500 reichsten Russen sind insgesamt 19 Parlamentsabgeordnete und 13 Abgeordnete des Föderationsrates. Fast alle sind Mitglieder der Kreml-Partei "Einiges Russland".

Interessant ist, wer nicht auf der Liste ist. Gouverneure aus der Provinz und hohe Kremlbeamte fehlen darauf. Denn die großen Geheimnisse offenbart auch diese Liste nicht: Nicht alle Superreichen legen ihr gerne Vermögen offen. Viele kontrollieren Unternehmen über Strohleute und sind durch Bestechungsgelder reich geworden. "Von den Petrodollar", kommentiert der Wirtschaftswissenschaftler Michail Deljagin, "profitieren nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Beamten".