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Türkische Unternehmer: Gründerboom trotz Bildungsnot

Sie setzen jährlich 30 Milliarden Euro um und beschäftigen mehr als 300.000 Angestellte: Türkischstämmige Unternehmer werden zunehmend ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Dabei wurde so manche Firma aus der Not heraus geboren.

Er ist wohl der bekannteste - als Chef von mehr als 3000 Mitarbeitern und eines Unternehmen mit 623 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Er sitzt für die SPD im Europaparlament und bekam 2001 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Aus einem Reisebüro hat Vural Öger, 64, in weniger als 30 Jahren den sechstgrößten Reiseveranstalter Europas geformt. Wer nach einem Vorzeige-Einwanderer aus der Türkei sucht, kommt an dem Hamburger nicht vorbei.

Auch nicht an Kemal Sahin. Der 51-Jährige Ingenieur mag zwar nicht so schillernd sein wie Vural Öger, doch seine Firma Santex Moden ist um einiges größer als der Reiseveranstalter: Santex beschäftigt rund 12.000 Mitarbeiter und ist damit der größte türkische Arbeitgeber im Ausland. Unmsatz: mehr als eine Milliarde Umsatz im Jahr. Sahin ist zudem Präsident der deutsch-türkischen Handelskammer.

Natürlich sind Sahin und Exoten - so oder so. Denn Unternehmerkarrieren wie ihre sind selten, auch wenn ihre Eltern keine Einwanderer gewesen wären. Gerade deshalb sind Sahin und Öger die dringend benötigten Vorbilder für alle türkischstämmigen Unternehmer in ganz Deutschland.

Und es sind nicht wenige, die sich in den vergangenen Jahren selbstständig gemacht haben. In der zweiten und dritten Einwanderergeneration ist sogar ein wahrer Gründerboom ausgebrochen. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre hat sich ihre Zahl auf 64.000 fast verdreifacht. Das Zentrum für Türkeistudien der Uni Duisburg-Essen hat in einer bislang unveröffentlichten Studie, die stern und stern.de vorliegt, berechnet, dass jede Firma im Schnitt fünf Angestellte beschäftigt, im ganzen Land sind es rund 320.000 und sie alle zusammen erwirtschaften einen Jahresumsatz in Höhe von 30 Milliarden Euro.

Dabei bewegen sich die Türkischstämmigen längst nicht mehr im klassischen Dreieck: Dönerbude, Änderungsschneiderei und Handyshop. Mittlerweile arbeiten sie in allen Branchen, wobei das Gros ihre Brötchen im Handel und in der Gastronomie verdient. Kemal Sahin, Präsident der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer und Chef von Santex Moden, und selbst weltweit tätiger kommentiert den Umstand lapidar mit den Worten: "Wir können gut bedienen, die Deutschen sind im Dienstleistungsbereich dagegen etwas rückständig."

Für den Gründerboom gibt es mehrere Gründe, paradoxerweise sind die oft immer noch schlechteren Schulabschlüsse einer davon. 20 Prozent aller ausländischen Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss, bei den deutschen sind es acht Prozent. Und gerade einmal elf Prozent der ausländischen Kinder machen Abitur beziehungsweise Fachhochschulreife. Die Folge: Überdurchschnittlich viele Ausländer und Türkischstämmige bekommen mangels Schulbildung keinen Ausbildungsplatz und damit auch keinen Job. Wenig überraschend ist in der türkischstämmigen Bevölkerung Arbeitslosigkeit weit verbreitet, rund 30 Prozent haben keinen Job. Sich selbstständig machen, ist für viele daher die einzige Lösung.

Einen anderen Grund für die Unternehmungsfreude junger Türken sieht Verbandschef Kemal Sahin in den engeren Familienstrukturen. Hinter den Betriebsgründern stehe meist eine Familie, sagt er, und "daher können sie ein größeres Risiko eingehen, weil sie wissen, wenn etwas schief geht, ist die Familie da. Diese Solidarität in der Familie hilft ihnen auf dem Weg in die Selbstständigkeit", so Sahin.

Viele Unternehmen in türkischstämmiger Hand setzt sich mittlerweile auch finanziell für ihre "Landsleute" ein und versucht so, die Integration zu verbessern. So hat der Verband türkischer Unternehmer neulich zu mehr Engagement für Integration aufgerufen. "Türken in Deutschland müssen die deutsche Sprache lernen, sich in die deutsche Gesellschaft integrieren und die demokratischen Regeln akzeptieren", sagt der Generalsekretär des Verbandes, Haluk Tükel. Zudem haben türkische Firmeninhaber aus Nordrhein-Westfalen Schulen fördern, die gute Arbeit mit Migranteneltern und -kindern machen. Tükel: "Türkische Unternehmer sind zu Spenden bereit. Viele, die hier etwas erreicht haben, sagen, wir wollen auch etwas zurückgeben."

Niels Kruse