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Streik: Aufruhr bei Infineon

Während die um ihre Arbeitsplätze bangenden Mitarbeiter des Infineon-Werks im Münchener Stadtteil Perlach streiken, nimmt die Staatsanwaltschaft Ex-Infineon-Chef Schumacher ins Visier.

Vor den Werkstoren versammelten sich am frühen Morgen mehrere Hundert Arbeiter, die ihrem Unmut über die bevorstehende Schließung des Werkes mit Rufen "Wir bleiben hier, dafür kämpfen wir", Pfeifkonzerten und Trommelschlägen Luft machten. "Ich bin seit 20 Jahren bei der Firma. Es geht hier um meine ganze Existenz", sagte eine Infineon-Mitarbeiterin.

Verhandlungen mit dem kleinen Erfurter Halbleiterhersteller X-Fab über einen Verkauf als Alternative zur Schließung waren gescheitert. Infineon hielt an seinem Beschluss, das Werk zu schließen, fest. Die Produktion soll nach Regensburg und Villach verlagert werden. Nach Angaben der IG Metall kostet Europas größten Chiphersteller die Schließung des Werks 100 Millionen Euro. In Perlach werden vor allem elektronische Bauteile für Spezialtechnologien produziert. Den größten Anteil daran haben Chips im Hochfrequenzbereich wie sie in Mobiltelefonen zum Einsatz kommen. Allerdings werden die Funktionen dieser Halbleiter immer häufiger in andere Chips integriert, so dass sich die Auslastung des Werks nach Angaben von Infineon immer mehr verringert hat.

Die Produktion steht komplett still

Unterstützt wurden die rund 400 streikenden Infineon-Mitarbeiter von einigen Hundert Beschäftigten anderer Münchener Betriebe wie MAN, BMW, Siemens oder der Volkswagen-Tochter Audi aus Ingolstadt. Infineon will das 20 Jahre alte Werk bis Anfang 2007 schließen, da sich die Modernisierung nicht lohne. Damit verlieren die meisten der 800 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz.

Zuvor waren Verhandlungen über eine Verschiebung des Zeitpunkts der Schließung und einen Sozialvertrag gescheitert. Bei einer Urabstimmung hatten die in der IG Metall organisierten Beschäftigten in der vergangenen Woche zu 92,6 Prozent für den Arbeitskampf gestimmt. Dieser wurde kurzfristig um einige Stunden vorverlegt, da die IG Metall verhindern wollte, dass Infineon zur Aufrechterhaltung der Produktion Ersatzarbeiter vor Beginn des Streiks in das Werk bringen konnte. Dies sei gelungen, sagte Michael Leppek von der IG Metall. Die Produktion stehe nun komplett. "Wir hoffen, sehr bald Signale von Infineon zu bekommen und sind frohen Mutes, die Verhandlungen wieder aufnehmen zu können", zeigte sich Leppek optimistisch.

Die IG Metall hatte eine Qualifizierungsgesellschaft über fünf Jahre, eine Abfindung von drei Monatsgehältern je Beschäftigungsjahr und Ausgleichszahlungen für ältere Beschäftigte gefordert. Das Management sei den Arbeitnehmern aber nur marginal entgegen gekommen. "Das war unzumutbar", bekräftigte die IG Metall heute. Mit dem Streik soll nun der Sozialvertrag für die Mitarbeiter durchgesetzt werden.

Tiefer Fall des einstigen Starmanagers Ulrich Schumacher

Während vor den Toren in München gestreikt wird, ermittelt die Staatsanwaltschaft München in der Infineion-Korruptionsaffäre jetzt auch gegen den einstigen Starmanager Ulrich Schumacher. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte am Wochenende einen entsprechenden Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus". Nähere Details nannte er allerdings nicht. Das Nachrichtenmagazin zitierte Oberstaatsanwalt Anton Winkler mit den Worten, Schumacher werde im Zusammenhang mit dem Verfahren als Beschuldigter geführt. Der Ex-Konzernchef wies die Vorwürfe jedoch zurück. Und Infineon wollte sich dazu nicht äußern.

Schumacher wird laut "Focus" verdächtigt, beim Kauf privater Sportwagen Vorteile angenommen zu haben. Demnach soll der Schweizer Sportmarketing-Unternehmer Ralf-Udo Schneider in Schumachers Auftrag Oldtimer und andere Liebhaberautos gekauft und sie unter Wert an ihn weitergeleitet haben. Dies sei als Dank für das Entgegenkommen Schumachers als Konzernchef bei der Vergabe von Infineon-Aufträgen geschehen.

Die Münchner Ermittlungsbehörde konnte sich zu diesen Einzelheiten nicht äußern. Ihr Sprecher Christian Schmidt-Sommerfeld bestätigte lediglich, dass die Ermittlungen auf Aussagen eines Zeugen beruhten. Laut "Süddeutscher Zeitung" soll es sich dabei um das frühere Vorstandsmitglied Andreas von Zitzewitz handeln. Schumacher sagte laut "Focus", er habe nie nur einen einzigen Cent angenommen. Wie die Süddeutsche Zeitung ohne Angabe einer genauen Quelle weiter berichtet, hat der Chiphersteller die Zahlung des noch ausstehenden Teils der millionenschweren Abfindung an Schuhmacher zunächst gestoppt. Dabei gehe es um einen "namhaften siebenstelligen Euro-Betrag". Einen Unternehmenssprecher zitierte das Blatt mit den Worten: "Wir untersuchen, ob dem Konzern ein Schaden entstanden ist und werden gegebenenfalls Ansprüche geltend machen."

Schmiergeldzahlungen im Bereich des Motorsport-Sponsorings

Im Juli 2005 war bekannt geworden, dass Infineon-Führungskräfte hohe Beträge von Schneider für Sponsorenaufträge des Konzerns genommen haben sollen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Beschuldigten "wegen des Verdachts von Schmiergeldzahlungen im Bereich des Motorsport-Sponsorings". Infineon-Vorstandsmitglied von Zitzewitz war deswegen von seinem Posten zurückgetreten. Er soll 259.000 Euro von dem Schweizer Unternehmer erhalten haben. Schneider, der jahrelang Rennsport-Events für Infineon organisierte, wurde im August verhaftet. Er bestreitet die Vorwürfe allerdings.

Der promovierte Ingenieur Schumacher hatte bei Siemens den Bereich Halbleiter geleitet und war 1998 - mit erst 39 Jahren - auch in den Konzern-Vorstand der Siemens AG aufgestiegen. Am 1. April 1999 hatte er den Spitzenposten bei der aus dem Siemens-Konzern neu gegründeten Halbleiter-Firma übernommen und mit dem Unternehmen Höhenflüge und Abstürze erlebt. Im März 2000 wurde Schumacher für den erfolgreich Börsenstart von Infineon gefeiert: Das Papier war 33-fach überzeichnet und der Kurs verdoppelte sich am ersten Handelstag. Doch bald schon geriet das Unternehmen in die roten Zahlen und macht mit Milliardenverlusten von sich reden. Nachdem ihm andere Vorstandsmitgliedern das Vertrauen aufgekündigt hatten, nahm Schumacher im Frühjahr 2004 schließlich seinen Hut.

Zahlungen an Schumacher auf Eis gelegt

Inzwischen hat der Chipkonzern Infineon wegen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen die Abfindungs-Zahlungen an Schumacher auf Eis gelegt. Das Unternehmen prüfe zudem mögliche Schadenersatzansprüche, sagte ein Infineon-Sprecher heute in München.

AP/Reuters/DPA / AP / DPA / Reuters