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TV-Jubiläum Wie kann man 100 Folgen "Die Höhle der Löwen" zusammenfassen? Wir haben es versucht

Workout für die Löwen: Die Fitnesshantel YAB im "Höhle der Löwen"-Praxistest 
Phänomen "Die Höhle der Löwen": Die Gründershow läuft zum 100. Mal im deutschen Fernsehen
© Bernd-Michael Maurer / TV Now
Deutschlands beliebteste Gründershow wird 100 Folgen alt – und Sie haben noch nie eine Episode gesehen? Macht nichts. Lesen Sie diesen Text und Sie können endlich mitreden.

Man kann "Die Höhle der Löwen" toll finden, man kann sie blöd finden. Man kann sie auch ignorieren. Aber fest steht: Die Show, in der Gründer vor prominenten Investoren um Geld für ihre Ideen werben, ist schon jetzt ein Stück TV-Geschichte. Seit sieben Jahren und zehn Staffeln verfolgt ein Millionenpublikum, welche interessanten, nützlichen, absurden oder auch völlig belanglosen Produkte und Geschäftsmodelle diesmal geboten werden. Und ob es zum großen, emotional inszenierten, Deal kommt oder ob der Traum vom Investorengeld platzt, natürlich ebenfalls von dramatischer Musik begleitet.

An diesem Montag strahlt Löwensender Vox die 100. Folge der Gründershow aus. Mehr als 500 Start-ups haben sich bisher in der Höhle mit höchst unterschiedlichem Erfolg präsentiert. Einige Gründer wurden später Millionäre, andere gingen pleite oder schafften es noch nicht mal bis zur Anmeldung einer Firma. Der jüngste Gründer in der Show war gerade mal 17, der älteste 83 Jahre alt. Einige Start-ups traten mit Starpower an – man erinnere sich an die Auftritte von Handball-Weltmeister Johannes Bitter, Schwimm-Weltrekordler Markus Deibler oder TV-Promi Giulia Siegel. Andere brachten echte Tiere – Mücken, Ratten, Katzen, Hunde, Pferde, sogar eine Kuh – mit ins TV-Studio.

Nicht nur über die Gründer, auch über die Qualität der Sendung selbst gab es über die Jahre geteilte Ansichten: 2015 wurde "Die Höhle der Löwen" für den Grimme-Preis nominiert, 2016 gewann sie den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Bestes Factual Entertainment". Die Verbraucherzentrale NRW hingegen kritisierte sie 2018 als Werbesendung für teils überteuerte Produkte von fragwürdiger Qualität. 

Wie alles begann

Selbst Fans der ersten Stunde müssen wohl tief in ihrem Gedächtnis kramen, um sich zu erinnern, wie alles begann. Am 19. August 2014 sendete Vox die allererste Folge "Die Höhle der Löwen", eine deutsche Version des britischen Erfolgsformats "Dragon's Den" ("Drachenhöhle"). In der Premierenfolge ging es unter anderem um Pkw-Krallen, Chilisaucen, Naturkosmetik aus Kuhmilch und eine beheizbare Anti-Milben-Matratze – also den gleichen Themen-Mix aus lecker, praktisch und totaler Quatsch, den es auch heute noch zu bewundern gibt.

Von der Erst-Besetzung der Löwenstühle, die "ihr eigenes Geld investieren", wie stets im Vorspann betont wurde, ist jedoch nicht viel geblieben. Einzig Beauty-Expertin Judith Williams ist von den Ur-Löwen noch dabei. Die weiteren Investoren, die sich zum Start auf das TV-Experiment einließen, waren Tech-Guru Frank Thelen, Event-Unternehmer Jochen Schweizer, Reise-Urgestein Vural Öger und Unternehmerin Lencke Wischhusen. Wischhusen hörte nach zwei Staffeln auf, um sich ihrer politischen Karriere bei der FDP zu widmen. Auch Öger, der wenig später Privatinsolvenz anmeldete, stieg nach zwei Staffeln aus. Für Gutscheinverkäufer Schweizer war nach drei Staffeln Schluss, Thelen hielt bis Staffel 7 durch

Deal oder Doch-kein-Deal?

Staunend lernen auch unternehmerisch völlig unbeleckte Zuschauer seit dem Start der Löwensendung das kleine 1x1 der Startup-Welt. Sie erfahren, was einen guten Pitch ausmacht, welche Zahlen für einen Business-Plan wichtig sind oder was ein Wandeldarlehen sein soll. Nach ein paar Folgen Löwendröhnung gehen auch gewöhnlichen Angestellten ohne jede Gründungsambitionen Vokabeln wie Cash Flow, Working Capital oder Break Even runter wie nix. Das Verdienst der Show ist, dass sie den Zuschauern nicht nur Produkte, sondern auch die Welt der Gründer näher bringt – vom bodenständigen Tüftler bis zum Blender mit Welteroberungsfantasien.

Kritik an der Sendung kam erstmals auf, als die Öffentlichkeit feststellte, dass viele der vor den TV-Kameras geschlossenen Deals im Nachgang doch nicht zustande kommen. Schließlich gewinnen die Gründer nicht einfach eine Geldsumme wie bei einer Spieleshow, sondern die Investoren kaufen sich in ihr Unternehmen ein. Due Diligence lautet das nächste Expertenwort in dem Zusammenhang: So bezeichnet man die ausführliche rechtliche und zahlentechnische Prüfung eines Unternehmens, bevor der Deal notariell finalisiert wird. Und daran hapert es immer wieder. 

"Die Höhle der Löwen": Diese cleveren Produkte bringen heute Millionen ein

"Bekannt aus 'Die Höhle der Löwen'"

In Staffel drei stieß der bis dahin weithin unbekannte Hamburger Unternehmer Ralf Dümmel als Investor zur Sendung. Er machte aus der bunten Gründersause das, was die "Höhle der Löwen" heute ist: eine perfekt geölte Marketingmaschine für die Produkte der Start-ups. Dümmel schließt nicht nur mehr Deals als alle anderen Löwen zusammen. Dank seiner hervorragenden Kontakte in den Einzelhandel sorgt der Discount-Profi dafür, dass jedes seiner "Höhle der Löwen"-Produkte unmittelbar nach der Ausstrahlung des Auftritts überall zu kaufen ist. Ein Konzept, das auch die anderen Investoren mittlerweile nutzen. "Bekannt aus 'Die Höhle der Löwen'" wird zum unwiderstehlichen Marketing-Label – ob das Produkt wirklich etwas taugt, erscheint da manchmal zweitrangig.

Mehr als 120 Investments hat allein Dümmel in den 80 Folgen getätigt, die er nun schon dabei ist – und mit seinen erworbenen Löwen-Beteiligungen mehr als 300 Produkte in den Handel gebracht. Meist handelt es sich um günstige Mainstream-Ware für den Haushalt, die jeder irgendwie gebrauchen kann oder zumindest gerne mal ausprobiert. Zu den größten Dümmel'schen Verkaufsschlagern zählt etwa die Abflussfee, ein Verschlussstopfen fürs Bad, der 1,8 Millionen Mal verkauft wurde. Rokitta's Rostschreck für die Spülmaschine ging sogar fünf Millionen Mal über die Ladentheke – und der Heiratsantrag von Gründer Oliver Rokitta in der Sendung machte die Verquickung von Kitsch und Kommerz perfekt. 

Aber nicht alles, was Dümmel anfasste, wurde Gold. Als größter PR-Fehlschlag erwies sich seine Beteiligung am Tamponhandschuh Pinky Gloves, der im Netz so heftig kritisiert wurde, dass die Gründer das Produkt gleich wieder einstampften.

Zuletzt hielt Ralf Dümmels Löwenkarriere noch eine ganz besondere Pointe bereit. Der Seriendealmaker lässt sich und seine Firma DS Produkte selber kaufen, und zwar von der Social Chain AG des ebenfalls als Löwe in der Show sitzenden Georg Kofler. Der Kaufpreis für Dümmels Regalimperium: schlappe 220 Millionen Euro. 

Löwen und ihre Egos

Der Löwenstuhl hat nicht nur dem Lebenslauf von Ralf Dümmel einen bemerkenswerten Kick gegeben. Auch andere Investoren konnten durch die Teilnahme an der Show ihre Karriere wiederbeleben oder ihr Image aufpolieren. Ex-Prosieben-Chef Kofler etwa, ganz großer Medien-Macher um die Jahrtausendwende und danach ziemlich von der Bildfläche verschwunden, ist nun als breitbeiniger Investor wieder präsent. Milliardär Carsten Maschmeyer, Löwe seit Staffel 3, lässt alle unangenehmen Fragen nach geschädigten AWD-Anlegern hinter sich und präsentiert sich in seinem zweiten Leben als Mentor für eine neue Generation junger Unternehmer. Zuletzt fand Ex-Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg nach seinem Karriereende als Rennfahrer bei DHDL eine schöne Anschlussbeschäftigung.

Oft sorgen die Alpha-Löwen mit ihren aufeinander krachenden Egos sowieso für den höchsten Unterhaltungswert. Legendär ist vor allem, wie schlecht sich Frank Thelen und Jochen Schweizer während ihrer gemeinsamen drei Staffeln am Set riechen konnten. In seiner Autobiografie warf Thelen Schweizer gar vor, dieser habe seinen Studio-Sessel höher bauen lassen, um sein Ego zu befriedigen. Schweizer probierte es 2019 nochmal mit einer eigenen Job-Castingshow, die aber ebenso floppte wie Maschmeyers Versuch einer neuen Gründershow mit ihm als einzigen Investor. 

The Show must go on

Nun dürfen die Löwen also schon zum 100. Mal in den Käfig. Spätestens seitdem "Die Höhle der Löwen" nicht nur mit einer, sondern zwei Staffeln pro Jahr um die Ecke kommt, ist der Glanz aber ein bisschen ab und eine gewisse Übersättigung eingetreten. Die Einschaltquoten erreichen nicht mehr die Spitzenwerte früherer Jahre, als teilweise deutlich über drei Millionen Zuschauer pro Folge einschalteten. Aktuell sind es meist eher um die zwei Millionen Zuschauer.

Das ist aber immer noch viel zu gut, als dass man den Löwen ihr Gnadenbrot geben würde. Die 11. Staffel ist bereits in der Mache, wie der Sender dem stern bestätigte: Im Frühjahr 2022 geht es mit Folge 101 weiter.


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