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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne zur Euro-Diskussion: Sarrazins Buch ist Zeitverschwendung

Thilo Sarrazin hat Recht und liegt doch völlig falsch. Denn wie viele Euro-Gegner macht er einen entscheidenden Fehler: Er glaubt an eine Alternative. Doch die gibt es nicht.

Von Thomas Straubhaar

Europa braucht den Euro nicht!" Der Titel des am Dienstag erscheinenden Buchs von

ist hundertprozentig richtig, aber auch hundertprozentig nutzlos. Er ist zweifelsfrei rundum zutreffend, weil völlig unstrittig ist, dass Europa den Euro nicht braucht. Europa als geographische Einheit hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Und auch die Europäische Union (

) ist in den 1950er Jahren entstanden, der Euro erst in den 1990er Jahren. Kein vernünftiger Mensch könnte jemals behaupten, Europa ohne Euro würde von der Weltkarte verschwinden, oder die EU ohne gemeinsame Währung wäre nicht überlebensfähig. Natürlich löst sich

auch ohne Euro nicht in Luft auf. Und selbst die Europäische Union würde ohne Euro, in welcher Form und Weise auch immer, weiterexistieren.

Mehr noch: Der promovierte Volkswirt Thilo Sarrazin weiß sich mit der Ökonomenzunft in Einklang. Der Euro-Raum ist kein sogenannter "optimaler Währungsraum". Das bedeutet, dass es in der Tat gute Gründe für die Annahme gibt, dass ein Europa - in dem jedes Land seine eigene Währung hat - wirtschaftlich vergleichsweise besser dastehen würde, als in einer Situation, in der 17 relativ unterschiedliche Länder eine einzige gemeinsame Währung haben. Die Einheitsgröße passt eben beiden nicht. Für die Kleinen ist sie zu groß, für die Großen zu klein. Deshalb ist ein maßgeschneiderter Anzug die bessere Kleidung. Das ist bei der Währung nicht anders.

Ob wir den Euro brauchen, ist nicht (mehr) wichtig

Thilo Sarrazin hat Recht: Aus ökonomischen Gründen hätte es den Euro in der Tat nicht gebraucht. Aber darum geht es nicht (mehr)! Fakt ist, dass Europa den Euro seit 1999 als Gemeinschaftswährung hat, seit 2002 für jeden Bürger auch sichtbar als Euro-Münzen und Euro-Scheine. Deshalb stellt sich die Frage nicht mehr, ob

. Hier machen Thilo Sarrazin und mit ihm viele Euro-Gegner den entscheidenden Fehler. Sie denken in Alternativen, die nicht mehr möglich sind.

Es macht eben einen riesigen Unterschied, ob man im fliegenden Flugzeug sitzt und aussteigen will, oder man gar nicht erst einsteigt. In beiden Fällen will man draußen sein, aber faktisch hat nur wer draußen geblieben ist, eine Wahlfreiheit. Wer mitfliegt, ist mitgegangen und damit mitgefangen.

Der Euro existiert. Er ist Alltag

Die These, dass "Europa den Euro nicht braucht", ist hundertprozentig nutzlos und damit all die Aufregung nicht wert, die sie jetzt provoziert. Der Euro existiert. Er ist Alltag. Natürlich wünschten sich viele Eltern gelegentlich eine Zeit ohne Kinder, die nerven, zurück. Aber genau so wenig, wie Kinder ungeschehen gemacht werden können, gab und gibt es einen Plan B, der den Euro beseitigt. Weder der EU-Vertrag noch die Euro-Gesetze bieten dafür eine rechtliche Handhabe. Auch nicht die von Sarrazin angesprochene Geschichte.

Die Eltern des Euro haben ihn aus politischen und nicht aus ökonomischen Gründen gezeugt. Es ging nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der das Nachkriegseuropa in zwei abgetrennte Regionen teilte und dem Ende des Ost-West-Konflikts Ende der 1980er Jahre, um eine Neuordnung Europas.

Der Euro war für Deutschland die Folge einer ungewollten Schwangerschaft, von Frankreich aufgedrängt als Gegenleistung für die französische Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung. Nur mit einer Einbindung eines größer gewordenen Deutschlands in eine gestärkte EU - inklusive gemeinsamer Währung und Zentralbank – konnte Bundeskanzler Helmut Kohl im Januar 1990 das Misstrauen des französischen Präsident François Mitterrands beseitigen. Deshalb provoziert eine deutsche Diskussion darüber, "ob Europa den Euro braucht" bei den Nachbarn die schlimmsten Ängste eines national orientierten wirtschaftlich dominanten Groß-Deutschlands. Genau die Konsequenz, die man mit der Wiedervereinigung nicht wollte und mit dem Euro zu verhindern versuchte.

Eine Lösung gibt es nur mit dem Euro

17 verschiedene Farben, die vermischt worden sind, lassen sich nicht mehr so einfach und ohne immense politische, ökonomische, materielle und auch ideelle Kosten in ihren ursprünglichen Zustand trennen. Deshalb kann es tragfähige und vor allem nachhaltige Lösungen für Europa nur mit und nicht ohne den Euro geben.

Bei der Suche nach klugen Optionen aus einer schwierigen Situation lohnt sich eine intensive Diskussion. Hingegen ist es ein nutzloser Verschleiß politischer Kräfte, sich über Alternativen die Köpfe heiß zu reden, die gar nicht mehr zur Debatte stehen.

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