Sat.1 Weniger News, viele Kündigungen


Einen "Kuschelsender" hatte Harald Schmidt einst Sat.1 genannt. Doch derzeit ist die Sat.1-Zentrale in Berlin alles andere als kuschelig. "Sat.1 am Mittag" wird abgeknipst, weitere Info-Sendungen vermutlich auch. Hintergrund: Die neuen Besitzer von ProSieben-Sat.1 wollen die Rendite hochpeitschen.
Von Lutz Kinkel

"Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar." Das hörte jeder, der am Montag die Nummer von Katja Pichler wählte. Pichler ist Sprecherin der ProSieben-Sat.1-Gruppe, und sie wollte die Situation offenbar nicht kommentieren. Im gesamten Unternehmen sollen dem Vernehmen nach 200 Arbeitsplätze abgebaut werden. Hauptsächlich betroffen sind die Informationsprogramme bei Sat.1. Das Magazin "Sat.1 am Mittag" wird schon am Dienstag nicht mehr auf Sendung gehen, auch "Sat.1 am Abend" und "Sat.1 die Nacht" stehen auf der Kippe. Thomas Kausch, Anchor der Hauptnachrichten, verhandelt Medienberichten zufolge über seinen Abschied. Die Unternehmensleitung informierte am Montag den Betriebsrat über die Sparpläne.

"Da ist die Hölle los", sagte Katja Karger, die für die Gewerkschaft Verdi den Sender betreut, zu stern.de. Noch seien keine Kündigungen ausgesprochen - aber dies sei nur eine Frage der Zeit. Karger rechnet damit, dass mehr als 200 Arbeitsplätze wegfallen werden. Insider glauben, dass die gesamte ProSiebenSat.1 Produktion (PSP) verkauft werden könnte. Die PSP ist laut Selbstauskunft mit "Herstellung, Kreation, Broadcasting Services und Technology" beschäftigt und hat mehr als tausend Mitarbeiter. Sie ist eine der personellen Säulen des Unternehmens. Am Dienstag hält die ProSieben-Sat.1-Media-AG ihre Hauptversammlung in München ab. Einige kritische Fragen sind gewiss.

Mehr als eine Milliarde cash

Hintergrund des Sparprogramms, dass die Berater von McKinsey mit ausgearbeitet haben, ist das ausufernde Gewinnstreben der Besitzer von ProSieben-Sat.1, der Finanzinvestoren Permira und KKR. Sie hatten den Sender übernommen, nachdem sich das Kartellamt gegen den Axel-Springer-Verlag entschieden hatte und eine türkische Mediengruppe nicht zum Zuge gekommen war. Die Investoren wollen nach einer Aussage des Vorstandsvorsitzenden Guillaume de Posch den Ertrag vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von derzeit 22 Prozent auf 25 bis 30 Prozent steigern. Nachrichten jedoch sind teuer, weil sie den Betrieb einer personell und finanziell gut ausgestatteten Redaktion voraussetzen. Deshalb wird voraussichtlich nicht nur Sat.1 sondern auch bei N24, der Nachrichtensender der Gruppe, Federn lassen müssen.

Die höheren Gewinne wiederum braucht ProSieben-Sat.1, um die Schulden zu bedienen, die ihnen die Eigner selbst aufgehalst haben. Das Unternehmen muss einen Bankkredit von 3,3 Milliarden Euro abzahlen, der nötig war, um die in Skandinavien und Osteuropa vertretene SBS-Broadcasting-Gruppe zu kaufen. Der Deal hat indes ein Geschmäckle: SBS gehört Permira und KKR. Sie hatten die Sender-Kette im August 2005 für knapp 1,9 Milliarden Euro übernommen. Dann verkauften sie SBS an ProSieben-Sat.1 weiter - für einen Preis, den Branchenkenner für überhöht halten. Der Vorteil für Permira und KKR: Sie konnten mit der Transaktion weit über eine Milliarde Euro cash erlösen.

KKR, Permira und das Vorurteil

In der Politik regt sich inzwischen Widerstand gegen die Aktionen der Finanzinvestoren. Wolfgang Börnsen, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der Unionsfraktion im Bundestag, und Reinhard Grindel (CDU), medienpolitischer Berichterstatter, erklärten: "Wir sehen die Sparmaßnahmen bei ProSieben-Sat.1 mit großer Sorge, weil sie neben dem Verlust von Arbeitsplätzen nach vorliegenden Meldungen offenbar einseitig zu Lasten der Informations- und Nachrichtenprogramme bei Sat.1 gehen. Besonders dramatisch ist vor allem die in Rede stehende Reduzierung der regionalen und nationalen Berichterstattung. Die Investoren KKR und Permira bestätigen damit das Vorurteil, dass Fernsehen für sie reines Wirtschafts - und nicht auch Kulturgut ist." Manfred Helmes, Direktor der Landesmedienanstalt in Rheinland-Pfalz, die Sat.1 lizensiert hat, drohte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dass der Sender nicht mehr vorrangig ins Kabelnetz eingespeist werden würde, sollte er seinen Charakter als Vollprogramm verlieren.

Dass sich KKR und Permira von derartigen Drohungen beeindrucken lassen, darf getrost bezweifelt werden - für Finanzinvestoren sind Zahlen wichtiger.


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