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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne zur Wallraff-Enthüllung: So muss sich die Paketbranche ändern

Viele Paketfahrer arbeiten unter skandalösen Bedingungen. Das schadet auch den Firmen selbst, meint Thomas Straubhaar. Und erklärt, was anders werden muss.

Was Günter Wallraff in der Paketzustellbranche aufgedeckt hat, darf und wird nicht ohne Folgen bleiben. Es kann zwar sein, dass er besonders skandalöse Einzelfälle ans Tageslicht der Öffentlichkeit gebracht hat. Viele Beschäftigungsverhältnisse in der Paketzustellbranche mögen ganz anders aussehen mit ortsüblichen oder den Aufgaben entsprechenden Tariflöhnen und vernünftigen Arbeitsbedingungen. Und man darf eines nicht vergessen: die Paketzustellungsbranche bietet Jobs an, die auch vergleichsweise geringer qualifizierten Menschen offen stehen. In den vergangenen Jahren haben viele Arbeitslose über die Paketzustellung wieder in ein Beschäftigungsverhältnis zurückgefunden. Einer der Gründe dafür, dass heute die Arbeitslosigkeit auf tiefstem und die Beschäftigung auf höchstem Niveau liegen, die das wiedervereinte Deutschland je erreicht hat.

Dennoch zeigte Wallraff Missstände auf, die nicht schönzureden sind. Es spricht Hohn, in Deutschland einerseits eine Diskussion um Fachkräftemangel zu führen und andererseits nicht alles zu tun, um Mitarbeitern bestmöglich zu motivieren und zu fördern, so dass dann auch von ihnen Höchstleistungen eingefordert werden können. Die von Wallraff aufgedeckten Verhältnisse entsprechen definitiv nicht diesem Anspruch. Was er zeigte, war eine Missachtung elementarer Menschlichkeitsrechte, ein mangelnder Respekt gegenüber Mitarbeitern und ein Verständnis des Miteinanders, das den Grundprinzipien einer Sozialen Marktwirtschaft fundamental widerspricht.

Firmen schaden sich selbst

Gründe für das von Wallraff angeprangerte Fehlverhalten gibt es viele und vieles ließe sich erklären und relativieren. Aber auch den Arbeitgebern ist zu wünschen, dass sie nun nicht eine defensive Verteidigungsstrategie verfolgen. Es bringt wenig, die Vorfälle erläutern, entschuldigen oder abstreiten zu wollen. Selbst wenn Wallraff übertrieben oder einseitig berichtet haben sollte, wäre die Paketzustellbranche gut beraten, einen offensiven Weg der Besserung zu gehen. So, wie es der Branchenvertreter in der Diskussion mit Wallraff in der Sendung stern TV durchaus versuchte. Denn eine Personalpolitik, die mit Mitarbeiter so umgeht, wie von Wallraff dokumentiert, ist auch mikroökonomisch ein Skandal. Sie ist nicht nachhaltig und schadet der Reputation der Firmen nicht nur bei der Suche neuer Angestellter, sondern auch bei der bestehenden Belegschaft.

Die von den Firmen vorgeschlagenen Besserungsmaßnahmen zeigen die Richtung. Direkte, statt verschachtelte Beschäftigungsverhältnisse über Sub- und gar Sub-Subunternehmer sind ein erster Schritt. Löhne, die den erbrachten Leistungen entsprechen, und sich an orts- und branchenüblichen Verhältnissen orientieren, sind weitere Maßnahmen. Im Kern geht es darum, auch die Postzustellung zu einer Beschäftigung zu machen, die für viele Geringqualifizierte attraktiv bleibt. Dazu gehören Respekt und Fairness den Mitarbeitern gegenüber. Beides ist den Mitarbeitern wichtiger, als viele Arbeitgeber vermuten. Mit dieser Offensivstrategie kann es der Paketzustellbranche gelingen, ein Gesetzgebungsverfahren in Richtung gesetzlicher Mindestlöhne und Eingriffe in die Beschäftigungsautonomie zu verhindern, die letztlich beiden schaden würden - den Firmen, aber auch den Mitarbeitern, die so nur vordergründig profitieren würden.

Auch wir Kunden sind schuld

Schließlich müssen sich auch die Empfänger der vielen Pakete an die eigene Nase fassen. Sie sollten nicht erwarten, dass sie alles per Internet bestellen können und für die Zustellung nichts zahlen müssen, ohne dass nicht sonst jemand die Kosten trägt. Wer mit dem Paketzusteller Mitleid hat - wer hat das nicht? -, muss auch bereit sein, für die Paketzustellung einen Obolus zu entrichten. Das würde den Firmen mehr Spielraum geben, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Gleichzeitig würde es den Internethandel verteuern und damit den lokalen Einzelhandel in der Nähe stärken. Es hängt eben auch bei der Paketzustellung alles mit allem zusammen: Günter Wallraff, der arme Zusteller, das Mitleid der Fernsehzuschauer und deren (nicht) vorhandene Bereitschaft, ordentliche Arbeit ordentlich zu bezahlen.