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Wucher-Rechnung: Schlüsseldienst-Abzocke: Einmal Tür aufmachen kostet 1240 Euro - eine stern-Leserin erzählt

Immer wieder fallen unseriöse Schlüsseldienste mit Abzockmethoden auf. Eine stern-Leserin schildert einen besonders dreisten Fall - und eine Verbraucherschützerin erklärt, wie man sich vor Betrügern schützt.

Diese Rechnung präsentierte der Schlüsseldienst unserer stern-Leserin: Unterm Strich zahlte sie 1240,50 Euro.

Diese Rechnung präsentierte der Schlüsseldienst unserer stern-Leserin: Unterm Strich zahlte sie 1240,50 Euro.

Es ist ein Mittwochabend, kurz nach 18 Uhr. Sabrina Rudolph* kommt von der Arbeit, freut sich schon aufs Sofa. Doch beim Aufschließen der Wohnungstür bricht der Schlüssel im Schloss - und das war's mit dem gemütlichen Feierabend.

Die 24-jährige Rheinländerin tut, was wohl die meisten Menschen intuitiv tun würden, wenn sie sich unverhofft ausgesperrt haben. Sie zückt das Smartphone und googelt "Schlüsseldienst", klickt einen der ersten Treffer an und wählt die angezeigte Nummer. "Die Seite sah auf den ersten Blick seriös aus", sagt Rudolph. Heute ist sie nicht mehr auffindbar.

+++ Die Google-Falle der Schlüssel-Mafia: Lesen Sie hier, warum seriöse Schlüsseldienste so schwer im Internet zu finden sind +++

Kurz nach dem Anruf tauchen zwei Männer um die 30 auf, einer trägt einen großen Werkzeugkoffer, der andere stellt sich als Lehrling vor. Einen "selbstsicheren und kompetenten Eindruck" hätten die gemacht, sagt Rudolph. Der Chef des Duos bohrt das Schloss auf und baut ein neues ein. So weit, so gut. Doch dann präsentiert er die Rechnung: Zu einer "Arbeitspauschale" von 253,50 Euro kommt noch eine "Einsatzpauschale" von 169 Euro sowie "Lohnkosten je ¼ Stunde" von 5 x 49 Euro = 245 Euro. Der eingebaute Zylinder soll nochmal sagenhafte 455 Euro kosten ("7 Euro pro mm"). Abgerundet wird das Rechnungsgekritzel schließlich vom Posten "Bohren, Knacken, Fresen", der inklusive Rechtschreibfehler (es heißt "Fräsen") nochmal 89 Euro kosten soll. Alles in allem beläuft sich die Rechnung auf abenteuerliche 1240,50 Euro.

Mit dem Schlüsselmann zum Geldautomaten

So viel Geld hat Sabrina Rudolph natürlich gar nicht bei sich. Doch weil die beiden Schlüsselmänner mit Nachdruck auf Sofortzahlung bestehen, begleitet sie einen von ihnen zum Geldautomaten, um die geforderte Summe abzuheben. Der andere bleibt mit Rudolphs Mitbewohnerin, die mittlerweile eingetroffen ist, in der Wohnung und wartet auf den erfolgreichen Abschluss der Aktion. "Ich fühlte mich eingeschüchtert und überrumpelt", sagt Rudolph rückblickend.

Erst am nächsten Tag begreift sie, dass sie nach Strich und Faden abgezockt wurde. Denn natürlich ist die Rechnung viel zu hoch. Laut Verbraucherzentrale kostet eine Türnotöffnung in Nordrhein-Westfalen werktags im Schnitt 78 Euro. Nachts, sonn- oder feiertags sind es durchschnittlich 133 Euro. Selbst wenn man berücksichtigt, dass ein abgebrochener Schlüssel teurer kommt, als wenn die Tür einfach nur ins Schloss gefallen ist, sei die Rechnung von Sabrina Rudolph überteuert und nicht korrekt, sagt Carolin Semmler von der Verbraucherzentrale NRW. So sei die Arbeitsleistung in diesem Fall schlicht doppelt und dreifach abgerechnet worden - erst  pauschal, dann nach Zeiteinsatz und noch einmal als Beschreibung der Tätigkeit ("Bohren, knacken, fräsen"). Und auch die Materialkosten sind abstrus: Das gleiche Schloss, für das die Schlüsseldienstler 455 Euro berechneten, fand Rudolph im Baumarkt für 34 Euro.

Betrügerische Masche

Dass Sabrina Rudolph das Geld wiedersieht, ist unwahrscheinlich. Denn sie ist offenbar an Betrüger geraten. Unter der auf der Rechnung angegebenen Adresse existiert gar kein Schlüsseldienst. Versuche, das Wucher-Duo über die gewählte Telefonnummer zu kontaktieren, scheitern. Sie hat nun die Polizei eingeschaltet.

Der Fall dürfte den Beamten bekannt vorkommen. Denn auf ähnliche Weise werden immer wieder Kunden von dubiosen Schlüsseldiensten abgezockt. Die Dienste sorgen mit technischen Tricks dafür, gut bei Google auffindbar zu sein und bitten die Kunden vor Ort mit überhöhten Rechnungen zur Kasse. Der Betrüger habhaft zu werden, gestaltet sich meist als schwierig, weil die Kontaktdaten ständig wechseln. Manchmal aber gelingt es doch: In diesem Jahr legten die Strafverfolgungsbehörden in NRW einem Ring von Schlüsseldienstbetrügern das Handwerk, der mehr als 1000 Kunden geschädigt haben soll. Die beiden Drahtzieher wurden wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs und Steuerhinterziehung zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

So können Verbraucher sich schützen

Um teurem Schlüsseldienstärger vorzubeugen, empfiehlt Verbraucherschützerin Semmler, einen Zweitschlüssel bei einem Bekannten zu hinterlegen und einen seriösen Handwerker aus der Gegend im Telefon einzuspeichern.

Sollte man doch einmal in die Verlegenheit kommen, einen unbekannten Schlüsseldienst anrufen zu müssen, empfiehlt die Verbraucherschützerin, noch beim Anruf einen Festpreis inklusive aller Zuschläge zu vereinbaren. Sollte dieser zu hoch sein, einfach einen anderen anrufen. Gezahlt werden sollte nur, was vorher vereinbart wurde und möglichst auf Rechnung. Wer vom Handwerker unter Druck gesetzt wird, sollte sich nicht scheuen, die Polizei zu rufen. Hilfreich ist auch, sich Beistand von einem Nachbarn zu holen. Noch mehr Tipps zum richtigen Umgang mit Schlüsseldiensten gibt es auf den Seiten der Verbraucherzentrale.

*Name geändert 

Life Hack: Das ist das beste Versteck für Ihren Schlüssel vor der Haustür