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Wirtschaft wächst im Rekordtempo: Deutschlands Aufschwung XL

So ein Wachstum hat es seit der Wiedervereinigung nicht gegeben: Das Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal um 2,2 Prozent zu. Ursache sind nicht nur die rasant zulegenden Exporte.

Die deutsche Wirtschaft wächst so rasant wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gestiegen, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte. Die Wachstumsrate übertraf die Erwartungen der Analysten deutlich: Sie hatten nur mit einem Plus von 1,3 Prozent gerechnet.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wuchs die deutsche Wirtschaft von April bis Juni um 4,1 Prozent. Das Wachstum für das erste Quartal im Vergleich zum letzten Quartal des Vorjahres korrigierte das Statistikamt deutlich nach oben, von bisher 0,2 Prozent auf 0,5 Prozent.

"Aufschwung eindrucksvoll zurückgemeldet"

"Der zum Jahreswechsel 2009/2010 ins Stocken geratene Aufschwung der deutschen Wirtschaft hat sich damit eindrucksvoll zurückgemeldet", heißt es in dem Bericht der Statistiker. Der Boom hat demnach mehrere Ursachen: Er wird sowohl traditionell von den Exporten befeuert, aber auch vom privaten Konsum der Deutschen, der über Jahre schwach war. Zudem wirken sich den Statistikern zufolge die Konjunkturprogramme des Staates positiv aus. Die Unternehmen investieren außerdem wieder mehr.

Die Bundesregierung geht nun von einem deutlich höheren Wachstum für das Gesamtjahr aus. Die Dynamik des zweiten Quartals lasse "ein Wachstum von weit über zwei Prozent für 2010 in den Bereich des Möglichen rücken", erklärte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) am Freitag in Berlin. Bisher geht die Bundesregierung für das laufende Jahr offiziell von einem Wachstum von 1,4 Prozent aus.

Experten glauben an die Drei vor dem Komma

"Wir erleben derzeit einen Aufschwung XL", erklärte Brüderle. Der Wirtschaftsminister fügte hinzu, die aktuellen Zahlen seien "eine klare Ermutigung, den Ausstieg aus der staatlichen Krisenfürsorge fortzusetzen". Zugleich solle der Weg der Haushaltskonsolidierung weitergegangen werden.

Die Bundesregierung hatte in der Krise massive Konjunkturprogramme beschlossen, etwa mit Einführung der Abwrackprämie oder der Förderung der Energiesanierung von Schulen oder Kindergärten. Dem drohenden Anstieg der Arbeitslosigkeit war sie mit einer Ausweitung der Kurzarbeit begegnet.

Auch die meisten Institute trauen der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von mehr als zwei Prozent zu. Banken-Experten halten sogar noch mehr für möglich. "Das ist der Wahnsinn", sagte UniCredit-Fachmann Alexander Koch. "Wir rechnen jetzt mit mehr als drei Prozent Wachstum im gesamten Jahr." Auch DekaBank-Experte Andreas Scheuerle betonte: "Ich kann drei Prozent Wachstum verkünden in diesem Jahr, vielleicht sogar ein bisschen mehr als drei Prozent". In den kommenden Quartalen werde sich das Wachstum aber verlangsamen. "Die Weltwirtschaft schaltet einen Gang zurück, das werden wir als Export-Vizeweltmeister spüren", sagte Scheuerle.

Boom nach schwerer Rezession

Für 2011 rechnen die meisten Experten bislang mit einem Plus von etwa 1,5 Prozent, weil die Weltwirtschaft mit dem Auslaufen der staatlichen Konjunkturprogramme an Schwung verlieren dürfte.

Noch im vergangenen Jahr war Deutschland in der Folge der Finanzkrise in eine schwere Rezession gerutscht. Die Wirtschaft war im vergangenen Jahr um 4,7 Prozent geschrumpft, wie das Statistische Bundesamt nun mitteilte. Sie korrigierte damit die bisherigen Zahlen leicht, die ein Minus von 4,9 Prozent ausgewiesen hatte. Die beispiellosen Schwankungen in der jüngsten Krise führen dazu, dass die Wachstumswerte ungewöhnlich stark korrigiert werden müssen.

joe/AFP/Reuters / Reuters