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Schwarzes Gold: Ölpreis schockt nicht jeden

Der Ölpreis erreicht ständig neue Rekordhöhen, zuletzt die von 135 Dollar pro Fass, ohne Aussicht auf ein baldiges Ende. Negative Auswirkungen hat das sowohl für Autofahrer als auch für Flugreisende. Gewinner gibt es auch, wie etwa die Deutsche Bahn, Öko-Unternehmen und sogar die Atomkraft.

Der ins Uferlose steigende Ölpreis wird immer mehr zur Gefahr für die Konjunktur. Der wichtige Rohstoff kostete erstmals mehr als 135 Dollar pro Fass, nachdem der Preis binnen 24 Stunden um mehr als fünf Dollar nach oben geschnellt war. Die deutsche Industrie befürchtet eine Eintrübung der bislang günstigen Wachstumsaussichten.

Zwar seien die Auftragsbücher noch gut gefüllt, und die Produktion sei ausgelastet, sagte der Konjunkturexperte des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Matthias Krämer, der "Berliner Zeitung". "Es ist jedoch die Gemengelage von steigenden Ölpreisen, starkem Euro, nachlassender US-Konjunktur und Finanzkrise, die den Unternehmen zunehmend zu schaffen macht." Betroffen sind teilweise Fluggesellschaften und Autobauer. Deren Aktienkurse rutschten in den Keller und zogen die europäischen Börsenindizes mit nach unten.

Nach Einschätzung von Außenhandelspräsident Anton Börner dürfte die deutsche Wirtschaft jedoch auch einen noch weiter steigenden Ölpreis ohne große Schäden aushalten. Die Frage, ob die aktuelle Ölpreisentwicklung die deutsche Konjunktur abwürgen werde, verneinte er. Vielmehr rechne er mit einer etwas besseren Entwicklung als bislang erwartet. Das gelte auch für den Export. Er könnte mit 6 bis 6,5 Prozent etwas stärker wachsen, als bisher mit 5 Prozent geschätzt.

So profitiere Deutschland durchaus von steigenden Öleinnahmen der Förderländer, denn die deutsche Wirtschaft verkaufe besonders viele Investitionsgüter. Diese werden von den Ölländern genauso stark, wie von manchen Schwellenländern nachgefragt.

Lufthansa bleibt cool, Air France-KLM und American Airlines leiden

Die Lufthansa sieht den Rekordstand des Ölpreises indes gelassen und will vorerst weder Ticketpreise anheben noch Flüge streichen. "Wir sind gut darauf eingestellt", sagte ein Sprecher der größten deutschen Fluggesellschaft in Frankfurt. Die Lufthansa sichere sich gegen starke Preissprünge beim Ölpreis mit Termingeschäften ab und habe 85 Prozent ihres Treibstoffbedarfs zu einem entsprechend niedrigeren Preis abgesichert. "Wir können den starken Anstieg abfedern", sagte der Sprecher. Die Lufthansa sei wirtschaftlich in "guter Verfassung". Treibstoff ist nach Unternehmensangaben der größte Kostenblock, der sich 2007 auf 3,9 Milliarden Euro belief.

Europas größte Fluggesellschaft Air France-KLM kann die Preisexplosion beim Öl weniger leicht wegstecken. Konzernchef Jean-Cyril Spinetta warnte bei der Vorlage der Geschäftszahlen vor Mehrkosten von 1,1 Milliarden Euro in diesem Jahr. Zudem erschwere die Wirtschaftsflaute in den USA das Geldverdienen. Air-France-KLM-Aktien stürzten daraufhin an der Börse um bis zu zehn Prozent ab. Die weltgrößte Fluggesellschaft American Airlines hatte zuvor ihre Flüge in den USA massiv zusammengestrichen.

Ölpreise dämpfen Konsum

Zudem dämpfen die höheren Kosten für das schwarze Gold den Konsum. "Die Preissteigerungen bei Öl, Gas und Energie haben den Konsumenten erheblich Kaufkraft entzogen", sagte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Sollte sich der Ölpreis im Jahresverlauf auf einem Niveau von 120 bis 130 Dollar halten, "würde das fast zwei Prozent der Kaufkraft der Bevölkerung kosten", rechnete Heise vor. Öl ist inzwischen fünfmal so teuer wie 2002.

Der Höhenflug des Ölpreises trifft die Verbraucher besonders bei den Sprit- und Heizkosten, aber auch viele Gegenstände des täglichen Bedarfs dürften teurer werden. "Die Folgen umfassen einen sehr, sehr weiten Bereich", sagte Wirtschaftsexpertin Cornelia Tausch vom Verbraucherzentrale Bundesverband. So sei zum einen der Gaspreis an den Ölpreis gekoppelt. Zum anderen beeinflusse der Ölpreis auch die Kosten für Heizöl. "Zusätzlich ist Öl der Rohstoff, aus dem die Industrie andere Dinge produziert, Plastik oder Kunstfasern etwa. Es steht zu befürchten, dass sie versucht, diese Preise an die Verbraucher weiterzugeben", sagte Tausch.

Unmittelbar zu spüren sind die Auswirkungen derzeit an den Tankstellen: "Der Trend bei den Spritpreisen ging in den vergangenen Wochen kontinuierlich nach oben", sagte ADAC-Sprecher Andreas Hölzel in München. "Das ist der Sog des Ölpreises." Allerdings verlangten die Konzerne auch "ein Quäntchen mehr als nötig".

Hoher Ölpreis hat auch positive Auswirkungen

Jedoch profitieren auch einige Teile der Wirtschaft vom hohen Ölpreis: Die Deutsche Bahn, die Solarbranche und Exporteure erleben eine Sonderkonjunktur. Die Preise für Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr bleiben vorerst konstant. "Die können es sich politisch nicht leisten, bei jedem Ölsprung die Preise zu erhöhen", erklärte Tausch.

Umweltfreundliche Technologien wie Wind-, Solar- und Bioenergie oder moderne Gebäudetechnik boomen dank der immer teurer werdenden fossilen Energie. "Wir merken, dass das Interesse an Solarenergie massiv steigt", sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft, Carsten Körnig. Allein im Januar und Februar sei der Umsatz mit Solarwärme um ein Viertel gestiegen. Auch im Ausland ist die Nachfrage nach deutscher Solartechnik größer geworden. Bis 2010 will die Branche bereits die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb Deutschlands erzielen, mittelfristig bis zu 80 Prozent.

Die Grünen schlagen wegen der neuen Rekordmarken bei den Preisen für Rohöl und Kraftstoff Alarm. Die Bundestagsfraktion forderte einen Krisengipfel der internationalen Gemeinschaft. Durch die drohenden Versorgungsengpässe aufgrund der weltweit rückläufigen verfügbaren Ölmengen gebe es dringenden Handlungsbedarf, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn der "Bild"-Zeitung. "Das Problem lässt sich nur international lösen", sagte sie. "Wir brauchen einen Gipfel, um gemeinsam die Nachfrage zu senken und die Spekulation in den Griff zu bekommen."

Atomenergie kommt wieder in Mode

Italien reagiert drastisch auf den Ölpreisanstieg und kehrt zur Atomkraft zurück. Der Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Claudio Scajola, kündigte vor einer Industriellenvereinigung den Bau neuer Kernkraftwerke innerhalb der nächsten fünf Jahre an. Scajola ist ein enger Vertrauter des Atomenergie-Befürworters Silvio Berlusconi. Italien war nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl vor gut 20 Jahren aus der Atomkraft ausgestiegen und deckt seinen Energiebedarf seitdem überwiegend über Öl- und Gasimporte. In der italienischen Bevölkerung gibt es starken Widerstand gegen eine Wiedereinführung der Atomenergie.

Nach Auskunft von Marktexperten hat sich die Entwicklung mittlerweile verselbstständigt. "Der Ölpreis steigt, weil er steigt, weil er steigt ...", sagte Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Eine Obergrenze sei nicht in Sicht. "Alles, was ich sagen kann, ist, der Markt wird weiter steigen", so Analyst Tatsuo Kageyama von Kanetsu Asset Management.

Für ein Fass (159 Liter) US-Öl der Sorte WTI musste in der Spitze 135,04 Dollar bezahlt werden. Die in Europa führende Nordseesorte Brent verteuerte sich auf 134,51 Dollar je Fass. Das ist das zehnte Rekordhoch in den vergangenen 14 Handelstagen. Als Auslöser für den jüngsten Preissprung nannten Händler einen Rückgang der US-Ölvorräte. Zudem verwiesen sie weiter auf den schwachen Dollar, der Devisenanleger in die Rohstoffmärkte treibt. Außerdem bleibe das Angebot an Öl wegen zahlreicher Lieferausfälle weiterhin knapp.

Auch von der Opec ist keine Hilfe zur Eindämmung der galoppierenden Preise zu erwarten. Das Kartell hatte erst vor wenigen Tagen einen Appell der US-Regierung zurückgewiesen, mit einer Ausweitung der Produktionsmenge gegenzusteuern. Diese Faktoren locken derzeit zahlreiche Spekulanten an die Rohstoffmärkte, die die Preise hochtreiben.

Reuters/DPA/AP / AP / DPA / Reuters