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Rekordverlust bei Société Générale: Roulette Générale

Ein Derivatehändler jongliert mit Milliarden, hebelt sämtliche Risikokontrollen der Bank aus und fährt fünf Milliarden Euro Verlust ein. Der Spekulationsskandal bei der französischen Société Générale erschüttert das ohnehin angeschlagene Ansehen der Finanzbranche.

Von Mark Böschen, Tim Bartz und Martin Arnold

Das Epizentrum des Erdbebens, das vergangene Woche die Bankenwelt erschütterte, liegt im Pariser Finanzviertel La Defense. Hier, in einem Glasquader zwischen den beiden 167 Meter hohen Doppeltürmen der Société-Générale-Zentrale, hat ein Derivatehändler ohne Genehmigung des Managements Milliardenbeträge verschoben und sich dabei um fast 5 Mrd. Euro verzockt.

Die Geschichte des größten Betrugs in der Finanzbranche beginnt am 18. Januar, einem Freitag. Der Investmentbankingchef Jean-Pierre Mustier ist auf dem Weg nach Hause, als sein Mobiltelefon klingelt. Ein Angestellter der Bank informiert ihn, dass es Unregelmäßigkeiten in einem Orderbuch gibt. Noch in dieser Nacht beginnen die Führungskräfte der Bank, die Handelsaufzeichnungen zu durchforsten. Dabei stoßen sie auf irreguläre Geschäfte von Jérôme Kerviel, einem 31-jährigen Optionshändler. Kerviel hat alle Risikokontrollen der Bank außer Gefecht gesetzt und mehrere Dutzend Milliarden Euro auf Europas Aktienmärkte gewettet.

Ausverkauf mit Folgen

Mustier ist geschockt. Denn Kerviel hat im Namen der Bank Positionen angehäuft, die sich auf etwa 50 Mrd. Euro belaufen. Am nächsten Tag stellt die Bank ihre Terminkontrakte zum Verkauf - und dürfte so den Börsencrash vom "schwarzen Montag" zumindest verstärkt haben.

Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt etwas vom Ausverkauf durch die Société Générale (SocGen). Denn nach Absprache mit der SocGen unterließ die Banque de France es, die anderen Notenbanken darüber zu informieren, was da auf den Markt zurollt. So zeigten sich viele Topbanker auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos überzeugt, dass die überraschende Zinssenkung der US-Notenbank Fed am Dienstag weniger drastisch ausgefallen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass ein Teil der Volatilität allein auf den einmaligen Sonderfall Société Générale zurückging. Das peinliche Desaster bei der Bank sorgte zudem für einen weiteren Vertrauensverlust in einer Branche, die wegen der US-Hypothekenkrise ohnehin schwer in der Kritik steht.

Erfolgsmensch Bouton ringt um Fassung

Als Sinnbild für den Renommeeverlust steht Daniel Bouton, Chef der Société Générale. Vor wenigen Tagen kannte ihn die Finanzwelt noch als Banker mit makelloser Karriere, der auf Pressekonferenzen Zigarre rauchend immer neue Erfolge seiner Bank präsentierte. Nun tritt er ohne Zigarre vor die Presse - und bis zuletzt ohne Erklärung dafür, wie alle Kontrollen seiner Bank versagen konnten. Der Chef eines Industriekonzerns hat Bouton einmal als "intelligent und arrogant" beschrieben. Auf der Pressekonferenz am Donnerstag wirkt er nur noch schockiert. "Es ist das erste Mal, seit ich ihn kenne, dass er seine Gefühle gezeigt hat", sagt ein Kollege. "Er ist eher kalt und kalkulierend und verliert nicht leicht die Nerven. Das hier hat ihn aus der Fassung gebracht."

Das Ausmaß der Katastrophe wird im Verlauf mehrerer Tage sichtbar. Es ist Samstagnachmittag vor neun Tagen, als Mustier Kerviel zur Rede stellt. Bis in die Nacht löchert der Banker den Händler mit Fragen. Kerviel wirkt verwirrt angesichts seines eigenen Tuns. "Er verstand, dass er riesige Handelspositionen aufbaute. Aber ich glaube nicht, dass er die Wirkung davon verstand", sagt Mustier. "Er sagte mir die ganze Nacht hindurch, dass er eine neue Handelstechnik entdeckt habe, die wirklich gute Ergebnisse bringe."

Mit fremden Passwörtern zum Rekordverlust

Für seine Spekulationsgeschäfte setzt Kerviel die Risikokontrollen der Bank außer Kraft. Der Händler habe Passwörter anderer Bankmitarbeiter benutzt, um seine Geschäfte zu verdecken, heißt es. Und das monatelang unbemerkt. Die ursprüngliche Aufgabe bestand darin, in der Abteilung Delta One Terminkontrakte auf den deutschen Leitindex Dax, den britischen FTSE und den europäischen EuroStoxx zu handeln. Diese Optionen bieten das Recht auf den Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers, das an die Entwicklung der Indizes gebunden ist. Die Bank bietet ihren Kunden an, auf den Gewinn oder Verlust der Indizes zu wetten.

Händler wie Kerviel sichern diese Indexwetten ab. Dazu rechnen sie zum Beispiel die Wette auf steigende Kurse eines Kunden gegen die auf fallende Kurse eines anderen Kunden - und gleichen das Restrisiko, das noch besteht, aus. Außerdem versuchen die Händler, Preisunterschiede zwischen Optionen an verschiedenen Märkten für kleine Gewinne auszunutzen. So sollte Kerviel der Société Générale jährlich 20 Mio. Euro an Einnahmen bringen.

Zweifel an Alleintäterschaft

Doch zuletzt jongliert Kerviel nach Angaben der Bank mit etwa 50 Mrd. Euro. Er sichert seine Optionsgeschäfte auch nicht mehr ab. So wird aus der relativ risikolosen Arbitrage eine Spekulation auf Anstieg oder Fall des europäischen Aktienmarkts. Die Absicherungsgeschäfte täuscht er nur vor, um so die Risikokontrolleure fernzuhalten. Dabei hilft Kerviel, dass er die Kontrollen gut kennt - denn er hat selbst jahrelang im sogenannten Middle Office gearbeitet, in jenem elektronischen Hinterzimmer, in dem die Geldflüsse der Aktienhändler überwacht werden.

Erst 2006 wird er zur Belohnung zum Händler befördert. "Er hatte sich den Traum erfüllt, ein Börsenhändler zu werden", sagt ein Sprecher der Bank. Viele Bankexperten zweifeln öffentlich an, dass ein einzelner Händler für so hohe Verluste verantwortlich sein kann. Sie sagen, die hohen Summen, die er einsetzte, hätten früher auffallen müssen - in der Bank oder auch bei den Börsen. Andere Kritiker behaupten, dass der gewinnbringende Derivatehandel bei der Société Générale weniger strengen Kontrollen ausgesetzt war als bei anderen Banken.

Hat SocGen Verluste vervielfacht?

Mustier widerspricht. Kerviel habe alle drei Tage seine Positionen gewechselt, sagt er. "Er gab ein Geschäft ein, das in drei Tagen eine Überprüfung auslösen würde. Bevor das geschah, löste er es wieder auf." Im vergangenen Jahr experimentiert Kerviel erstmals mit seiner nicht genehmigten Handelsstrategie. Er schließt seine Position am Jahresende mit einem Gewinn. Anfang 2008 beginnt er erneut und macht schnell Verlust. Am Sonntag, als Führungskräfte der Bank seine Geschäfte erstmals überschauen, beträgt der Verlust 1,5 Mrd. Euro. Mit der Genehmigung des Managements, der französischen Zentralbank und der Marktaufsicht will Société Générale Kerviels Handelspositionen loswerden, bevor sie die Öffentlichkeit informiert. "Wir hatten keine Wahl", sagt Mustier. "Im Interesse unserer Aktionäre können wir nicht mit derart großen Positionen spekulieren." Manche Banker sehen die Sache anders: "Kerviel hat 1,5 Mrd. Euro Verlust gemacht. Das Management fügte mit seiner übereilten Aktion weitere 3,4 Mrd. Euro hinzu", kritisiert ein SocGen-Rivale.

Denn am Montagmorgen, dem 21. Januar, liegen die asiatischen Märkte tief im Minus. Während Société Générale verkauft, fallen die Kurse in Frankfurt, Paris und London. Dadurch steigen die Verluste der Bank. Als Mittwochabend alle Positionen Kerviels geschlossen sind, hat die Bank 4,9 Mrd. Euro vernichtet. Das, zusammen mit den Verlusten vom Kreditmarkt, zwingt Bankchef Bouton, händeringend nach frischem Kapital zu suchen. Eine Kapitalerhöhung von 5,5 Mrd. Euro soll nun die Bank retten.

Kerviel – Eine umstrittene Persönlichkeit

Die Bank ist bemüht, den Händler als Einzeltäter und Sonderling darzustellen. "Er war ein Einzelgänger", sagt ein Banksprecher. Von "familiären Problemen" nach dem Tod des Vaters ist in den Medien zu lesen, von der Trennung von seiner Freundin, ein Bankmanager deutet gar psychische Probleme an. Ein Freund Kerviels widerspricht. "Jérôme ist ein bodenständiger Mensch und durchaus beliebt bei seinen Kollegen", sagt der Mann, die ihn seit Jahren privat kennt. Der Bretone, der wie viele seiner Landsleute gern segelt, "träumte davon, irgendwann aufzuhören und sich am Meer niederzulassen".

Unter den Händlern war Kerviel eher eine Ausnahme, er sei bescheiden und unauffällig gewesen. "Jérôme hat nichts von einem abgehobenen Grübler, sondern ist ein ganz einfacher und direkter Typ", sagt der Freund. Er sei ein wirklich guter Händler gewesen. "Der hatte keine Probleme damit, seine Fehler einzugestehen." Aber wie konnte es dann zu dem Hasardeurspiel kommen, das den Milliardenverlust verursachte? "Da muss eine Sicherung durchgebrannt sein", stöhnt er.

Durchlässiges Kontrollregime

Ein ehemaliger Kollege aus der Derivateabteilung der Bank kann sich nicht erklären, wie Kerviel derart große Positionen vor den Kontrolleuren verbergen konnte. "Der muss das schon genial gemacht haben", sagt er. "Die Kontrolleure können die Handelssysteme einsehen. Da kommt schnell ein Anruf, wenn bei einer Nachkommastelle etwas nicht stimmt." Die Händler sitzen zudem eng gedrängt im Großraum und werden von ihren Vorgesetzten überwacht. "Die Teamleiter bis hinauf zum Managing Director laufen herum und stehen schon mal hinter einem und schauen zu", sagt ein Derivateexperte.

Auch Investmentbankingchef Mustier ist regelmäßig im Handelsraum unterwegs. Doch trotz seiner Erfahrung bleibt dem ehemaligen Aktien- und Optionshändler Mustier bis zuletzt verborgen, was einer seiner Händler treibt. Nichts deutet darauf hin, dass sich Kerviel mit seinen Spekulationen persönlich bereichern wollte, auch wenn er inklusive Bonus nur 100.000 Euro verdiente.

Knastkarriere statt Star-Trader

Vielleicht lockte Kerviel der Ruhm eines großen Händlers. "Im Handelsraum wird nicht herumgeprahlt", sagt der Ex-Kollege. "Aber man weiß genau, wer gerade gute Arbeit macht und wer es nicht bringt. Wer gut ist, steigt schnell auf." Wollte Kerviel die Kollegen beeindrucken, an den Mathematikern mit ihren Eliteuni-Diplomen vorbeiziehen und zum Star-Trader werden?

Am Samstag stellte sich Kerviel der Polizei und soll am Montag einem Richter vorgeführt werden. Er verhalte sich kooperativ, sagte ein Ermittler der Zeitung "Le journal du dimanche" und wolle zu Aufklärung der Affäre beitragen. Beamte der Finanzbrigade haben am Wochenende seine Wohnung im Pariser Vorort Neuilly sowie den Firmensitz der Société Générale durchsucht. Dabei wurden unter anderem Computerfestplatten konfisziert.

Auch die Société Générale sucht fieberhaft nach Antworten: Wie konnte die Risikokontrolle bei der Bank so kläglich versagen? Und wie kann man sich besser gegen Betrüger schützen? Für die Großbank steht ihr Renommee auf dem Spiel. Das erschütterte Vertrauen muss dringend repariert werden.

Mitarbeit: Adam Jones (London)

FTD