HOME

stern.de-Serie zu Nokia: "Augen zu, rein und durch"

Seit der Handyhersteller Nokia die Schließung seines Bochumer Werkes angekündigt hat, begleitet stern.de die Familie Cankaya, die von dem Firmen-Aus besonders hart betroffen ist. Beim vorerst letzten Besuch erzählt Frau Cankaya, wie es trotz der vielen Enttäuschungen weitergehen soll.

Von Tim Farin und Christian Parth

Frau Cankaya, Sie haben kürzlich Ihre Kündigung von Nokia erhalten. Wann müssen Sie den Betrieb endgültig verlassen?

Mir wurde zum 30. September gekündigt. Aber ich muss nur noch diese Woche einmal nach Bochum, um meine Zugangskarte abzugeben. Das war's dann für mich. Viele andere wurden bereits zum 17. Mai freigestellt. Wir im Betriebsmittellager hatten aber noch einiges zu tun. Die letzten Wochen war ich jeweils ein- bis zweimal im Betrieb.

Wie viele Kollegen sind überhaupt noch da?

Die Kollegen von der ABL, das ist eine Firma, die Autotelefone herstellt. Bis vor Kurzem waren auch noch ein paar Tester da und Leute, die die Produktionslinien abgebaut haben. Aber die sind jetzt auch schon weg.

Der Betrieb, in dem vorher 2300 Menschen gearbeitet haben, ist vor dem Kehraus. Mit welchem Gefühl gehen Sie da noch zur Arbeit?

Das ist so leer. Nur ein paar Männeken stehen da noch rum. Ich musste an Weihnachten denken. Da war alles voll, auch die Leiharbeiter waren noch da. Da konnte man kaum durch die Halle laufen. Jetzt ist alles leer. Das Gefühl kann man kaum beschreiben. Es ist sehr, sehr traurig. Aber man findet sich auch damit ab.

Es ist noch gar nicht lange her, da gab es vor dem Werk in Bochum Protestmärsche, Lichterketten, und vor dem Eingang brannte in einer Tonne das Solidaritätsfeuer. Wie steht es jetzt um den Zusammenhalt der Kollegen?

Es ist ja keiner mehr da. Manche Kollegen kenne ich natürlich schon sehr lange. Hin und wieder treffe ich sie zufällig in der Stadt. Dann reden wir über Nokia. Sie sagen: "Wir haben keine Arbeit. Was sollen wir denn jetzt machen?" Man ist aber vorsichtig. Einige fangen noch immer sofort an zu heulen. Ich heule dann sofort mit. Ich frage, ob sie schon neue Jobs haben. Einige haben auch schon etwas Neues gefunden, andere machen Teilzeit. Aber die meisten warten nun auf die Transfergesellschaft.

Wie genau soll das mit der Transfergesellschaft jetzt funktionieren?

Die Auffanggesellschaft ist nur vorübergehend. Es geht darum, dass ich noch etwas Gehalt bekomme und ein wenig Zeit habe, mich auf andere Jobs zu bewerben.

Sind Sie denn mit der Lösung generell zufrieden?

Ich bin froh, dass es überhaupt noch etwas gibt. Es gab einige Firmen, die sich bereits vorgestellt haben. Sie haben erzählt, was sie mit uns vorhaben. Sie unterstützen uns beim Neuanfang. Es gibt Leute, die helfen uns bei Bewerbungen, zeigen uns, für was der Einzelne überhaupt geeignet ist, und schlagen uns Qualifizierungsmaßnahmen oder Umschulungen vor. Das ist schon positiv.

Haben Sie schon eine Vorstellung, was Sie machen könnten?

Man hat mir gesagt, dass ich sogar noch eine Ausbildung machen könnte. Zuerst habe ich gesagt, dass ich das nicht will, weil es für mich zu spät ist. Aber das stimmt nicht, nichts ist zu spät. Wenn mein Mann, der ja auch bei Nokia gearbeitet hat, etwas finden würde und sich um den Unterhalt und die Kosten für das Haus kümmern könnte, dann könnte ich versuchen, eine Ausbildung zu machen. Ich könnte mir vorstellen, Bürokauffrau zu werden.

Sie haben 18 Jahre bei Nokia gearbeitet. Sie kennen viele der Kollegen, mit manchen sind Sie befreundet.

Natürlich. Jeden Tag haben wir uns gesehen, acht Stunden lang. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns jetzt wiedersehen, vielleicht mal treffen. Die Leute haben Familien, und jeder muss sich erst mal um sich selbst kümmern. Ich habe noch nicht komplett abgeschlossen. Ich habe ja noch die Zugangskarte und kann noch immer hingehen, wenn ich will. Aber wenn ich allein zu Hause bin, ist es schon schlimm. Man denkt nach: 18 Jahre, das ist wie eine Filmvorführung. All diese Leute, die ich jetzt nicht mehr sehe, das ist schon schlimm. Ich kann es einfach nicht fassen.

Bevor Sie endgültig ausscheiden, muss Nokia noch Abfindungen bezahlen. Wie hoch wird die bei Ihnen sein?

Wir haben dazu eine schriftliche Mitteilung bekommen. Aber es ist noch immer unklar, wie viel wir davon versteuern müssen. Das hört sich jetzt vielleicht doof an, aber das Geld ist nicht wichtig für mich. Das Gefühl, dort hinzugehen, sich Geld zu holen, um nicht mehr arbeiten zu dürfen, das ist sehr verletzend.

Sie haben jetzt zumindest eine verbindliche Regelung. Im Februar, als wir uns das erste Mal trafen, gab es noch eine große Unsicherheit. Hat sich die ein wenig gelegt?

Es ist jetzt eher eine große Enttäuschung. Wir hatten bei Nokia immer viel zu tun. Niemand hat mit der Schließung gerechnet. Jetzt ist es eine Angst, die auf mich zukommt. Es geht darum, mit anderen Dingen klarzukommen: einen neuen Job finden, wieder neue Leute kennenlernen, wie geht man damit um, wie ist die Bezahlung, schafft man das alles? Ich muss jetzt erst mal wieder Vertrauen schaffen.

Ihre ganze Familie hat bei Nokia gearbeitet: Ehemann, Bruder, Schwester, früher Ihr Vater. Wie sieht es bei denen aus?

Ich weiß, dass ich im September in die Auffanggesellschaft gehe. Bei meinem Mann sieht das schon anders aus. Er ist bereits seit Anfang Mai arbeitslos. Für seine fünf Jahre hat er 4900 Euro Abfindung bekommen. Eigentlich hätten ihm zwei bzw. drei Monate Kündigungsfrist zugestanden, aber man hat versucht, ihm innerhalb von vier Wochen zu kündigen. Dagegen haben wir Widerspruch eingelegt, die Sache liegt jetzt beim Anwalt. Mein Mann ist sehr frustriert. Er sucht schon einen neuen Job. Er fährt fast jeden Tag zum Arbeitsamt, aber immer fehlt irgendwas, irgendein Formular.

Sie selbst hatten ja auch Ihr Problem mit dem Arbeitsamt.

Ja, ich habe es immer gehasst. Früher war ich öfter mit meinem Vater da und habe für ihn übersetzt. Aber auch da fehlte immer was, und man sagte: "Kommen Sie doch morgen wieder." Schon das Sitzen in diesem kahlen Flur ist schrecklich. Als ich dann kürzlich selbst da hockte, habe ich mich so schlecht gefühlt. Ich hätte heulen können vor Wut. Ein Mitarbeiter hat die Tür zugeknallt, und ich dachte, er tut es wegen mir. Dabei war das natürlich gar nicht so. Die Leute waren sehr nett.

Sie haben erfahren, was Globalisierung für den Einzelnen bedeutet. Hat Sie das geängstigt, oder haben Sie gelernt, dass man sich in Zukunft positiv darauf einstellen muss?

Ich muss einfach erst mal anfangen zu arbeiten. Ich muss gucken, wo man was macht, was man dort verdient. Ich denke schon, dass ich es bei Nokia gut hatte. Aber wenn gar nichts mehr geht, einfach Augen zu, rein und durch. Wenn das wieder passiert, bin ich sicher abgehärtet. Das kann nicht mehr wehtun.

Im Forum von stern.de haben die Leser über Ihr Schicksal diskutiert. Die meisten hatten Verständnis. Einige warfen Ihnen aber auch vor, naiv zu sein. In der Wirtschaft heutzutage, sagten sie, sei das eben so.

Ich kann diese Leute nicht verstehen. Sie sollten mich als Beispiel sehen. Deren Kinder sollten die Schule ordentlich zu Ende bringen, eine Ausbildung machen, Arbeit suchen und sich nicht enttäuschen lassen. Ich habe meine Schule versaut und meine Ausbildung abgebrochen. Ich habe viele Fehler gemacht. Aber naiv bin ich nicht. Die Leute sollen ja kein Mitleid mit mir haben. Mein Leben geht zwar gerade den Bach runter, aber ich komme auch wieder hoch.

Sie haben sich viel erarbeitet. Sie haben ein Haus gekauft und haben eine eigene Art zu leben. Haben Sie das Gefühl, ein neues Leben beginnen zu müssen?

Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass meine Gewohnheiten so bleiben. Wir können es uns ohnehin nicht erlauben, dass ich zu Hause bleibe. Aber bislang sind wir mit zwei Autos zurechtgekommen. Wir haben in unserer Familie in drei Schichten gearbeitet. Ich bin mit meinem Bruder zur Arbeit gefahren, meine Schwester mit meinem Mann. Das war sehr schön, weil wir viel zusammen machen konnten. Wir haben uns gegenseitig unterstützt. Das ist jetzt vorbei. In Zukunft werden wir wohl eher verteilt sein. Mein Bruder guckt auch schon weiter entfernt nach Jobs.

Haben Sie sich in der Familie zu sicher gefühlt?

Ich habe meinen Bruder und meine Schwester überredet, bei Nokia anzufangen. Sie wollte ja gar nicht. Ich sagte: "Mach doch, die zahlen gut." Beide haben eine Ausbildung gemacht, vielleicht hätten sie besser in dieser Richtung etwas machen sollen. Wir haben immer gescherzt. Wenn Nokia zumacht, sind wir alle arbeitslos. Jetzt sind wir alle arbeitslos. Wir machen uns aber gegenseitig keine Vorwürfe.

Wie planen Sie Ihr Leben nach Nokia?

Es ist ja nicht so, dass wir vorher für Nokia gelebt haben. Sondern wir haben bei Nokia gearbeitet, um zu leben. Noch bekommen wir Geld von Nokia. Ich glaube, wenn man erst mal drei Monate bei einem anderen Arbeitgeber ist, dort sein Gehalt bekommt, dass man dann Nokia schnell vergisst. Die Bewerbungsgespräche haben bislang noch nichts gebracht. Bei einer Firma fehlte meinem Bruder die richtige Führerscheinklasse. Von zwei anderen Firmen hat er eine Absage bekommen.

Sie fahren jetzt für vier Wochen zu Ihrer Familie in die Türkei. Haben Sie Angst, in ein Loch zu fallen?

Ich fahre dorthin, um zu entspannen. Die letzten Wochen war es hier viel zu stressig. Deshalb fliegen wir auch alle zusammen. Nach dem Urlaub geht es weiter. Wir müssen Arbeit finden, denn zu Hause gibt es schon Reibereien. Wir sind ganz schön angefressen. Aber im Urlaub werden wir sicher nicht über Nokia reden und kein Gerät von Nokia anfassen.

Kurz vor unserem ersten Besuch im Februar hatten Sie sich gerade ein neues Nokia-Handy gekauft. Darüber hatten Sie sich sehr geärgert. Wie geht es dem Gerät?

Kürzlich ist es ins Wasser gefallen. Jetzt können die Leute mich hören, aber ich die Leute nicht mehr.

Themen in diesem Artikel