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Rumänien: Die eigenwilligen Erben von Graf Dracula

Vampire, Exorzisten, Straßenkinder - Rumänien hat nicht das beste Image. Doch der bevorstehende EU-Beitritt hat mancherorts schon ein kleines Wirtschaftswunder ausgelöst. Eine Reise durch ein Land in Vorfreude.

Wie ein Fremdkörper steht die Uhr auf dem Platz vor der Universität, ein drei Meter hohes Aluminiumgestell mit digitaler Leuchtanzeige, eingerahmt von prächtigen Barockbauten, die Bukarest einst den Namen "Paris des Ostens" eintrugen. 452, 451, 450... zählt sie die verbleibenden Tage bis zum Großereignis im Januar 2007 - dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union.

Ein Land in Erwartungshaltung. In wenigen Ländern ist die EU so populär wie in dem Staat an der Schwarzmeerküste. Journalisten des TV-Lokalsenders "Bucureşti-1" befragen Passanten in der Hauptstadt: 80 Prozent sprechen sich für den schnellen Beitritt aus. Das deckt sich mit den landesweiten Erhebungen der Meinungsforscher. Und das, obwohl die Preise für Gas, Wasser und Strom schon jetzt wegen strenger Auflagen aus Brüssel weit schneller steigen als die Löhne.

Aufgeregt hält ein Zeitungsverkäufer das größte Blatt des Landes in die Höhe. Wie ein Revolver prangt ein Benzinhahn auf auf dem Titelblatt, darunter eine ansteigende Fieberkurve. Der Benzinpreis hat sich innerhalb eines Jahres auf über einen Euro verdoppelt. "Wenigstens da haben wir Europa-Niveau", heißt es hämisch in einem Leitartikel. Eine Studentin hingegen meint: "Mit Schwierigkeiten fertig zu werden und dabei nie die Hoffnung zu verlieren, das haben unsere Eltern noch unter dem kommunistischen Diktator Ceauşescu gelernt. Freut euch auf uns, ihr in den EU-Ländern. Wir sind gut in der Krise und können auch aus nichts etwas machen."

Auf dem Universitätsplatz, die Europa-Uhr im Blick, verticken junge Männer Raubkopien von Computersoftware für 15 Lei, umgerechnet vier Euro. Das Original kostet ein Vielfaches. Es sind solche kleinen und auch großen illegalen Geschäfte, weshalb die Kommissare in Brüssel eine Verbesserung des Rechtssystems anmahnen, neben Wirtschaftsreformen und dem Kampf gegen die Korruption.

Ein Mann mit Schiebermütze bietet Wurzeln gegen Rheuma und hohen Blutdruck feil. Die Arbeit in den Bergen und die Stunden des Wartens auf Käufer haben sein Gesicht den Wurzeln ähnlich gemacht, die er in den Karpaten ausgräbt. "Die in Brüssel sollen uns bloß nicht vorschreiben, wie wir unsere Schweine zu schlachten, was wir zu essen und welche Medizin wir zu schlucken haben", schimpft er. "Alle gleich zu machen in Europa, das wäre, als würde ich die Kuppen meiner fünf Finger abhacken, nur damit sie alle gleich lang sind. Das hatten wir schon unter den Kommunisten."

Dedu, ein Romajunge mit filzigen Haaren, heftet sich an die Fersen eines amerikanischen Touristenpaares, um ein paar Lei zu erbetteln. Am Abend machen er und seine Freunde sich auf den langen Weg nach Hause, fahren in Bussen, ohne zu zahlen, und gehen die letzten Kilometer zu Fuß. Dedu wohnt mit seinen Eltern und vier Geschwistern vor den Toren der Stadt auf einer Müllhalde. Sie leben von dem, was der Moloch Bukarest übrig lässt. Im Abfall stochern sie nach Metallresten, sammeln Flaschen und Dosen.

Um einen faden Weizenbrei aufzuwärmen, wirft die Mutter Plastik ins Feuer. Sie ist 48, sieht aber aus wie 70. Ihr Mann hat sich schon seit Tagen nicht mehr vom Krankenlager erhoben. "Die Lungen", röchelt er. "Wir haben kein Geld für den Arzt. Wenn ich krepiere, will der orthodoxe Priester noch Bestechungsgeld, damit er mich beerdigt. So hassen die Rumänen uns Roma." Geschätzte zwei Millionen der knapp 22 Millionen Staatsbürger sind Roma. Für Dedus Vater ist es der Traum vom Glück, auf einer anderen, größeren Müllhalde einen größeren Verschlag zu errichten und etwas mehr Geld zu verdienen. Mit Rumänien kommen auch diese Slums in die EU.

Das Land hat reale,

aber auch Image-Probleme. Zu Rumänien fallen vielen EU-Bürgern zuerst Graf Dracula und Autoschieber ein, Zigarettenschmuggler, elende Waisenhäuser und bittere Armut. Viele halten das Land für einen Zigeunerstaat. Auch weil Roma und Rumänien so verwandt klingen. Dabei sind die Rumänen stolz darauf, von römischen Siedlern abzustammen, die sich später mit eingewanderten Slawen vermischten.

Nur selten schafft es Rumänien in die Weltpresse. Etwa wenn der Zigeunerkönig Florin Cioabă seine erst 13-jährige Tochter Ana-Maria zum Entsetzen der EU-Parlamentarier an einen ebenfalls Minderjährigen verheiratet. "So sind eben unsere Traditionen. Dann kommt sie auch auf keine dummen Gedanken, weiß, wohin sie gehört, hängt nicht in Discos rum, rührt keine Drogen und keine anderen Männer an", sagt Cioabă. Und sein Wort hat Gewicht. Auf dem Kopf trägt er gern eine goldene Krone, in der rechten Hand hält er ein schweres, mit Rubinen und Smaragden besetztes Zepter. Der König ohne Land ist nicht nur Anführer der Sippe der Caldarari, die nach seinen Worten weltweit drei Millionen Angehörige zählt, sondern auch Vizepräsident der "Internationalen Roma Vereinigung".

Im Sommer geriet Rumänien zudem wegen einer Teufelsaustreibung mit Todesfolge in Verruf. Im Kloster der "Heiligen Dreifaltigkeit" unweit der Grenze zu Moldawien hatte der Mönch Daniel Corogeanu, ein drahtiger Mann mit hellbraunen Augen und flammendem roten Bart, gemeinsam mit vier jungen Ordensschwestern die 23-jährige Novizin Irina mit Eisenketten und Tüchern an ein Kreuz gefesselt, ihr den Mund zugebunden und sie drei Tage hungern und dursten lassen, bis sie starb.

"Sie war von bösen Geistern

besessen", rechtfertigte sich der Täter. Die orthodoxe Kirche distanzierte sich, doch viele ihrer führenden Geistlichen verteidigen den Exorzismus als eines der "heiligen Sakramente der Kirche". Alexander, der Abt eines Nachbarklosters, beteuert, dass es nur ein Unfall gewesen sei, quasi ein Kollateralschaden beim menschheitsrettenden Werk.

Wenn der Geistliche mit Vorstandschefs deutscher Konzerne zusammentrifft, zitiert er gern den französischen Philosophen Voltaire. Er wettert gegen die Intoleranz der evangelischen Freikirchen, die in Rumänien ihr Unwesen treiben und gegen Schwule hetzen würden, während wahre Gläubige doch einen Unterschied machten zwischen der Sünde und dem Sünder. Die gleichgeschlechtliche Liebe sei zwar verwerflich, der Homosexuelle stehe dennoch in der Liebe Gottes. An einem aber lässt der Abt keinen Zweifel: "Die Teufel treten immer aggressiver auf. Auf Exorzismus durch Gebet können wir nicht verzichten."

Solche Skandale werfen die Rumänien in ihrem Bemühen, endlich als gute Europäer anerkannt zu werden, immer wieder zurück. "Wir kommen uns allmählich vor wie ein ungebetener Gast, der sich unter Opfern neue Kleider zulegt, den alten Klubmitgliedern aber trotzdem nicht fein genug ist", klagt Mircea Vasilescu, der Chefredakteur der intellektuellen Wochenzeitung "Dilema Veche".

Dabei ist Rumäniens jüngste Entwicklung eine Erfolgsgeschichte. 98 Prozent der Unternehmen, die unter Ceauşescu in Staatsbesitz waren, sind heute privatisiert, das Steuersystem mit seinem Einheitssatz von 16 Prozent gilt als revolutionär, die Wirtschaft wuchs 2004 um acht Prozent, der Absatz von Autos verdoppelte sich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres.

16 Jahre liegt der Sturz Ceauşescus zurück. Der kommunistische Despot ließ sein Volk hungern, während er Weizen und Fleisch ins Ausland verkaufte. Regimegegner ließ er radioaktiv verstrahlen, bis sie an Krebs starben. Er stellte 700 Architekten und 20 000 Arbeiter an, um für geschätzte 3,3 Milliarden Dollar das "Casa Poporului" zu errichten, das Haus des Volkes. Das zweitgrößte Gebäude der Welt beherbergt nun neben dem Parlament ein Museum für moderne Kunst.

Vor dem monströsen Palast,

einst Kulisse für Massenaufmärsche, lässt der Modezar Caùtaùlin Botezatu heute junge Models mit Unterwäsche in Tarnanzugstoffen antreten. Der Designer liebt provokative Shootings. Die Ceauşescu-Gattin Elena war von seinem Körperbau so entzückt, dass sie darauf bestand, dass Botezatu und kein anderer ihr nach jeder Modenschau die Blumen überreichte. Auch Gianni Versace warf ein Auge auf den Jüngling, der einige Jahre mit ihm arbeiten durfte. Im "Kristal" und im "Herăstrău", den In-Clubs von Bukarest, wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass Botezatu schöne Jungs noch lieber mag als die vielen hübschen Mädchen, mit denen er sich umgibt.

Das augenfälligste Symbol des Wandels steht auf dem Platz der Revolution im Zentrum Bukarests. Ein ehemaliges Haus des Staatssicherheitsdienstes Securitate, in dem Ceauşescu vorsorglich seine Kleidung, Getränke und Speisen auf mögliches Gift untersuchen ließ, gehört heute dem Architektenverband. Auf den Mauerresten des bei Straßenkämpfen während der Revolution zerstörten Baus haben die neuen Eigentümer eine kühne Glaskonstruktion errichtet. Darin betreibt der Deutsche Fritz Niemetz mit seiner rumänischen Frau ein Café. Die Toasts sind nach den Ländern des ehemaligen Klassenfeinds benannt: Italien, Deutschland, Frankreich. Das Glas Hennessy Cognac kostet den sehr bourgeoisen Preis von umgerechnet 20 Euro. Junge Geschäftsleute geben hier ihr Geld aus und schwärmen davon, wo und wie sich gerade am meisten verdienen lässt.

Hat der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an Rumänien gedacht, als er zwischen altem und neuem Europa unterschied? Das Land will nach vorn, und seine Bürger jammern nicht, weil sie wissen, dass die Zukunft nur besser sein kann als die Vergangenheit. Hier sind Achtzehnjährige Versicherungskaufleute geworden, ohne dass es dafür einen Ausbildungsgang gab, hier arbeiten Mittzwanziger als Manager, ohne je eine betriebswirtschaftliche Fakultät von innen gesehen zu haben.

Rumänien hat die jüngste Regierung Europas. "Wir sind dabei, das Land von oben nach unten umzukrempeln", sagt Außenminister Mihai-Răzvan Ungureanu. Der Historiker ist 37, hat in Oxford studiert, wohnt immer noch im achten Stock eines Plattenbaus, ruft seine wichtigsten Mitarbeiter auch aus dem Urlaub täglich an, mit immer neuen Ideen, setzt sich zugleich eine halbe Stunde hin, um einem 50-jährigen Abteilungsleiter beizubringen, wie man ein Memorandum schreibt.

Er ist auch sofort begeistert,

als der stern-Fotograf ihn bittet, zusammen mit dem Finanzminister und dem wichtigen Minister für Parlamentsbeziehungen, beide unter 40, in Anzug und Krawatte in einem Ruderboot zu posieren. "Das zeigt den Aufbruch unseres Landes, das machen wir." Drei Stunden später haben seine Helfer das kleine Gipfeltreffen organisiert, doch ein Gewitter verhagelt den Plan. "Auf das Wetter haben wir keinen Einfluss", seufzen die Minister. In einem Empfangssaal des Außenministeriums legt Ungureanu dann seine fünf Handys auf den Tisch, seine Kabinettskollegen packen ihre Laptops aus. Rumänien, so ihre Botschaft, ist mehr als Trachtengruppen in den MaramureBergen und kantige Schäfer auf einer Karpatenalm.

Auch Andreea Kremm könnte in einem Werbeclip für das junge Rumänien mitmachen. Sie ist 25, aber schon Millionärin. Nur 1,57 Meter groß, hat sie die Energie eines reißenden Bergbachs. In Temesvar, im Westen des Landes, betreibt die blonde Frau, deren Vorfahren aus Schwaben ins Banat einwanderten, seit sechs Jahren ein Callcenter. Am Anfang schnitten ihr die Nachbarn vor Neid noch die Kabel durch, jetzt ist sie eine Vorzeigeunternehmerin. Mehr als hundert Angestellte beantworten in einem halben Dutzend Sprachen Fragen und nehmen Bestellungen aus ganz Europa an, unter anderem für den Reifenhändler Delticom aus Hannover, Kremms größten Kunden.

Noch vor der ersehnten EU-Mitgliedschaft hat Rumänien die Globalisierung erfasst. Aber anders als bei der Verlagerung von Jobs nach China, Indien oder Brasilien, haben die EU-Regierungen hier die Chance, Standards für Mindestlöhne, Umweltschutz und Arbeitszeit zu setzen.

Von Temesvar nach Bacău im Nordosten des Landes sind es 600 Kilometer. Eine Fahrt vorbei an spektakulären Bergseen, alten Kirchlein und verträumten Dörfern, in denen es mehr Pferdegespanne als Autos gibt. Vorbei auch an verfallenen Chemiefabriken, verwitterten Betonmonstern mit Fenstern ohne Scheiben. Wie vom Himmel gefallen wirken sie in diesem Idyll. Grell leuchtend in Blau-Gelb stechen auch die Hallen von Metro und Praktiker ins Auge, Zeugnisse einer neuen Invasion: der Kapitalisten.

An Straßen und Donaukanälen,

an Schulen und Verwaltungszentren prangen Schilder, auf denen steht: gebaut mit Unterstützung der EU. 1,3 Milliarden Euro pumpt Brüssel in diesem Jahr als Hilfe zum Beitritt ins Land. Vor einem Kindergarten wehen sogar drei Fahnen, die Rumäniens, der EU und der Nato. Sie stehen für die Politik des beliebten Präsidenten Traian Baùsescu. Die EU soll den wirtschaftlichen Aufschwung garantieren, die Nato die militärische Sicherheit. 860 Soldaten schickte der Präsident an der Seite der Amerikaner in den Irak- Krieg, zugleich ließ er GIs auf rumänischen Basen trainieren.

In Bacău, einer 180 000-Einwohner-Stadt, könnte der Direktor der Textilfabrik Asco manchmal am neuen Europa verzweifeln. Er hat die modernsten Maschinen aus Deutschland und Japan eingekauft und produziert für Textilgiganten wie Hennes & Mauritz. "Ich würde sofort dreimal so viele Näherinnen einstellen", sagt er. Aber er findet niemanden mehr. Viele junge Rumänen gehen lieber nach Spanien und Deutschland zum Erdbeerpflücken und Spargelstechen, weil sie dort mehr verdienen. Hebt er die Löhne an, steigen seine Kosten, und seine westeuropäischen Kunden ziehen ins nächste Billiglohnland, wie zum Beispiel die Berliner Textilfirma Umlauf & Klein, die in die Ukraine auswich.

In Sibiu, dem ehemaligen Hermannstadt, gilt die EU als große Verheißung. Der deutschstämmige Bürgermeister Klaus Johannis, ein Hüne mit blonden Haaren, kontrolliert auf dem Marktplatz die Renovierungsarbeiten. In zwei Jahren wird Sibiu europäische Kulturhauptstadt sein. Nur ein Prozent der Einwohner zählen zur deutschen Minderheit, Johannis aber wurde erst mit 50 Prozent und dann mit 89 Prozent gewählt. Er drückte die Arbeitslosigkeit von zwölf auf fünf Prozent, räumte mit der Korruption auf, siedelte 60 deutsche Unternehmen an, verkürzte Verwaltungsabläufe, die Wochen dauerten, auf wenige Tage.

Klaus Johannis hat ein kleines Wunder geschaffen, so eindrucksvoll, dass mittelständische Besucher aus Bayern und Holstein neidisch werden, so ansteckend, dass andere Städte im Land ihr Personal zur Fortbildung nach Sibiu schicken, und so erfolgreich, dass gewiss niemand Rumänien den EU-Beitritt verwehren wollte, wenn nur das ganze Land so wäre.

Matthias Schepp / print