HOME

Solarzellen: Warmer Regen

Keine Energieform wird derart massiv gefördert wie Strom aus Solarzellen. Die saubere Industrie verschlingt jedes Jahr Milliarden - Geld, das jeder Bürger per Stromrechnung zahlt. Ein neues Gesetz soll nun den Subventionswahnsinn eindämmen.

Von Elke Schulze

"Das Wetter könnte besser sein", sagt Bauer Dirk Beckedorf, zwinkert nach oben und sucht nach einer Lücke in den Wolken. Nur wenn die Sonne scheint, verdient er richtig Geld. Beckedorf denkt dabei nicht an seine 150 Hektar Land in der Wilhelmsburger Elbmarsch, auf denen er hauptsächlich Blattsalate anbaut. "Die wachsen auch, wenn nicht jeden Tag die Sonne scheint." Er denkt an seine stahlblau glitzernden Solarzellen, die das Dach seiner Lagerhalle bedecken. Etwa 65.000 Kilowattstunden Strom kann er damit jährlich erzeugen. Bauer Beckedorf bekommt vom örtlichen Stromversorgungsunternehmen für jede ins Netz eingespeiste Kilowattstunde knapp 52 Cent. Macht rund 33.000 Euro pro Jahr - abhängig davon, wie oft sich die Sonne am Himmel blicken lässt. Die 390.000 Euro, die er vor zweieinhalb Jahren in den Bau der Anlage investiert hat, sollen sich schließlich irgendwann auszahlen.

So wie Dirk Beckedorf produzieren bereits 430.000 Deutsche mithilfe des Sonnenlichts Strom, der dann ins Stromnetz eingespeist wird - eine Nation von Kraftwerksbesitzern. Im Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg schätzt man, dass allein in diesem Jahr 1000 Megawatt Leistung neu installiert werden. Das entspricht etwa der Kapazität eines herkömmlichen Kraftwerks.

Dass das möglich ist, liegt nicht an den sonnigen deutschen Sommern, sondern am "Erneuerbare-Energien-Gesetz" (EEG), das jeden Ökostromproduzenten im Land finanziell kräftig fördert. Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) verschlingt die Förderung der bis Ende 2007 installierten Anlagen in den nächsten 20 Jahren rund 31 Milliarden Euro an Einspeisevergütung. Geht die Förderung unverändert weiter, steigt diese Summe bis 2010 auf 73,5 Milliarden Euro. Und bis zum Jahr 2035 könnte sie bis zu 120 Milliarden Euro gekostet haben.

Fotovoltaik profitiert am meisten

Ziel des EEG war und ist es, den Anteil des Stroms aus regenerativen Quellen wie Wind, Biomasse und Sonne stetig zu erhöhen. Das klappt so gut, dass das europaweite Ziel für 2010 von 12,5 Prozent in Deutschland bereits Mitte vergangenen Jahres erreicht wurde. Heute sind rund 15 Prozent des hiesigen Stroms ökologisch korrekt.

Das ist vor allem Ergebnis der üppigen Förderung. Zwar sinkt die Einspeisevergütung jedes Jahr um fünf Prozent. Aber jeder, der Solarstrom produziert, bekommt den beim Start aktuellen Satz 20 Jahre lang garantiert. Von allen erneuerbaren Energiequellen profitiert die Fotovoltaik am meisten: Wer sich schon 2004, als das neue EEG in Kraft trat, für Solarenergie entschieden hat, bekommt seitdem 57,4 Cent für jede eingespeiste Kilowattstunde. Für in diesem Jahr installierte Anlagen wird die Kilowattstunde noch mit 46,75 Cent subventioniert. Derzeit deckt die Fotovoltaik gerade mal ein halbes Prozent des Stromverbrauchs. Windmüller, die über sechs Prozent unseres Stroms erzeugen, erhalten nur rund fünf Cent als Einspeisevergütung. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Solaranlagen anhält.

Manche Kommunen setzen sogar noch einen drauf: Die Stadt Marburg etwa will ihre Einwohner zwingen, an der Erfolgsgeschichte Solarstrom teilzuhaben. Hausbesitzer, die sich weigern, bei Neu- und Umbauten Solaranlagen zu installieren, müssen mit Geldbußen bis zu 15.000 Euro rechnen.

Vergütung soll gekürzt werden

Da es im EEG-Gesetz keine Mengenbeschränkungen gibt, entstehen die riesigen Förderungsansprüche. Als Begründung für die massiven Subventionen werden die vielen neu geschaffenen Arbeitsplätze angeführt: 40.000 Menschen arbeiten hierzulande in der Solarbranche. Die Jobs allerdings sind teuer erkauft. Das RWI hat ausgerechnet, dass jeder Arbeitsplatz im Solarbereich mit 153.000 Euro subventioniert wird. Legt man zum Vergleich die Steinkohlesubventionen von 2,5 Milliarden Euro 2006 auf die 32.000 Beschäftigten der Branche um, so wurde jeder Arbeitsplatz dort "nur" mit 78.000 Euro gefördert.

Damit die Kosten nicht völlig aus dem Ruder laufen, will Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) - auf Drängen der CDU - nun gegensteuern: Ab 2009 soll die Vergütung nicht mehr jährlich um 5, sondern einmalig um 9,1 Prozent, dann um 7, und ab 2011 jährlich um 8 Prozent verringert werden. Das Gesetz soll Anfang Juni vom Bundestag verabschiedet werden. Viele Unionsabgeordnete wollten eigentlich noch viel radikaler kürzen. Von bis zu 20 Prozent weniger war die Rede.

Über all das hat sich Heike Krämer keine Gedanken gemacht, als sie sich vor zwei Jahren für den Sonnenstrom entschied. "Das ist eine Art Altersvorsorge für mich", sagt sie. Vor einer alten Burgruine reckt sich ihre Töpferei "Alte Schule" gen Himmel. Bis vor zwölf Jahren wurden in dem Haus von 1834 noch die Kinder des kleinen Eifelörtchens Monreal unterrichtet. Bis Heike Krämer das Gebäude zu einem Schnäppchenpreis erwarb, mit der Auflage, hier ihre Töpferei einzurichten. Überall sind bunte Fische, Becher und Vasen zu bewundern, das gesamte Haus ist zu einem großen Ausstellungsraum geworden. Die zierliche Töpferin freut sich über ihre Anlage: "Möglichst groß sollte sie sein", war Krämers Anspruch. Sie weiß, dass es bessere Standorte gibt, dass durch die bergige Lage die Sonne spät auf- und früh untergeht, aber "meine Dachausrichtung ist gut". Mit ihrer Töpferei verbraucht Heike Krämer im Jahr stolze 16.000 Kilowattstunden Strom. Noch reicht der Ertrag ihrer Anlage nicht aus, um ihren Bedarf komplett zu decken. "Aber wenn ich später weniger arbeite, könnte ich mich selbst versorgen."

Solaranlagen sind zum Verkaufsschlager geworden

Das Prinzip der Fotovoltaik ist alt, Physiker Albert Einstein bekam den Nobelpreis für seine Theorie dazu. Aber erst seit Kohle, Gas und Öl immer knapper werden, ist Sonnenenergie der neue Hoffnungsträger. Solaranlagen sind zum Verkaufsschlager geworden. Dass sich über den Subventionswahnsinn bislang kaum jemand wirklich aufregte, hat seinen Grund: Die Verpflichtungen wachsen langsam über die nächsten 20 Jahre an. Außerdem werden sie nicht aus Finanzminister Peer Steinbrücks Etat gezahlt, sondern kontinuierlich über die Stromrechnungen auf alle Verbraucher verteilt. Bei den ohnehin ständigen Erhöhungen der Strompreise fällt das gar nicht auf. Dabei hat ein Haushalt mit einem Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden im Jahr 2006 für die Förderung der erneuerbaren Energien bereits 31,50 Euro bezahlt. Diese Kosten erwähnt Umweltminister Gabriel nicht so gern. Er spricht lieber von der "einzigartigen Erfolgsstory des EEG".

Auch das Dach des Schwarzwälder Schreiners Christian Rombach trägt ein kleines Solarkraftwerk. "Das ist für mich eine Kapitalanlage, die sich möglichst schnell rechnen soll", sagt Rombach. Er hat genau kalkuliert: Nach achteinhalb Jahren ist die Anlage abbezahlt, und er hat eine Rendite von beachtlichen acht Prozent. Bislang bescheren die hohen Subventionen vor allem den Herstellern hübsche Gewinne. Manuel Frondel vom RWI sagt: "Der Solarmarkt ist ein Verkäufermarkt. Jede produzierte Anlage kann auch abgesetzt werden." Wegen der hohen Vergütung lohnt sich für Kunden der Kauf jeder Anlage, fast egal, zu welchem Preis. Dabei könnten Hersteller schon jetzt günstiger produzieren, hat die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) errechnet: Im Durchschnitt kosten Solardächer derzeit rund 4600 Euro pro Kilowatt Leistung, der Preis hätte laut DGS inzwischen aber auf rund 3500 Euro sinken müssen.

Größter Arbeitgeber im Kreis

Einer der führenden Hersteller ist die Q-Cells AG in Thalheim bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Das Unternehmen ist in der einstigen Kohle- und Chemiehochburg inzwischen größter Arbeitgeber im ganzen Kreis und zum weltgrößten Solarzellenhersteller aufgestiegen. Firmenchef Anton Milner ist zufrieden. Seinem Unternehmen geht es glänzend: 54 Prozent Wachstum und eine Rendite vor Steuern von rund 20 Prozent. Gerade hat Milner zwei große Verträge abgeschlossen, die ihm die Versorgung mit dem Grundstoff Silizium sichern. Jetzt will er ein zweites deutsches Werk in Thalheim bauen und eines in Malaysia. In dem erst kürzlich komplett aus dem Boden gestampften Gewerbegebiet Thalheim wird bereits auf mehreren Produktionslinien rund um die Uhr gearbeitet.

In den Hallen regiert Hightech: Von vorn kommen die rechteckigen Siliziumplättchen angefahren, werden gereinigt, mit Phosphor und Siliziumnitrid beschichtet, und es wird ein Gitter mit Silberpaste aufgedruckt. Leuchtend blau schillern sie jetzt. Ab und zu zerbrechen die 0,2 Millimeter dünnen Scheiben, weil den Maschinen das nötige Feingefühl fehlt. "Wir schaffen es, die Kosten jedes Jahr um fünf bis sieben Prozent zu senken", sagt Milner. Also ist er nicht gegen eine stärkere Absenkung der Vergütung? "Nein, aber sie kommt zur Unzeit", schimpft der gebürtige Brite. Wer verzichtet schon gern auf Geld?

Vor allem ein Engpass in der Siliziumversorgung habe den Herstellern zugesetzt. "Wir brauchen Planungssicherheit." Auch wegen der vielen Arbeitsplätze, die er geschaffen hat: "Wir stellen hier jeden Monat rund 100 neue Leute ein", sagt Milner. Ende 2007 hatte Q-Cells 1700 Mitarbeiter, 5000 Arbeitsplätze sollen es 2010 sein. "Anton, du spinnst", hat der Thalheimer Bürgermeister zu seinen hochfliegenden Plänen einst gesagt. Aber Milner glaubte an die Solarindustrie. Nur wenn die Förderung stark gekappt würde, gingen einige in der Branche unter. Die, die weniger als 20 Prozent Rendite erzielen. Milner wird nicht dazugehören.

Deutschland ist zum Importland von Solarzellen geworden

Beim Bundesverband Solarwirtschaft in Berlin herrscht indes Krisenstimmung. Um noch in letzter Minute die Subventionskürzung zu verhindern, setzt Geschäftsführer Carsten Körnig voll auf die Arbeitsplatzkarte: "Eine so junge Branche kann nach drei bis vier Jahren noch nicht auf eigenen Beinen stehen." Aber durch die hohe Förderung ist Deutschland längst zum Importland von Solarzellen geworden. China hat die Bundesrepublik als größten Exporteur von Solaranlagen abgelöst. Irrsinn der Förderpolitik: Das EEG subventioniert so Solarfabriken in China und Japan. Führende Hersteller wie Sharp verkaufen ihre Ware hierzulande sogar deutlich teurer als im eigenen Land. Die dortigen Arbeitsplätze zahlt der deutsche Verbraucher mit jedem Ticken seines Stromzählers mit.

Dabei ist allen Beteiligten klar, dass Backöfen, Lampen und Fernseher künftig nur dann mit Solarstrom betrieben werden, wenn der Preis langfristig mit den Kosten für herkömmlichen Strom mithalten kann. Nach einer Studie von Photon Consulting ist das nicht utopisch. In Spanien wird Solarstrom bereits 2010 für 10 Cent herzustellen sein, in Süddeutschland für 15 Cent, vorausgesetzt, die Solarzellenhersteller geben die sinkenden Produktionskosten wirklich weiter. Das ist von den heutigen Großhandelspreisen an den Strommärkten von etwa 5 Cent nicht mehr allzu weit entfernt. Und diese klettern weiter nach oben. Verbraucher zahlen mit gut 21 Cent pro Kilowattstunde sogar bereits deutlich mehr.

Bauer Dirk Beckedorf plant inzwischen schon sein nächstes Solarkraftwerk. Am nahe gelegenen Sachsenwald hat er Flächen dazugepachtet. Die neue Halle zur Weiterverarbeitung seiner Salate werde optimal nach dem Einfallswinkel der Sonne ausgerichtet, erklärt er, und dann mit Solarzellen bestückt. "An die sechzig Kilowatt soll die Anlage leisten", sagt Beckedorf. Dafür würde er selbst nach der geplanten Kürzung der Förderung noch 44,5 Cent pro Kilowattstunde bekommen - das wären rund 20.000 Euro Einnahmen pro Jahr. Geld, das alle Stromverbraucher zahlen müssen.

print