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Schnauze, Wessi!: Sachsenwahl - Hauptsache, der Westen erschrickt

Die Sachsen sind die Gärtner blühender Landschaften, heißt es. Wahr ist: Im Land blühten vor allem Sklavenhandel und Westbeamtentum. Aus Rache wählen die Bürger nun NPD, AfD oder CDU. Ein Menetekel.

Von Holger Witzel

Sauber machen für den großen Auftritt: Deko im sächsischen Landtag in Dresden

Sauber machen für den großen Auftritt: Deko im sächsischen Landtag in Dresden

Wenn westdeutsche Journalisten mal zeigen wollen, dass auch heute nicht alles schlecht ist im Osten, fahren sie gern nach Radebeul. In der Kleinstadt am westlichen Rand von Dresden stehen Villen, gegen die Hamburger Elbvororte wie Plattenbau-Viertel wirken. Dort kann man den Aufschwung sogar fotografieren, weil eine Blondine Ferraris verkauft. Und in den gediegenen Weinstuben von Altkötschenbroda lobt man abends in allen möglichen Dialekten den Fleiß der Einheimischen.

Ein paar davon, so betonen Villenbesitzer und Weintrinker gern, würden sogar selbst noch hier wohnen oder sich auch mal einen Ferrari - nun ja - ansehen. Und damit sich der westdeutsche Soli-Zahler eine Vorstellung vom "sächsischen Nizza“ ("Spiegel") machen kann, zählen die Reporter im "Bessergestelltenbiotop des Ostens“ ("Focus") regelmäßig die Millionäre. Auf 250 kam die "Welt“ zuletzt, laut "Spiegel" "Tendenz steigend“. Nur weiß niemand, woher die stammen - auch die Zahlen.

Bei Will auf dem Betroffenen-Sofa

Die neureichen Sachsen müssen sehr scheu sein, denn man begegnet ihnen nicht mal in den Berichten über sie. Möglicherweise arbeiten sie Tag und Nacht oder die Journalisten lassen sich in Radebeul - wenn nicht voneinander - vom Geist Karl Mays inspirieren, der hier auch schon an zahlreichen Legenden gebastelt hat. In Wahrheit sind das sächsische Nizza, Musterschüler-Neuland, "Schwaben des Ostens“ - alles Mythen.

Echte Sachsen sitzen höchstens mal bei Anne Will auf dem Betroffenen-Sofa, wenn es um Billiglohn und Armut geht. Eine studierte Bauingenieurin aus Bautzen etwa, die für acht Euro netto täglich 130 Kilometer in ein Call-Center nach Görlitz fährt. Mehr Hohn als Lohn - genau wie die fast vorwurfsvolle Frage der Moderatorin: "Warum tun sie sich das an?“

Tja, warum? Warum ist die Zahl der Niedriglöhner doppelt so hoch wie im Westen? Warum muss ich mich von Hamburger Kollegen für mein Gehalt auslachen lassen? Warum warnt der sächsische Wirtschaftsminister Sven Morlok, dass Mindestlöhne den Osten "deindustrialisieren“ würden? Welche Industrie meint der FDP-Mann? Ein paar 100-Mann Buden, die zur Hälfte Leiharbeiter anheuern und wieder feuern?

Glückliche Ehen und häufige Selbstmorde

Davon abgesehen, dass Morlok Schwabe ist, klang das immerhin mal nach einem klaren Bekenntnis zum Billiglohnland. Wie Kara Ben Nemsi oder der alte Shatterhand waren es zuvor immer die gleichen Helden, die dort manchen Schatten überstrahlten oder nur blendeten. Sie hießen Infineon oder Quelle, BMW oder Old Biedenkopf. Dann zog 2004 die NPD in der Landtag und Politikwissenschaftler sprachen von einer schweren Störung der politischen Balance, einem "Menetekel“ womöglich für das ganze Land. Die alte Gleichung - starke Wirtschaft = stabile Demokratie - ging in Sachsen scheinbar nicht mehr auf. Es war ein Land der Widersprüche geworden– zumindest für West-Maßstäbe:

Knapp hinter Bayern haben die Sachsen die niedrigsten Schulden, aber auch die niedrigsten Löhne. Sie haben das erfolgreichste Schulsystem, aber akuten Lehrermangel. Sachsen gibt von allen Bundesländern das meiste Geld für Kultur aus - trotzdem produzieren Westdeutsche im MDR eine Art DDR-Fernsehen. Im Zukunftsatlanten, Perspektiv- und Zufriedenheits-Rankings führen Leipzig und Dresden nicht selten vor Düsseldorf, Wiesbaden oder Hamburg. Tatsächlich aber kommen die Städte noch nicht mal auf 40 Prozent der Einkommenssteuer im Vergleich mit Beton gewordenen Zumutungen wie Dortmund oder Duisburg. Sachsen haben laut Umfragen zwar den besten Sex und führen die glücklichsten Ehen in Deutschland - aber auch seit Jahrhunderten mit Abstand die Selbstmordstatistik an. Hier wurde die SPD gergündet und rutschte bei Landtagswahlen erstmals unter zehn Prozent. Von hier ging die friedliche Revolution aus, aber 47 Prozent der Sachsen meinen, dass es in der DDR "alles in allem“ gerechter zugegangen wäre.

Die Schamlosigkeit der Ausbeuter

Was auf den ersten Blick paradox oder wie ewiges Ossi-Genörgel wirkt, sind die Nebenwirkungen eines nicht mal geheimen Menschenversuchs: Sachsen steht wirtschaftlich scheinbar gut da, weil es seit knapp 25 Jahren ein Labor für Ausbeuter und deren politische Helfer ist. Schon Anfang der 1990er Jahre, als an Hartz IV und Ein-Euro-Jobs noch nicht zu denken war, probierte hier die CDU mit ausgewählten Unternehmen und sogenannten "Trans-Fair-Einkommen" aus, ob Langzeitarbeitslose bereit wären, für Löhne zu arbeiten, der sich an Sozialhilfe orientierten - also etwa an heute üblichen Osttarifen. Die SPD-regierte Stadt Leipzig experimentierte bereits 1993 mit Zwangsarbeits-Modellen für Sozialhilfeempfänger. Die Politik schuf Bedingungen, zu denen im Westen niemand arbeiten würde. "Arbeit um jeden Preis“ war der Schlachtruf. Allein das Schlachtvieh hatte keine Wahl.

Seitdem wird Armut nirgendwo in Deutschland dermaßen schamlos ausgebeutet. Die sogenannten industriellen Leuchttürme ließen sich nicht nur Millionen Fördermitteln zahlen, um ins Land zu kommen. Sie zwangen Angestellte, ihren Lohn mit Hartz IV aufzustocken. Sie reizten Leiharbeit maßlos aus. Und die offizielle Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Freistaats vermarktet die Billig-Sklaven auf ihrer Homepage immer noch ganz offen als Standortvorteil mit "flexiblen Tarifmodellen" und "einem moderaten Lohnniveau (28,5 % unter dt. Durchschnitt)".

Diese Hungerlöhne verhinderten - trotz bundesweiter Spitzenwerte bei Wirtschaftswachstum und Investitionen - echte Arbeitsplätze. Und es ist natürlich kein Wunder, dass der Mindestlohn nirgends so gefürchtet ist wie hier - zumindest bei denen, die sich auf Kosten ihrer Angestellten eine Art Sonderwirtschaftszone eingerichtet hatten. Meist keine Sachsen.

Hauptsache der Westen erschrickt

Aber warum lassen die sich das gefallen? Haben es die an sich friedliebenden Sachsen seit 1989 nicht sogar als Hooligans zu einigem Ruhm gebracht? Wieso gibt es keinen Aufruhr oder wenigstens mal ein ordentlichen Bummelstreik? Vermutlich, weil Politik und Wirtschaft in Sachsen traditionell ein entkoppeltes Eigenleben führen.

Egal ob von Preußen oder westdeutschen Leihbeamten regiert: Immer tüftelte man hier lieber, schnitzte Nussknacker und genoss die Herbstsonne im Schrebergarten. Sachsen war schon Europas führende Industrieregion, als es in Bayern nur Kühe und im Rheinland etwas Kohle gab. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde hier der größte Teil des deutschen Bruttosozialproduktes erwirtschaftet; die Pro-Kopf-Einkommen lagen 17 Prozent über Reichsdurchschnitt. Und natürlich stehen auch die meisten Villen nicht erst seit 1990 in Radebeul. Sie gehören heute nur anderen.

Morlocks Heimkehr

Politisch standen die Sachsen meist auf der falschen Seite - ob bis zuletzt unter Napoleon oder in der DDR. Wer bis 1989 zu 99 Prozent die Kandidaten der Nationalen Front wählte, ist eben heute auch noch mit einer Muster-Blockflöte wie Stanislaw Tillich zufrieden. Ab und zu aber bekommen sie einen Wutanfall. Dann demonstrieren sie an ein paar Montagen ein Regime zu Grunde oder schocken den Rest des Landes mit mehr als neun Prozent für die NPD. Wenn sie sehen, was sie angerichtet haben, bereuen sie das auch schnell wieder und wünschen sich die DDR oder die höfischen Verhältnisse der 90er Jahre unter Kurt Biedenkopf zurück. Im Zweifel probieren sie es das nächste Mal mit einer Partei, die sich "Alternative für Deutschland" nennt. Warum nicht mal was Neues - Hauptsache: Der Westen erschrickt! Immerhin - wenn auch wahrscheinlich nur noch bis Sonntag - war in diesem ewig gestrigen Freistaat sogar noch die FDP an einer Regierung beteiligt!

Es waren zwar nur zwei Minister, natürlich beide aus dem Westen. Aber wenn Leiharbeiter wie dieser Morlok endlich heimkehren, kann sich auch Baden-Württemberg schon mal auf Niedriglöhne einstellen. Sachsen war – wie gesagt – nur ein Test. Der Westen wird auch noch heulen.

P.S:. Über die Wahlmentalität der Sachsen und ihre seltsame Neugierde auf die AfD schreibt der Autor auch im aktuellen Heft des stern.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.