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Vattenfall: Große Probleme mit Dübeln im AKW

"Eil" statt nur "Normal": Die Mängel der Dübel im Atomkraftwerk Krümmel sind hochgestuft worden. Alle 630 Dübel des Typs müssen womöglich untersucht werden. Unterdessen gibt es Kritik an der Entlassung des Atom-Chefs von Vattenfall.

Nach dem Informations-Desaster um die Pannen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel hat der Energiekonzern Vattenfall Europe personelle Konsequenzen gezogen. Das Unternehmen trennte sich vom Chef seiner Atom-Sparte, Bruno Thomauske. Das teilte die deutsche Vattenfall-Zentrale am Montag in Hamburg "in enger Abstimmung mit der schwedischen Muttergesellschaft" mit. Thomauske bekommt keine neuen Aufgaben und verlässt den Konzern. Zudem erklärte Konzernsprecher Johannes Altmeppen seinen Rücktritt.

Unterdessen wächst der Handlungsbedarf im Atommeiler Krümmel: Das Problem mit nicht vorschriftsmäßigen Dübeln in einem Anlagebereich ist offensichtlich größer als zunächst vom Betreiber Vattenfall gemeldet. Das für die Atomaufsicht zuständige Sozialministerium in Kiel stufte den Mangel am Montag von der Kategorie "N" (Normal) auf "E" (Eilt) hoch. Diese Kategorie betrifft Ereignisse, die die Sicherheitstechnik potenziell, aber nicht unmittelbar betreffen. Sie verlangen noch keine Sofortmaßnahmen der Behörde.

Eventuell müssten alle 630 Dübel des Typs in der Anlage untersucht werden, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Krümmel ist seit einer Pannenkette Ende Juni vom Netz. In dem vom Vattenfall-Konkurrenten RWE betriebenen hessischen Atomkraftwerk Biblis stehen wegen tausender falsch montierter Dübel beide Blöcke schon seit Monaten still.

Politiker und Umweltschützer reagierten mit verhaltener Zustimmung auf die personellen Konsequenzen bei Vattenfall und forderten den Konzern auf, nach der Pannenserie in den Meilern Krümmel und Brunsbüttel nicht nur Personen auszutauschen, sondern die Sicherheitskultur grundlegend zu verbessern. Der Energieriese war zuletzt wegen seiner Informationspolitik immer stärker in die Kritik geraten.

Vertreter der Atomaufsicht des Bundes und des Landes Schleswig- Holstein sprachen am Montag in Hamburg knapp vier Stunden lang mit mehreren Mitarbeitern, die während der Krümmel-Schnellabschaltung auf der Warte Dienst hatten. Dazu zählten insbesondere der Schichtleiter und der Reaktorfahrer. Der Staatssekretär im zuständigen Kieler Sozialministerium, Hellmut Körner, sagte nach dem Gespräch: "In einer ersten Bewertung sind sich das Bundesumweltministerium und das Sozialministerium einig, dass in Krümmel die Nutzung modernerer Kommunikationsprinzipien nötig ist, wie sie etwa in der Luftfahrt gelten."

Zudem müsse die Verantwortung bei komplexen Störfällen anders geregelt werden, damit der Schichtleiter nicht überlastet werde. Vattenfall hatte am Freitag im Internet einen Zwischenbericht zu den Zwischenfällen in Krümmel veröffentlicht. Vor zweieinhalb Wochen hatte dort ein Trafo-Brand mit einem Kurzschluss eine Reaktor- Schnellabschaltung ausgelöst.

Vattenfall will die Vorgänge seit Ende Juni unabhängig von den Untersuchungen der Behörden durch eine Gruppe hochrangiger Vertreter aus Technik und Wissenschaft analysieren lassen. "Die Empfehlungen der Gruppe werden wir lückenlos umsetzen", versprach der Konzern. Für die Arbeit der Experten wird das Unternehmen fünf Millionen Euro bereitstellen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) lehnte die vom Konzern angebotene Mitarbeit eines Experten seines Hauses in dem Gremium "aus Gründen der Unabhängigkeit der Atomaufsicht" ab.

Der Konzern will mit dem Maßnahmenpaket "verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Wir werden alles tun, um die Fehler und Versäumnisse für die Zukunft auszuschließen." Thomauskes Aufgaben wird bis auf weiteres Kraftwerksvorstand Reinhardt Hassa übernehmen. Sprecher Altmeppen wird kommissarisch durch den Leiter des Konzernbereichs Politik und Gesellschaft, Rainer Knauber, ersetzt.

Gabriel erklärte: "Es ist höchste Zeit, dass sich Vattenfall nun endlich offensiv an der notwendigen Aufklärung der Vorfälle in Krümmel und Brunsbüttel beteiligen will." Den Vorschlag zur Gründung einer Expertengruppe wertete er "als Einstieg in die Diskussion darüber, dass ältere Atomkraftwerke früher vom Netz gehen" sollten. Ihre Restlaufzeiten sollten auf jüngere Anlagen übertragen werden - "so wie es im Atomkonsens mit den Betreibern vereinbart wurde". Die Stromkonzerne versuchen dagegen, gerade ältere Kraftwerke wie Biblis A länger am Netz zu lassen.

Thomauske ist aus Sicht der Bundestags-Grünen ein "Bauernopfer". Ihr energiepolitischer Sprecher Hans-Josef Fell schrieb in einer Mitteilung, mit der Personalie solle der notwendige Lizenzentzug für Krümmel und Brunsbüttel verhindert werden. "Es ist unverantwortbar, dass die für die schlechte Sicherheitskultur Vattenfalls verantwortlichen Chefs (Klaus) Rauscher und (Lars Göran) Josefsson im Amt bleiben." Greenpeace äußerte sich ähnlich.

DPA / DPA