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Interview

Start-up-Pionier: Das sagt Frank Thelen über sein "Höhle der Löwen"-Aus – und seine Pläne für die Zukunft

Die "Die Höhle der Löwen“ muss auf einen Investor verzichten: Unternehmer Frank Thelen steigt aus. Im Interview verrät er die Gründe dafür, seine weiteren Pläne als Unternehmer und was in seinen Augen in der deutschen Politik falsch läuft.

Von Rolf-Herbert Peters

"Klar, wir handeln nicht konsequent:" DHDL-Investor Frank Thelen

"Klar, wir handeln nicht konsequent:" DHDL-Investor Frank Thelen

DPA

Nach sechs Staffeln steigt Frank Thelen, 44, als Juror und Investor bei der Vox-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ aus. Der Studienabbrecher aus Bad Godesberg, inzwischen ausgestattet mit einem großen Selbstbewusstsein, wurde mit dem Verkauf eines Startups reich, das Online-Fotoservice anbot. Seitdem investiert er in Technikfirmen, die zum Beispiel Flugtaxis bauen. Und er wirbt auf großer Bühne für ökologische Nachhaltigkeit. Botschaft des Multimillionärs: „Raus aus der Komfortzone!“ Im stern-Interview spricht er über seine Pläne, die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten.

Herr Thelen, Sie haben sechs Staffeln lang Gründer bei "Die Höhle der Löwen" beraten und gefördert. Jetzt verlassen Sie die Vox-Show. Warum?

Ich bin so etwas wie der "Ur-Löwe". Keiner hat mehr Pitches gesehen als ich. Nach sechs Jahren, in denen ich so viel erleben und lernen durfte, zieht es mich zurück an die Werkbank. Ich will mich künftig stärker auf die Technologien der Zukunft konzentrieren und neue Produkte entwickeln.

Stichwort "Zukunft". Wir hätten da ein Zitat für Sie: "Nachhaltigkeit bedeutet: Es gibt kein weiter so. Wir brauchen für ein gutes Leben nicht immer mehr Ressourcen und Energie." Von wem, glauben Sie, stammt dieser Satz?

Mmh, das weiß ich nicht.

Von Angela Merkel - "die beste Bundeskanzlerin, die Deutschland in den nächsten Jahren haben kann", wie Sie 2017, damals noch CDU-Mitglied, gesagt haben. Würden Sie den Satz heute noch unterschreiben?

Angela Merkel war eine großartige Kanzlerin, ich habe tiefen Respekt vor Ihrer Leistung. Aber jetzt braucht Deutschland neue Ideen, Impulse und den Mut zu tiefgreifenden Reformen. Ich würde ihn daher heute nicht mehr unterschreiben, ziehe aber meinen Hut vor Angela Merkel. Zum Thema Ressourcen: Wir müssen effizientere Autos, Flugzeuge, Lichter und Heizungen bauen. Wir dürfen kein Öl, Kohle oder Gas mehr verbrennen. Auf der anderen Seite müssen wir akzeptieren, das wir weiterhin reisen, lecker essen und unser Smartphone behalten wollen. Das kostet Energie. Das Wohnzimmer auf 17 Grad runterregeln und Wollpulli anziehen – an dieses Modell glaube ich nicht. Wir müssen technische Lösungen finden, um das Klima zu retten.

Sie investieren mit ihrer Firma Freigeist Capital vorrangig in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen. In der Sendung "Die Höhle der Löwen", die Sie bekannt gemacht hat, versuchen Startups Investoren wie Sie für ihre Produkte zu gewinnen. Mit Nachhaltigkeit ist es da nicht weit her.

Warum?

Weil dort oft teuer Produkte angeboten werden, die das Umweltproblem sinnlos verstärken. Zum Beispiel elektrische Zahnbürsten oder Sportkleidung. Die Verbraucherzentrale nannte die Sendung mal "Butterfahrt des digitalen Zeitalters".

Na klar, die "Höhle der Löwen" ist Konsum. Aber die Beispiele sind sehr plakativ. Wenn ein Startup innovative Sportkleidung entwickelt, verdrängt es ja Wettbewerber, die dann nicht mehr produzieren.

Ist das so? Es gibt schon jetzt viel zu viel Kleidung im Markt. Allein in Deutschland wird geschätzt jährlich über eine Million Tonnen vernichtet.

Trotzdem zählt Nachhaltigkeit. Ich bin zum Beispiel an Luicella’s Ice Cream beteiligt. Da kann man fragen: Brauchen wir noch mehr Eis? Vielleicht nein. Aber wir verwenden abbaubare Bio-Eisbecher – das tut kein anderer Anbieter. Bei Pumperlgsund, das Eiweiß zum Trinken abfüllt, haben wir heute abbaubare Flaschen im Einsatz. Jedes Food-Startup von uns arbeitet ständig daran seine Ökobilanz zu verbessern. Das geht bei uns vor Profit.

Den Deutschen ist so was eher egal. Laut jüngsten Umfragen achtet nur jeder vierte beim Einkaufen auf Nachhaltigkeit.

Erschreckend. Klar, wir handeln nicht konsequent. Nach dem Motto: Komm, noch einen Plastikbecher, eine Kreuzfahrt, einen Porsche Turbo – dann höre ich auf. Wir müssen das Thema Nachhaltigkeit deswegen noch viel häufiger auf die Agenda setzen.

Sie fordern dabei: "Digital first". Ich übersetze mal: Nur die Digitalisierung kann unsere Erde retten. In Wahrheit verbrauchen wir Digital-Konsumenten mehr Ressourcen denn je. Allein die deutsche Nutzung von Computern und Internet sorgt pro Jahr für rund 24 Millionen Tonnen CO2 – so viel wie in ganz Kroatien.

Richtig, auch die Digitalisierung erzeugt einen riesengroßen ökologischen Fußabdruck. Daher müssen wir viele Dinge überdenken. Ich bin zum Beispiel gegen die Spekulation mit der Kryptowährung Bitcoin. Dafür laufen im Internet ständig unzählige Algorithmen, die unendliche Mengen Energie verbrauchen. So was muss ein Staat regulieren - oder am besten abschalten.

Sind nicht die ganz alltäglichen Dinge wichtiger? Youtube-Videos zu schauen frisst, wenn man alle Serverleistungen einrechnet, fast so viel Strom wie ein Elektroherd.

Deswegen müssen wir alles tun, damit die Rechenzentren weltweit zu 100 Prozent grün laufen. Uns steht doch unendlich viel Energie zur Verfügung - da oben in der Sonne. Wenn man ein Rechenzentrum in der Wüste mit Solarstrom und Speichertechnik betreibt, kann man die ganze Welt mit Serverleistung bedienen und hat Null Gramm Co2 emittiert.

Folge 7 von "Die Höhle der Löwen" sorgt im Netz für Kopfschütteln.

Und die anderen Probleme? Die Digitalisierung giert nach immer mehr Rohstoffen wie den "Seltenen Erden" und nach ökologisch bedenklichen Akkus. Jedes Smartphone ist ein kurzlebiger Plastikwegwerfartikel.

Was ist die Alternative? Den Leuten die Smartphones wegnehmen? Das wird doch nicht funktionieren! Das Entsorgungsproblem müssen die Hersteller lösen. Apple etwa hat Roboter entwickelt, die Iphones auseinandernehmen und sehr effizient recyceln. Tesla macht das in seiner Giga-Factory mit den Autoakkus ähnlich. Die Firma Kraftblock aus Saarbrücken, in die ich investiert bin, hat einen Energiespeicher mit Thermogranulat entwickelt -  zu 80 Prozent aus recyceltem Granulat und Null Prozent Seltene Erden.

Dennoch: Ist "grünes Wachstum" nicht in Wahrheit ein Märchen? Sollten wir nicht besser mal über Verzicht nachdenken?

Natürlich müssen wir umdenken und erkennen, dass es Mist ist, wenn wir einen Wegwerfplastikbecher in der Hand halten. Aber ohne Smartphone zu leben und nicht mehr mit dem Flugzeug um die Welt zu reisen, ist unrealistisch. Die einzig richtige Option heißt: mutig in grüne Technologie investieren und Gesetze schaffen, die Unternehmen dazu zwingen, sie einzusetzen. Um bei den Rechenzentren zu bleiben: Wer in fünf Jahren noch einen negativen C02-Fußabdruck aufweist, wird abgeschaltet.

Sie plädieren also dafür, sich immer weiterzudrehen im wachstumstreibenden Strudel von Massenproduktion und Massenkonsum?

Man muss nicht immer, immer, immer mehr erwirtschaften. Wir brauchen vielmehr ein gesundes Wachstum, kombiniert mit herausragenden Technologien. Das Endziel lautet "Cradle to Cradle", von Wiege zu Wiege. Das bedeutet: Jeder ist dazu verpflichtet, den Planeten so zu verlassen, wie er ihn bei seiner Ankunft vorgefunden hat. Also am Lebensende eine ausgeglichene ökologische Bilanz vorweisen. Cradle-to-Cradle wird irgendwann Gesetz werden, davon bin ich überzeugt.

Ein Multimillionär wie Sie, der einen elektrischen Tesla fährt und sich leicht einen ganzen Wald zum Ausgleich seiner Ökobilanz kaufen könnte, hat gut Reden von einem Cradle-to-Cradle-Leben.

Ich weiß: Gerade die untere Mittelschicht hat wenig Geld und kann heute schon die hohen Energiekosten kaum tragen. Aber wenn man ihr nun auch noch den Burger, das Fernsehen und das Internet wegnähme, käme es zu brisanten sozialen Verhältnissen. Diese Gefahr stützt meine These: Die Menschen, die über Geld, Wissen und Ressourcen verfügen, müssen grüne Technologien entwickeln, von denen die Masse profitiert. Elon Musk hat seiner Firma befohlen, dass ein Tesla bald nur noch 20000 Euro kosten darf, damit ihn sich alle leisten können. So muss es laufen. Und das finde ich auch als  Tesla-Aktionär großartig, selbst wenn die Gewinne dann kleiner ausfallen. Planet vor Profit.

Selbst wenn sich alle einen Tesla leisten könnten, wäre, wie neueste ADAC-Berechnungen wieder zeigen, ein E-Auto weniger nachhaltig als ein guter Benziner.

Das könnte ich widerlegen, denke ich. Aber selbst wenn es so wäre: völlig egal - auch wenn ein Elektroauto heute doppelt so viel Co2 erzeugt wie ein Benziner! Entscheidend ist: Die Batterie wird, im Gegensatz zu Verbrennern, jedes Jahr 10-15 Prozent besser - und in zehn Jahren sind wir bei nur noch einem Zehntel C02-Emission! Und Sie kann C02 neutral geladen werden. So denken Amerikaner und Chinesen.

Wie erkennen Sie, ob ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet?

Zum einem muss es entsprechend organisiert sein und zum Beispiel keine umweltschädlichen Nespresso-Kaffeekapseln benutzen. Besser Kaffeebohnen, die in einer Maschine gemahlen werden.. Ich schaue auch darauf, wie die Mitarbeiter reisen und ob Videokonferenzen maximal genutzt werden. Unsere Empfehlung ist, Flugreisen zu “kompensieren”, was wir bei Freigeist machen. Viel wichtiger ist aber, dass es Produkte entwickelt, mit denen Millionen Menschen einen besseren ökologischen Fußabdruck erzielen können. Lilium Avitation aus München ist so ein Unternehmen. Mit deren Flugzeugen...

... den berühmten "Flugtaxis", für deren Lobpreisung Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) im Sommer Hohn und Spott erntete...

... wird man emissionsfrei fliegen können. Lilium ist ein echter Game-Changer, deshalb habe ich in ihn investiert. Der Flugverkehr steigt nun mal immer weiter, wir wollen doch nicht zurück in die Steinzeit!

Auch Lilium-Flugzeuge brauchen Batterien, die mit viel Energieaufwand und seltenen Erden gefertigt werden, oder nicht?

Ja, stimmt, das ist noch ein Problem. Aber wir werden schon mittelfristig Batterien ohne seltene Erden haben. Dann steht uns ein Flugzeug zur Verfügung, das solar betankt wird und uns alle C02-neutral transportieren kann.

Sie waren auch ein Referent beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Dort ist für 2020 unter anderem Lidl nominiert, das Faire Bananen im Regal hat, aber zugleich den Massenkonsum von billigstem Industriefleisch weiter vorantreibt. Würde Sie auch bei Lidl einsteigen?

Gute Frage. Aber ich bin strikt gegen Billigfleisch, besser weniger essen, dafür hochwertiger. Dennoch muss man anerkennen, wenn sich ein so großer Discounter in Fragen der Nachhaltigkeit stark bewegt. Investieren würde ich trotzdem auf gar keinen Fall. Erstens ist die Marge der Discounter zu schlecht. Zweitens bringen sie in Massen Ware in Umlauf, die nicht gut sind für unsere Welt. Dieter Bohlen hat kürzlich für irgendwelche Plastik-Pool-Spielzeuge geworben. Das finde ich unpassend. So was sollte nicht aktiv vermarktet werden: hey kauft doch alle bitte noch mehr billigen Plastik.

Auch Kärcher ist nominiert. Es hat dafür gesorgt, dass Menschen mit stromgetrieben Maschinen Millionen von Litern Wasser und Reinigungsmitteln in die Landschaft blasen – statt einfach zum Besen oder Schwamm zu greifen.

Ich kenne Kärcher nicht weiter und bin nicht investiert. Vielleicht baut das Unternehmen ja nur noch Bioplastik in die Geräte ein. Wie in Lidl würde ich aber auch nicht in Kärcher investieren, weil deren Produkte keinen positiven Einfluss auf unsere Umwelt nehmen.

Seit 2017 müssen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern in ihrem Geschäftsbericht ihre Nachhaltigkeitsbemühungen offenlegen. Wundern Sie sich, wie gut aufgestellt sich alle sehen?

Das ist oft Marketing. Was soll man als Geschäftsführer auch anderes schreiben? Wir Deutschen sind allerdings im Vergleich zu großen Teilen der US- oder chinesischen Bevölkerung ziemlich umweltbewusst, auch wenn wir nicht alles richtig machen, etwa die Kohlekraftwerke nicht schnell genug abschalten. 

Wirklich? Im Global-100-Ranking der nachhaltigsten Unternehmen finden sich gerade mal fünf deutsche Firmen: Siemens ist davon die beste - Platz 27. BMW liegt auf Rang 99.

Krass! Aber es stimmt: Es gibt in Deutschland kein einziges revolutionäres Unternehmen, dass den Planeten massiv mit grünen Produkten nachhaltig verbessert. So wie Tesla, das Elektromobilität nach vorn treibt. Amerikaner wie Amazon-Chef Jeff Bezos gehen sogar schon weiter. Sie investieren in Technik, um auf einem anderen Planeten Ressourcen heben oder dort sogar weiterleben zu können, wenn unsere Erde eines Tages kaputt geht.

Die Zuschauer machen sich über die vorgestellten Produkte lustig

Und die Amerikaner freuen sich, wenn das ewige Eis schmilzt, um endlich auch dort die letzten Bodenschätze ausbeuten zu können...

So denkt man nicht im Silicon Valley. So denken Leute wie US-Präsident Donald Trump. Der ist geisteskrank, ein echtes Arschloch, und von Menschen mit viel Frust gewählt worden.

Sie fördern den Frust der Deutschen, weil sie gern als Chef-Apokalyptiker des digital-nachhaltigen Zeitalters auftreten.

Ich? (Lacht irritiert.)

Sie malen in Ihren Reden das Land rabenschwarz. Deutschland gehe wirtschaftlich den Bach runter und werde von den USA und China überrollt.

Wissen sie, ich habe das Glück gehabt, Technik verstehen zu lernen und außergewöhnliche Denker zu kennen. Ich weiß, woran ein Elon Musk oder chinesische Unternehmer gerade arbeiten. Ich kenne aber auch viele Dax-Vorstände, wie sie denken und handeln. Deshalb kann ich hier versichern: Die deutsche Autoindustrie ist bald irrelevant. Sie haben keine eigenen Chips, keine Software und keine Batterietechnik. Die kann man nicht einfach zukaufen. Was das für Deutschland bedeutet? Jeder siebte Arbeitsplatz soll an der Automobilindustrie hängen.

Was müsste geschehen, um das zu verhindern?

Die deutschen Autokonzerne müssten sehr schnell neue, unabhängige Unternehmen aufbauen. Diese müssten zum Beispiel eigene Chips und Akkus entwickeln und weltweit Relevanz genießen. In Europa ist so ein mächtiger Großkonzern seit SAP nicht mehr entstanden. Die USA spucken sie im Jahrestakt aus. In China ist die Handelsplattform JD der nächste Big Player.

Liegen wir wirklich so zurück? VW startet nächstes Jahr das größte E-Auto-Verkaufsprogramm der Welt. Und andere Experten aus dem Silicon Valley versichern: Die deutschen Konzerne sind etwa beim nächsten Megathema Künstliche Intelligenz ganz vorn dabei.

Ich wäre happy, wenn es so wäre, aber aktuell ist es leider miserabel. Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ein ökologisch und ökonomisch sinnvolles deutsches Elektroauto zu fahren. Es ist mir nicht gelungen. VW verwendet zum Beispiel heute um Faktoren mehr seltene Erden als Tesla in ihren Batterien.

Ist nicht der deutsche Mittelstand für uns viel entscheidender? Dort wird jeder zweite Euro umgesetzt. Wir bauen sehr erfolgreich die Maschinen, mit denen Amerikaner und Chinesen ihre Chips und Autos produzieren, und werden es weiter tun.

Ja, die Hidden Champions sind sehr wertvoll und sie sind ein deutsches Phänomen. Aber wer von denen hat heute eine Zehn-Jahres-Strategie und kann sagen, was die kommenden Quantencomputer mit ihrem Business machen? Ich kenne natürlich nicht alle, aber mir ist leider keine bekannt. Ich will aber wirklich nicht schwarzmalen, sondern wachrütteln.

In ihren Appellen kokettieren Sie sogar mit der chinesischen Diktatur, die wirtschaftliche Ziele einfach vorschreiben kann. Zitat: „Wir müssen unseren gewählten Politikern wieder Macht geben, etwas entscheiden zu können.“ Die Macht, Herr Thelen, geht in Deutschland vom Volk aus.

Nicht das Volk hat die Macht, sondern die gewählten Politiker. Sie entscheiden, ob CO2 erlaubt ist oder nicht. Das Volk hat nach vier Jahren die Macht, die Politiker auszutauschen. Meiner Meinung nach ist die große Koalition nicht mehr handlungsfähig, um die Herausforderungen der Zeit zu meistern. Sie trifft keine mutigen Entscheidung - die chinesische Regierung tut es dagegen. Ich finde das politische System dort überhaupt nicht gut, aber es ist wirtschaftlich auf einem guten Weg. Es setzt radikal auf Bildung, ist der größte Solarexporteur, hat die weltgrößte E-Autoflotte. Deshalb würde mich sehr freuen, wenn bei uns eine Partei mal 51 Prozent bekäme und einen mutigen Vorstand fände, der dann Kanzler wird. Aber natürlich als demokratisch gewählte Partei.

Vielleicht die Afd - wenn Sie Politikverdrossenheit weiter so fördern! Denn Sie gehen mit ihren Argumenten bis an die Grenzen des Populismus. Behaupten zum Beispiel aus dem Bauch heraus, 80 Prozent der Politiker seien Digital-Verweigerer.

Ganz im Gegenteil, ich bin dafür, dass sich mehr Leute für Politik interessieren und engagieren. Besonders junge Leute und Querdenker. Heute laufen viele Politiker immer noch mit der Aktenmappe herum. Selbst die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer rennt damit durch die Gegend, hat keinen Social-Media-Account, das macht alles nur ihr Team. Es gibt nur ein paar, die das selbst erledigen, wie zum Beispiel  Doro (Dorothee Bär, Red.) oder Christian (Christian Lindner, Red.). Wer sich seine Emails ausdrucken lässt und noch nie mit einer Spracherkennung gearbeitet hat, ist Digitalverweigerer!

Spitzenpolitiker haben vielleicht andere Aufgaben als ständig zu daddeln und zu posten?

Es ist nicht mehr an der Zeit, dass wir Papier verwenden, mit Scheinen bezahlen oder ineffektiv arbeiten, weil wir es schon immer so gemacht haben.

Der Mensch lebt nun mal nicht vom Bit allein. Eine gesunde Volkswirtschaft wie die deutsche beruht auf vielen Säulen. Dazu gehören Datenschutz, sozialer Frieden, gerechte Löhne.

Absolut, aber all das können wir nur erhalten, wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Es ist so als wäre das Telefon erfunden, aber wir nutzen es einfach nicht.

tis