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Verlagerung: Ultimatum für VW-Belegschaft

Der Volkswagenkonzern will seinen kleinen Geländewagen in Portugal bauen lassen - falls der Betriebsrat am Stammwerk Wolfsburg nicht niedrigere Arbeitskosten akzeptiert. Für die IG Metall ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Im Streit um den Produktionsstandort für den neuen Golf-Geländewagen erhöht VW-Markenchef Wolfgang Bernhard den Druck auf den Betriebsrat. Bernhard stellte ein Ultimatum: Die "einzige Möglichkeit", das Geländewagen-Projekt für Wolfsburg zu retten, bestehe darin, den Bau des Wagens in die Auto 5000 GmbH zu integrieren, die zu deutlich niedrigeren Kosten als die traditionelle VW-Produktion arbeitet. "Für diese Entscheidung fällt das Fenster am 26. September zu", erklärte Bernhard. Die IG Metall erwiderte, noch sei das letzte Wort nicht gesprochen. Vorher hatte das Marken-Produkt-Strategie-Komitee des Konzerns die Empfehlung abgegeben, den Wagen ab 2007 im portugiesischen VW-Werk Palmela bauen zu lassen. Dort entsteht zur Zeit der große Van Sharan und das Werk hat bereits den Zuschlag für den Bau des geplanten Cabrios erhalten. Eine Fertigung in Palmela sei "gut 1000 Euro pro Fahrzeug günstiger als am Alternativstandort Wolfsburg", hieß es in der VW-Mitteilung. Eine Produktion des Geländewagens am Stammwerk sei "zu den heutigen Bedingungen" nicht wirtschaftlich.

Entscheidung bis Ende September gefordert

Damit spitzt sich der Konflikt zwischen Bernhard und der Arbeitnehmervertretung überraschend zu. Der Manager verhandelt schon seit Monaten mit dem Betriebsrat über eine Senkung der Personalkosten für das Geländewagen-Projekt. Der Betriebsrat verweist bisher auf weitere Einsparmöglichkeiten in der Produktion. Bernhard begründete das Ultimatum damit, dass bis zum 26. September die Anlagen und Maschinen für den Fertigungsstandort spezifiziert sein müssten, um den rechtzeitigen Anlauf des Fahrzeugs zu garantieren. Damit wird der kleine Geländewagen nicht auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September in Frankfurt gezeigt. Bernhard hatte den Betriebsrat bereits aufgefordert, in dieser Woche eine Vorentscheidung für einen Kompromiss zu treffen. Der neue Betriebsratschef Bernd Osterloh soll sich dazu auf einer Betriebsversammlung am kommenden Montag äußern.

Der von DaimlerChrysler als Sanierer zu VW gewechselte Bernhard hat die Produktionskosten für den Golf SUV durch die Straffung von Prozessen bereits um 2000 Euro je Fahrzeuge gesenkt. Von der Belegschaft werden Zugeständnisse verlangt, durch die die Arbeitskosten um 850 Euro je Fahrzeug sinken sollen. Damit soll die Fertigung am Stammsitz in Wolfsburg im Vergleich zu ausländischen VW-Werken wettbewerbsfähiger werden.

Testfall für Kompromissbereitschaft

Die Entscheidung für die Produktionsvergabe des kleinen VW-Geländewagens gilt als Testfall für die Kompromissbereitschaft der Arbeitnehmervertretung. Davon hängt ab, ob Bernhard seine ehrgeizigen Ergebnisziele erreichen kann. Das Wolfsburger Werk ist derzeit nur zu etwa 70 Prozent ausgelastet. Sollte der Golf SUV nach Portugal vergeben werden, wäre dies ein herber Schlag für das Hauptwerk. Hoher Personalabbau wäre womöglich die Folge. Dafür könnte der Konzern nur Altersteilzeit oder Abfindungen einsetzen. Der im vergangenen Jahr mit der IG Metall vereinbarte Tarifvertrag schließt Kündigungen bis 2011 aus.

IG-Metall-Sprecher Jörg Köther widersprach der Mitteilung von Volkswagen und sagte, über den Standort der Fertigung des Geländewagens sei "das letzte Wort noch nicht gesprochen". Es handele sich "um die Empfehlung eines Gremiums". Es gebe aber weiterhin Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Management über die Standortentscheidung. Köther betonte: "Der im vergangenen Jahr abgeschlossene Zukunftstarifvertrag und die Betriebsvereinbarung, die ihn konkretisiert, sehen vor, dass der Geländewagen in Wolfsburg gefertigt wird."

Personalmaßnahmen offen gehalten

Mit der von VW vorgeschlagenen Verlagerung des Geländewagens mit dem Arbeitsnamen "Marrakesch" in die Auto 5.000 GmbH will der Konzern offenbar an die Erfolgsgeschichte des kleinen Vans Touran anknüpfen. Die 3500 Mitarbeiter dort verdienen nämlich weniger als die nach dem Haustarif beschäftigten Kollegen, nur rund 2500 Euro im Monat. Außerdem müssen sie bis zu 42 Stunden pro Woche arbeiten, falls eine vereinbarte Zahl von Wagen nicht in der regulären Zeit fertig wird. Das von Ex-Personalvorstand Peter Hartz erfundene Modell gilt als sehr profitabel. Im neuen Haustarifvertrag aus dem November war bereits vereinbart worden, dass neu eingestellte Mitarbeiter weniger Geld verdienen und auf dem Niveau von 5000 mal 5000 beschäftigt werden sollen.

Bereits vergangene Woche hatte Konzernchef Bernd Pischetsrieder weitere Kostensenkungen gefordert und sich dazu auch Personalmaßnahmen offen gehalten. "Wir müssen die Kosten unserer Produktion in Europa senken", sagte Pischetsrieder. Nur wenn die Werke trotz niedrigen Dollarkurses mit Gewinn in die USA exportieren könnten, seien sie überlebensfähig. Die USA ist der wohl wichtigste Markt für den geplanten Klein-Geländewagen. Pischetsrieder machte keine genauen Angaben dazu, wie er beim Personal sparen will. Er machte aber klar, dass das Ziel entweder über weniger Beschäftigte oder weniger Geld pro Mitarbeiter erreicht werden könne.

DPA, AP, Reuters / AP / DPA / Reuters