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Interview

Prozess-Beobachtung in der Türkei: Günter Wallraff: "Präsident Erdogan schert sich einen Dreck um Menschenrechte"

Wieder steht ein Prozess gegen einen deutsch-türkischen Journalisten in der Türkei bevor. Der Enthüllungs-Journalist Günter Wallraff will das Verfahren vor Ort beobachten. Der stern konnte ihn kurz vor seiner Reise interviewen.

Günter Wallraff

Günter Wallraff hält der türkischen Justiz vor, Präsident Erdogan hörig zu sein

Die türkische Regierung geht mit unverminderter Härte gegen Kritiker vor. Ganz oben auf der Liste stehen Journalisten, die sich den Zorn des Präsidenten Erdogan zugezogen haben. Am Dienstag soll dem Kölner Deutsch-Türken Adil Demirci der Prozess gemacht werden. Der Vorwurf: Unterstützung einer Terror-Vereinigung.  Eine Delegation aus seiner Heimatstadt reist nun an, um den Prozess zu beobachten. Unter ihnen ist auch der Journalist und Autor Günter Wallraff. Der stern konnte kurz vor seiner Abreise mit ihm  sprechen.

Herr Wallraff Sie stehen kurz vor Ihrer Reise in die Türkei, was genau wollen Sie dort erreichen?

Ich reise immer wieder in die Türkei, um inhaftierte Kollegen und deren Angehörige zu unterstützen. Das bin ich den über 150 Journalisten, die weiterhin in türkischer Haft sitzen, schuldig. Ich habe mich in der Wortwahl gegen den Präsidenten nie zurückgehalten. So jemandem muss man die Stirn bieten. 

Ich hoffe, mit meinem Engagement auch Erdogan-Anhänger unter den Deutsch-Türken umstimmen zu können. Die Rolle des türkischen Malochers "Ali" ist noch immer ein Teil von mir. Wegen meiner jahrelangen Rolle von damals fühlen doch viele unter ihnen, dass ich zu ihnen gehöre. Vielleicht kann ich ihre hohe Meinung über Erdogan ins Wanken bringen, insbesondere falls ich inhaftiert werden sollte.

Angeklagt ist diesmal der deutsch-türkische Journalist Demirci. Wie lauten denn die Anschuldigungen?

Die Behörden werfen ihm "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" vor. Das ist die übliche Formel, mit der die Regierung und ihre Gerichte versuchen, Kritiker mundtot zu machen und andere von vorneherein abzuschrecken.

Sehen Sie für diese Anschuldigungen Belege?

Laut meinen Recherchen ist an diesen Vorwürfen nichts dran. Demirci hat vor fünf Jahren für eine Nachrichten-Agentur die Beerdigungen von kurdischen YPG-Kämpfern besucht. Die waren im Kampf gegen den Islamischen Staat gefallen, werden von der türkischen Regierung aber als Terroristen eingestuft. Daraus drehen ihm die Strafverfolger nun einen Strick. Er wird wie andere auch als eine Art Geisel der Regierung festgehalten.

Die Bundesregierung hat Präsident Erdogan im September beim Staatsbesuch den roten Teppich ausgerollt. Sehen Sie Außenminister und Kanzlerin in der Pflicht, mehr auf den türkischen Präsidenten einzuwirken – immerhin sitzen ja vier deutsche Staatsbürger weiterhin in türkischer Haft?

In der Vergangenheit konnten Menschen wie Can Dündar, Peter Steudtner, Deniz Yücel, Dogan Akhanli oder Meşale Tolu vor allem durch den Druck der Öffentlichkeit und der daraus resultierenden Geheim-Diplomatie in Freiheit kommen. Aber im Großen und Ganzen ist die Strategie fehlgeschlagen, hinter den Kulissen zu verhandeln. Wir brauchen eine große Öffentlichkeit, um Menschen wie Demirci wieder freizubekommen. Ansonsten schert sich Erdogan einen Dreck um  Menschenrechte.

Seitdem die Türkei in eine Wirtschaftskrise abgerutscht ist, sucht Erdogan wieder nach Verbündeten im Ausland. Lässt er im Inneren mittlerweile Milde walten, um es sich nicht mit Partnern zu verscherzen?

Ich will nicht ausschließen, dass auf höhere Anordnung die Richter eine Freilassung verfügen könnten, wenn die Aufmerksamkeit um den Prozess groß genug ist. Doch die Türkei ist ein Willkür- und Unrechtsstaat. Einen fairen Prozess hat Demirci nicht zu erwarten. Eine unabhängige Justiz existiert nicht. Der Wille des launischen und tyrannischen Potentaten ist oberstes Gesetz.

Halten Sie es für möglich, selber festgenommen zu werden?

Ich bin wiederholt eingereist und konnte bisher das Land auch wieder verlassen. Ich weiß, dass ich unter Beobachtung stehe und lass' es drauf ankommen.

Von Sebastian Ostendorf