HOME

EU-Zuckermarkt: Unseren täglich Zucker gib uns heute

Der europäische Zuckermarkt wurde liberalisiert. Billigem Zuckersirup, bisher stark reglementiert, steht nun wenig im Wege. Für die Industrie sind das fantastische Neuigkeiten. Ernährungsexperten schlagen Alarm.

Zucker

Die EU hat den Zuckermarkt liberalisiert.

Der neue Rewe-Pudding ist ein Novum im Kühlregal. Die Supermarktkette hat beim Viererpack an der Rezeptur gefeilt und vom Original-Rezept bis zur stark zuckerreduzierten Variante vier Abstufungen verpackt. Kunden sollen abstimmen, wie viel Zucker sie eigentlich wollen. Doch der Pudding ist erst der Anfang. Bis 2020 will Rewe für die eigenen Produkte auch immer eine Variante mit weniger Zucker anbieten. Die Verbraucher sollen selbst entscheiden können, wie hoch der Zuckeranteil in verarbeiteten Lebensmitteln sein soll.

Die Aktion von Rewe ist sicherlich gut gemeint. Wer will schon Produkte fertigen, die am Geschmack der Kundschaft vorbeigehen? Doch während die deutsche Supermarktkette an der Rezeptur für Schokopudding feilt, sind die Spielregeln auf europäischer Ebene längst verändert worden. Denn im Oktober 2017 lockerte die EU die Richtlinien für Zucker. Vor allem für Isoglukose galt eine strenge Quote, sie durfte nur fünf Prozent des Gesamtzuckerverbrauchs im Binnenmarkt betragen. Doch damit ist Schluss - eine fantastische Nachricht für die Industrie.

Apfelringe

Isoglukose - jetzt ohne Beschränkung

Denn hinter dem sperrigen Begriff versteckt sich Zuckersirup, der aus Weizen- oder Maisstärke hergestellt wird, und viel günstiger ist als Kristallzucker. In den USA wird die Billigsüße im großen Stil eingesetzt. Nun soll Isoglukose auch Europa erobern. Die europäische Isoglukoseproduktion und damit der Isoglukose-Anteil am EU-Zuckermarkt wird steigen, Schätzungen zufolge von derzeit fünf auf bis zu 20 Prozent des Zuckermarktes", warnt die Organisation "Foodwatch". 


Dass Zucker in großen Mengen ungesund ist, weiß inzwischen der Verbraucher. Doch gefährlich wird es, wenn er den Zucker in Produkten nicht ausmachen kann. In Getränken, Joghurts, Fertiggerichten sorgte die billige Isoglukose für einen leckeren Geschmack - das Wort Zucker wird der Käufer aber auf der Verpackung nicht so schnell entdecken. Denn auf der Liste der Zutaten wird er höchsten einen Glukose- und Fruktose-Sirup finden, je nach Mischverhältnis. Bis zum Oktober 2017 wurden lediglich 0,7 Tonnen Isoglukose in Europa hergestellt. Experten erwarten nun eine Verdreifachung, berichtet die "Welt". 

Heimliche Dickmacher: Hätten Sie's gewusst? Hinter diesen Zutaten versteckt sich Zucker
Zucker muss nicht zwingend auf der Zutatenliste stehen, und doch können Produkte große Mengen des Süßmachers enthalten – beispielsweise in Form von Laktose. Dabei handelt es sich um einen Zucker, der natürlicherweise in Milch vorkommt. Die Verwendung in Fertigprodukten ist umstritten, denn einige Menschen reagieren mit Verdauungsbeschwerden auf den Süßmacher.

Zucker muss nicht zwingend auf der Zutatenliste stehen, und doch können Produkte große Mengen des Süßmachers enthalten – beispielsweise in Form von Laktose. Dabei handelt es sich um einen Zucker, der natürlicherweise in Milch vorkommt. Die Verwendung in Fertigprodukten ist umstritten, denn einige Menschen reagieren mit Verdauungsbeschwerden auf den Süßmacher.

Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen

Das Problem mit der Isoglukose versteckt sich im Detail, denn zunächst sind Zucker aus Rüben oder Mais gleich schädlich für die Gesundheit. Doch die Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET) bemängelt, dass bislang Tests zu Isoglukose mit einem höheren Anteil an Fruktose fehlen. Experten glauben, dass dieses Gemisch die Leber schneller verfetten lässt und auch das Risiko für Adipositas, Diabetes und koronare Herzerkrankungen steigen lässt, berichtet die "Ärztezeitung". Isoglukose kann bis zu 90 Prozent Fructose enthalten, ohne dass Verbraucher davon wissen.

Für Industrie und Handel sind fertig produzierte Lebensmittel ein lohnendes Geschäft mit satten Margen. Der billige Zucker reduziert die Kosten abermals.


Lebensmittelindustrie fährt zweigleisig

Doch der ganze große Jubel bleibt aus - denn die negativen Eigenschaften des Zuckers sind längst bekannt. Rewe ist bei weitem nicht der einzige Akteur, der an der Rezeptur tüftelt. Denn mit den Worten "weniger Zucker" lässt sich inzwischen gutes Geld verdienen. So will Nestlé bis 2020 den Zuckergehalt in allen Produkten um durchschnittlich fünf Prozent senken. Auch Coca-Cola will den Anteil des Zuckers in den kommenden zwei Jahren um zehn Prozent senken. Die Motivation ist kaum die Gesundheit der Kunden - sondern deren verändertes Kaufverhalten. Foodwatch kritisiert die Vorhaben der Industrie. Für die Organisation sind die Pläne auch Augenwischerei. "Eine deutliche Zuckerreduktion kann sinnvoll, aber niemals ausreichend sein, weil der Konsum gesüßter Getränke zu hoch und die Verfügbarkeit gesunder Alternativen zu schlecht ist", so Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch in Deutschland. "Wenn Coca-Cola es ernst meinte, sollte der Konzern als erstes alle an Kinder gerichteten Werbe- und Sponsoringmaßnahmen stoppen – denn damit legt das Unternehmen heute den Grundstein für die Diabetesfälle von morgen."

Folgen von zuckerhaltigen Getränken: Dieser Spot zeigt die Wahrheit über Cola