HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

Miet-Stopp für Ladengeschäfte: Tim Mälzer über Fall Adidas: "Das ist für mich ein Unding, was da gerade passiert"

Adidas hatte angekündigt, wegen der Corona-Krise keine Mieten mehr für seine geschlossenen Ladengeschäfte zahlen zu wollen. Diese Einstellung kritisierte Gastronom Tim Mälzer im Gespräch mit Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher. Beide sind sich einig, dass dies das "falsche Signal" sei.

Adidas hatte einen Stopp von Mietzahlungen angekündigt - und brachte damit viele gegen sich auf, darunter Gastronom Tim Mälzer.

Das Coronavirus ist für das menschliche Auge unsichtbar, die Folgen für die Wirtschaft sind jedoch offensichtlich: Die Aktienkurse stürzten so heftig ab wie noch nie, Regierungen auf der ganzen Welt spannen gigantische Rettungsschirme, um Unternehmen vor der Zahlungsunfähigkeit zu retten. Denn die Einkaufsstraßen rund um den Globus sind leer, die Geschäfte verwaist.

Keine Ladenöffnung - keine Mietzahlung. Mit diesem Grundsatz preschte am vergangenen Donnerstag der Sportartikelhersteller Adidas voran. Die Firmenleitung in Herzogenaurach entschied, ab April zeitweise keine Miete mehr für seine wegen der Corona-Krise geschlossenen Geschäfte zu zahlen. Diese Mietzahlungen sind nicht gestrichen, sondern müssen später verzinst nachgezahlt werden. Allerdings bringt der Konzern durch den Zahlungsverzug womöglich die Vermieter in die Bredouille.

"Es ist richtig, dass Adidas, wie viele andere Unternehmen auch, vorsorglich Mietzahlungen temporär aussetzt, wo unsere Läden geschlossen sind. Wir sind dazu mit den betreffenden Vermietern in engem Austausch", erklärte eine Firmensprecherin am Freitag und bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung.

Tim Mälzer kritisiert Adidas

Ausgerechnet Adidas. Ein Konzern, der weltweit aktiv ist, über milliardenschwere Rücklagen verfügt (Gewinn 2019: rund zwei Milliarden Euro) und mit Nachhaltigkeit, Fairness und Integrität wirbt. Dementsprechend ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: "Wenn der Konzern keine Miete mehr zahlt, kaufe ich auch keine Produkte mehr von Adidas", schreibt ein Nutzer auf Facebook. "Im Ausland produzieren und hier die Vermieter prellen" ein anderer.

Am Samstag äußerte sich dazu auch Tim Mälzer. In einer Sonderfolge seines Podcasts "Fiete Gastro" sprach er mit dem Ersten Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (lesen Sie hier ein Porträt über den SPD-Politiker) über die Maßnahmen der Regierung in der Corona-Krise. Dabei kamen beide auch auf den Fall Adidas zu sprechen. Mälzer hat eine klare Position: "F*** Adidas. Ich kauf keine Adidas-Schuhe mehr, wenn sich das wirklich bewahrheiten sollte, dass sie die Miete nicht mehr zahlen. Das ist für mich ein Unding, was da gerade passiert."

Mälzer ist als Gastronom und Unternehmer selbst von der Corona-Krise betroffen. Für ihn steht angesichts der drastischen Maßnahmen, mit denen die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden soll, ebenfalls viel auf dem Spiel. Doch statt nur zu meckern, wie es einige Unternehmer bevorzugen, lässt er sich von Tschentscher interessiert über die Hintergründe der Entscheidungen aufklären. Seiner Meinung nach sei das verabschiedete Schutzpaket im Grundsatz eine gute Sache, die entwickelt wurde, um in wirtschaftliche Not geratenen Menschen zu helfen. Doch wie überall gebe es auch diesbezüglich schwarze Schafe. "Viele gute Sachen haben oftmals auch die Möglichkeit zum Missbrauch", so Mälzer.

Tschentscher: "Wir wollen, dass das Geld bei denen ankommt, die es brauchen"

Peter Tschentscher drückt sich im "Fiete Gastro"-Podcast zurückhaltender, in der Sache aber ebenso klar aus: "Adidas soll enorme Gewinne gemacht haben in den letzten Jahren. Genau das ist der Punkt: Man soll die Hilfen bekommen, aber eben auch nur dann, wenn man sie benötigt", erklärt der Erste Bürgermeister Hamburgs. "Wir wollen, dass das Geld bei denen ankommt, die es auch brauchen. Und nicht bei denjenigen, die sagen, ich nehme das mal zusätzlich, auch wenn ich jetzt gar nicht so richtig in Schwierigkeiten bin."

Mälzer scheint vor allem die Haltung zu stören, die hinter der Entscheidung des Sportartikel-Riesen steckt: "Wenn ein großes Unternehmen deutscher Herkunft in der Krise der Nation seit dem Zweiten Weltkrieg zuerst an sein eigenes Unternehmensergebnis denkt, ist das eine besch**** Vorbildfunktion", erklärt Mälzer. "Es ist das falsche Signal." "Ja, das finde ich auch", stimmt Tschentscher zu. Er räumt jedoch ein, den Fall bislang nur aus der Zeitung zu kennen. "Manchmal gibt es Sondersituationen, da sieht es plötzlich ganz anders aus, wenn man das hinterfragt."

Deichmann und H&M verkünden ebenfalls Mieten-Stopp

Adidas ist nicht das einzige Unternehmen, das angekündigt hat, in der Corona-Krise keine Mieten mehr zahlen zu wollen. Die Modekette H&M und Deichmann - der größte Schuhhändler Europas - hatten am Freitag ebenfalls entsprechende Schritte ab April verkündet, ebenso die Textil-Discounter Kik und Takko sowie das Bekleidungsunternehmen C&A. Deichmann sprach in seiner Erklärung von einer "präventiven Maßnahme, um die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten".

Dass dieses Vorgehen nun größere Kreise zieht, kritisiert auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht: "Wenn jetzt finanzstarke Unternehmen einfach ihre Mieten nicht mehr zahlen, ist dies unanständig und nicht akzeptabel", so die SPD-Politikerin. "Mieter müssen selbstverständlich ihre Miete zahlen. Falls sie tatsächlich infolge der Krise in ernsthafte Zahlungsschwierigkeiten geraten, kann ihnen lediglich für einen begrenzten Zeitraum nicht gekündigt werden."

Den ganzen Podcast können Sie hier in voller Länge hören

Über die aktuelle Situation und das Projekt "Kochen für Helden" spricht Tim Mälzer morgen auch im Podcast "Wir und Corona", der gemeinsam von RTL und dem stern herausgegeben wird. Die aktuellen Folgen finden Sie direkt auf stern.de oder bei Audio NowSpotifyiTunes und weiteren Podcast-Anbietern.

Wissenscommunity