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Staranwälte machen mobil: BP, zur Kasse bitte!

Richard Arsenault und Daniel Becnel knöpfen sich den Umweltsünder BP vor. Die beiden Staranwälte aus Louisiana haben bereits Hunderte Klienten überredet, gegen den Ölkonzern zu klagen.

Von Felix Wadewitz, Destin

Was für ein Ort. Die Säulen sind höher, der Marmor mächtiger, und das Weiß der Wände strahlt heller als in anderen Luxushotels. In das Sandestin an der Küste Floridas lädt die mächtige Anwaltskammer von Louisiana alljährlich zu ihrer Tagung ein. Ein paar Autostunden von der Heimat entfernt treffen sich die Juristen, um zu konferieren und die Sommersonne zu genießen. Viele tragen kurze Hosen. Die Vorträge über neue Entwicklungen in der Rechtsprechung sind am Nachmittag nur noch spärlich besucht. Mit einer Ausnahme.

"Wo ziehen wir die Grenze"

Kein Platz im Saal ist mehr frei, als Richard Arsenault ans Rednerpult tritt. Sein Thema: Die Ölpest und die juristischen Folgen. Anders ausgedrückt: Wie viel Geld lässt sich aus BP herausklagen? Zig Milliarden Dollar wird der Ölkonzern zahlen müssen, um die Folgen der Katastrophe im Golf von Mexiko zu kompensieren. Und dieser gemütliche Anwalt, der harmlos durch seine randlose Brille schaut, will seinen Anteil daran haben.

Es ist, als hätte sich Arsenault sein ganzes Leben lang auf diesen Fall vorbereitet. Sammelklagen und Seerecht sind seine Spezialität. Keiner kennt sich auf dem Gebiet besser aus als er. "Die Multi-Milliarden-Dollar-Frage im Gerichtssaal wird sein: Wo ziehen wir die Grenze?", sagt er. "Der Fischer muss entschädigt werden. Aber was ist mit der Babysitterin für die Kinder des Fischers? Sie hat nur ihren Job verloren, weil der Fischer kein Einkommen mehr hat. Muss BP auch sie entschädigen?" Arsenault findet, ja.

Mehrere Großkanzleien arbeiten gemeinsam

Im College war Arsenault einst Ringer, später schickte er einen Großkonzern nach dem anderen auf die Matte. Shell und Pfizer haben das schon schmerzhaft erfahren. Der Pharmakonzern Merck musste gar die Rekordsumme von 4,85 Milliarden US-Dollar an Patienten zahlen, weil er sein "Wundermittel" Vioxx falsch beworben hatte. Aktuell spielt Arsenault eine Schlüsselrolle im Verfahren gegen Toyota und die fehlerhaften Gaspedale. Und jetzt ist BP an der Reihe. Die Schadensersatzklagen könnten den Konzern in den Ruin treiben.

"Von der Ölpest betroffen? Nehmen Sie sich einen Anwalt!" Diese Botschaft steht auf Plakaten am Straßenrand, läuft im Radio und Regionalfernsehen. Bei Google sind Anzeigen gebucht. Wer die angegebene Telefonnummer wählt, landet bei einem Callcenter in New York. Dort wird der Fall aufgenommen und weitergeleitet. Hunderte Klienten haben Arsenault und seine Partner bereits zusammen. Er steht an der Spitze einer Gruppe, die sich gegen BP in Stellung bringt.

Es ist ein eingespieltes Team aus mehreren Großkanzleien. Sie arbeiten bei bedeutenden Fällen häufig zusammen. Dutzende Klagen haben sie bereits eingereicht. Im Namen von Fischern und Hoteliers, Bohrinselarbeitern und Bootsbesitzern. Das Geschäftsmodell: Die Anwälte tragen selbst alle Kosten bis zu einem Urteil oder Vergleich. Dann erhalten sie einen Anteil an der Entschädigung. So lässt sich in den USA ein Vermögen machen.

Becnel, der Bayer-Bezwinger

Das Öl hatte die Küste noch gar nicht erreicht, da veranstaltete Arsenault in New Orleans seinen ersten Ölpest-Kongress mit Hunderten Anwälten. Sie alle wollen BP im Namen von Klienten verklagen und vielleicht vor Gericht zerren. Die Kriegskasse ist gefüllt, und die Verbündeten sind instruiert. Arsenault schläft nur noch vier Stunden am Tag. Dies ist ein besonderer Kampf. Diesmal geht es nicht nur darum, wie bei einer Großwildjagd die größte Trophäe nach Hause zu bringen. Diesmal ist es auch persönlich.

Der Sohn kanadischer Einwanderer ist in New York aufgewachsen, sprach anfangs nur Französisch. Zum Studium zog er nach Louisiana und blieb. Der französische Einfluss in Sprache und Küche erinnerte ihn an die Heimat seiner Eltern. Der Golf von Mexiko ist seine neue Heimat geworden. "Nun geht alles kaputt, in Zeitlupe müssen wir das mit ansehen", sagt er. Arsenault liebt die Natur, Fischen ist sein großes Hobby. "Als ich von der Explosion auf der Bohrinsel hörte, da wusste ich, das wird mein Fall."

"Dafür sollen sie büßen"

In der ersten Reihe bei Arsenaults Vortrag sitzt Daniel Becnel, der schon einmal den deutschen Bayer-Konzern und die amerikanische Tabakindustrie bezwungen hat. Becnel ist in den USA ein bisschen berühmt, weil John Grisham ihn zum Vorbild für einen seiner Romanhelden genommen hat. Auch Becnel stammt wie Arsenault aus Louisiana. Die beiden haben vor 30 Jahren zum ersten Mal zusammengearbeitet, als auf dem Mississippi zwei Schiffe zusammenstießen und 87 Menschen starben. Sie erkämpften für 13 Angehörige 49 Millionen US-Dollar. "Wahnsinnig viel Geld war das damals", erinnert sich Becnel. In den folgenden Jahren ging es meist um mehr: dreistellige Millionenbeträge, manchmal sogar Milliarden. Stunden später beugen sich die beiden Staranwälte in einer Hotelecke über Arsenaults Blackberry und reden heftig gestikulierend in das Gerät. Am anderen Ende ist ein Anwalt, der 2000 Klienten beisammenhat und sich nun treffen will, um über eine Zusammenlegung der Fälle zu verhandeln. Man verabredet sich für den nächsten Morgen zum Frühstück.

Wenn Arsenault das juristische Superhirn der Operation gegen BP ist, dann ist Becnel so etwas wie der Chefnetzwerker und Außenminister. Beide ergänzen sich bestens, vielleicht weil sie so verschieden sind. Arsenault empfängt in einem anonymen Konferenzsaal im Hotel zum Interview, Becnel in seinem Feriendomizil am Strand - mit nassen Haaren und in Badehose, nur ein Handtuch um die Schultern.

"Ich war gerade im Pool, ins Meer traue ich mich nicht mehr wegen der Giftstoffe", sagt Becnel. "Sehen Sie sich das an!", sagt er und zeigt auf den Golf von Mexiko. Das Öl ist hier in Destin noch nicht am Strand angekommen. Alles sieht noch nach Postkartenidylle aus. "Die Pelikane!", ruft Becnel. "Keine da! Alle weg!" Normalerweise würde man Dutzende Vögel sehen, außerdem Boote mit Fischern und Freizeitsportlern auf dem Meer. Jetzt ist da nur das Wasser, und sonst nichts. Becnel ist wütend auf BP, und es klingt nicht nur nach professioneller Anwaltserregung: "Profite sind ihnen wichtiger als Menschen. Dafür sollen sie büßen."

232 Klagen gegn BP

Zu den Teamaufgaben von Becnel gehört es, Experten zu verpflichten. Bis zu 250.000 US-Dollar kostet das pro Fachmann. Millionen gibt das Team dafür aus und zur Anwerbung von Klienten. "Wir gehören zu den wenigen, die so etwas in Angriff nehmen können", sagt Becnel. "Ich allein stecke 125 Millionen US-Dollar in meine aktuellen Fälle."

Diese finanzielle Freiheit ist es, die das Gespann besonders gefährlich für BP macht. "Ein normaler Anwalt sieht Dollar-Scheine in den Augen, wenn seinem Klienten 750.000 US-Dollar Entschädigung angeboten werden - weil er davon 250.000 als Provision kassiert", sagt Becnel. "Das deckt den Schaden aber nicht ab, wenn ein Fischer seine ganze Existenz verloren hat. Wir lassen uns so leicht nicht abspeisen."

Multimillionäre auf der Seite kleiner Leute

Insgesamt sieht sich BP aktuell 232 Klagen gegenüber. Daran kann auch der 20-Mrd.-$-Fonds für Entschädigungszahlungen nichts ändern. "Alle Zahlen über mögliche Schadensersatz- und Strafzahlungen gehören ins Reich der Spekulation", sagt Arsenault. "Keiner weiß bislang, wie groß der Schaden eigentlich sein wird." Ob BP am Ende 30, 50 oder 70 Milliarden US-Dollar Entschädigung zahlen muss - wer weiß das schon. Außerdem sei BP ein großer Gegner. Der Konzern kann Hunderte Anwälte anheuern und einen jahrelangen Rechtsstreit finanzieren. "Unsere Klienten sind David, BP ist trotz allem Goliath", sagt Arsenault.

Die Klienten, das sind Menschen wie Earnest Scheramie. Der Fischer aus Lafourche Parish hat gerade Zehntausende Dollar in sein Boot investiert. Die Shrimp-Saison in diesem Jahr sollte schließlich die beste seit Langem werden, da waren sich alle einig. 50.000 $ pro Monat würden in die Kassen gespült, kalkulierte Scheramie. Das wäre mehr als genug gewesen, um die Investitionen wieder hereinzuholen und die Familie komfortabel über das Jahr zu bringen. Nun liegt das Boot fest, und BP will nur eine Mini-Entschädigung zahlen. Der Schuldenberg bedroht die Existenz.

Wieder blinkt Becnels Blackberry. Ein Kollege schreibt ihm, dass BP den Ausländern unter den Fischern, die kaum Englisch sprechen, Knebelverträge aufdrücken wolle. Wieder bricht es aus Becnel heraus: "Deshalb bin ich Anwalt, deshalb arbeite ich, deshalb kämpfen wir", wettert er.

Der Multimillionär, der eben noch über seinen abendlichen Spaß beim Zocken mit Bankaktien im Internet plauderte, gibt sich plötzlich wieder als Rächer. Becnel und Arsenault kassieren mit ihren Fällen pro Jahr mehr Geld, als ihre Klienten im Leben verdienen - doch sie stehen immer auf der Seite der kleinen Leute. Gemeinsam haben sie die Großindustrie das Fürchten gelehrt. Immer dann, wenn diese die Gesundheit von Menschen aufs Spiel gesetzt hat. Darauf sind sie stolz. Becnel ist gegen die Tabakhersteller vorgegangen, weil sein Vater jung an Lungenkrebs starb. Jetzt sieht er, wie seine Nachbarn leiden und seine Heimat kaputtgeht.

Der Rat: Alles zugeben

"Es gibt einen Unterschied zwischen fahrlässigem und rücksichtslosem Verhalten", referiert Arsenault. "Wenn jemand im Auto telefoniert und einen Unfall baut, ist das fahrlässig. Wenn aber jemand besoffen fährt, dabei SMS schreibt, laute Musik hört, dabei viermal erwischt wird und es trotzdem immer wieder passiert und dann jemand stirbt - dann ist das rücksichtslos." Die Metapher zielt auf die vielen Sicherheitspannen bei BP. Sein Rat an den Ölkonzern: Alles zugeben und schnell einen Vergleich schließen.

Am Strand von Destin sind grüne Flecken zu sehen, Algen. Das gab es noch nie zwischen dem feinen Sand. "Das macht bestimmt das Öl", sagt Anwalt Becnel auf seinem Balkon. "Eigentlich kommen nachts hier immer Schildkröten an Land und legen Eier ab." Gleich am nächsten Morgen will Becnel seine Wissenschaftler an den Strand schicken. Sie sollen Beweise sammeln. Für den Prozess gegen BP.

FTD