Trichet-Nachfolge Juncker will deutschen EZB-Chef verhindern


Scharfe Kritik aus Luxemburg an Berlins EZB-Ambitionen. Premier Juncker will einem deutschen Kandidaten für die Nachfolge von Zentralbankchef Trichet die Unterstützung verweigern. Juncker wetterte: "Die Berliner täuschen sich oft, wenn es um zukunftsträchtige europäische Perspektive geht".

Um die Nachfolge von Europas oberstem Währungshüter Jean-Claude Trichet ist in der EU ein Streit entbrannt. Der deutsche Anwärter, Bundesbankpräsident Axel Weber, stößt auf heftigen Widerstand bei EU-Partnern. "Ich werde nicht dafür plädieren, dass Deutschland den Posten des EZB-Präsidenten stellen wird", kündigte der Eurogruppen-Vorsitzende, Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker, am Dienstag im Deutschlandfunk an.

Juncker wirft der Bundesregierung vor, sie werte die Nominierung des Portugiesen Vítor Constâncio zum Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) als Vorentscheidung für die Neubesetzung des Präsidentenpostens. Das sei eine zu kurzsichtige Art, Politik zu machen, kritisierte der Premier. "Die Berliner machen sich die Welt einfach."

"Wenn man in Berlin und Frankfurt denkt, man hat jetzt die Voraussetzung geschaffen, dass ein Deutscher Präsident der Europäischen Zentralbank wird, ist diese Vorstellung nicht zielorientiert", erklärte Juncker. Deutschland werde für seinen Kandidaten kämpfen müssen. "Die Berliner täuschen sich oft, wenn es um zukunftsträchtige europäische Perspektive geht."

Auch Italiener Mario Draghi im Rennen

Österreichs Vizekanzler und Finanzminister Josef Pröll mahnte in Brüssel: "Es ist überhaupt nicht die Zeit gekommen, über den EZB-Chef jetzt die Debatte zu führen." Die Minister des Eurogebiets wollten im kommenden Jahr darüber entscheiden. Der Beschluss müsse dann "zeitgerecht, logisch und richtig" für das gemeinsame Währungsgebiet sein. Zu Weber nahm Pröll keine Stellung.

Trichets Amtszeit endet im Oktober 2011. EU-Diplomaten berichten in Brüssel, das Rennen um seinen Posten sei noch lange nicht gelaufen. Als möglicher Nachfolger des EZB-Chefs gilt neben Weber der Italiener Mario Draghi. In der EU-Metropole hält man es aber auch für möglich, dass noch ein Dritter ins Rennen geschickt wird.

Bundesregierung unterstützt Weber

Deutsche Medien spekulieren, mit der Nominierung des Südeuropäers Constâncio für den Posten des Vizechefs stiegen Webers Chancen. Argumentiert wird mit einem geografischen Proporz an der Spitze der Bank, der allerdings beim Start der EZB mit dem niederländischen Präsidenten Wim Duisenberg und dem französischen Vize Christian Noyer auch nicht galt.

Das "Handelsblatt" berichtete, mit der Entscheidung für den Portugiesen seien "die Bemühungen der Bundesregierung einen entscheidenden Schritt vorangekommen", erstmals einen Deutschen an die Spitze der EZB zu bringen. Die Bundesregierung unterstützt Weber, hält eine öffentliche Debatte über die Personalie aber für verfrüht.

Die Euro-Finanzchefs hatten sich am Montagabend für Constâncio entschieden und damit gegen den Belgier Peter Praet und den Luxemburger Yves Mersch. Die Entscheidung für den 66 Jahre alten Chef der Notenbank in Lissabon sollte an diesem Dienstag vom EU-Finanzministerrat bestätigt werden. Das galt als Formsache. Amtsinhaber Lucas Papademos scheidet nach acht Jahren Ende Mai aus.

DPA DPA

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