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Russland stoppt Gaspipeline: Wie gefährlich ist das South-Stream-Aus für Europa?

2400 Kilometer Leitung für 38 Millionen Haushalte - South Stream sollte Gas von Russland in die EU befördern. Doch Gazprom sagte das Großprojekt ab. Warum? Fragen und Antworten zum Pipeline-Baustopp.

Aus und vorbei: Unerwartet auch für deutsche Partner wie Wintershall kündigt der russische Gasmonopolist Gazprom Europas größtes Energieprojekt South Stream auf. Schuld habe die EU, meint Kremlchef Wladimir Putin. Die politische Blockade der EU in der schwersten Krise zwischen dem Westen und Russland seit dem Kalten Krieg mache den Weiterbau unmöglich.

Wie geht es nun weiter? Hat der Stopp Auswirkungen auf die Energieversorgung in Europa? Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten zu South Stream:

Was ist South Stream genau?

Neben vier weiteren Groß-Pipelines (North Stream, Jamal, Transgas und Blue Stream) soll die 2380 Kilometer lange Erdgasleitung South Stream russisches Gas in die EU transportieren. Startpunkt sollte die Stadt Anapa am Schwarzen Meer sein, Ziel der italienische Grenzort Tarvisio. Plan war es, den Rohstoff Gas von 2019 am Krisenland Ukraine vorbei nach Europa zu transportieren. 38 Millionen Haushalte hätte South Stream versorgen können.

Wo wäre die Pipeline verlaufen?

Die Karte des russischen Energieriesen Gazprom ziegt, wo South Stream hätte verlaufen sollen

Die Karte des russischen Energieriesen Gazprom ziegt, wo South Stream hätte verlaufen sollen

Warum wurde South Stream abgeblasen?

"Das war's", sagte Alexei Miller, Chef des russischen Gas-Monopolisten Gazprom, dem Haupteigner der Firma South Stream Transport. Zuvor hatte der russische Präsident Wladimir Putin gesagt, wegen des Widerstandes der Europäischen Union könne die Gasleitung derzeit nicht fertiggebaut werden. Putin warf der EU vor, sie gebe kein grünes Licht für South Stream. "Wir sehen, dass Hindernisse errichtet werden." Wenn Europa das Projekt nicht ausführen wolle, dann werde es eben nicht ausgeführt. "Wir sind überzeugt, dass das den europäischen Wirtschaftsinteressen widerspricht und Schaden verursacht", so Putin.

Was bedeutet das Aus für die Energiesicherheit in Europa?

Das Gas fließt weiter über bestehende Leitungen von Russland nach Europa. Wie die Ostseeleitung Nord Stream sollte die südliche Leitung South Stream - für den Süden und zentrale Teile EU-Europas - die Gasversorgung des Westens bei wachsendem Energiehunger zuverlässiger machen. Die EU wollte zudem eine Alternative zum ukrainischen Transitnetz haben, das als dringend sanierungsbedürftig gilt. Putin hatte bereits im Sommer angekündigt, andere Routen für eine Leitung zu prüfen, sollte die EU South Stream torpedieren.

Wieviel Geld hat South Stream bislang gekostet?

Die Baukosten werden auf 16 Milliarden Euro geschätzt. Moskauer Medien zufolge hat Russland bisher rund 3,74 Milliarden Euro investiert. Doch die Energiegroßmacht ist derzeit erheblich geschwächt, weil der Ölpreis sehr niedrig ist und die Konjunktur auch wegen der westlichen Sanktionen in der Ukrainekrise schwächelt. Beobachter schließen nicht aus, dass dies zur Entscheidung beigetragen haben könnte.

Welche Probleme hat die EU mit der Pipeline?

Die EU-Kommission hat wiederholt erklärt, sie halte es für unzulässig, dass mit Gazprom ein Erdgaslieferant zugleich den Zugang zu den Pipelines kontrolliert. Konkreter Auslöser für den Baustopp war Bulgarien, durch dessen Hoheitsgewässer ein Teil der Leitung verläuft. Nach Druck aus Brüssel und auch Washington hatte die Regierung in Sofia die Vorarbeiten an dem Projekt ausgesetzt. Kritisiert wurde unter anderem, dass Bulgarien ein russisches Konsortium ausgewählt hatte, um den Teilabschnitt der Leitung zu errichten.

Wie reagiert Bulgarien auf den Baustopp?

Bulgarien hatte zähneknirschend den South-Stream-Bau unterbrochen. Das Land muss nun auf jährlich 400 Millionen Euro für den Gastransit verzichten, zudem hängt es fast komplett von den Gaslieferungen ab. Gazprom hatte zudem versprochen, 3,5 Milliarden Euro zu investieren und 5000 Arbeitsplätze zu schaffen. Deswegen hofft Bulgarien weiterhin darauf, dass die Pipeline kommen wird. Es müsse ein "wirtschaftlich günstiges Projekt geben, bei dem das EU-Recht eingehalten werde", sagte die bulgarische Vize-Ministerpräsidentin Meglena Kunewa.

Wer ist noch vom Aus für South Stream betroffen?

Die Investoren hoffen, dass sie ihre Ausgaben ersetzt bekommen. Darunter auch die Mitinhaber der Betreibergesellschaft South Stream Transport. Neben Gazprom (50 Prozent) sind dies der italienische Energieversorger Eni (20 Prozent), die BASF-Tochter Wintershall und der französische Energiekonzern EDF (je 15 Prozent). Bitter ist der Baustopp für das mit Russland verbündete Serbien, den Staaten des Westbalkans sowie Italien, die vollständig vom maroden ukrainischen Transportsystem abhängen. Die Slowakei, Österreich und Ungarn können zum Teil durch die Ostsee über Nord Stream versorgt werden.

Was bezweckt Putin mit der Abkehr von der Pipeline?

Rein wirtschaftlich wäre South Stream für Gazprom nicht zwingend ein lohnendes Geschäft gewesen, dazu waren die Anfangsinvestitionen sehr hoch. Russland hatte damit vor allem geopolitisch seine Stellung als Energiemacht stärken wollen. Wladimir Putin hat zudem den asiatischen Markt im Blick. Wie etwa China, mit ein Gaslieferungsvertrag abgeschlossen wurde. Dorthin muss von Sibirien aus ebenfalls eine Leitung verlegt werden. Russlands Fähigkeit zum Leitungsbau ist nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise geschwächt.

Wie geht es nun weiter?

Der Pipeline-Stopp hat viele Staaten in der EU kalt erwischt. Deswegen muss die EU nun erst einmal über andere Wege der Gasversorgung in Südosteuropa beraten. Am Dienstag ist in Brüssel ein Treffen mit acht EU-Staaten geplant, die von dem Stopp besonders betroffen sind. Dies sind Bulgarien, Ungarn, Slowenien, Österreich, Kroatien, Italien, Griechenland und Rumänien. Insgesamt gehe es um die Frage, wie Südosteuropa schneller an das europäische Leitungsnetz für Gas angeschlossen werden könne, so eine Behörden-Sprecherin. Trotz der russischen Entscheidung läuft die Fertigung für South Stream in der EU vorerst weiter.

Niels Kruse mit Agenturen