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Schwarzarbeit: "Ohne Licht, Wasser und Toiletten"

Im Handwerk ist Schwarzarbeit besonders weit verbreitet. Die Arbeiter hausen oft genug unter unwürdigen Verhältnissen auf den Baustellen. stern.de hat die Fahnder der Finanzkontrolle bei ihren Einsätzen begleitet.

Von Peter Ilg

"Ich kann es mir nicht leisten, drei meiner Mitarbeiter auf Streife zu schicken, wenn kein begründeter Verdacht auf Schwarzarbeit vorliegt", sagt Christine Erhardt. Voller Zuversicht erwartet sie deshalb bald einen Anruf. Erhardt leitet das Sachgebiet Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) im Hauptzollamt in Augsburg. Mit 215 Mitarbeitern im Schichtbetrieb hat sie ein Gebiet abzudecken, das von Ingolstadt bis nach Lindau am Bodensee reicht - das sind über 250 Kilometer in der Nord-Süd-Richtung. Derzeit liegen ihrer Dienstelle rund 400 Hinweise auf Schwarzarbeit vor.

Truppe gegen professionelle Schwararbeit

Um all den Verdachtsfällen in ihrem Bezirk nachzugehen, bräuchte sie gut das Doppelte an Personal, klagt die 37-Jährige. Kleinigkeiten, wie Streiterein darüber, ob nun Nachbarschaftshilfe vorliegt oder nicht, interessiert die Truppe dabei weniger. "Wir gehen gegen professionelle Schwarzarbeit vor", stellt Erhardt klar, modernen Menschenhandel, wie sie auch sagt. Zerstochene Autoreifen, verschmierte Hauswände und Drohungen gehören zum Alltag der Mitarbeiter, deren Daten zum eigenen Schutz in keinem Melderegister zu finden sind. Dann klingelt ihr Handy.

Eine Zivilstreife hat eine Baustelle ausgemacht, auf der reger Betrieb herrscht. In dem Auto sind drei junge Frauen unterwegs, alle um die 30, mindestens eine davon ist bewaffnet. "Frauen sind weniger auffällig, wenn sie mehrmals an einem Objekt vorbeifahren als Männer", begründet Erhardt schon im Stehen. Direkt vor der Tür der Dienststelle parken abfahrbereit ein Streifen- und ein Zivilauto. Die Uniformierten sind alle bewaffnet und tragen schusssichere Westen, bei den Zivilpersonen kann man die Bewaffnung nur erahnen. Von jetzt an lassen sich die Aktivitäten der Truppe nicht mehr verheimlichen. Dass sie von ihren Kontrahenten beobachtet werden, davon gehen die Mitarbeiter um Erhardt aus. "Wir haben aber schon Mittel und kennen Wege, um so unauffällig wie möglich zu agieren", sagt sie. Mehr will und darf sie nicht verraten, ergänzt aber als Beispiel: "Bei der bundesweiten Großrazzia in Eiscafés Anfang August waren 1800 Beamte im Einsatz und nichts ist vorher durchgesickert." Dabei wurden vier mutmaßliche Bandenchefs verhaftet, die mehrere tausend Menschen vor allem aus Osteuropa nach Deutschland eingeschleust und als Billigarbeiter an Eisdielen vermittelt haben sollen.

"Auf engestem Raum zusammengepfercht"

Gegen die Köpfe und Drahtzieher der Banden geht die Finanzkontrolle Schwarzarbeit massiv vor. Wenige Nutznießer, viele Ausgebeutete, so einfach ist deren Geschäftsmodell. Die betroffenen Menschen sind in den Augen der Augsburger die Leidtragenden. "Sie hausen auf der Baustelle in Containern ohne Licht, Wasser und Toiletten, sind auf engstem Raum zusammengepfercht, bekommen um die drei Euro Stundenlohn und müssen ihre Pässe bei den Hintermännern abgeben, damit sie nicht abhauen", beschreibt Erhardt deren Lebens- und Arbeitsumstände. Mit Pardon können sie trotzdem nicht rechnen, denn Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

Schwarzarbeit ist 2004 neu geregelt worden. Am 1. August des Jahres trat das Gesetz zu deren Bekämpfung in Kraft. Es erlaubt verschärfte Prüfungsmöglichkeiten gegenüber früher und regelt die Verantwortlichkeiten neu. Zuständig ist die Bundeszollverwaltung. Der beim Zoll zuständige Arbeitsbereich nennt sich Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS), hat seine Zentrale bei der Oberfinanzdirektion in Köln und ist an 113 Standorten in Deutschland vertreten. Für vier davon - Ingolstadt, Kempten, Lindau und Augsburg - ist Christine Erhardt verantwortlich.

Bußgelder in Höhe von 67 Millionen Euro

Im vergangenen Jahr hat die FKS insgesamt rund 355.000 Personen an der Arbeitsstelle überprüft, 2004 waren es 265.000. Insgesamt sind im Vorjahr Bußgelder in Höhe von 67 Millionen Euro auferlegt und Freiheitsstrafen von fast 1000 Jahren verhängt worden. Schwarzarbeit scheint ein Thema zu sein, das der Staat zurzeit sehr ernst nimmt. Der Grund: "Schwarzarbeit schädigt gesetzestreue Unternehmer sowie Arbeitnehmer und verursacht gewaltige Einnahmenausfälle bei den Sozialkassen und dem Fiskus", sagt Klaus Salzsieder, Sprecher der Abteilung FKS.

Inzwischen haben auch die beiden Fahrzeuge den Wohnblock erreicht. Bei allen drei Autos öffnen sich nahezu zeitgleich die Türen, einige der zehn Beamten postieren sich an strategischen Punkten des Geländes, damit die Arbeiter nicht flüchten können, andere gehen ins Gebäude. Außen ruft einer der FKS-Leute, die Arbeiter mögen doch bitte vom Gerüst herunter und zu ihm kommen. Dabei gestikuliert er wild mit den Händen. Andere bringen Bauarbeiter aus dem Inneren zu einem zentralen Sammelpunkt vor dem Haus. Das Gebäude gehört einer Wohnungsbaugesellschaft aus Augsburg und wird kernsaniert, also alles raus und alles neu rein, von den Installationen bis zum Verputz. Knapp 15 Leute trommeln die Beamten zusammen, darunter zwei, drei Deutsche. Der Rest sind meist Polen, von denen zunächst keiner auch nur ein Wort Deutsch zu verstehen oder zu sprechen scheint.

Vorarbeiter spricht gebrochen Deutsch

Ein polnischer Vorarbeiter wird ausfindig gemacht. Er zeigt Dokumente, die von einer Behörde aus dem Großraum Berlin ausgestellt wurden. Die Adresse ist den Kontrolleuren neu. Der etwa 45-jährige Mann spricht wenigstens gebrochen Deutsch, was den Beamten im Moment schon hilft. Doch auf Fragen nach der Höhe von Löhnen oder Arbeitserlaubnissen zuckt er regelmäßig die Schultern und zieht ruhig an seiner Zigarette. Auf einem der Papiere steht die Telefonnummer seines Chefs. Ein Beamter wählt die Nummer und wird verbunden. Höflich aber konsequent fordert der FKS-Beamte den Mann am anderen Ende des Telefons auf, binnen zwei Stunden alle für die Beschäftigung und Beschäftigten notwenigen Unterlagen an die Dienststelle in Augsburg zu faxen. Der Angerufene sagt zu. Die Augen zweier Kontrolleure treffen sich und verraten Ungläubigkeit.

Währenddessen sitzen die anderen Arbeiter geduldig auf einem Stapel weißen Styropors, das der Aussendämmung des Gebäudes dienen soll. "Die Menschen aus dem ehemaligen Ostblock sind es gewohnt, Aufforderungen von offizieller Seite unbedingt Folge zu leisten", sagt einer der Beamten. Deutsche würden sich bei Überprüfungen fast schon grundsätzlich auflehnen. Nacheinander und ziemlich zeitaufwändig infolge der Sprachschwierigkeiten - der Vorarbeiter dient zugleich als Dolmetscher - werden die Personalien der Bauarbeiter aufgenommen, Ausweise kopiert und kontrolliert. Bei den Vernehmungen halten die FKS-Leute stets einen gebührenden Sicherheitsabstand von gut einem Meter ein und sind stets aufs Höchste konzentriert. Wer seine Angaben gemacht hat, darf weiterarbeiten. Nach gut zwei Stunden ist die Aktion beendet. Die Zivilfahnderinnen fahren auf der Suche nach einem neuen Objekt davon, die anderen beiden Autos kehren in die Dienststelle zurück.

Datenabgleich gehört zur Jagd nach Schwarzarbeitern

Nun beginnt die Detailarbeit der FKS im Büro. Am Telefon oder über einen Datenabgleich am PC wird überprüft, ob Schwarzarbeit vorliegt: sind die Menschen legal beschäftigt, werden sie entsprechend entlohnt, beziehen sie Renten oder Sozialleistungen wie Hartz IV und arbeiten zusätzlich, sind sie Scheinselbständig und kommen die Arbeitgeber ihren Meldepflichten nach? Verstöße gegen diese Punkte sind die häufigsten Fälle von Schwarzarbeit.

Das Volumen der Schattenwirtschaft in Deutschland schätzen der renommierte Experte Professor Friedrich Schneider von der Universität Linz gemeinsam mit dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen für dieses Jahr auf 345 Milliarden Euro. Laut Prognose werden im Baugewerbe und im Handwerk rund 38 Prozent des schattenwirtschaftlichen Volumens erwirtschaftet. "Bei jedem vierten überprüften Bauarbeiter liegt ein Verdachtsmoment vor", sagt Salzsieder. Der Einsatz in Augsburg hat die Statistik bestätigt.