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Turbulenzen: Zoff um den Euro

Selten waren sich Volk und Experten so uneins. Durch die neue Währung wird alles teurer, sagen die Verbraucher. Stimmt nicht, meinen die Statistiker. Dumm nur, dass ihnen kaum einer glaubt.

Nehmen wir einen beliebigen

Ort in Deutschland. Sagen wir: die Kantine eines großen deutschen Verlags. Die Luft ist geladen, die Stimmung gereizt, es geht, wieder einmal, um den Euro. Empörung allenthalben, Berichte von der Heimatfront: »Ich kaufe doch nicht anders ein als vor einem Jahr, nur zahle ich jetzt denselben Betrag in Euro wie früher in Mark«, sagt W.

Kollege T. hat seine

Käseverkäuferin vernommen, und nach kurzem Leugnen war sie geständig: Ja, der Chef habe die Preise ordentlich angehoben, aber er werde sich noch wundern, der Chef, denn die Leute kauften nun viel weniger. »Stimmt, alles ist unglaublich teuer geworden«, meint die S. »Na ja, so schlimm kann es eigentlich nicht sein«, sagt ein anderer, nennen wir ihn D., »im März lag die jährliche Inflationsrate gerade mal bei 1,8 Prozent und?« - »Du gehst mir allmählich auf die Nerven mit deinen Zahlen«, fällt ihm R. ins Wort, »die können doch gar nicht stimmen!« Obwohl, neulich habe ihn der Zufall mal zu Aldi verschlagen, und da sei »doch alles verdammt billig«.

Aber zumindest in Kneipen

, Restaurants, Parkhäusern, da sind sich alle einig, werde man »gnadenlos abgezockt«. Oft sei einfach »D-Mark« gegen »Euro« getauscht worden, die alten Preise aber seien geblieben. Nur gerecht, dass es nun den Abzockern selbst an den Kragen geht. »Einzelhandelsumsatz seit Euro-Einführung um 20 Prozent eingebrochen«, hatte J. in der Morgenlage vermeldet. »Nein, im Durchschnitt nur um 2,8 Prozent, preisbereinigt«, hatte D. da leise widersprochen, aber im allgemeinen Tumult hatte niemand auf ihn gehört.

So oder ähnlich geht es

in diesen Wochen allerorten zu. Dabei sollte doch alles ganz anders kommen. »Etwa um Ostern nächstes Jahr werden die meisten der deutschen Ängste wegen der Umstellung der D-Mark auf Euro verflogen sein«, dozierte noch im November Helmut Schmidt, laut einer Umfrage der »weiseste Deutsche«. »Wir werden Mühe haben, uns an die gruseligen Prognosen der Anti-Euro-Populisten zu erinnern, an das Geschwätz von der bevorstehenden Inflation.«

Wenn sich der Altkanzler da

mal nicht schwer getäuscht hat. Mittlerweile geht es auf Pfingsten zu, und kaum etwas hat Schmidts Landsleute in den vergangenen Wochen so aufgeregt wie der »Teuro« oder was dafür gehalten wird. Je mehr sich der Spaß an der bunten neuen Währung verflüchtigt, desto mehr wächst die Gewissheit, übel abgekocht zu werden. Die Verbraucherverbände verkünden, der Ärger über gestiegene Preise habe alle anderen Probleme bei der Währungsumstellung in den Schatten gestellt. Ihre Rechercheure haben Preissprünge um bis zu 50 Prozent gefunden. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage für den stern sind 94 Prozent der Bundesbürger quer durch alle Bevölkerungsschichten überzeugt, dass durch den Euro »die Waren und Produkte in Deutschland teurer geworden sind«.

Der Volkszorn wächst sich mittlerweile

zu einem ernsthaften wirtschaftlichen Problem aus. Zwar bleiben Umsatzeinbrüche um 20 Prozent seltene Ausnahme, aber der ohnehin unter schmalen Gewinnmargen und schlapper Konjunktur leidende Einzelhandel meldet düstere Zahlen. Bundesverband des Deutschen Schuheinzelhandels: minus sechs bis sieben Prozent im ersten Quartal. Verband der Deutschen Möbelindustrie: ebenfalls minus sechs bis sieben Prozent. Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik: minus zehn Prozent. Auch in Hotels und Gaststätten bleiben Betten und Tische leer. Die Leute sparen lieber. Und die beleidigten Händler sprechen vom »Käuferstreik«, 15.000 Geschäfte stünden vor dem Aus.

Es ist ja nicht der Euro

allein, der den Deutschen aufs Gemüt schlägt. Selten zuvor hat sich die wirtschaftliche Lage so schnell verdüstert wie im vergangenen Jahr. Ein Wachstum von satten 2,8 Prozent sollte 2001 eigentlich bringen, doch fast im Monatstakt wurden die Prognosen nach unten korrigiert. Unterm Strich blieben gerade mal 0,6 Prozent, am Jahresende schrumpfte die Wirtschaft sogar. Und mit jeder Hiobsbotschaft sackte die Kauflust der Bundesbürger weiter zusammen. Der Index der »Anschaffungsneigung«, im Auftrag der EU-Kommission von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erhoben, stürzte rasant in den Keller. Der 11. September brachte auch ökonomisch einen unwirtlichen Herbst: Wer jetzt kein Auto gekauft hatte, bestellte keines mehr. Und ausgerechnet als die Stimmung ganz am Boden war, als Winter und Flaute die Arbeitslosenzahlen in alte Höhen trieben, kam der Euro: Herzlich willkommen, ungeliebte Währung! Damit war den Deutschen die Kauflust endgültig vergangen. »Einen solchen Rückgang wie im Januar haben wir seit der Wiedervereinigung nicht erlebt«, seufzt GfK-Forscher Rolf Bürkl. Schuld daran dürften sowohl die tatsächlichen Teuerungen als auch die über Monate gezüchtete Angst vor steigenden Preisen sein. Denn nirgends sonst, hat Bürkl herausgefunden, hängen Preiserwartung und Konsumneigung so eng zusammen wie bei den stabilitätsvernarrten Deutschen.

Misstrauen, Mondpreise, miese

Stimmung: Das sind Fakten. Ein Faktum ist allerdings auch die Ratlosigkeit der Experten von Wirtschaftsforschungsinstituten, Bundesbank und Statistischem Bundesamt. Die verstehen ob der Aufregung um den Euro die Welt nicht mehr, denn die sieht in ihren Zahlen ganz anders aus. In ihrer Welt ist die Inflation niedriger als im vergangenen Jahr, und nach ersten Schätzungen ist sie im April weiter gesunken. Eine gemeinsame Studie von Bundesbank und Statistischem Bundesamt über 18.000 Artikel von der Herrensocke bis zum Klopapier kommt zu einem klaren Schluss: »Auf den gesamten Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte in Deutschland hat die Euro-Bargeldeinführung keinen erheblichen Einfluss gehabt.«

Dumm nur, dass ihnen offenbar

kaum einer glaubt. Bislang galten die Zahlen der Wiesbadener Statistiker als so verlässlich wie der 20-Uhr-Gong der Tagesschau. Nun musste sich EU-Haushaltskommissarin Michaele Schreyer auspfeifen lassen, als sie deren Ergebnisse referierte. Irgendetwas kann da nicht stimmen. Wer die Lücke zwischen amtlichen Zahlen und Volkes Stimmung zu schließen versucht, der gerät in ein Labyrinth aus halben Wahrheiten und unterschiedlichen Statistiken, aus den Tücken des Durchschnitts und komplizierter Ökonomie, aus einer Menge Psychologie und Leutseligkeit.

Leutselig war schon die Beteuerung

des Handels, er könne die Euro-Einführung ja schon deshalb nicht zur Preistreiberei nutzen, weil er sich zuvor verpflichtet habe, dieses nicht zu tun. Da aber jeder Beispiele kennt, die anderes belegen, heizte solche findige Argumentation den Volkszorn nur noch weiter an. Fast schon befreiend wirkte das späte Bekenntnis von Johann Hellwege, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes der großen Einzelhändler: Ja doch, »massive Preiserhöhungen gab es bei uns gelegentlich auch, aber weniger« als bei Dienstleistern und Gaststätten. Händler seien schließlich keine Engel. Endlich hatte mal einer zugegeben, dass die Verbraucher nicht nur weiße Elefanten sehen.

Doch trotz dieses Geständnisses bleibt

eine schlichte Tatsache: die verblüffend niedrige Inflationsrate von nicht mal zwei Prozent. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick in den Maschinenraum des Statistischen Bundesamtes. In den amtlichen Preisindex für die Lebenshaltung gehen alle Kosten ein, die im Durchschnittshaushalt anfallen: von der Miete über Versicherungsprämien und Telefongebühren bis zum Tapetenkleister und der Zahnpasta. Dass viele dieser Kosten konstant blieben oder, wie für Heizöl und Erdgas, zuletzt sogar deutlich sanken, nimmt der von Preisängsten gestresste Bürger kaum wahr, denn diese Beträge werden ohne sein Zutun vom Konto abgebucht. Weniger als ein Drittel seines Budgets trägt er tatsächlich noch eigenhändig zu Einzelhändlern, Kneipiers und Dienstleistern. Alle Preistreibereien dort fallen ihm schnell ins Auge, statistisch aber kaum ins Gewicht.

Zumal die Wiesbadener Zahlenkünstler

bei ihrer Inflationsberechnung penibel gewichten, welcher Einzelposten wie stark das Budget des Bürgers belastet. So mag man seinen Schuster verfluchen, weil der seine Preise Anfang Januar dreist um 30 Prozent anhob - den Statistiker lässt das herzlich kalt: In seinem Zahlenwerk macht etwa der Posten 0322000100 (»besohlen mit Ledersohlen (Herrenschuhe)«) gerade mal 0,01 Prozent aus. »Andererseits«, sagt Karin Kuchelmeister, Projektleiterin Euro bei der Verbraucherzentrale Bundesverband, »nützt es mir herzlich wenig, wenn Fernseher billiger werden, solange ich mir keinen kaufe.« Auch wieder wahr.

Wie sehr etwaige Abzockereien

nach der Euro-Einführung die ganz persönliche Inflationsrate hochtreiben, hängt ohnehin vom jeweiligen Lebenswandel ab. Der virtuelle Durchschnittsdeutsche, wie ihn die Statistiker erfanden, mag ein kunstvoll errechnetes Wesen sein - im echten Leben gibt es ihn nicht.

Wer sich vornehmlich bei Aldi

oder Lidl versorgt und das Gekaufte in der heimischen Küche erhitzt, kommt vermutlich sogar billiger davon als vor dem Jahreswechsel, denn die Preiskrieger der großen Discounter haben beim Umrechnen eher abgerundet. Wer hingegen beim Shoppen sein Auto im Parkhaus abstellt, in der Gemüseboutique und beim Feinkosthändler einkauft, auf dem Heimweg noch schnell in der Café-Bar am Cappuccino nippt oder an der Ecke ein Bier zischt, zahlt ordentlich drauf - Hedonismus hat einen steigenden Preis. Denn bei so einem testen die Händler schon eher mal, was der Markt so hergibt. Die Preise von Dienstleistern und Gastronomen sind oft sprunghaft gestiegen. Für Sozialromantiker ist dies nebenbei die tröstliche Seite des Euro: Reich sein ist teurer geworden seit dem 1. Januar.

Aber selbst die vermeintlichen

Abzocker verhalten sich womöglich nicht fies, sondern nur rational. Ökonomen kennen die Theorie der »Menükosten«. Luigi Calza kennt sie mutmaßlich nicht, er handelt dennoch danach. Der fidele Italiener betreibt eine florierende Eisdiele in Hamburgs feinem Stadtteil Eppendorf, die passenderweise »Europa-Eis« heißt. Pünktlich seit Jahresbeginn nimmt er für die Kugel Eis nicht mehr eine Mark, sondern 70 Cent - also runde 40 Prozent mehr. Den alten Preis hatte er zuvor allerdings acht Jahre gehalten, und vermutlich wird er nun viele Jahre 70 Cent verlangen. Hätte er über 13 Jahre den Preis jeweils um unauffällige 2,5 Prozent angehoben, wäre das Ergebnis dasselbe gewesen, und niemand hätte sich darüber aufgeregt. So aber wird den Eppendorfern auf ewig eingebrannt bleiben, dass ihnen der Euro ihr geliebtes Eis um 40 Prozent teurer gemacht hat.

So wie Luigi (der zudem beteuert

, größere Eisportionierer angeschafft zu haben) verhielten sich viele Gastronomen, aber auch Dienstleister oder etwa Parkhausbetreiber. Weil es für sie blödsinnig, zu teuer oder schlicht nicht praktikabel ist, ständig die Preise zu verändern, neue Speisekarten zu drucken (daher der Name »Menükostentheorie«) und Automaten auf schräge Beträge umzustellen, werden die Preise selten, dafür aber in großen Schüben erhöht. Und weil für die Euro-Ära ohnehin neue Preise erfunden werden mussten (und die quasi »halbierten« Beträge sich harmlos klein anhören), schien die Gelegenheit günstig. Nun stehen sie als EuroAbzocker da.

Das ist auch deshalb von Übel

, weil schlechte Erfahrungen die Stimmung prägen. »Das Positive ist der Normalzustand und damit letztlich langweilig. Negatives nehmen wir viel stärker wahr«, sagt Tobias Greitemeyer vom Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Der kollektive Ärger habe zudem eine angenehme Seite: »Man schafft so eine große Gemeinschaft gegen einen gemeinsamen Gegner - nach dem Motto: Wir sitzen doch alle im selben Boot.« Wer sich je unter passionierte Euro-Feinde gemischt hat, wird wissen, was der Psychologe meint.

Zudem ist der Mensch geneigt

, sich von seinen eigenen Erwartungen foppen zu lassen. »Wir wollen uns bestätigt sehen, auch wenn wir Negatives befürchten«, sagt Greitemeyer. Er und seine Kollegen haben rund um die Euro-Einführung mehr als 30 Tests durchgeführt. Unter anderem legten sie 400 Probanden aller Bildungs- und Altersklassen eine fingierte Speisekarte eines italienischen Restaurants vor - mit alten D-Mark- und neuen Euro-Preisen. Bei einem Drittel der Karten waren die Preise korrekt umgerechnet, beim zweiten Drittel um 15 Prozent gesenkt, beim dritten um 15 Prozent erhöht. Die Probanden konnten die Zahlen in aller Ruhe studieren und vergleichen.

Das Ergebnis bringt die wenigen

verbleibenden Euro-Fans zum Lächeln: Die reduzierten Preise wurden als korrekt umgerechnet empfunden, die sauber kalkulierten als um acht bis neun Prozent (in anderen Versuchen sogar um 13 Prozent) erhöht, und bei den um 15 Prozent teureren Speisen wurde ein Zuschlag von 23 Prozent wahrgenommen. »Wir konnten es selbst kaum glauben«, sagt Greitemeyer. Mittlerweile hat sein Team den Versuch in mehr als einem Dutzend Varianten wiederholt, doch die Zahlen variieren nur wenig, und das Ergebnis ist immer dasselbe: Nur wer keine steigenden Preise erwartet hatte, behielt einen klaren Blick, alle andere sahen, was sie fürchteten zu sehen.

Hochgerechnet auf eine ganze Volkswirtschaft, kann dieses Phänomen durchaus zu erheblichen Verzerrungen führen. Und weil das Misstrauen gegen den Euro von Anfang an erheblich war und von einschlägigen Medien weiter geschürt wurde, herrschte an negativen Erwartungen kein Mangel. Das mag manche überzogene Teuro-Panik erklären. Auch die im Winter hohen Gemüsepreise und der wegen der Nahost-Krise teure Sprit wurden flugs der neuen Währung angelastet. Doch wer glaubt, durch die Bank fast genauso viel in Euro zu bezahlen wie früher in der guten alten Mark, liegt daneben. »So ist es garantiert nicht«, sagt auch Verbraucherschützerin Kuchelmeister.

Sie weiß um ein weiteres Problem

: »Wir alle haben das neue Geld noch längst nicht verinnerlicht.« Die Verbraucherschützer haben herausgefunden, dass die meisten Kunden noch immer in Mark rechnen - was im Umkehrschluss heißt, dass sie noch kein Gefühl für die neue Währung haben. »Das Koordinatensystem des Verbrauchers muss sich erst noch neu sortieren«, sagt auch Konsumforscher Bürkl. So kommt es, dass der Kunde an der Wursttheke steht und nicht recht weiß: Sind 2,29 Euro für 100 Gramm Saftschinken angemessen oder nicht? Beides ist nun möglich: dass er tatsächlich zu viel bezahlt, ohne es zu merken - oder aber sich zu Unrecht abgezockt fühlt.

Blöde sind sie also alle nicht: weder kühle Statistiker noch aufgeregte Kunden. Sie leben nur, sagen wir es mal so, in unterschiedlichen Welten. Blöde wäre allerdings, wenn die Verbraucher das erst provozieren, was sie eigentlich fürchten: wenn sie durch ihren Käuferstreik die ohnehin matte Konjunktur so weit abwürgen, dass wir am Ende wirklich alle den Gürtel enger schnallen müssen. Das nennt man dann wohl Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Der Euro wäre dabei noch nicht einmal die Waffe.

Arne Daniels