Parmalat-Bilanzskandal Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Banken


Im Bilanz-Skandal um den insolventen italienischen Milch-Riesen Parmalat stehen jetzt auch mehrere italienische und ausländische Banken im Visier der Ermittler. Zeitungen nennen Italien nur noch «Schmiergeld-Republik 2004».

Die Staatsanwaltschaften von Parma und Mailand wollen in den nächsten Tagen Vertreter der Deutschen Bank sowie von Sanpaolo Imi, Capitalia und Banca Intesa zu dem Fall vernehmen, berichtete die Zeitung «Corriere della Sera» am Montag. Unterdessen habe sich Insolvenz-Verwalter Enrico Bondi mit den wichtigsten Gläubigerbanken des Konzerns getroffen, um über neue Finanzierungen zu verhandeln. Um das Fortbestehen des Unternehmens in den kommenden Monaten zu gewährleisten, seien zunächst zwischen 50 und 100 Millionen Euro nötig, hieß es.

Warum verdoppelte die Deutsche Bank ihren Anteil?

Im Mittelpunkt des Interesses der Ermittler stehe derzeit vor allem die Frage, warum die Deutsche Bank noch im November ihren Anteil an der Parmalat-Tochter Parmalat Finanziaria von 2,5 auf rund 5,1 Prozent verdoppelt hatte, obwohl der Lebensmittelkonzern bereits vor der Insolvenz stand. Die Parmalat-Gläubigerbank Capitalia, die mit 393 Millionen Euro Krediten belastet ist, soll hingegen den Eintritt des Unternehmensgründers Calisto Tanzi in den Aufsichtsrat des Geldinstituts erläutern. Die Deutsche Bank wollte derzeit noch keine Stellungnahme zu den Berichten abgeben. Zunächst müsse man mit den italienischen Managern der Deutschen Bank über die Informationswünsche der Staatsanwaltschaft sprechen, hieß es auf Anfrage.

Anleger mitgerissen?

Die Ermittler wollen vor allem klären, ob die beteiligten Banken die Anleger zum Kauf von Parmalat-Bonds aufgefordert hatten, obwohl sie bereits über die kritische Finanzlage der Gruppe informiert waren. Auch die Ermittlungen gegen Vertreter der Buchprüfungs-Gesellschaften Deloitte & Touche und Grant Thornton, die die Bilanzen von Parmalat abgesegnet hatten, gehen weiter.

Bilanzloch von acht Milliarden Euro

Dem seit zehn Tagen inhaftierten Tanzi und seinen engsten Mitarbeitern werden betrügerischer Bankrott, Bilanzfälschung und Veruntreuung von Firmengeldern vorgeworfen. Tanzi hatte bereits gestanden, 500 Millionen Euro von Parmalat abgezweigt zu haben. Insgesamt klafft ein Bilanzloch von acht Milliarden Euro. Der Zusammenbruch des Lebensmittel-Giganten, der weltweit rund 36.000 Menschen beschäftigt, gilt bereits als einer der größten Finanzskandale in der europäischen Unternehmensgeschichte.

Parmalat-Skandal beunruhigt Berlusconi

Lange, sehr lange hat der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi zum Parmalat-Skandal geschwiegen. Eigenartig, schließlich versteht der Erfolgs-Unternehmer und Medien-Mann Berlusconi ja etwas von Wirtschaft. Doch seitdem die betrügerische Pleite des Lebensmittel-Riesen das Land erschüttert, taucht der regierungschef lieber in seine Luxus-Villa auf Sardinien ab. «Schmiergeld-Republik 2004» kommentierte eine Zeitung mit böser Zunge den Skandal. Reihenweise erinnern Kommentatoren in Rom dieser Tage daran, dass es einer der ersten Amtshandlungen Berlusconis nach seiner Wahl 2001 war, ausgerechnet die Kriterien und Strafen für Bilanzfälschungen zu verwässern. Geradezu zu einem «Kavaliersdelikt» sei das Tricksen der Unternehmer beim Geldzählen geworden.

Paradoxe Reaktion

Da wirkt es eigenartig und hilflos, wenn Berlusconi jetzt, nach langem Schweigen, schärfere Kontrollen in der Finanzwelt fordert. Ziel sei es, "das Vertrauen in unser (Finanz-)System wieder zu gewinnen", meint der Ministerpräsident, der selbst ein halbes Dutzend Prozesse unter anderem wegen Bilanzfälschung, schwarzer Kassen und Bestechung "erfolgreich" hinter sich gebracht hat.

Absturz ist kein Kavaliersdelikt

In einem Land, das seine Großunternehmer mit globaler Reichweite an ein oder zwei Händen abzählen kann, ist der Absturz des Milch-Riesen aus Parma alles andere als ein Kavaliersdelikt. Wie absurdes Theater mutet die Suche nach den verschwundenen acht bis zehn Milliarden Euro an: Da bietet der Hauptverdächtige, der bisherige Parmalat-Chef Calisto Tanzi, gar sein persönliches Vermögen samt zweier Luxusjachten zur Firmenrettung an. Wütende Antwort des Insolvenzverwalters: "Ich will keine Schiffe, ich will wissen, wo das verschwundene Geld ist."

"Schmiergeld-Republik 2004"

"Das Risiko Italien", kommentiert die Zeitung «La Repubblica» (Rom) den Skandal. "Zusammenbruch, Korruption und (mangelnde) Transparenz: Ein Albtraum für das Land." Tatsächlich müssten Berlusconi, die Regierung und heimische Wirtschaft fürchten, dass ausländische Investoren vor den "italienischen Verhältnissen" zurückschrecken. Und Berlusconi habe mit seinen "maßgeschneiderten" Gesetzen nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen.

Rutscht Italien in die zweite Liga?

Schon sehen Experten und Medien die Gefahr, dass Italien in die "zweite Liga" der Wirtschaftsnationen absteigt. Bislang versuchen sich Wirtschaftsminister Giulio Tremonti und Zentralbank-Chef Antonio Fazio gegenseitig Mitschuld zuzuschieben - irgendjemand müsse ja von den Machenschaften im "Milchsumpf" gewusst haben. Vor gerade mal einem Jahrzehnt versank die italienische "Schmiergeld-Republik" im Strudel der Parteien-Korruption, schreibt ein Polit-Magazin. "Jetzt gibt es die Furcht, dass sich ein dunkles Kapitel im finanziellen und industriellen System öffnet."

DPA

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